Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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strengheit, f.

strengheit, f.,
s. unter strengigkeit.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1957), Bd. X,III (1957), Sp. 1463, Z. 9.

strengigkeit, f.

strengigkeit, f.
neben das ältere ¹strenge, f., (s. d.) tritt in der religiösen und gelehrten literatur des spätmittelalters die abstraktbildung strengheit, strengkeit zum adj. streng. unter dem üblichen wandel des suffixes werden beide durch die vollere form strengigkeit abgelöst (eine form des adj. auf -ig, abgesehen von der adv.-bildung strengiglich, s. strenglich, ist nicht belegt). — zuerst bezeugt ist die form strenkait dt. pred. d. 13. jhs. 2, 112 Grieshaber; danach strengheit bei Tauler pred. 232; 268 Vetter und häufig bei Seuse: strenkheit dt. schr. 46 Bihlm. u. ö.; ebda strankheit 364; strangheit 423; 497; daneben strenkeit 233. strengekeit findet sich bei Jeroschin chron. 5204 Strehlke; Diefenbach gl. 498ᵇ s. v. rigiditas (1440, md.); strenghecheit (15. jh.) ebda 63ᵃ s. v. austeritas; strengikeit haben Keisersberg granatapfel (1510) F 5ᵈ; Hans Sachs 22, 546 lit. ver.; strengigkeit ebda 22, 331 u. ö. vereinzelt bleibt: strenglicheit, strenlicheit (Augsburg 1512) Diefenbach gl. 63ᵃ s. v. austeritas; strenglichait Ulrich Füetrer bayer. chron. 110 Spiller. ausgehend vom spätmittelalterlichen schrifttum der gelehrsamkeit tritt strengheit, strengkeit, strengigkeit in der literatursprache (dagegenwie viele abstraktain der sprache niederer literarischer gattungen sowie mundartlich selten bezeugt) konkurrierend neben strenge und vermag dessen verwendung bis zum 17. jh. stark einzuschränken. doch das 18. jh., das allgemein die kürzeren bildungen bevorzugt (vgl. Behaghel gesch. d. dt. spr. [⁵1928] 45f.), entscheidet sich weitgehend für strenge, und im 19. jh. steht strengigkeit nur noch vereinzelt: Jean Paul s. w. (1826) 42, 119 Reimer; (1805) Schiller br. 7, 223 Jonas; ders. 10, 336 G.; Ph. O. Runge hinterl. schr. (1840) 2, 229; Hegel w. (1832) 11, 315. ein spätes strengheit begegnet bei Rosegger schr. (1895) I 13, 331, ferner in der mundartlichen form strenghêt luxemb. ma. 431ᵃ. durch den zeitraum und die sprachschicht seines vorherrschens sind auch bedeutung und gebrauch des wortes bestimmt. in der hauptmasse seiner anwendungen bezeichnet es einerseits seit dem mhd. die härte und zucht des mönchischen lebens (1) und schlieszt sich andererseits im frühnhd. mit der bedeutung 'härte, unerbittlichkeit, rauheit' dem älteren gebrauch von streng 'severus' an (6). daneben folgt es einigen weiteren mhd. und frühnhd. verwendungszweigen des adjektivs (s. weiteres unter ¹strenge).
