Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

tollheit, f.

tollheit, f.,
mhd. tol-, toleheit (Diemer 132, 20. 25), nd. dullheit, J. Moysz miszbrauch des weins (1581) 27 Oberbreyer tolkeit, das tollsein, die verrücktheit, raserei, wut (amentia, insania, mania Dief. 29ᵃ. 300ᵇ. 346ᵇ), heftige leidenschaft, eine tolle handlung, ausgelassenheit u. s. w. nach toll I, 1: wo stoltzheit ist, do ist auch tolheit. Keisersberg post. 3, 45ᵃ; der wollust ist ein frölich dollheit. Franck sprichw. 1, 59; er wirt aber die sach also unglücklich anfahen und zuletzt in ein solche dollheit fallen. Fronsperger kriegsb. 3, 177ᵇ; in tollheit geraten, a se exire, a mente deseri. Stieler 2283; wahnsinn im affect ist tollheit. Kant 10, 215; er rannte in aller extase der tollheit zum wirth und verlangte den boten zu sehen. Mylius Peregrine Pickle (1785) 2, 414; könnt ihr denn euren hals nicht in die schlinge stekken, ohne mich zum zeugen eurer tollheit zu machen? 4, 376; wenn ihre (der tollhäusler) tollheit weniger heftig ist. Knigge umg.³ 196; oft heilt eine schwärmerei, eine tollheit die andere. Moritz A. Reiser 74, 23 neudr.; ein misanthropischer humor, worinn er (Faust) die welt und seine eigene tollheit persiflirte. F. Müller 2, 49; wie vieles ist leider nicht in unserer erziehung und in unsern bürgerlichen einrichtungen, wodurch wir uns und unsere kinder zur tollheit vorbereiten. Göthe 19. 247; so erreicht die tollheit (narrheit im röm. carneval) ihren höchsten grad. 29, 240; vielmehr geht ein jeder nur aus, sich zu vergnügen, seine tollheit auszulassen. 241; meine tollheit hat euerm fürwitz eine gefährliche weisheit verhüllt. Schiller 3, 78 (Fiesko 2, 18); es wiederholt sich hier (bei dem zudrang vom land in die stadt) im kleinen genau die — sollen wir es pest oder tollheit nennen? — die im groszen sich bei der auswanderungssucht nach fremden welttheilen manifestirt. E. Höfer deutsche herzen 15;
die tollste tollheit nenn ichs aller tollen,
dasz ihr könnt eurem eignen volke grollen,
das sich und euch will ziehn aus der zerstörung.
Rückert 2, 10.
ein tolles stück, ein toller streich, einfall u. dergl.: beiliegend kriegst du (Merck) ... meine neuste tollheit, daraus du sehn wirst, dasz der teufel der parodie mich noch reitet. Göthe briefe 682 (3, 214) Weim.; plur.: man musz sich nun einmal die tollheiten dieses menschen gefallen lassen. werke 14, 143; eben der Lomellino ist der hauptschlüssel zu allen tollheiten Dorias. Schiller 3, 72 (Fiesko 2, 15); die vernünftigsten selbst hörten auf zu glauben, dasz hinter so offenbaren tollheiten etwas ernstliches verborgen sein könnte. 4, 134; ein wörtchen von preuszischen dollheiten zu reden. Hermes Sophiens reise² 6, 534.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1913), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 642, Z. 46.

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Zitationshilfe
„tollheit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tollheit>.

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