Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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tüdern1, vb.

¹tüdern, vb.,

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anpflöcken; denominativ von ¹tüder (s. d.). im deutschen aufs nd. beschränkt; im nordgerm. und anglofries. voll lebendig: altnord. tjôđra, norw. tjodra; schwed. tjudra; nl. tuieren; nordfries. tjödere Jensen wb. d. Wiedingharde 630; engl. tether.
1)
anpflöcken, d. h. vieh an einen mit einem langen seil, strick oder einer kette versehenen, eigens zu diesem zweck eingeschlagenen starken pflock aus holz oder eisen binden, dasz es nur über einen bestimmten raum hin weiden kann und diesen vòllig abgrasen musz; vgl. 'ein mittelweg zwischen der weide und stallfütterung ist das sogenannte tüdern oder töddern, wo man nämlich das vieh an den hörnern mit einem stricke befestigt, der am halse einen zweckmäszig eingerichteten hölzernen wirbel hat und am andern ende an einen in die erde geschlagenen pflock geknüpft wird' Thaer grundzüge der rat. landwirtsch. 4, 332. in den nd. maa. überall gebräuchlich Hennig pr. wb. (1785) 275; Frischbier pr. wb. 2, 401ᵃ; Dähnert pommersch.-rüg. (1781) 496ᵇ; Mi mecklenb.-vorpomm. 95ᵃ; Mensing schlesw.-holst. 5, 210/11; Doornkaat-Koolman 3, 442ᵃ; brem.-nds. wb. 5 (1771) 63; Böning Oldenbg. (1941) 119; Strodtmann Osnabrück (1755) 384ᵃ; Woeste westf. 297ᵃ; Woeste-Nörrenberg 275; Jellinghaus Ravensbg. 153ᵇ; Elberf. ma. 166ᵃ; Bauer-Collitz Waldeck 106ᵃ. belege aus älterer zeit s. Schiller-Lübben 4, 627ᵇ; aus Matthäus von Norman s. ¹tüder. literarisch tritt das wort naturgemäsz nur in stark landschaftsgebundenem schrifttum Norddeutschlands auf:
lustig allein schon hemmt die getüderten pferde vom kornfeld,
lieblich rauscht ihr gerupf
J. H. Voss s. w. (1802) 2, 23;
die schafe, welche auf dem vorlande angetüdert waren Th. Storm s. w. 10, 66; gerne wäre er damals mit sack und pack, mit kind und kegel wieder in die heimat gezogen, hätte seine ziege wieder an der grabenkante getüdert und den kohl gegessen, der in seinem garten wuchs Georg Asmussen stürme (1928) 250. gern bei der rückschau auf die eigene jugend in anlehnung an die heimatliche ma.: hin und wieder am wege getüderte pferde und füllen, welche im grase hingestreckt lagen Arndt schr. für u. an s. lb. Dtsch. (1845) 3, 506; ich kam mir vor wie ein an einen pflock getüdertes pferd, das auf seinen kleinen kreis beschränkt die sogar nur dürftige weide vor sich sieht und nicht erlangen darf Hoffmann v. Fallersleben mein leben (1868) 6, 265; dabei wird die mundartliche verhaftung des worts oft so stark empfunden, dasz es zum verständnis für einen gröszeren leserkreis erläutert wird: unterwegs fanden wir häufig weidende pferde und kühe, die mit den füszen an einen in die erde geschlagenen pflock angebunden oder, wie man hier sagt, angetüdert waren J. Fr. Zöllner reise durch Pommern (1797) 320; im sommer wurden sie (lämmer) öfters auf den äckern oder stoppelfeldern ... 'getüdert', d. h. an einem 4-5 meter langen strick angepflöckt Fr. Paulsen aus m. leben (1910) 49. für gewöhnlich aber ist man in den ländlichen bezirken Norddeutschlands sich der landschaftlichen begrenzung des worts nicht bewuszt: ein erfahrener haushalter wird zum 1. november für einen viehstapel von 150 kühen gesucht. kühe im sommer getüdert Nordostseeztg. 2. 8. 1897. unerklärlich bleibt das geographisch völlig abseits stehende: es soll vorkommen, dasz man die fohlen auf kleefeldern und kunstwiesen tüdert Augsb. allg. ztg. (1861) 102. dazu mehrfache zusammensetzungen:
abtüdern vb.:
(felder), die dann von dem vieh auf die eben beschriebene art abgehüthet werden, welches daher auch abtüdern heiszt Zöllner a. a. o. 321; brem.-ndsächs. a. a. o.
antüdern vb.,
vieh anpflöcken: selbst an den steilsten abhängen des ufers sahn wir angetüderte kühe Zöllner a. a. o. 321; Böning a. a. o.
lostüdern vb.,
losbinden brem.-nds. a. a. o.
umtüdern vb.,
vieh anderswo anpflöcken brem.-nds. a. a. o.; Woeste a. a. o.
2)
gelegentlich erweitert sich die scharf bestimmte sachbedeutung zu 'fesseln' schlechthin: 'wecker dägte kirl sleiht up en minschen los, den de hän'n up den puckel bunnen sünd?' un dormit fung sei an, den sacksband lostaubin'n, den dumm-hans den löper üm de arm tüdert hadd Fr. Reuter w. 6, 110 S.; bei langsamem verblassen des ursprünglichen anschauungsgehalts zu allgemeinem 'anbinden, binden' überhaupt: bet tauletzt den inspekter sine beddeck unnen an't finster tüdert würd ebda 4, 307; vom kranzwinden:
denkt doch, denckt man sülvst eens na,
wo dat kränsken geit verlaaren,
wen't man kuhm getüdert is, un de jungfer is gebaaren,
is et offt all weggerofet
Mecklbg. hochzeitsged. nr. 19, 2 Kofeldt.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1542, Z. 5.