1)
die rücksichtslose selbstbeschränkung und geistliche zucht der (mönchischen) lebensführung (zu streng III A 2). diesedem subst. strenge fehlendebedeutung ist vom mhd. bis ins 18. jh. gebräuchlich: dar nach sont wir gedenken an die strenkait der hailigen, wie strengez leben si hie uff ertrich hattent umb daz ewig leben, das si in hymelriche nu besessen hant St. Georgener pred. 337 Rieder; min kint, nu luͦge, daz ich dich zartlich neig uf das hertz dines geminten und daz ich keiner strangheit von dir beger; is und trinke und slaff din notdurft und hab mit urlop, daz du bedarft zuͦ diner krankheit Seuse schr. 423 Bihlm.; die heiligen bruͦdere ..., die den orden in der strengheit hielten Tauler pred. 268 Vetter; der selb mönch wolt dem straffen seines appts nit volgen und belib in seiner unmenschlichen strenckaytt Johann Hartlieb dial. miraculorum 383 Drescher;
mich yn ein heilgen orden zu begeben
und nach aller strengheyt dar in zu leben,
all sund zu pussen eben
Hans Folz meisterlieder 34 Mayer;
wo ist hin komen die gaistlichait sant Augustins, die strengikait sant Benedict, die andechtikait sant Barnharts, o wie gar ist verschwunden aller hailigen volkomenhait Keisersberg granatapfel (1510) F 5ᵈ; schimpff vnd ernst, wan vil schimpfflicher, kurtzweiliger vnd lecherlicher exempel darin sein, damit die geistlichen kinder in den beschlosznen klöstern etwa zuͦ lesen haben, darin sie zuͦ zeiten iren geist mögen erlüstigen vnd ruͦwen, wan man nit alwegen in einer strenckeit bleiben mag Pauli schimpf u. ernst 14 lit. ver.; wie wol er bapst worden, wolte er doch nichts nachlassen von der strengkeit seines lebens Nigrinus papist. inquis. (1582) 498; dieser seraphische orden zeigt vörderst seine strengheit in den Kapuzinern, deren armut und demut der welt sattsam bekannt (1679) Abr. a s. Clara w. 2, 63 Strigl; finde ich keinen grossen noch starcken grund darinnen, auf welchen ich meine angefangene strengigkeit des lebens hätte bauen ... können Zendorius teutsche winternächte (1682) 197; Pythagoras hätte auser dem rind- und schaff-fleische, den fischen und bohnen alles andere ohne unterscheid gessen; diesem folgten sie nach, und wüsten sie auser dem von keiner strengigkeit Lohenstein Arminius (1689) 1, 682ᵇ; klosterfrauen ..., welche sich aus dem closter in buͤsch und waͤlder begeben, um daselbst ihrer busz und strengheit desto mehrer obzuliegen. sie ... leben von kraͤutern und wurtzeln Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 1382ᵇ; wer die gnade gottes ... durch allerlei äusserliche beobachtungen, strengigkeit, gute wercke usw. ertrotzen will, der ist auch in keinem gesunden zustande Zinzendorf kl. schr. (1740) 401. dazu auch späte pluralbildungen: (er) habe seinen leib ... durch ... strengheiten abgemergelt allg. dt. bibl. (1765) 74, 528; zu bemerken ist, dasz diesz keine busze für verbrechen ist, ... diesz ist hier nicht der fall, sondern es sind strengigkeiten, um den zustand des Brahm zu erreichen Hegel w. (1832) 11, 315. im übergang zu bedeutung 6 ('severitas'): so wolt er mit irem grossen guͦtt ein andere nemen vnd hielt sy in grosser strengkeyt vnd was ir gar hertt d. heiligen leben i. d. winterteil (1471) 133ᵃ.
2)
tapferkeit, tüchtigkeit, tatkraft (zu streng I A 2): ir küenen ritter und streiter in dem dienst gottes, wisst oder gelaubt ir nicht, das der sig nicht allzeit ist in der gröss der menig, sunder in der strenglichait der ritterschaft (15. jh.) Ulrich Füetrer bayer. chron. 110 Spiller; hiezwischen gebraucht Galaor all sein vermügen ... vnd stritt mit solcher strengigkeit Amadis 1, 274 lit. ver.; ritterlicher strengicheit intghein ire viande (Köln 1499) städtechron. 13, 588; dann on schmeycheln vnd liebkossen zu reden, bist du der zu diszer zeyt, do yederman bedaücht teütscher adel hette etzwas an strengkeit der gemüten abgenommen, dich der massen erzöigt vnnd bewiszen hast, das man sehen mag, teütsch blut noch nit versygen Hutten an Franz v. Sickingen in: opera 1, 449 Böcking. dann er was ein mann grosser strengheit, und in kriegen hoch erfahren Megiser annales Carinthiae (1612) 1165.
