Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

tollkühn, adj. und adv.

tollkühn, adj. und adv.
auf tolle weise kühn, verwegen, vgl. dummkühn th. 2, 1521; temerarius Diefenbach 576ᵃ, audax Henisch 724, temerario, audace Hulsius deutsch-ital. dict. (1657) 248, praeceps, inconsideratus Stieler 1046, vermessen Rädlein 1 (1711), 881. Kramer hochnider-deutsch dict. 213ᶜ (ein toller küner man H. Sachs 19, 33, 24): tollkühn ist der, der bei sichtbarer unmöglichkeit, seinen zweck zu erreichen, sich in die gröszte gefahr setzt. Kant 10, 282; bin ich nicht mehr ruhig genug, aus überlegung herzhaft zu sein, so kann mich die wuth tollkühn machen. H. L. Wagner kindermörderin 35 neudr.; durch diesen vortheil tollkühn gemacht, wandte er sich, ehe derselbe noch davon unterrichtet sein konnte, zu dem landvogt zurück. H. v. Kleist 4, 37 Muncker. — tollkühne begierde Hederich 2227; ja, antwortete der tollkühne kerl, das sollet ihr, und ehe wir nachlassen, soll uns der und jener holen. Rob. Crusoe (1720) 2, 60; seine vergleichungen sind ausschweifend tollkühn. Reiske bei Lessing 13, 316;
ich hätte flehentlich gebeten; sie als vater
zum treulichsten ermahnt, sich mir zu schonen,
und von der wuth tollkühner reiterei
um unsres glückes willen abzustehen.
Göthe 10, 310 Weim. (natürl. tochter 3, 2);
dieser fanatische muth ... konnte furchtsame bürger in tollkühne empörer verwandeln. Schiller 7, 105; einem tollkühnen ungestüm, das alles vor ihm her niederwarf, hatte Ludwig alles zu danken, was er vortrefflich machte, wie dasjenige, was er verdarb. 182;
doch viel zu schwach, im offnen feld dem feind
des siegs zweideut'ge lorbeern abzutrotzen,
wär's tollkühn wagnisz, uns entsatz versprechen.
Körner 136ᵇ (Zriny 2, 11);
da sprechen sie alle von deiner todesverachtung, von deinem tollkühnen spiel mit der gefahr; und sie wissen nicht, wie sie mich martern. Biernatzki des letzten matrosen tagebuch 91. — substantivisch: wandere nicht mit einem tolkünen, das er dich nicht in unglück bringe, denn er richt an, was er wil, so mustu denn umb seiner torheit willen schaden leiden. Jesus Sirach 8, 18; er (der flüchtling) zeigt eine pistole, das volk weicht, ... 'dieser schusz', ruft er, 'soll dem tollkühnen, der mich halten will.' Schiller 4, 84; rasender! tollkühner! Kotzebue dramat. werke 6, 128. — adverbial: tollkühn handeln u. s. w.; eine sache tollkühn auf sich nehmen. Hederich 2228; (kartenspiele), da offt durch ein einzig blat, wann man es tollkühn wagt, 100 ducaten und mehr verlohren werden. lustiger process dreyer adelicher brüder (1669) 20;
ein geist, wie du, hat stets die vorsicht ausgeschlagen.
was wüsztest du auch mehr, als tollkühn dich zu wagen?
Lessing 3, 339;
denn nie ward eine fehde
so tollkühn rasch, so frevelhaft leichtsinnig
beschlossen als die eur'.
H. v. Kleist 1, 75 Muncker;
beide (krone und lorbeer) flocht er tollkühn in eins.
Platen 2, 135 Gödeke.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1913), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 645, Z. 10.

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Zitationshilfe
„tollkühn“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tollk%C3%BChn>.

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