Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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tüll, n.

tüll, n.,
'palisade, zaun, wall; balken, brett'. vom ende des 13. jhs. bis zum 17. jh. obd., vor allem bayr.-schwäb. (Augsb.) bezeugt. in der bedeutung 'saepes, vallum' gleichbedeutend, gleichaltrig und gleicher lebenszeit mit dem kollektiv getülle, s. teil 4, 1, 3, sp. 4570; gedille teil 4, 1, sp. 2055; gedülle ebda sp. 2051; Fischer schwäb. 3, 145 s. v. gedille; Schmeller-Fr. bayr. 1, 602 s. v. tüll; Fischer schwäb. 2, 206 s. v. dilᵉ.
herkunft und form. ahd. nicht bezeugt. tüll erscheint im 13. jh. in der bedeutung 'zaun' neben älter bezeugtem till 'balken' (ahd. dil aus *þeli(z), dillo aus *þeljen-, dille aus *þeljō(n) als glossierungen zu lat. *cinulus [lies scindulus], pluteus, planca, [ima pars navis], laterculus, area [planities tabularum] ; mhd. dil, dille 'brett, planke, bretterwand, verdeck' Benecke-Müller-Zarncke 1, 331ᵃ; Lexer 1, 432 f.), das nhd. noch mundartlich als dill, till, m. f. n., 'dickes brett, balken' lebendig ist, vgl. Wilmanns 1, 190; Fischer schwäb. 2, 206; Schmeller-Fr. bayr. 1, 500; siebenbürg.-sächs. wb. 2, 41. obwohl auch die andern germ. sprachen nur die e-stufe *þel- zeigen, wird man doch mit W. Grimm (teil 2, sp. 1101 s. diele 7) wegen der bedeutungsdifferenz tull und tüll als ablautsformen zu till ansehen müssen. tüll lediglich als rundung von till aufzufassen (womit vor allem in jüngerer zeit zu rechnen ist), ist auch deshalb unwahrscheinlich, weil schon im 13. jh. umlautlose formen bayrisch und alemannisch belegt sind (s. u.). erst im 16. jh. erscheinen i-formen in der bedeutung 'zaun' und ü-formen in der bedeutung 'brett, balken'. vgl. ferner dul, m., 'diele' luxemburg. 75; tillhag, tollhag, tüllhag 'zaun' schweiz. id. 2, 1072; tilboum, tollbaum ... 'tragbalken für zimmerdecke, brücken usw.' ebda 4, 1247. einmaliges tall (Augsb. um 1530) städtechr. 23, 7 ist wohl fehler.die ablautsform germ. *þul- kehrt sicher wieder im bslav. lit. tìlės, f. pl., 'bodenbretter im kahn', lett. tilaudas 'bretter, welche die diele eines bootes bilden', aksl. tъla, n. pl., 'fuszboden', russ. tlo 'grund und boden' u. s. w., s. Walde-Pokorny 1, 740; Trautmann bsl. wb. 321. anlautendes d- bleibt selten: dülle Buck flurnamenb. 46; dull vocab. theut. (1482) z 3ᵃ; die umlautbezeichnung fehlt öfter; vgl. auszer den unten angegebenen belegen (um 1280) Augsburger stadtb. 147, 9 Meyer; (1482) monum. Boica 6, 317; (1394) bei Heumann opusc. (1747) 322; (um 1400) reimchron. d. Appenzeller krieges 39 Arx; ferner Diefenbach gl. 606ᵃ; nov. gl. 376ᵇ. für die till- und dill-formen vgl. Diefenbach gl. 305ᵇ s. v. intervallum; 606ᵃ s. v. vallum; ferner die literarischen zeugnisse: (Augsburg 1510) städtechron. 23, 128; teil 4, 1, 1, sp. 2025; Fischer schwäb. 2, 207. in jüngerer mundart: dille Unger-Khull steir. 154; dîl (aus dem Donau-Lechwinkel) Bayerns maa. 1, 307; dill Schmid schwäb. 126. — tüld mit angefügtem -d begegnet nur (1426) bei Lori bayr. bergrecht 27.
bedeutung und gebrauch.