3)
die anredeform euer strengheit für (ritterliche) standespersonen entspricht den anwendungen des adjektivs streng I A 3 und der bildung euer streng(en) unter ¹strenge A 3: herr, ewer strengheit soll auf sein, es ist zeit, dasz wir vor nacht gen Rostal kumen (Nürnberg 1488) städtechron. 3, 149; darumb herr richter gebuͤrt vwer strengkeit, das ir allein nach den worten diser schrifft vrteilend Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) d 5ᵃ; ist hieruff an ewer strengkait und erberkait unser gar dienstlich bitt (1525) qu. z. gesch. d. bauernkriegs aus Rothenburg 512 Baumann; hierumm bitt ich ewer strengheit, mich des gegen meim gnädigen herrn zu entschuldigen A. Hug rhetorica (1540) 45ᵃ; eur chur- und f. gn., erwird, strenghait und gunsten (Augsburg 1555) städtechron. 32, 285; deiner adelichen strengheit wöllen wir bittlich befolhen haben Z. Müntzer bepstl. gesch. (1566) 337; als bitte ich e. strengigkeiten gantz unterthänigst polit. grillenfänger (1682) 74; titulus nobilium est strengigkeit, gestrengigkeit und gestrengde Stieler stammb. (1691) 2189;
oberster Amstein, ihr strengheit grosz,
die ehr stellt auf ein seiten
schweizer. volkslieder 2, 127 Tobler;
ich bitte ew. strengigkeit te, vir strenue, rogo Weber lex. (1770) 674ᵇ.
4)
seltener schlieszt sich strengigkeit anderen mhd. und frühnhd. verwendungen des adjektivs an.
a)
bitternis, härte, beschwernis (zu streng II A 1): mit des tôdes strengekeit in: frühlingsgabe (1839) 109, 284 Karajan. hierher auch im übergang zu bedeutung 1: swaz denne sweres, muͤliches und unmugeliches waz, daz wirt alles lihte und suͤze: vasten, wachen, betten, liden und ellú strenkeit wirt genzklich vernihtet in der gegenwurtikeit Seuse dt. schr. 233 Bihlm.
b)
härte der kälte, des winters (zu streng II D 5): des selben jores von strangheit des winters erfrurent ouch die reben und die boume gar schedeliche (Straszburg ca. 1400) städtechron. 9, 865 (variante); wider der kälte strengigkeit die ställe wohl verwahren Hohberg georg. cur. 3, 2 (1715) 244; des winters, unter dessen strengigkeit meine schwache natur bald erlegen wäre (1805) Schiller br. 7, 222 Jonas.
c)
herbheit, schärfe, säure des geschmacks (zu streng II D 6): acrimonia est austeritas strengheit Diefenbach mlat.-hochdt.-böhm. wb. 10; Avicenna spricht das in zwibelen sin dri ding, ein scherffe die schnidet, eine bitterkeit die wermet, und ein strengekeit die durchdringet Petrus de Crescentiis de agricolatione (1500) 141ᵇ; den unreiffen früchten wird durchs kochen die strengigkeit genugsam benommen Ludwig t.-engl. (1716) 1897; austerität die herbe, säure, strengheit Sperander (1727) 60ᵃ.
d)
vereinzelt noch in weiteren ableitungen. 'unnachgiebigkeit' (vgl.streng III A):
du hoher baum beug dein zweiger,
las los die gspannen glieder,
las dein anfenglich strengigkeit
miltern jetzt zu dieser zeit
(16. jh.) d. ältesten kath. gesangbücher 1, 427 Kehrein.
'steilheit' (vgl. Crecelius oberhess. wb. 816 unter streng II A 2 a und Friedli Bärndütsch 3, 549 unter streng II B 2): das an den zöllen von dem Lueg und Passeyr mit vier rossen ain fueder wein Botner mass zu tragen durch strenghait des Jausenpergs und irer ross unvermiglichait nicht genug thun mochten (1620) österr. weist. 5, 92. — von der sogenannten 'härte' des wassers: dem wasser durch sieden die strengigkeit benehmen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1011ᵃ. — in einer zu bedeutung 6 überleitenden auffassung die herbheit des persönlichen wesens, verglichen mit stofflicher bitternis (s.c): wann der leib mit speisz wol angefüllet und befeuchtet, die natürliche trawrigkeit hinweg treibe und die rauhe unmildigkeit und strengheit milderte Lehmann floril. polit. (1662) 4, 120.
5)
'rauheit, grimmigkeit, wildheit' (vgl.streng I B und III A); strengheit, hertigkeit, grymheit rigor, rigiditas voc. theut. (Nürnberg 1482) ff 4ᵇ; severitas grimigheit, gruwelicheit, strengikeit; seuitia, crudelitas strengheit gemma gemm. (1508) z 5ᵇ; strengigkeyt vehementia Dasypodius dict. (1536) 433ᶜ:
so seyt ir mender (männer) grob und rüdisch,
wild, partet, trutzig, sawer und ghrüdisch.
die strengheit sicht euch ausz den augen
(1534) Hans Sachs 4, 21 lit. ver.;
wan durch derselbigen blinden begird und strengheit, begibt sich das die armen von den gewaltigen ... under getruckt werden Pantaleon mitnächtische völckeren hist. (1562) 1, 197; und sagte jhm, die gantze welt halte seine erschröckliche strengheit ... für eine wilde barbarische grausambkeit Boccalius probierstein (1616) 99; wenn aber bei dem andern der wille mir zu schaden grösser ist, als der wille mir guts zu thun, so ist es eigentlich keine autorität, sondern eine grosse strengigkeit, die wenig von der tyrannei oder grausamkeit verschieden ist Thomasius allerh. gem. philos. u. jurist. händel (1725) 3, 718;
hier war kein mittel nicht, sich anders lufft zu schaffen,
...
denn durch die strengigkeit der kayserlichen waffen
Besser schr. (1732) 1, 209;
sie sangen einen held, der vor die rohen sitten
und wilde strengigkeit der vörderwelt gestritten
Bodmer character d. teutschen ged. 12, 4 lit.-denkm.
von der wildheit der bienen: vnter diesen seind ... etliche, die so nutz inn den bienkorb als jrgent andere seind vmb jhrer strengheit willen, dieweil sie sehr scharffe angel haben (deren stich tödlich wirkt) Fischart binenkorb (1588) 262ᵇ.
6)
seinen weitesten anwendungsbereich findet strengigkeit in der bedeutung 'severitas', mit der es jedoch (im gegensatz zu strenge, s. d.) zumeist an die älteren auffassungen von streng 'severus' anknüpft (vgl. d. III A); es bezeichnet daher vornehmlich eine (aus einer machtstellung heraus geübte) durch billigkeitserwägungen nicht gemilderte härte, rauheit und unerbittlichkeit, als deren ausdrücklicher gegensatz die begriffe der milde, barmherzigkeit, güte usw. erscheinen: alle gerechtikeit sol sein mit parmhertzigkeit und weiszheit; parmhertzigkeit die da nachlasz die strengkeit (misericordia ad remittendam rigiditatem), weiszheit das doch gehalten werd die billicheit puch d. himl. offenb. d. hl. wittiben Birgitta (1502) 2, 2; vnnd wer besser, sie als nachbawern mit gütigkeyt zuͦ überwinden dann mit strengigkeyt in forcht vnderhalten Carbach Livius (1551) 29ᵇ;
erzeig in alle freuntlikeit
paide mit worten und mit dat.
darmit erheltzt dus frw und spat
vil mer, den durch die strengikeit
(1552) Hans Sachs 22, 546 lit. ver.;
gleicher massen aber, wie in gott die barmhertzigkeit vbertrifft die strengigkeit Rätel Curäi chron. (1607) 571; gott, du hast ... mir viel knechte vnd mägde zu regieren vndergeben. gib mir auch zu bedencken, was meines ambts ... seye gegen sie, damit ich mich nit versündige, entweders durch allzuviel grosse gelindigkeit ..., noch aber vergreiffe durch zu viel harte strengigkeit (1643) Moscherosch insomnis cura parentum 89 ndr.; man ... zwischen zweyen gefährlichen extremis hindurch segele, deren das eine heisst unzeitige barmhertzigkeit, das ander tyrannische strengheit Dannhawer catech.-milch (1657) 3, 149; die wahre gerechtigkeit nimbt zwischen der strengheit und gelindigkeit die mittelstelle ein Francisci alleredelste rache (1668) 116; den hass kan man von sich lehnen, wenn man die angefangene strengigkeit in eine schleunige gnade und güte verwandelt Ziegler asiat. Banise (1689) 433; so wie die strengigkeit hat auch die güte schranken J. E. Schlegel w. (1761) 1, 280; die allzugrosse strengigkeiten miltern, mässigen mitigare, moderare il troppo rigore Kramer t.-ital. 2 (1702) 1011ᵃ.
a)
besonders von der regierungsweise: in ansehung das ir majestat mer zu barmherzigkeit, dann zu strengkait ... genaigt Zimmer. chron. 2, 89 Barack; also summa summarum soll die weltlich gewalt zürnen eüsserlich und den sünden weren, innerlych aber soll sy ain feyn linde sänfften christlichen lieplychen muͦt tragen, über das soll sy weysz unnd kluͦg seyn, auff das sy wysze die strengikeit zuͦ messygen und hinderen, nach dem es billich und recht ist (1522) Luther 10, 3, 256 W.; nam die reformirte religion wider alles verbott und strengigkeit uberhand Kepler opera omnia (1858) 8, 1, 12 Frisch; denjenigen, die jhn (Rudolf I.) fragten, warumb er sich also verendert hette und nuhn gegen den vnderthanen viel gelinder were, als im anfang seiner regierung, gab er zur antwort: meiner strengigkeit hat mich je zuweilen gerewet, meiner gütigkeit aber nie nicht Zinkgref apophthegmata (1628) 43;
Eduard bischof in Sitten war
vertriben von der landschaft gar
seine strengheit ir nicht gefällt
hist. volkslieder 1, 152 Liliencron;
mit der tapfferkeit ist es allein nicht ausgerichtet ..., sondern es hafftet an den verstand zu befehlen, ... an der gelindigkeit und strengigkeit, die unterhabenden in gehorsam zu erhalten Harsdörffer teutscher secretar. (1656) 2, 179; dann aber wird diese (hoheit eines regenten) wol bewahret, wann sie liebe ausz nicht allzugrosser willfährigkeit, und keine tyranney ausz allzugrosser strengigkeit zielet Schupp schr. (1663) 556;
dein süsses herrschen weis von keiner strengigkeit
Neukirch ged. (1744) 193;
schreib, wie ihr geist den fürstenstab regieret,
und ein verwaysztes volk zum flor und ruhe führet.
wie sie den unterthan durch huld und ernst geschützt,
und durch ihr beyspiel mehr, als strengigkeit genützt
Gottschedin br. 2, 341 Runkel.
b)
die härte des gesetzes: es mochten auch keine richter die strengheit solcher placaten milteren Meteren hist. beschr. d. niderl. krieges (1614) 23ᵇ; wir ... schreyen über die strengigkeit unserer gesetze Iselin verm. schr. (1770) 2, 386. besonders in der wendung nach der strengigkeit (des rechts) strafen (o. ä.) 'mit der vollen (ungemilderten) härte des gesetzes' (vgl.strenges recht unter streng III A 1 b): mit der strengkait zu strafen (1525) qu. z. gesch. d. bauernkrieges aus Rothenburg 476 Baumann; und wird gleichwol dise letztere straff, mehr aus mitleiden, dann aus strengheit des rechten auffgelegt Carlstat praxis rer. criminalium (1565) 195ᶜ; zur anzeigung, dass sie die oberkeit nicht straffe nach der strengkeit dess rechtens, ... sondern dass sie gegen jr geübt die höchste gnade Nigrinus von zäuberern (1592) 421;
wolt gott, dasz auch zu vnser zeit,
man straffte mit der strengigkeit
manchen vnrechten richter, der
das recht thut biegen hin und her
ein dialogus zw. dem geld u. d. armut (1596) B 2ᵃ;
nach der strengigkeit verfahren proceder, operar secondo il rigore Castelli dizz. (1709) 1493ᵃ.
c)
von gott und dem gericht gottes in seiner unerbittlichkeit:
so wend nuͦn ab von meinem hals
dein schwere plag: mein hærtz mir ist maͤchtlos,
fulend deiner hand strenghait gros
(1572) Schede-Melissus psalmenübers. 151 ndr.;
der dem herrn vnterthan vnd gehorsam ist, dess strengigkeit niemandt widerstehen mag buch d. liebe (1587) 143ᵃ; die strengigkeit des jüngsten gerichts Schaller theol. heroldt (1604) 277;
ach gnad! ach gnad! o gott! die marter, schläg vnd wunden
hat deine strengigkeit noch nie so scharff erfunden
Dietrich v. d. Werder buszpsalmen (1632) A 4ᵇ;
die strengigkeit seines letzten gerichts, in welchem er seine feinde in seinem feurigen grimm zertretten wird Endtersche bibel (1662) zu Daniel 10, 6; da gott der herr die seele sättigen, erfreuen und beruhigen wolte, hat er nicht in strengigkeit und zorn mit ihr gehandelt Richter ursprung u. adel d. seele (1739) 81; (sie) beweinen insgeheim des schicksals strengigkeit Gottsched dt. schaubühne (1741) 1, 68.
