tonart f
Fundstelle: Lfg. 5 (1923), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 753, Z. 38
1)
in eigentlicher bed. selten ist das wort auf die mus. klangart im allg. bezogen: eine leier von sanfter tonart Herder 27, 32. ursprünglich und regelmäszig gilt es zur 'bestimmung des tongeschlechts (ob dur oder moll) und der tonstufe, auf welcher der tonische akkord seinen sitz hat' Riemann musik-lex.⁷ 1423. die zusammensetzung ist im anschlusz an lat. modus (vgl. im vor. sp. 683) gebildet: die Lateiner haben ein wort modus, das wir im deutschen durch tonart übersetzen Hiller anweisung zum gesang (1774) 46; sie begegnet in der mus. kunstsprache seit dem 18 jh., bei Mattheson (1735) und Scheibe (1745), in den wbb. seit Adelung. als wiedergabe des lat. modus wurde auch tonart zunächst zur bezeichnung des mannigfach normierten scalenschemas gebraucht: (die dunklen nachrichten von der griech. musik sind daran schuld, dasz man) dasjenige überhaupt, nach unserer art zu reden, für tonarten annimmt, welches doch vielmehr eine verschiedene schreibart oder musikart ist Scheibe crit. mus. 142; die herrschende melodie (bei den Galliern) war ... von den tonarten aller übrigen völker weit verschieden Schubart 5, 267. die tonarten werden bestimmt benannt und ihrem charakter nach als harte und weiche, männliche und weibliche unterschieden: (warum diese) tonart gerade den namen der dorischen erhalten habe Müller Dorier 2, 317; grosze modi, oder harte ton-arten ... kleine modi aber, oder weiche ton-arten Mattheson generalbaszschule 192; die einführung neuer, weicher, üppiger tonarten Herder 23, 343; die weibliche tonart der Asiaten und die männliche der Griechen Welcker alte denkmäler 3, 325.
a)
entsprechend der neuen theorie bezieht sich tonart auf die unterscheidung von dur und moll, und man spricht in diesem sinn von der harten und weichen, der groszen und kleinen tonart: dasz die grosze tertz diejenige ton-art mache, welche man hart nennet; und dasz die kleine hergegen, wo sie herrschet, eine gattung hervorbringet, die weich heiszet Mattheson generalbaszschule 117; die gröszere und kleinere tonart Quantz flöte traversiere 53; die hauptdifferenz der tonarten durch majeur und mineur auszudrücken Göthe II 1, 305 Weim.; die haupteintheilung der musik in harte und weiche schälle, töne und tonarten Herder 4, 103; melodien, die ... sich meist in weichen tonarten ergehen Göthe 41, 2, 137 Weim.; liebe zu den weichern tonarten 45, 178.
b)
die tonart wird nach dem grundton unterschieden, nach der 'art und weise des in einem stücke herrschenden tones' Adelung; Campe; nie wird man von den bekannten vierundzwanzig tonarten eine ausschlieszen, oder zu ihnen eine neue hinzuthun können Göthe II 7, 84 Weim.; die tonart ist die gebundenste ... familie der ganzen tongattung R. Wagner 4, 148. aus einer tonart spielen, in allen, durch alle tonarten: musiker, die nicht wissen, aus welcher tonart sie spielen Knigge umgang 3³, 101; hierauf das ganze in der tonart der dominante noch einmal wiederholt Chrysander Händel 1, 37; die capelle auf dem chore ... paukt in allen tonarten, nur nicht in der rechten Rosegger II 2, 250; die schon erfundenen durch alle tonarten gehenden läufer Schubart ästhetik der tonkunst 292; (ein wilder zug von tönen), der kreischend sich durch alle tonarten schleppt Tieck 6, 286. die tonart verändern, in eine tonart übergehen: veränderung der tonart Herder 12, 215; nach einer weile wechselten sie die tonart Wieland Agathon 1, 193; ein plötzlicher übergang aus einem tact oder tonart in die andere M. Mendelssohn 4, 1, 341; in eine verwandte tonart ausweichen Schubart ästhetik der tonkunst 21; modulation in die tonart der dominante O. Ludwig 5, 419.
