Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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tünchen1, vb.

¹tünchen, vb.,
ahd. *tunichon in tunichos ahd. gl. (10. jh.) 1, 370 St.-S.; tunichotun ebda 643; kitûnichot (9./10. jh.) ebda 671 (der circumflex beweist schwerlich länge, s. P. Sievers d. accente in ahd. u. as. hss. [1909] 58); gitunihhot (10. jh.) ebda 1, 350; mhd. tünchen, tünichen Lexer 2, 1569; vereinzelt umlautlos: tunchen ebda; mit anl. lenis: dunchen (12. jh.) ahd. gl. 1, 350 und offener qualität des stammvokals: donchen Lexer a. a. o.; tonchen, tonchin Marienburger treszlerb. 275 u. 335 Joachim; frühnhd. tunchen voc. (1515) d 1ᵃ Hüpfuff; tynchen (var. teuchen, wohl tenchen zu lesen) Brack voc. rerum (1495) bei Diefenbach gl. 263ᵃ; tünchen 5. Mos. 27, 2; mit anl. lenis (s. auch V. Moser frühnhd. gr. 1, 3 [1951] 166): dünchen Forer Gesners tierb. (1563) 2, 89ᵃ und offener qualität des stammvokals: doͤnchen Henisch teutsche spr. (1616) 727; entrundet dinchen Serranus synon. lib. (1552) 52ᵃ; getencht Schickhardt bei Fischer schwäb. 2, 464 (hierzu ist wohl auch die oben bei Brack genannte variante teuchen zu stellen); mnd. dönneken, denneken, donneken, donken Schiller-Lübben 1, 541 ist wohl aus dem hd. übernommen mit niederdt. färbung des anlautenden dentals (vgl. mnd. dref zu afrz. tref Holthausen as. elem.-b. [1921] 80, s. auch Kluge-Götze [¹⁵1951] 814), ebenso tschech. dynchovati (15. jh., s. A. Mayer d. dt. lehnw. i. tschech. [1927] 14 u. 32). die usprüngliche dreisilbigkeit mit dem i der mittelsilbe hält sich literarisch vereinzelt bis ins frühe nhd. (so noch gedünnicht G. Widmann chronica 125 Kolb), darüber hinaus gelegentlich noch mundartlich (s. u.). — in moderner mundart nur vereinzelt nachweisbar: döncken Strodtmann Osnabrück (1756) 40; dęnXən Hofmann niederhess. 243; teniXə Hentrich nordwestthür. 97; tincə Lenz Handschuhsheim 72; dünje Autenrieth pfälz. 37; tinign Kisch Nösner wörter 155; tyniΧṇ, tynΧn̤ Gebhardt Nürnb. ma. 46, 99, 126, 170 u. 171; tünchen, tünichen Höfer et. wb. d. obd. maa. 3, 246 u. Loritza volksspr. d. Wiener 135; im übrigen gegenüber sinnverwandten wörtern wie weiszen (s. Müller-Fraureuth obers. 263; Gerbet Vogtl. 67; Heilig ostfränk. 38, 82 u. 122 sowie Lenz a. a. o. und bad. wb. 1, 595) und gipsen (s. Fischer schwäb. 2, 464 u. 4, 46 s. v. ipsen) zurückgetreten. zur zeit des übergangs vom holz- zum steinbau, als sich der kalk- bzw. mörtelbewurf immer mehr gegenüber dem lehmputz durchsetzte, kam tünchen in der bedeutung '(mit kalk) bekleiden, verputzen' auf (s. Schrader-Nehring reallex. d. idg. altertumskde. 1 [1923] 552 u. H. Erdmann stud. z. gesch. d. spr. d. dt. bauwesens, diss. 1939, 22). tünchen (ahd. tunihhôn) ist als schw. vb. der 2. kl. vom früher bezeugten tunihha 'kleid' (lat. tunica) abgeleitet, wie wâtôn 'bekleiden' von wât (s. Schrader-Nehring a. a. o.; Gamillscheg Romania Germanica 1 [1934] 17; Kluge-Götze etym. wb. [¹⁵1951] 814; Wilmanns dt. gr. 2 [1930] 64; ferner ebda 85f., wo tunihhôn unmittelbar zu lat. tunica gestellt wird, so auch Jungandreas gesch. d. dt. spr. [1947] 9). als bautechnisches fachwort geprägt, beschränkt es sich zunächst auf denspäter differenzierten und um metaphorische anwendungen bereichertengebrauch '(mit kalk) bekleiden, verputzen' (ahd. mit chalche tunichos 'calce levigabis' ahd. gl. 1, 370 St.-S. [10. jh. u. später]), während das sinnentsprechende engl. denominativum to coat ('to cover with a surface layer or coating or with successive layers of any substance, as paint ...' Murray 2, 558) daneben die allgemeine bedeutung 'bekleiden' zeigt. tünchen steht damit in parallele zu dem, allerdings erst im 14. jh. nachgewiesenen, ital. intonacare, ant. intonicare 'coprire i muri rozzi con calcina' ˂ vulgärlat. *intǔnǐcāre da tǔnǐca 'veste' (Prati voc. etim. ital. [1951] 553). da ein lat. *intunicare als bautechnischer terminus nur aus den spät bezeugten roman. formen (it. intonacare, sp. entunicar, bask. entokatu, rumän. întuneca, s. Meyer-Lübke roman. etym. wb. 1 [1935] 369) erschlossen werden kann und lat. tunicare nur in der bedeutung 'bekleiden' nachweisbar undabgesehen von tunicātus 'mit der tunica bekleidet' — sehr selten ist, erscheint die unmittelbare entlehnung eines lat.-roman. verbs (s. Weigand-Hirt 2, 1087, Paul dt. wb. [1921] 551 u. Seiler d. entw. d. dt. kultur i. spieg. d. dt. lehnw. 1 [1913] 124) als wenig wahrscheinlich. gegenüber sinnverwandten verben, insbesondere gipsen (s. teil 4, 1, 4, 7540), kalken (s. teil 5, 65), kleiben (s. teil 5, 1067) u. weiszen (s. teil 14, 1, 1206) behauptet sich tünchen (neben der jüngeren, durch präfix verdeutlichten komposition übertünchen, s. teil 11, 2, 617) als wort der schriftsprache, in den mundarten jedoch vielfach gegen sie zurücktretend, s. o. und vgl. die im nhd. auftretenden komposita ab-, auf-, aus-, be-, über-, ver- und vortünchen; s. auch unter getüncht teil 4, 1, 3, 4588.
A.
als bau- bzw. maltechnischer ausdruck.
1)
'etwas verputzen', von der bekleidung der nackten lehm- oder ziegelwand mit einem überzug (gewöhnlich von kalk, vgl. oben ahd. mit chalche tunichos, s. auch unter tünchkalk), sei es durch bewurf oder auftragung mit hilfe der kelle, der bürste oder des pinsels (s.tünchung A 1): litum kitûnichot ahd. gl. 1, 671, 15 (9./10. jh.) St.-S., ähnlich 673, 37; cementare tunchen mit mortel voc. rer. (1433) bei Diefenbach gl. 111ᵇ; duͤnchen crustare parietes, tectorium inducere, trullisare Schönsleder prompt. (1618) L 7ᵇ; eine mauer etc. tuͤnchen intonicare, incalcinare un muro etc. Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162ᵃ; eine wand grob tünchen, dieselbe mit kalck und untergemischtem groben sand überwerffen to rough-cast a wall Ludwig teutsch-engl. (1716) 2039; die mauren mit kalck tünchen Schnabel insel Felsenburg (1746) 2, 73; schon früh auch in der allgemeineren anwendung ein haus u. ä. tünchen: (jubebit ... luto alio) liniri (domum) gitunihhot uverdan (10. jh.) ahd. gl. 1, 350 St.-S.; ein haus aufs neu tünchen to parget or plaister its walls anew Ludwig teutsch-engl. (1716) 2039; vielfach in unmittelbare verbindung zum vorgang des mauerns gebracht: (et ipse aedificabat parietem, illi autem) liniebant (eum luto absque paleis) tunichotun (10./11. jh.) ahd. gl. 1, 643, 62; zum irsten sal her (der maurer) uns die vier huser zu Ragnith an gewelwen und an muwer ganz und gar bereyten ..., die her ouch aberichten (die mauerfläche säubern, waschen u. evtl. auchröteln) sal und tonchen Marienburger treszlerb. 275 Joachim; etliche helm uf den türnen send nur gemaurt und getencht (um 1600) Schickhardt hss. u. handzeichn. 21 Heyd; der maurer ... machet ... ausz ziegelsteinen vnd kalck steinerne mauren ... vnd bewirft oder tuͤncht sie mit seiner mertelkellen Comenius janua (1644) 158; der schönste und weisseste, so zum mauren als tünchen gut und dienliche kalch daraus (aus marmor) gemachet wird Abr. a s. Clara etwas f. alle (1711) 311; von der tätigkeit des klebens, malens und des weiszens unterschieden: und (dieser kalk) ist zu mauren gar gut und zu tünchen und zu weissen noch vill pesser Tucher baumeisterb. d. st. Nürnberg 94 lit. ver.; unser lieben frawen kirch und die zwen türn wurden getuncht und gemallet in demselben jar, anno 58 (15. jh.) städtechron. 5, 215 (Augsburg);
... die vngmalt getuͤnchte wandt (des saales)
Fischart Eulenspiegel v. 3354 Hauffen;
loricatio das kleben vnnd tuͤnchen an den waͤnden, wann man jhnen gleichsam einen pantzer anzeucht Corvinus fons latinit. (1646) 494; wenn das wetter so schön bey ihnen (anrede) ist als hier, so wird ja wohl das tünchen und färben und mahlen (in Göthes wohnung) gut vorwärts gerückt seyn (14. 11. 1792) Göthe IV 10, 39 W.
2)
schon früh liegt beim gebrauch des verbums das augenmerk zuweilen weniger auf der auftragung des deckmaterials in seiner gesamtheit als auf der herstellung einer durch glätte und weisze ausgezeichneten auszenfläche (vgl. ahd. mit chalche tunichos vel slkhtfs (slihtes) calce levigabis ahd. gl. 1, 370 St.-S.); dies wird die geläufige anwendung im nhd. (s. auch unter übertünchen teil 11, 2, 617).
a)
im sinne von 'weiszen': gipsare wyszen o. tynchen Brack voc. rerum (1495) bei Diefenbach gl. 263ᵃ; tünchen, weiss vberziehen plastrer, blanchir, sbiancare, ingessare Hulsius-Ravellus (1616) 332ᵃ; eine wand, eine mauer, ein hausz etc. tuͤnchen imbiancare, biancare, ingessare una parete, un muro, una casa etc., dar' il bianco alle mura Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162ᵃ; besonders in neuerer zeit überwiegend für die herstellung des kalkmilchanstrichs: tünchen nennt man es, wenn eine geputzte mauer mit verdünntem kalk ... überzogen wird Helfft wb. d. landbaukunst (1836) 376; tünchen das anstreichen einer wandfläche mit kalkmilch Karmarsch-Heeren techn. wb. (³1876) 9, 714 (ähnlich bei Schönermark-Stüber hochbau-lex. [1902] 850); im binnenland aber wohnte der landbauer in seinem blockhaus oder in lehmwänden, die er schon damals mit glänzendem weisz zu tünchen liebte Freytag ges. w. (1886) 17, 67; als handwerkliche tätigkeit von der kunstmalerei unterschieden: er ist kein kunstmahler, er tüncht nur he is no painter, he is only a dawber Ludwig teutsch-engl. (1716) 2039;
lern zimmerwände tünchen,
dann wirb um meine gunst!
wer giebt in der kunststadt München
einen groschen für die kunst?
P. Heyse im paradiese (1892) 223.
b)
in der nahezu fest gewordenen verbindung weisz getüncht, vielfach mit dem beiklang schlichter, sauberer wohnlichkeit: die wohnungen der Rayren sind von erde, ins gevierte aufgebaut, sehr reinlich, weisz getuͤncht oder bemalt Ritter erdkde (1822) 5, 769; hell und sonnig waren die räume (im hause Savignys), weisz getüncht die wände, tännen die dielen J. Grimm kl. schr. (1864) 1, 115; das haus war weisz getüncht, das fachwerk rot angestrichen und die fensterladen mit groszen muscheln bemalt Keller ges. w. (1889) 1, 210; die fensterrahmen sind schneeweisz angestrichen, die mauern schneeweisz getüncht M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 2, 7; im gegensatz dazu das einfache getüncht vielfach mit dem beiklang ärmlicher oder auch liebloser, nüchterner kärglichkeit: wenn die sonne des glücks ... scheint, so vergoldet sie mit ganz dem nämlichen schein die hölzerne bank wie den samtsessel, die getünchte wand wie die vergoldete W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 5; er muszte dann, während drauszen der durchsichtige himmelsbogen ... schwebte ... in ein kaltes, getünchtes zimmer treten Ricarda Huch v. d. königen u. d. krone (1919) 121; die türen ... gaben dem blick die kahlheit und die kärglichkeit getünchter kammern mit gestrichenen kiefern- und fichtenholzmöbeln frei J. Klepper d. vater (1934) 2, 45; die zelle war acht schritte lang und drei schritte breit. der fuszboden war mit linoleum ausgelegt, die wände getüncht Wiechert d. totenwald (1946) 25.
c)
in der malerei (bes. der freskotechnik) bezeichnet tünchen das herstellen des als malgrund für (wand-)gemälde dienenden kalkbewurfs (s. tünchgrund): das man die capellen zu St. Bartolome, zu St. Ulrichskirchen nach dem besten tünichen und in nassen tünnich wol malen laszen solle urk. v. 11. 9. 1448 bei Birlinger schwäb.-augsb. 127; die gemeinen haͤuser sind von steinen, so nur in der sonnen gebacken ..., inwendig aber sind sie fein gewoͤlbet, getuͤnchet und mit laubwerck bemahlet Olearius verm. reise-beschr. (1696) 254; um nun auch den höheren kunstsinn zu befriedigen, so hatte man ... sich auf die fertigung kleinerer bilder gelegt, die, auf getünchte kalktafeln gemahlt, in die weite getünchte wand eingelassen und durch ein geschicktes zustreichen mit derselben völlig ins gleiche gebracht werden konnten Göthe I 49, 1, 174 W.; gemälde auf getünchten, reliefe auf marmornen oder ... eingelegten wänden Welcker alte denkm. (1849) 2, 316; sie (kalkmilch) dient zum tünchen (kalktünche) und als letzte freskoschicht M. Doerner malmaterial u. seine verwendung i. bilde (1944) 222; in freierer anwendung vereinzelt auch im sinne von 'malen': die veraͤnderlichkeit und der schlechte geschmack verursachen noch dazu, dasz manche gute alte gemaͤlde (an den häusern in Augsburg) abgekratzet werden, um neuere daruͤber zu tuͤnchen Nicolai reise d. Deutschland u. d. Schweiz (1873) 8, 131.
3)
färben.
a)
'mit farbe (an)streichen' in verbindung mit farbbezeichnungen verschiedener art (vgl.tünchgelb): die Athener waren so saumselig im gebrauch ihres demokratischen rechts, den souverainen volksversammlungen beizuwohnen, dasz zwei stadtdiener ausdrücklich dazu bestellt werden muszten, mit einem roth getünchten seil, das sie zwischen sich ausgespannt hielten, auf dem markt herumzulaufen, um die bürger, die nicht in den Pnyx wollten, damit zu umschlieszen Wieland s. w. (1840) 34, 256;
roth ist der schornstein getüncht, roth die hölzerne traufe,
und grell-bunter schnörkel verziert den sims und die jahrzahl
des bau's
Gaudy s. w. 17 (1844) 8;
die stube war sauber mit gelber farbe getüncht Freytag ahnen 5 (1878) 328; ein ... grasgrün getünchtes haus Fontane ges. w. I 4 (1905) 276; die häuser sind in milden tönen gelb und rosenroth getüncht Steub drei sommer in Tirol (1895) 1, 41; das grosze lokal ist blau getüncht Gerhart Hauptmann weber (1892) 47; als mundartliches einzelzeugnis findet sich dinXə 'mit ölfarbe bestreichen' bad. wb. 1, 595, ebenso Lenz Handschuhsheim 72.
b)
mit dem beisinn des unechten, fassadenhaften (über den einflusz biblischer prägungen auf das entstehen des pejorativen beiklangs s. u. B 2): nur von holz, aber so künstlich zurecht getüncht, dasz es wirklich aussah, als wäre es etwas Prutz d. musikantenthurm (1855) 1, 12; die getünchten dekorationen, die geschminkten angesichter (im tagestheater) unter blauem himmel sind das widrigste, was man sich denken kann! Holtei erz. schr. 37 (1866) 222; insbesondere im sinne von 'schminken' (s. auch unter übertünchen teil 11, 2, 617 u. vgl. schmieren [2 d] teil 9, 1082): ein getünchtes gesicht, getünchte backen viso imbiancato cioè lisciato, imbellettato Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1162ᵃ;
wie? was? was willst du? — fährt
der mohr ihn schnaubend an:
ein kerlchen mit getünchten wangen,
ein ding von marzipan,
kommt und begehrt,
ich soll den zaum ihm langen?
Wieland s. w. 11, 84 Göschen;
färb' immerhin dein haar, nur muszt du dir nicht schmeicheln,
auf deinen wangen je die runzeln glatt zu streicheln;
du tünchest dein gesicht mit bleyweisz bis ans ohr
und guckst mit hohlem aug' aus einer larv' hervor.
umsonst! die schminke wird (so flüstern wir und lachen)
die alte Hekuba nicht zur Helene machen
ders., Lucian 6 (1789) 447;
die sitte, dasz die Bacchantinnen ... sich das gesicht mit gyps weisz tünchten μυστίδι γύψω Böttiger kl. schr. 1, 262 Sillig (anmalen des gesichtes i. d. frühesten zeiten d. schauspielkunst).
B.
metaphorisch in verschiedener (an A 1-3 anschlieszender) anwendung.
1)
im vergleich: bald anders bestehet wie der schnee im sommer, wie ein getuͤnchte wand im regen Lehman flor. polit. (1662) 2, 829;
die schaar der doppelfresser (kamele)
ahnt ihres stolzes fall,
den tod des stärksten blöckers,
der mit dem fett des höckers
ragt gleich getünchtem mauerwall
Rückert ges. ged. 1 (1834) 50;
Angela ... musste bis zu tode erschrocken sein; denn sie stand weiss, wie eine getünchte wand, da und wankte Stifter s. w. (1901) 1, 91; vereinzelt auch ohne vergleichspartikel: ein gelehrter ist ein getuͤncht hausz, wenns dawider hagelt, schneyt vnd regnet, so felt die angestrichne farb ab vnd guckt der leymen herfuͤr Lehman flor. polit. (1662) 1, 323.
2)
bildlich: ein werckmeister sagt: er hetts ausz erfahrung, wenn einer mit armer leut schweisz bawet, vnd mit witwen vnd waͤysen thraͤnen tuͤnchet, dasselb hausz leyde den bawherrn vnd seine erben nicht lang Lehman flor. polit. (1662) 1, 70; alles, was in der menschheit groszes, gutes und edles ist, arbeitet darauf, dasz diese zeiten (der befehdungen, der Hunnen- und kreuzzüge) nie mehr wiederkommen sollen und können; und wir wollten glauben, dasz das alte gerüst dieser zeiten, neu getüncht und bemahlet, von ewiger natur sei? Herder 18, 308 S.;
dasz nicht mit blut die vatererd' er tünchete
W. v. Humboldt ges. w. 3 (1843) 89;
der mit ihrer (der ansichten und begriffe) farbe getünchte schriftsteller hat sich von ihnen imponieren lassen Schopenhauer w. 5, 78 Grisebach; besonders hervorzuheben ist eine reihe biblischer prägungen, die in mannigfaltiger weise weiterleben und dem wort einen pejorativen beiklang verliehen haben; mit bezug auf die tätigkeit der falschen propheten: das volck bawet die wand, so tünchen sie (die falschen propheten) dieselben mit losem kalck Hesekiel 13, 10 (s. auch Hesekiel 13, 11. 12. 14. 15 u. vgl. die mnd. fassung bei Schiller-Lübben 1, 542ᵃ); ire propheten tuͤnchen ... mit losem kalck ... vnd predigen ... lose teyding Fischart s. dicht. 