d)
für die härte der erziehung: nun, habe ich was versehen, liebster Jhesu, an meiner geführten kinderzucht, entweder aus nachlässigkeit und lindigkeit, oder aus allzugrosser schärffe und strengigkeit, so verzeihe mir es Qvirsfeld geistl. myrrhengarten (1717) 722; allein ich weisz schon die wahrhafte ursache deiner strengigkeit gegen dein wohlgerathenes kind vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 245 Gottsched.
e)
gelegentlich für die zuchtvolle härte des militärischen dienstes: ordnung und strengigkeit der disciplin Fleming vollk. soldat (1726) 260; zu der strengheit ... wollt einer ja nichts sagen, ein ernst musz sein beim militär Rosegger schr. (1895) I 13, 331.
7)
weit geringer bezeugt sind verwendungen, in denen sich das wort dem gebrauch von ¹strenge C nähert. 'entschiedene, auf die innehaltung von verhaltensregeln dringende härte oder festigkeit': dann der alcoran gebeut mit grosser strengigkeit, das man zum tag fünff mal betten sol S. Münster cosmogr. (1550) 1077; dise underwanden sich des kindts mit sonderem fleisz und namen solches zue sich, erzogen es mit ernst und strengkhait nach irem vermögen (17. jh.) chron. d. Bickenklosters zu Villingen 13 lit. ver.; so trieb ihn ... seine angebohrne bescheidenheit ... mit eifriger strengigkeit darzu an, dasz er ... auf dem fusze folgete Zesen rosenmând (1651) 127; welche jungfer ... sich hauptsächlich angelegen sein liesz, mir die wahre abbildung der tugend einzuprägen, ohne sich gleichwohl dabei einer allzugrossen strengigkeit gegen mich zu bedienen Wendt ein roman (1730) 3. von der tugend und der in der lebensführung gewahrten haltung:
der Rolim, welcher sonst der strengigkeit exempel,
der tugend beyspiel ist
(1743) dt. schaubühne 4 (1748) 397 Gottsched;
sie lehrten die tugenden mit einer solchen strengigkeit und härte, als die Epicurer sie leutselig und angenehm machten Loen d. einzige wahre religion (1750) 1, 202;
bey groszen herzen geht die tugend oft zu weit,
sie will erhaben seyn, und wird zur strengigkeit
Cronegk schr. (1761) 1, 211;
die strengigkeit, womit ich mein ganzes wesen habe zusammenziehen müssen, um meine arbeit hervorzubringen, hat manches nicht rechte veranlaszt in worten gegen euch Runge hinterl. schr. (1840) 2, 229. im sinne von streng III B 7: ob die republikanische strengigkeit sie (d. schauspiele) dulden kann? anmuth. gelehrsamk. (1751) 9, 830 Gottsched. belege der modernen sprache bleiben sowohl hinsichtlich ihres vorkommens als auch in ihrem inhalt vereinzelt; im sinne von streng III C 3 und ¹strenge C 2 c, 'entschiedenheit, konsequenz': die schönheit ... verknüpft zwey zustände miteinander, die einander entgegengesetzt sind, und niemals eins werden können. von dieser entgegensetzung müssen wir ausgehen; wir müssen sie in ihrer ganzen reinheit und strengigkeit auffassen und anerkennen Schiller 10, 336 G. zu streng III D 1 d 'straffheit': da ohnehin die losgebundenheit der prose dem romane eine gewisse strengigkeit der form nöthig und heilsam macht Jean Paul s. w. (1826) 42, 119 Reimer.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1957), Bd. X,III (1957), Sp. 1463, Z. 11.

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„strengheit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/strengheit>, abgerufen am 26.11.2020.

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