A.
saepes, vallum.
1)
der zu kriegerischer befestigung dienende palisadenzaun um stadt, schlosz oder burg: vallum tuͤll (15. jh. obd.), tul (15. jh. obd.) Diefenbach nov. gloss. 376; tull aspar ... paries factus ex asseribus voc. inc. teut. (ca. 1485) g g 5ᵇ; voc. primo ponens (Straszburg 1515) d 1ᵃ; intervallum ain till (obd. voc. mit niederrhein. sprachzügen) b. Diefenbach gl. 305ᵇ; vallum ... till ebda 606ᵃ aus gleichem glossar; dill vel till, hodie muris et moenibus opponitur atque sepem notat, e fustibus, lignis aut asseribus compactum Schilter (1728) 3, 248. tüll, mauer und zaun werden als kennzeichen verschiedener befestigungsgrade einander gegenübergestellt: hât diu stat mûre, man sol sie ûf die erde brechen, unde hât si tülle, man sol ez nider brechen (1274/75) Deutschenspiegel 225, 9 Eckhard-Hübner; Schwabenspiegel § 207, 7 Gengler;
also ward von in daselbst gemacht
die stat, aun mur, sust wol besacht
mit einem tüll und guͦten graben
Augsburger reimchronik 131, s. städtechron. 4, 347;
wann die statt Augspurg fand sant Ulrich mit hültzin schrancken und gattern und mit ainem tüll von faulem holtz umbgeben: darumb halff sant Ulrich nach allem seinem vermügen ain nider mawr ze machen (vor 1456) legende v. hl. Ulrich 7 Hirsch; darnach maurt Trusus die stat Vindelici mit mauren und türn, die vor was mit aim tüll umbgeben (Augsb. nach 1469) städtechron. 4, 287; und soll die befridung (umzäunung) in der stat dermassen beschehen: wann es von alters herkommen oder sonst bedingt worden, mit ainem tüll zubefriden, so soll der jhenig, so solchs tüll zu machen schuldig ist, dasselbig siben statschuch hoch von der erden oder pflaster aufrichten. wo es aber mit ainem zaun herkommen, der soll fünf statschuch hoch gesetzt werden Nürnberger reformation (1564) 158ᵇ. in rechtsdenkmälern gern in formelhafter verbindung mit mauer und zaun: mur oder want ... zune oder tulle Augsb. stadtbuch 147 Meyer; mit zune, mit tülle, mit mûren (1322) bei Buck flurnamenb. 283; kein buwe tun ... mit zun oder mit dullen oder mit muren (Weinsberg 1312) bei Fischer schwäb. 2, 207; mit zúnen, mit túllen oder mit muren begriffen (Esslingen 1331) ebda. gröszere städte und festungen haben mauer und tüll: die purger habent gesetzet, daz niemant an der stat maur noch an diu tüll noch diu torr an der stat pauen sol, daz diu eisnein stang, diu darzuo gehöret, berüren müg (1347) stadtrecht v. München 140 Auer; und ich han das gesehen, wann an derselben stadt (an der stelle, wo mauerwerk in der stadtmauer nicht halten wollte) ain tüll darumb geet Schiltberger reisbuch (1394/1427) 51 lit. ver.; vgl. Tucher baumeisterb. 215; 249 Lexer. auch eine für den augenblick des kampfes angelegte schanzanlage wird als tüll bezeichnet:
si wolten aller gernest
daz velt mit tôten füllen.