1, 245 K. (S. Dominici leben); also nemmen sie an statt gutes und starcken kalchs, haffnersthon und laim, und duͤnchen mit losem kalch, das sein jhre selbs erdichte ceremonien unnd menschen fuͤndlein Musculus papist. wetterhan (1585) 186; phariseer sind sie und tünchen mit losem kalck, die dir das gesetz nicht schärffen, sondern dich bey allen deinen sündengreueln mit evangelischem trost fein warm zudecken H. Müller geistl. erquickstunden (1714) 533; Lascha (ort des verblendens, der falschen salbung, ort des tünchens mit losem kalk) Brentano ges. schr. (1852) 5, 373; die wendung getünchtes grab geht von Math. 23, 27 aus (s. auch unter getüncht teil 4, 1, 3, 4589; übertünchen teil 11, 2, 617 und weiszen teil 14, 1, 1206): das ... ist eigentlich nichts anders als ... ein getünchtes grab voller todenbein und vnflat Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 275;
also sagt' er, und feurte sich an zu waͤhnen, die gottheit
decke getuͤnchte graͤber nicht auf. doch nannte sein herz ihn
heuchler
Klopstock Messias (1780) 91;
er nannte letztern (den kategorischen imperativ) ein getünchtes grab, ein glänzendes, stolzes laster Klinger w. (1809) 10, 173; als schimpfliche anrede findet sich: gott wird dich schlahen, du getünchte wand apost. 23, 3 (s. auch unter weiszen); mit hineinspielen der bedeutung A 3 b auf eine geschminkte schöne bezogen:
... Chloris, du getuͤnchte wand
Grob dichter. versuchg. (1678) 61.
3)
übertragen, an tünchen A 3 anschlieszend:
so thürmte sich der pol durch Osmanns stolzen frevel
mit schwarz getünchtem qualm und donner-vollem schwefel
Weichmann poesie d. Niedersachsen 1 (1725) 59;
die kerkerluft tüncht keine wangen roth
A. Grün ges. w. 2 (1877) 260;
das morgengrauen tünchte behutsam den himmel qu. v. 1937; in anschlusz an tünchen A 3 b findet sich: das beyspiel niedertraͤchtiger und getuͤnchter handlungen ... scheint mich jetzt edler muster entwoͤhnt zu haben Hamann schr. 1, 6 Roth; aber diese getuͤnchte herrlichkeit des absterbenden ritterthums verdeckte nicht lange die unheilbare krankheit des (deutschen ritter-)ordens Freytag ges. w. (1886) 18, 231.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1778, Z. 14.

tünchen2, vb.

²tünchen, vb.,
'düngen, bemisten', wohl als formvariante zu düngen zu stellen (s. teil 2, 1531, vgl.tüncherde, ferner Steinbach: tunch ... dunche, aliis tung laetamen, fimus, stercus wb. [1734] 2, 881), wenn auch die ähnliche verwendung von gipsen und kalken zusammenhang mit ¹tünchen zu erwägen gibt; vereinzelt in obd. quellen des 16. jhs.: und darumb, das es alles sandig und dürr alda (in Arabien) ist, wechst kain traid alda oder ander frücht, hat allain schäfferei, ist überal vol hüeter, die die unfruchtbarkait des ertrichs mit menig des viechs püessen (la. tünchen) Aventin s. w. 4, 2, 677 bayer. akad.; so musz man das feld die ersten zwey jar tuͤnchen vnd bemisten vnd feigbonen oder sonst bonen darauff besaͤyen (fumerez la terre les deux annees premieres) Sebiz feldbau (1580) 20; haben die bawrn umb die statt Augspurg und in den nechsten flecken herumb den 4. januarij angefangen, die erden umbzuackern und die äcker zu kuͤnfftiger saat, mit zimlicher fruͤer arbeit zu tuͤnchen und zu egen Wolffg. Hartmann Augsp. chron. (1596) 3, 122; bildlich: so hat es gott auch wol gefallen, dasz dieselbe seine kirche, vom anfange bis zum ende jhrer samlung, mit plute getuͤncht oder gemistet wuͤrde Jac. Eysenberg d. heilig brotkorb (1583) 66ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1782, Z. 71.

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Zitationshilfe
„tünchen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/t%C3%BCnchen>, abgerufen am 11.07.2020.

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