Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

tornister, m. und n.

tornister, m. und n.,
der 'ranzen', den der soldat auf dem rücken trägt, dann auch überhaupt der 'ranzen', der umgeschnallt getragen wird. die schriftsprachliche bezeichnung stammt aus der soldatensprache und sie hat, offenbar nachdem sie als reglementmäsziger militärischer terminus normiert worden war, allgemeine geltung erlangt. zu beginn des 18. jhs. erscheint tornister in denkmälern der obers. literatursprache und darnach in der nhd. schrift- und umgangssprache überhaupt. aus der soldatensprache ist der ausdruck zum theil auch in die volksthümlichen mundarten übergegangen; er begegnet besonders auf ostmd. gebiet: Anton Oberlaus. 13, 17; Müller-Fraureuth 1, 232; Jecht Mansfeld. 111; Kleemann nordthür. 23; aber auch auf westmd., niederd. und oberd. boden findet er sich, wenn auch in einem mehr auf die volksthümlichen umgangssprachen beschränkten gebrauch. die form tornister beruht wohl auf einer willkürlichen, schriftmäszigen umsetzung der schon seit dem 17. jh. in literaturdenkmälern aus dem md. osten gelegentlich nachweisbaren ostmd. lautung tanister. in dieser gestalt ist das wort aus slavischen dialecten entlehnt worden; der ranzen heiszt im slovakischen tanistra, im tschechischen tanystra, ferner im ungar. tanisz(t)ra und umgebildet tarisznya. nach G. Meyer idg. forsch. 2, 441 ff. sind diese bildungen ebenso wie kleinruss. kajstra 'grosze tasche', dann auch schles. keister 'schulranzen' contaminationsformen, die unter der einwirkung des auf lat. canistrum 'brotkorb' beruhenden spätgriech. κάνιστρον aus byzantinisch τάγιστρον 'hafersack', rumän. taistra, kleinruss.-poln. tajstra 'felleisen, ranzen' sich entwickelt haben. die der tschech. und slovak. lautung entsprechende deutsche form tanister wird im 17. jh. verwendet: (sie führen) ein tanister bey sich Fr. Ferd. v. Troilo oriental. reisebeschr. (1676) 523; nach diesem zoge Strephon aus seinem tanister einen brief S. v. Birken fortsetz. d. Pegnitzschäferey (1645) 68. die form tornister in ihrer verwendung als soldatischer fachausdruck wird in den wbb. erst seit Adelung 4, 632 und Campe 4, 852 regelmäszig verzeichnet; sie erscheint aber schon zu beginn des 18. jhs. in festem gebrauch: in seinem rantzen oder tornister musz er (der musketier) jederzeit ein paar hemden, wie auch schuhe und strümpfe zum umwechseln parat haben Fleming der vollk. teutsche soldat (1726) 145; nach der schlacht hab ich wohl zwanzig todten kaiserlichen ihre tornister durchgesucht, ob ich nicht ein stückchen brod drin finde Miller Siegwart (1777) 319; mit dem tornister des jungen Kleist Lessing 17, 184 M.; ein piket jäger, das ... büchse und tornister wieder aufnahm Göthe 33, 33 Weim.; ich nahm ... meinen schweren tornister und muskete auf den rücken G. Keller 4, 61; was so ein tornister drücken musz! Alexis ruhe ist die erste bürgerpflicht 3, 10;
seine ganze sorg' und habe
trägt er im tornister fort
Hoffmann v. Fallersleben 3, 196;
der kriegsminister
trägt scepter und kron' im tornister
Grillparzer 3, 206.
in volksthümlichem gebrauch ist tornister auch schimpfwort für ein 'altes weib' Kleeman nordthür. 23; Jecht Mansfeld. 111;
fort von mir, alter tornister!
K. Meisl, theatral. quodlibet 2, 241.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1923), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 895, Z. 41.

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Zitationshilfe
„tornister“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tornister>, abgerufen am 20.01.2022.

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