Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

tonfall, m.

tonfall, m.,
'der fall, das sinken des tones oder der töne, besonders bei einer ruhestelle in einem stücke oder bei dem schlusse desselben' nach Voss als neubildung bei Campe. die zusammensetzung ist offenbar dem ital. cadenza 'schluszfall, klausel' nachgebildet, doch wird sie nicht eigentlich in der mus. kunstsprache gebraucht, und sie bezeichnet nicht nur das fallen, sondern auch überhaupt die modulation in musik und sprache; auf die rhythmische sprache der poesie wird das wort schon 1764 von Klopstock, 1772 von Göthe bezogen. 1) in der musik von den instrumenten, der singstimme, der melodie, einem musikstück:
und es hallt in grauser einöd' ungebändiget der gesang,
nach der trommel dumpfem tonfall
Voss ged. 3, 193;
hier bei den reitern hatte die trompete nicht den schönen tonfall Gutzkow ges. werke 1, 91; mit gehobener stimme und melodischem tonfall singend G. Freytag 8, 37; nach dem tonfalle der begleitenden melodie A. Grün 5, 16; der etwas fremdartige tonfall (der melodie) Chrysander Händel 1, 291; der ... mehr gleichgültig melodische, als eindrucksvoll redende tonfall R. Wagner 3, 236. 2) beim sprechen von der stimme, von einer person, vom wort und von der sprache, besonders von der gebundenen rede, dem rhythmus: die wörter: 'hörete', 'sahe', werden langsam ausgesprochen, ... 'da' bis 'schöpfung' etwas geschwind piu allegro — schwebend, ohne tonfall Schubart leben 2, 43; endlich rief Fink mit tiefem tonfall seiner melodischen stimme: 'leben sie wohl!' G. Freytag 4, 364; mit ... dem bekannten tonfall der guckkastenmänner Chamisso 6, 6; gesten und tonfall des alten komödianten Schnitzler freiwild 42; (er musz) die Juden erst mehr studiren, um ihren tonfall ... wiederzugeben Grabbe 4, 246; in dem melodischen tonfall, mit dem der Pole sein gebrochenes deutsch spricht Freytag 5, 147; die kinder hörten dem kräftigen tonfall seiner worte ein weilchen zu 6, 118; wenige haben so wie Lessing die tonfälle der periodenschlüsse berechnet Jean Paul 49-51, 341; der zweifelhafte und bedenkliche tonfall ihrer frage Holtei erz. schr. 13, 65; die spuren vom tonfall des volksdialekts Gutzkow 11, 215; das gedicht auf Selmars tod ... ist ein meisterstück in tonfall, sprache, harmonie und wahrer empfindung Göthe 37, 236 Weim.; (er) gab seinem ausdruck einen gewissen schwung und tonfall, dasz mir der ausgang des hexameters darin gar oft vernehmlich war Musäus physiogn. reisen 2, 37; zwei, ... nur durch einen tonfall, wie durch eine sanfte cäsur getrennte verse Herder 24, 250; zumal der schlusz des verses wird gern durch bestimmten tonfall ausgezeichnet G. Freytag 1, 178; regelmäsziger tonfall der reimzeile Hagen minnes. 1, XXXI; der melodische tonfall lyrischer rede Treitschke hist. u. pol. aufs. 1, 188. bildlich: mit diesem, allen freunden der wissenschaften und künste ehrwürdigen namen mag sich denn diese erzählung ... wie mit einem harmonischen tonfalle schlieszen Matthisson schriften 6, 183; so schlosz mein schönes Weimarer-leben mit einem harmonischen tonfall nachlasz 1, 106.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1923), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 769, Z. 28.

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Zitationshilfe
„tonfall“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tonfall>.

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