Troiære zuo den tüllen
der grendel wurden în getân
Konrad v. Würzburg troj. krieg 36340 Keller;
die weil pauten die von München ain grosz tül zbischen [!] der stat und der vesst, und wurffen die auszer prugkh ab, die in die vesst gienng (1403) städtechron. 15, 501. dasz in späterer zeit ein tüll, das der befestigung diente, auch zu festerem schutz ausgebaut wurde, als ein einfacher pallisadenzaun ihn bieten konnte, zeigen einige lexikalische belege sowie posten aus Münchner handwerkerrechnungen: maceria tüll (1418) bei Schmeller-Fr. 1, 602; tulle planck oder grabe oder schut zwischen zweyen graben vallicula voc. theut. (Nürnberg 1482) b b 3ᵃ; sogar sein tülle oder stainwant (1325) Heinrich von Mügeln (zu psalm 79, 13) bei Khull beitr. zu einem mhd. wb. 35; 1 [[undefined:poundsign]] 56 D ... Perchtolden dem kalchprenner von 91⁄2 tag zu lon daz er daz tüll zu der newen vest und ander ding gefürt hat städtechron. 15, 551; item 31⁄2 [[undefined:poundsign]] D ... allen furlawten von dem tüll, ziegl, kalch und sant zu furen piz auf Katerine ebda.vereinzelt bleibt die glossierung 'antemurale tüll vel vorstat' (1429) bei Schmeller-Fr. 1, 602.
2)
in jüngerer zeit bezeichnet tüll auch einen einfachen zaun um haus oder garten: herren Nicklas Muffel hat man vergunt auszen vor der stat underhalb des werderthurleins von seinem garten doselbst ein thüll überzwerch an den statgraben zu machen auf sein kost, dardurch die leut gehindert und nit mer also an das wasser an dem ent auf dem graben hinab kumen mugen Tucher baumeisterb. (1464/75) 265 lit. ver.; ain haus und tüld darumb nach notdurfft (1426) bei Lori bair. bergrecht (1764) 27; es habe sich gefügt, das sinem bruͤder und im der wind ettwas in irem gartten zerbrochen hab, das nun Wernly Kolb inen widermachen wolt, und da laͤge ane geverd ein stang dawider selbs, da er und der Kolb nit anders wisztend, won sy gehorte zuͦ dem thüll dokumente zur gesch. d. bürgerm. Hans Waldmann 1, 285; vormals ging ein schlecht tüll um den boumgarten (um 1500) J. v. Watt dt. histor. schr. 2, 411 Götzinger; da erschrack das wild und lieff in den holen weg und der statt zuͦ und sprang über ain hoches till in des Weyers garten (Augsburg 1521) städtechron. 25, 157; bäum, till, heusslin muszten darnieder (Ulm 1549) bei Fischer schwäb. 2, 207; es sol auch kainer ... ohne erlaubtnus ... in die dörfer umb provant ... gehn, desgleichen der gärten, abbrechens der zein und thüll oder ops sich miessigen (Augsb. um 1565) städtechron. 33, 438; vgl. bei Fischer schwäb. 2, 207: pl. tiel gartenzäune (17. jh.); bey den gärten am till (Ulm um 1700); alles till sambt den garttenhäusslein eingerissen ebda. zaun im tiergarten: dill (1610) b. Birlinger schwäb.-augsb. 126. noch in jüngerer ma.: gartenzaun dîl (aus dem Donau-Lechwinkel) Bayerns maa. 1, 307; dill bretterne einzäunung, z. b. gartendill Schmid schwäb. 126.
3)
seltener von einer geschlossenen bretterwand: item vor des keissers kuchen im inneren hoff ein thül von pretteren aufgeslagen vor den kuchenleden herdann pei 7 schuhen weit und pei 10 schuhen hoch, als lang die kuch und das kemmerlein do pei was, dorein in der mit ein tür gestelt (1464/75) Tucher baumeisterbuch 297 Lexer; ain vast grosze stuben uff der erden und ist die stub mit aim thüll umbmachet gesein (Biberach 16. jh.) Alemannia 17, 109. barriere: anno des jars (1510) am afftermontag in pfingstfeiren da het der khaiser ain welsch stechen, er stach selbzehenndt ... man stach über ain till, es ward nicht wol gestochen städtechron. 23, 128; ward zu dem gestech ... ein lannges gethill aufgerichtet, über welches dill der könig und herren mer dann hundert spiesz zerbrochen haben (16. jh.) bei Schmeller-Fr. 1, 500.
