Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

tos, m.

tos, m.,
heftiges geräusch, getöse. das seltene nhd. tos ist bedeutungsgleich, aber nicht formgleich dem verbreiteteren mhd. dôz, das im 17. jh. literarisch erloschen ist (zuletzt bei Stumpf (1606) s. u. und Hulsius (1618) 248ᵇ). ahd. mhd. dôz ist (wie diez und duz) nomen actionis zu diezen. frühnhd. zeigt die anlautende media obd. verhärtung tosz S. Brant Freidank (1567) 70ᵇ; tösz Frisius (1568) 1212ᵃ; Stumpf Schwytzerchr. (1606) 125ᵃ; Hulsius a. a. o.; im obd. umlaut bei Altenstaig voc. (1516) 20ᵈ; Frisius; Stumpf; Hulsius. der plur. ist nicht gebräuchlich; die vereinzelten belege bei Joh. v. Würzb. Wilh. v. Ö. (dôzen dat. : stôzen subst. inf. 8543 f. und dôzen : grôzen adj. 12669 f.) sind reimzwang; bei grozer dözze gelm ebda 8080 gehört zum mindesten der anorg. umlaut dem schreiber. in obd. mundarten lebt dieses wort noch heute: in Kärnten toass Lexer 65 und in der Schweiz toosz Stalder 1, 292, in Bayern in flurnamen s. u.; schwankungen zwischen auslautendem s und sz, dôs, dôas in Tirol (Schöpf 87) und Dos-, Dös-, Dosen- in schwäb. flurnamen (s. u.) stehen wohl unter einwirkung des vb. tosen. ende des 18. jh.s (zuerst 1774 bei Bertuch, dessen -sz wohl nur orthographisch ist unter dem einflusz des voraufgehenden reimpartners rosz, s. u.) taucht in der literatursprache tos (toses) auf. das ausschlieszliche t des anlauts, vor allem das auslautende s zeigen, dasz tos zum mindesten an das damals in der poesie wieder aufgekommene vb. tosen angelehnt, wenn nicht überhaupt aus ihm neu gebildet ist.
I.
ahd., mhd. dôʒ, frühnhd. dosz, tosz, tösz bezeichnen wie dôsôn, tosen.
1)
ursprünglich die geräusche des bewegten wassers oder des sturmes.
a)
des wassers: sonum fluctuum dero uuellono doz Notker ps. 64, 8; vgl. 76, 18; 92, 4;
ein wazzer drunder hin flôz,
des val gap michelen dôz
Hartmann von Aue Erec 7874;
wir haben auch gehört den dossz (sonitus) des mers Hartlieb Caes. v. Heisterbach 286 Drescher; in obd. flusz-, wasserfall- und flurnamen bis heute lebend: dasz er (der flusz) vom wüten und tosen ohne zweyfel den namen Tösz erreicht hat Stumpf Schwytzerchron. (1606) 439ᵃ; der Doos, wasserfall der Wiesent, nachdem sie die Aufsesz aufgenommen Schmeller-Fr. 1, 547; hierher gehört wohl auch: unterhalb der steinernen brücken beim Dosz J. Chr. Wagenseil de civit. Noriberg. (1697) 276; i. schwäb. Dosbach, Döshof, Dosweiler, Dosenäsch, -bach, -täle, -weiher, -wiesen Fischer 2, 287; Buck obd. flurnamenbuch 280; vgl. namen mit diesz, d/tissen Schmeller-Fr. 1, 547 und Schmid schwäb. wb. 129.
b)
des sturmes und unwetters (entgegen th. 4, 1, 2, 4401 nicht übertragen, sondern ursprünglich, vgl. tosen I, sp. 902):
(beim brunnenabenteuer) ... er ûf den stein gôz.
dô kom ein siusen unde ein dôz
und ein selch weter ...
Hartmann von Aue Iwein 994;
vgl. Rud. v. Ems weltchr. 10266 E.; Hugo v. Langenstein Mart. 210, 95; an welchem tag ... eine feurige wolke mit einem groszen tösz und krachen auf den berg Berencogel gefallen Stumpf Schwytzerchr. (1606) 125ᵃ.
2)
übertragen auf künstlich hervorgerufene geräusche verschiedenster herkunft.
a)
mit dynamischem element, bes. vom lärm einer menschenmenge:
Vivîans hôrt einen dôz
und sach daz her Gorhandes komen,
von den sölh stimme wart vernomen,
es möhte biben des meres wâc
Wolfram Willehalm 41, 4;
ähnlich Rud. v. Ems weltchr. 23383 E.; bei der jagd Nib. 941, 1 L.; beim kampf 1335, 1; Kudrun 187, 2; Hartm. v. A. Er. 6876; oft vom schall der musikinstrumente: schalmien doz Joh. v. Würzb. Wilh. v. Österr. 18083; des wilden hornes dos Göttweig. Troj.-krieg 15815; nach der lesten fier hörner dosz Folz meisterl. 1, 409; da was der doss und schall der pusaun als grausamlich Hartlieb Caes. v. Heisterb. 399, 26 Drescher.
b)
ohne dynamisches element für ein kräftiges geräusch, das nichts ungleichmäsziges an sich hat. bei menschen ist es dann mit 'geschrei, lärmen' identisch: nyeman mocht in gewunden, er gab ain solichen hall und dosz (sonum) als der in ain lind pett schlug Hartlieb Caes. v. Heisterb. 374, 14;
die grossen machen grossen tosz
und darnach offt gar kleynen stosz
S. Brant Freidank (1567) 65ᵃ;
bei sachen mit 'rauschen, lärm':
sich huop ...     von vanen ein geriusche grôz
und ein sô krefteclîcher dôz
Konrad von Würzburg Trojanerkrieg 25186;
die annaglung (Christi) gab lauten dosz
Folz meisterl. 1, 129;
dann auch vom brummen des bären: Reinhart fuchs 1587 Grimm; vom gesang der menschen und vögel: Lampr. Alexander 5218 Kinzel; Hartm. v. A. Erec 8723; schlieszlich ohne jegliche färbung 'der reine schall', 'der blosze ton':
manec biutet diu ôren dar:
ern nemes ouch mit dem herzen war,
sone wirt im niht wan der dôz
Hartmann von Aue Iwein 253;
vgl. jg. Titurel 5815, 2; Hugo v. Trimberg renner 19472 E.;
pisz deiner styme dosz
mit linden worten senfft her flosz
Folz meisterl. 43, 18.
II.
vom ende des 18. jh.s ab als poetisch gehobener, altertümelnder ausdruck für das gewöhnliche getöse oder das tosen.
1)
eigentlich von elementarischen erscheinungen:
da stieg vor mir ein eiland aus dem tose
der wogen auf
Rückert 5, 101;
da rudr' und treibe
sein schiff durch der Charybde tos
gerad hindurch!
Immermann 13, 265 B.
2)
übertragen auf künstlich erzeugte geräusche:
zu fusz und rosz, mit groszem tosz
gieng nun der zug (der ritter) von dannen
Bertuch sprödenspiegel in teutscher Merkur 1774, heft 3, 14;
vgl. die zss. kampfes- und schlachtentos: Rückert 1, 80; Schwab ged. (1838) 124; ähnlich wagentos Rückert 12, 12; auch verblaszt ohne das starke und anschwellende:
sobald sie den namen nur des abschiedes hören, dröhnt
aus schreckenserwartung ihr gelenke mit dumpfem tos
Rückert 2, 144.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 899, Z. 27.

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Zitationshilfe
„tos“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tos>, abgerufen am 27.01.2022.

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