Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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getöset

getöset,
das particip zu tosen, tösen (vgl.doesen, pulsare cum impetu Kilian F 7ᵇ) hat in der waidmannssprache eine sonderbedeutung angenommen, innerhalb welcher die participialform gegenüber den übrigen formen des verbums in verwendung bleibt: getöset, gepneuscht, gepst wird von den jagdhunden gesagt (die hunde werden getöset). Hübner natur, kunst, berg, gewerk und handlungslexicon (1717) 706; getöset .. wird von den jagdhunden gesagt, wann sie sehr gelauffen sind, und ihnen die brust sehr schläget. Chomel (1751) 4, 1018. ebenso in der onomatologia forestalis (1772) 1, 1039 u. a. vgl. auch Kehrein weidmannssprache 142.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 12 (1897), Bd. IV,I,II (1897), Sp. 4409, Z. 59.

tosen, vb.

tosen, vb.,
ahd. dôsôn, mhd. dôsen, gehört zur germ. wurzel þus, die sonst nur im anord. þausn f. (lärm, stürmischer tumult, handgemenge), þyss m. (lärm, erregung einer menschenmenge) ua., s. Falk-Torp 188, u. im ags. þys m. (sturm), brim-, mere-, wæterþyssa (meer-, wasserdurchtoser), mægenþysse (kraft) s. Holthausen in idg. forschg. 20, 326 fortlebt. sie scheint mit germ. þut- zusammenzuhängen (in mhd. diezen vgl. o. unter tos, m. auch dôz, tosz m.). nach Walde-Pokorny 1, 707 steckt in þus- und þut- die grundwurzel þu (idg. teva:tu) 'schwellen, stark, dick sein'. weitere jedoch unwahrscheinliche ableitungsversuche bei Osthoff morphol. unters. 4, 169 f. anm.; bei Walde lat. et. wb.² s. v. tundo und tussis sowie Boisacq dict. et. grec. s. v. τυτώ. der dental im anlaut ist ahd. und mhd. d. dafür ist nhd. t eingetreten, vgl. Paul dtsche gram. 1, 322, wohl durch den lautmalenden character des wortes; in den wbb. des 16. bis 18. jh.s überwiegt t von Schöpper bis Steinbach. d- und t- belegen nebeneinander Dasypodius (78ᵃ—439ᵃ; 141ᵇ), Calepinus undec. ling. (1605) (923—587), Stieler (325) und Henisch (737). von ende des 18. jh.s ab herscht in der literatursprache t. heute begegnet d nur mundartlich (Schmeller-Fr. 1, 547; Schöpf 87; Fischer 2, 287; Schmidt els. 67ᵃ; in der Schweiz doch wohl nur t, trotz Stalder 1, 292). umlaut des ô bezeugen die meisten wbb. des 16., 17. und beginnenden 18. jh.s von Dasypodius bis Steinbach. o neben ö findet sich bei Frisius (849ᵇ; 1225ᵇ—48ᵇ; 849ᵇ uö.) und Henisch (737), o bei Schöpper (34ᵃ), J. Maaler (404ᶜ), Kramer (2, 1101ᶜ) und Dentzler (2, 288ᵃ). der umlaut hat sich bis heute im Elsasz gehalten (Martin-Lienhart 2, 720; Schmidt els. 67ᵃ). gel. begegnet die ö-form in der schriftsprache (tösend Tieck 20, 290; vgl.ertöst Kosegarten poes. 1, 48). der umlaut ist wohl nicht durch anlehnung an getöse entstanden, das dôz nach der mhd. zeit verdrängt, sondern auf die neben dôsôn anzusetzende jan-bildung zurückzuführen, vgl. an. þeysa = vorwärtstreiben, vorwärtsstürmen. daneben ganz vereinzelt eine û-form: spätmhd. diphthongiert ez taust:faust Wittenweiler ring 40, 2; auch nd. dūsen, vgl. Mensing 1, 920 s. u. mundartlich erscheinen formen mit -ss-: dôssen Schmeller-Fr. 1, 547; tôssn, tôassn Lexer Kärnt. 65; tossen Unger-Khull 163ᵃ; tōsen, doossen Stalder 1, 292 (vgl. mit -ss- