thier, tier n
Fundstelle: Lfg. 2 (1890), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 373, Z. 18
animal, fera, bestia. goth. dius, ahd. tior tëor tier dier (pl. tior tier und tierer dierer Graff 5, 447), mhd. tier, pl. tier, md. auch wie von einem m. tiere (vereinzelt tierer Dalimil chron. von Böhmen 15, 5), nhd. tier thier, pl. thiere, in der älteren sprache auch tier, thier, daneben tierer, thierer (S. Brant bei Steinhöwel 188. Luther fab. 3 neudr. Schade sat. 3, 112, 3. 113, 4. Amadis 77. 509 K. buch der liebe 216ᵈ. Zimm. chron.² 4, 315, 35. Maaler 400ᵈ. ganskönig E 7ᵇ. S. Bürster 5. Simpl. 1, 50, 7, basl. dier und dierer Seiler 76ᵃ); alts. dior, nd. dier; ags. deór, diór, engl. deer; altn. dyr. — goth. dius, dessen s in den übrigen germanischen dialekten in r übergieng, gehört wahrscheinlich zu einer indogermanischen wurzel dhus atmen (altsl. duša geist, seele), wie lat. animal zu anima, bedeutet also wie dieses ursprünglich überhaupt ein atmendes, lebendes wesen (s. Fick³ 3, 148. Schade² 940. Kluge⁴ 355ᵃ. Feist nr. 128), schränkt sich dann aber ein auf den begriff fera, wildes thier, wild (vgl. unten 3, e und thiergarten).
1)
im allgemeinsten sinne 'ein organischer körper, welcher vom planeten frei ist, oder sein eigenes centrum hat, und welcher sich selbstständig bewegen kann, heiszt thier' Oken 1, 9. 4, 15:
es ist demnach ein thier ein wesen, das lebt, das wächst, das sich ernährt,
das sich beweget, das empfindet, und welches sein geschlecht vermehrt.
Brockes 9, 199;
wenn ich aufs reich der thiere achtung gebe (s. thierreich).
198;
die thiere theilen sich in arten (s. thierart).
237;
von tieren im allgemeinen handelt Freidank 136 ff. Megenberg 114 ff.; Didymus sagt, unter allen thieren sei die biene das klügste und kunstreichste. Colerus hausb. 405; die gattungen der sogenannten vollkommenern thiere. Herder id. 1, 85; die thiere edlerer art. 100; geringe, unachtsame thier (frösche, schlangen, heuschrecken u. s. w.) Heyden Plin. 158; schwächere thiere Lessing 1, 108. 152; ein so geringschätziges thier 133; im weitesten sinne auch vom menschen (vgl. 4, b): der mensch .. ein thier der welt. Paracelsus 1, 201;
(Jupiter) bracht ein thier hervor, so nie sonst vor erkennet,
das man bei uns ietzund hier eine jungfrau nennet.
Opitz 2, 146;
der mensch ist ein mittelgeschöpf unter den thieren der erde. Herder id. 1, 84; wisset, ... dasz das schönste thier, das die natur hervorgebracht, der mensch sei. Göthe 35, 375.
2)
der mensch als vernünftiges thier (geschöpf) im gegensatz zu den unvernünftigen thieren: der mensch ist ein vernünftiges thier, animal rationale Stieler 2280;
menschen sind .. vernünftige thiere,
aber nicht alle.
Logau 2, 5, 14;
der mensch, das kluge thier, lief einsam und verirrt.
Mühlpforth hochzeitged. 3;
vernunftlose thiere. Heyden Plin. vorr.; onvernünftige tier. Frank mor. enc. 79, 28. 138, 11 Götzinger;
(die) gleich unvernünfting thieren leben.
H. Sachs 16, 476, 26.
auch als mittelstufe zwischen engel und thier:
was ist der mensch? halb thier halb engel.