2)
übertragen wird das wort selten vom sinnlichen klang der sprache und von der sprechstimme gebraucht, wobei aber die bedeutung 'modus' doch meist anklingt: so viel gattungen von fühlbarkeit in unsrer natur schlummern, so viel auch tonarten (in der sprache) Herder 5, 7; da die französische sprache ... keiner modifikation der ton-arten fähig war Gerstenberg briefe 193 neudr.; (das wort feuer), welches je nach den verschiedenen tonarten der Malayen-sprache api, afi, ahi lautet Peschel völkerkunde 140; fremde tonart klang in der stimme Sturz 1, 92; kaum hatte ich diese mitteilung gemacht, als sie ... in allen tonarten wiederholt ward Heine 7, 480; (die burschen), die ... in den ergötzlichsten tonarten emporjohlten 3, 70; zischeln, scharren, räuspern. brummen durch alle tonarten E. Th. A. Hoffmann 1, 23. allgemein und häufig ist die übertragung auf den gefühlsausdruck und gedankeninhalt der rede in wort und schrift, auf das gehaben und handeln, die denkart und empfindungsweise überhaupt (vgl. ¹ton 8).
a)
vom ausdruck gesprochener und geschriebener worte, einer person, der seele: (die entscheidung liegt oft in) den wendungen, zuweilen schon in der tonart und der wahl der ausdrücke eines internationalen actenstückes Bismarck ged. u. er. 1, 279; sowohl tonart als stoff desselben (gedichtes) war ein protest gegen die plebiscita der tagestribünen Heine 2, 353; nach einem kurzen accord, welcher die tonart des aktes angibt Freytag 14, 187; die tonart auf den jagden in Wusterhausen Bismarck ged. u. er. 2, 131; zwischen solchen entlegenen tonarten in Viktor, wie humor und empfindsamkeit sind Jean Paul 7 -10, 124; die menschliche seele, ein instrument vieler tonarten und saiten Herder 16, 258.
b)
aus, in einer tonart, in allen, durch alle tonarten: er schreibt aus einer an ihm neuen tonart Bismarck briefe a. s. braut und gattin 17; schlafen, verdauen, — das treiben alle; die übrigen dinge sind nur variationen aus verschiedenen tonarten über das nämliche thema Büchner nachgel. schriften 143; Clemens spielt hier in einer fremden tonart B. v. Arnim frühlingskranz 311; in dieser tonart ging es noch eine weile weiter Fontane I 5, 179; sie singen sämmtlich dasselbe lied, wenn auch in wechselnden tonarten Holtei erzähl. schriften 35, 84; der donner des geschützes begann auf die stunde auf's neue. auch die stadt spielte in gleicher tonart auf Hebbel 9, 249; deren lob in allen tonarten singend Ebner-Eschenbach 3, 259; ich will sie schon mürbe machen. was aus dem moll nicht geht, das geht aus dem dur, und das kann ich an ihr probiren alle tonarten durch Geibel 7, 100.
c)
eine tonart haben, anstimmen, in einer tonart halten, in eine tonart übergehen: auch wenn Winckelmann von kunst und alterthum lehrend schrieb, hatte er mancherlei tonarten auf seiner lyra Justi Winckelmann 2, 2, 225; jedes haus hat seine eigene tonart Gotthelf 4, 39; verliesz man den hof und betrat das treppenhaus .., so schien eine andere tonart angestimmt zu sein Justi Winckelmann 2, 1, 185; indem er durch den wohlklang der rede die seelen der hörer in eine nicht geringe anzahl von tonarten stimmte Freytag 16, 305; wenn Russland mit der construction seines gewehrs ... seiner meinung nach 'fertig' ist, so wird die tonart, in der heut die variationen der russischen politik gehalten sind, vielleicht einer freiern platz machen Bismarck ged. u. er. 2, 288; seit einigen tagen war nämlich Schoppe in eine andre tonart umgesetzt Jean Paul 15—18, 429; eine leicht gefügte seele, bei der es gar flink von einer tonart in die andere überging Riehl culturg. nov. 4; auf diese tonart einzugehen erlaubt mir meinerseits die stelle nicht, auf der ich stehe Bismarck reden 2, 89.
d)
gefühlsausdruck und gedankeninhalt werden hervorgehoben: der scheideton war hier die stärke der männlichen tonart neben der stärke der weiblichen Jean Paul 15—18, 312; in noch gröberer tonart gab ihm Malte seine unzufriedenheit zu erkennen Polenz Grabenhäger 1, 200; die schärfe der tonart beschleunigte nur den sinneswechsel im lande Bennigsen die nationallib. partei 8; in einer schreienden, in keiner anständigen gesellschaft üblichen tonart Bismarck ged. u. er. 2, 182.
Zitationshilfe
„tonart“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tonart>, abgerufen am 11.11.2019.

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