B.
die bedeutung 'balken, brett, planke' ist erst frühnhd. bezeugt: faselus tulle (obd. anf. 15. jh.) Diefenbach gl. 226ᶜ, dazu vgl. aisl. þilja, f., 'brett im boden des bootes'. allgemein als 'balken, brett': bluteus tyle, bret, schribbret (15. jh.) Diefenbach nov. gl. 296ᵃ; bluteus dillpret (1468) ebda; dilipostes schrancken, tüll (1429 Inntal) ebda 135ᵃ; pluteale bole, prett oder tyl (1482) bei Höfer Österr. 3, 246; von ainem flosz von ainem ieden tülln (floszbalken) mauth pfenning (1469) österr. weist. 8, 104, 28; die schirmbrätter werden aus thülen gemacht, welche die knecht, so den sturm anlauffen, bedeckend, unnd vor den pfeilen beschirmend H, Pantaleon mitnächtische völckeren historien (1562) 1, 138; die hütden machten ... etliche ... von strow, grasz und hew ... andere aber von thüren, taflen, thülen und brädtern, so sie aller orten, insonders aber in dem gotzhausz in den gebewen abgebrochen Seb. Bürster schwed. krieg (1644) 164 Weech. vgl. ferner die belege bei Fischer schwäb. 2, 206.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1693, Z. 14.

tüll, m.

tüll, m.,
aus frz. tulle 'gazeartiges gewebe' (1765, nach dem namen der stadt Tulle, dep. Corrèze, von wo die tulleindustrie ihren ausgang genommen hat Gamillscheg etym. wb. d. frz. spr. 873; Bloch-v. Wartburg dict. étym. d. l. langue franç. [²1950] 625), das auch ins engl. (tulle, erstbeleg 1818 Murray 10, 1, 457), ndl.-fries. (tule), dän. (tyl) und schwed. (tyll bereits 1808 nachweisbar Hellquist ³1257) entlehnt worden ist; im dt. zuerst bei Nestroy Lumpazivagabundus (1835) 108, noch frz. schreibung folgend: tull anglais; der beiname spiegelt die frühe vorrangstellung der engl. tüllindustrie wider (s. Fischbach gesch. d. textilkunst [1883] 143; Ferguson histoire du tulle et des dentelles mécaniques en Angleterre et en France, Paris 1862, sowie Meyers gr. konv.-lex. 3 [1904] 102 s. v. bobbinet). — mundartlich besonders auf westdt. sprachgebiet nachweisbar: tüll Rovenhagen Aachen 148; Leithäuser Barmen 161; Elberfelder ma. 166: ty·l Leihener Cronenberg 126; tull luxemb. ma. 445; Martin-Lienhart elsäss. 2, 678 u. Follmann lothr. 111. — 'gazeartiges gewebe aus feinen baumwoll- oder seidenfäden' (Bucher reallex. d. kunstgewerbes [1883] 413): ob das echt ist, was der tüll verräth, oder ob das falsch ist, was das bauschige seidenzeug vorprahlt Heine s. w. 4 (1873) 264; die aus tüll und gaze gefertigten (blumen) Auerbach auf d. höhe (1871) 2, 28; es (das kleid) ist reizend hellblauer tüll mit eingestickten tupfen Georgy Berliner range (1900) 1, 185; ein bischen tüll zum besatz (des kleides) kaufen Kahlenberg familie Barchwitz (1902) 7; nymphen ... durchsichtig gekleidet, in tüll, gaze und glitzerwerk Th. Mann Faustus (1948) 226. vereinzelt findet sich der pl. im sinne von 'tüllarten' (wofür sonst tüllstoffe, s. Wendelstein d. spr. d. kaufmanns [1912] 104): besätze von borden, tüllen Fr. Th. Vischer ästhetik (1846) 2, 260. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 11 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1695, Z. 58.

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Zitationshilfe
„tüll“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/t%C3%BCll>, abgerufen am 11.07.2020.

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