J. L. Eyer, s. mensch 7.
das thier überhaupt im gegensatze zum menschen: weder mensch noch thier. Jona 3, 7; Zeus, vater der thiere und menschen. Lessing 1, 132;
thier und menschen schliefen feste.
Lichtwer fabeln 1, 21.
3)
nähere bestimmung des thieres.
a)
thiere der erde, des waldes, feldes, wassers, der luft (vgl. rechtsalterth. 39 f.):
diu tier in dem walde   ir weide lieʒen stên.
Gudr. 389, 1:
und gott sprach, die erde bringe erfür lebendige thier. 1 Mos. 1, 24; die thiere, welche sich auf erden enthalten. Heyden Plin. 281; allerlei thier auf dem felde. 1 Mos. 2, 19. 1 Sam. 17, 44; und gott sprach, es errege sich das wasser mit webenden und lebendigen thieren, und mit gevogel, das auf erden unter der feste des himmels fleuget. 1 Mos. 1, 20; aller thier das auf erden kreucht. 28; kriechende thier, schlangen Heyden Plin. 94 ff.;
die art von thieren, welche kriechen (s. kriechen 2, a, α).
Brockes 2, 241;
thierer, die in dem wasser und auf der erden lebend, amphibia Maaler 400ᵈ.
b)
vierfüszige thiere Forer Gesners thierb., titel. ganskönig F 2ᵃ, besonders im gegensatz zu den fliegenden, kriechenden, schwimmenden thieren:
dâ wâren tiere und vogele.
Rolandsl. 118, 15;
eʒ sî vogel oder tier.
Parz. 592, 9;
vische, würme, vogele, tier
hânt ir reht baʒ danne wier.
Freidank 5, 13. 10, 13;
vögel und thiere machten sich auf, sie kamen zu paaren.
Göthe 40, 113;
vögel und frösch und thier und mücken
begehn sich zu allen augenblicken.
13, 78.
c)
nach dem geschlecht männliches, weibliches thier: die beschreibung einer hennen, eines weiblichen thieres. J. E. Schlegel ästhet. und dramaturg. schriften 150, 9 neudr.
d)
nach gestalt und eigenschaft: grosz und erschrockenlich thier, bellua Maaler 400ᶜ; das camel ist ein ungeformt thier mit zweien groszen höfern auf dem rücken. Heyden Plin. 126; der bär ist ein grosz ungestalt thier. Forer Gesners thierb. 14ᵃ; ausz allen vierfüszigen thieren ist das pfärdt das alleredlest, das aller nutzlichest. 132ᵇ (vgl. myth.⁴ 546); der fuchs ist ein listig, boszhaftig, fürwitzig und stinkend thier. 55ᵃ; es schreibt auch Galenus, dasz der aff ein lächerlich spöttlich thier sei von natur. 1ᵇ; es ist kein thier dem menschen so ähnlich alsz der aff, aber wenn er schon das schönste kleid anträgt, so kennt man ihn doch. Lehmann 425, 47;
der esel .. ist ein tumbeʒ tier.
Freidank 140, 21;
welch ein rasches thier ist diesz (rennthier)!
Brockes 9, 293;
ein geschicktes thier. Lessing 1, 183; gesellige thiere. Göthe die guten frauen 10, 26 neudr.; alle thiere, die in heerden leben. Herder id. 2, 240; jedes thier hält sich zu seines gleichen. Lehmann 326, 1;
ja auch giftige thier da stohn,
schlangen, drachen, scorpion.
ganskönig F 2ᵇ;
bisz der giftigen thier (s. thierbisz). Tabernaem. 513ᵇ.
e)
besonders das wilde (böse, reiszende) thier im gegensatze zum gezähmten und heimischen.
α)
bestia, fera, tier, wildes oder reiszendes tier Dief. 72ᵃ. 230ᵇ: diu wilden tier dann her für gênt auʒ den wälden und auʒ den hölen. Megenberg 62, 13; der wild eber ist ein starch tier. 121, 9;
alsam tier diu wilden   gekaphet wurden an
die übermüeten helde   von den Hiunen man.
Nib. 1700, 1;
wolv' unde (andere wilde) tier diu freʒʒen mich.
Trist. 2510;
auch sind menschen in den refiern,
die sich vermischen mit wilden tiern.
H. Sachs 16, 205, 28;
ein reiszend thier. Jes. 35, 9; und sagen, ein böses thier habe in gefressen. 1 Mos. 37, 20;
und dieser fürchterliche krieg dort oben,
der auch die wilden thiere sanftmuth lehrt,
dasz sie sich zahm in ihre gruben bergen,
kann unter menschen keinen frieden stiften.
Schiller 13, 310 (jungfr. von Orl. 5, 1).
im gegensatze zu zahm, heimisch: und ist kain wildeʒ tier, daʒ sô schier haimleich werd und den läuten undertân (als der elephant) Megenberg 134, 16; wildes thier Nürnb. reform. 163ᵇ im gegensatz zum heimischen (hausthier) 163ᵃ. Frank Germ. chron. (1538) 172ᵃ. Reiszner Jerus. 2, 160ᵃ, zum zahmen Stieler 2280; alle gezähmten thiere sind ebenfalls wild geworden. Herder id. 1, 81; ein thier, ein heimlich, hemisch thier, viech, pecus Dief. 419ᵇ; thier und alles viech (wilde und hausthiere) ps. 148, 10, schon mhd.:
eʒ sî vihe oder tier.
fundgr. 1, 129, 1;
arm leut, so nit thier (kein vieh) haben. walds ovdnung A 3ᵃ; von wegen der köhler ist betheidingt, dasz keiner über drei thier nicht haben soll. B 3ᵇ; die thier metzgen. F. Platter 161 B.; (Jakob) habe seinem liebsten sohn Joseph den segen der brüst gegeben, das ist der thier, milch und butters uberflusz. Schuppius 736.
β)
weidmännisch wildes thier oder thier, das wild:
(Diana) der jegerîe wielt
und in schirme dô behielt
diu wilden tier gemeine.
Konrad troj. kr. 24047;
thier nennt man auch ein stück wild. Flemming deutscher jäger 111, besonders das weibliche reh-, dam- und elenwild, sobald es gebrunftet hat Kehrein 292: thier oder wild wird das weibliche geschlecht des roth- und tannwildprets genennet. Heppe wohlred. jäger 295; die thiere ziehen die alten hirsche den jungen vor, .. weil sie hitziger und begieriger auf der brunst sind. jagdlust 1, 131; das thier geht acht monate und einige tage hoch beschlagen, das heiszt tragend. 132; von den thieren (hirschen und hinden) im statgraben. Tucher baumeisterbuch 123, 14 ff., mhd. tier die hirschkuh, dann auch das reh:
daʒ ich niemer hirʒ noch tier (hinde)
gehouwen wil in vier quartier.
Tristan 3307;
dem hirʒe unde dem tiere.
17107;
dô fuor er springende als ein tier.
Parz. 64, 19;
daʒ ors was sneller denne ein tier.
Willeh. 369, 26;
diu tier (tigerweibchen) sint gar grimmig und wenn die jäger si beraubt habent irr kindel, sô mügent in etswenn die jäger niht enpfliehen. Megenberg 161, 6; rhein. auch vom weibchen gröszerer zahmer thiere (kuh u. s. w.) gebraucht Kehrein volksspr. in Nassau 1, 404.
f)
reitthier:
und hub in darnach auf sein thier
und führt in an die herberg schier.
H. Sachs 15, 351, 26;
(ich will) auf das gehudel unter mir
leicht wegschauen von meinem thier.
Schiller 12, 53 (Wallenst. lager 11).
4)
übertragen
a)
das grosze, das kleine thier, der grosze, der kleine bär (gestirn):
Orion drewet schwach, das grosz' und kleine thier
schawt dunkel umb sich her, und blickt kaum halb herfür.
Opitz 2, 278.
b)
von personen, in verschiedenem, durch ein adjectiv ausgedrücktem sinne gebraucht (vgl. thierchen): ein mensch ist ein gesellig thier. Keisersberg narrensch. 128ᵇ; dann ein maler ein wunderbar und seltzams thier ist. Fischart bienenk. (1580) 135ᵃ; es ist ein stolzes thier umb einen jungen doctor. unw. doctor 453; wir halbgelehrte thiere aber heut zu tage lernen eines oder das andere, nur dasz wir wieder etwas haben zu vergessen. Schuppius 538 (vgl. schulenthier 711); ein junger prediger dünkt sich ein gewaltig thier zu sein, wenn er in ein ampt kommt. wolgeplagter priester (1691) 97;
ein grosz und vornehm thier zu werden.
Günther 196;
die Creter sind imer lügener, böse thier (goth. ubila unbiarja), und faule beuche. Tit. 1, 12;
denn jeder denkt (von einer bösen tochter), du böses thier,
der herr behuͤt mich ja für dir (als meinem weibe).
Ringwald laut. warh. 309;
(es ist) in dieser welt kein schlimmer thier,
als einer, der gar leicht vergist,
wenn ihm was guts erzeiget ist.
29;
was sagstu, giftiges thier? H. Jul. v. Braunschw. 14 Tittm.; sie ist ein böses tier. Stieler 2280; je du garstiges thier! Rädlein 875ᵃ;
du einfeltigs thier!
Zimm. chron.² 4, 226, 28;
o leichtes thier (leichtfertige dirne)!
Rist poet. lustg. G 5ᵇ;
baslerisch e wüest dier, grobe weibsperson Seiler 76ᵃ; sage mir, du unvernünftiges thier, wenn ... Wieland 11, 87;
ich bin ein arbeitseligs tier.
N. Manuel Elsli v. 463;
ich armes geplagtes thier. Weisze kom. opern 2, 203; du lieber gott! was doch der mensch für ein armes gutes thier ist! Göthe 27, 107;
wer dem publikum dient, ist ein armes thier.
2, 252;
wir haben dem armen thiere, dem Michaelis, doch unrecht gethan. Schiller an Göthe 140 (2, 1); es (mädchen) ist ein gutherziges thier. Lenz nachl. 59 Weinh. leipzigerisch das gute, das arme thier. Albrecht 222ᵇ; kurh. thier oder wibesthier von weibern gebraucht ohne schlimme nebenbedeutung Vilmar 411; nassauisch ein grosz thier, ein vornehmer herr Kehrein 1, 404.
c)
zum thiere werden, machen u. s. w.:
(verzweiflung) macht mich zur furie, zum thier.
Schiller 5, 2, 410 (don Carlos 5, 3);
(die juden wurden) durch eine so lange anhaltende dummheit endlich fast bis zum thier herunter gestoszen. 9, 104; man hat den menschen ... zum thier erniedrigen wollen. Herder id. 1, 149; sich zum thiere saufen. Holtei Lammf.² 1, 143.
d)
von personificationen:
die misgunst, das arge thier,
das jedermans gerücht verletzet.
Weckherlin 44 Gödeke;
das leidenschaftliche thier (die leidenschaften) im menschen tilgen. Klinger 10, 203; ist es denn eine wollust, der fusz des trägen vielbeinigten thieres republik zu sein? Schiller 3, 24 (Fiesko 1, 7).
e)
der sog. umlauf oder fingerwurm, auch das böse thier genannt; eine krankheit am schweife des rindviehs, besonders des jungen. Kehrein volksspr. in Nassau 1, 404.
Zitationshilfe
„thier“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/thier>, abgerufen am 16.10.2019.

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