tüdern2, vb.

²tüdern, vb.,
verwirren. vermutlich zur sippe von hd. zotte gehörig, möglicherweise mit ¹tüdern sekundär vermischt.
1)
verwickeln, verwirren, ineinander wirren; zunächst vom garn gebraucht Hennig pr. wb. (1785) 275; Danneil altmärk. wb. 228; Krüger Emden 70; Ricbey id. Hamb. (1755) 316; Schütze Holst. 4, 286; Frederking Hahlen 144ᵃ; vast to türen einen knoten so sehr verwickeln, so fest zuziehen, ausz man ihn schwerlich wieder auflösen kann brem.-nds. 5 (1771) 63; 64; dann allgemeiner: sich verwickeln, sich verwirren, durcheinander bringen Frischbier pr. wb. 2, 401ᵃ; Mensing 5, 211; brem-nds. 5, 63/64; Woeste westfäl. 297ᵃ; etwas in unordnung bringen Flemes Kahlenberg 20, 370; Deiter Hastenbeck 22, 150; soviel wie 'unordentlich umbinden': wat sei sick ... mit fresen un pellerinen un kalverkrüsels un hamelrüsch üm den hals tüdert hadden Fr. Reuter w. 7, 199 S.; denn tüderte sei sick üm ehren kopp so vel bänner- un huwenkram ebda 2, 97. — dazu: vertüdern, vb.: in een gebüsch een'n lütten vagel, de har sick dor an'n stück bindsfaden vertüdert un künn nich wegfleigen Otto Wobbe klocken und klingeln (1933) 36.
2)
aufhalten, verlangsamen Flemes a. a. o.; Deiter a. a. o.; langsam machen, zögern Frederking Hahlen 32.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1543, Z. 18.

tüdern3

³tüdern,
lautmalendes vb., daher nd. und obd. im lautstand nur wenig verschieden; im nd. vielleicht mit ¹tüdern und ²tüdern zusammengebracht; stockend, wirr, verworren reden, stottern; 'sich im reden oder im hersagen von auswendig gelerntem verwirren und in widerspruch geraten' Danneil altmärk. 228; 'gewöhnlich: verworrenes zeug reden, beim reden kein ende finden können' Mensing 5, 211: (Huber) wiederholte sich fortwährend, 'tüderte' in ziemlich wirrer weise eine anzahl gedanken im kreise herum, und im grunde atmeten die zuhörer erleichtert auf, wenn die rede endlich schlosz Dietrich von Oertzen erinnerg. aus m. leben (1914) 15. — daneben obd. tudern, dudern, dodern, düdern, duddern: toderen, mit der red zu vast eylen conuoluere verba; schnäll auff ein anderen toderen oder bloderen, mit vil worten schnell vnd behänd reden Maaler (1561) 403ᵇ; tudern balbutire, haesitare lingua, haesitantia linguae Schönsleder prompt. (1618) k k 8ᵃ; dader, dadern vel doder, dodern ... praecipitanter loqui, in verba ruere Stieler stammb. (1691) 269. in den westd. und obd. maa. als schnell und deshalb undeutlich, öfter noch mit anstoszender zunge sprechen, dann einfach 'schwatzen, plaudern', mit stark schwankender schreibung voll lebendig: rhein. wb. 1, 1541; Fischer schwäb. 2, 443/4; 6, 1784/5; bad. wb. 1, 586ᵃ; Stalder schweiz. 286; Tobler Appenzell 143ᵃ; Schöpf Tirol. id. 771; Schmeller cimbr. wb. 178ᵃ; vgl. teil 2, 1499 sowie totteln; tudderer; ²tuddeln.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1543, Z. 42.

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Zitationshilfe
„tüdern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/t%C3%BCdern>, abgerufen am 29.05.2020.

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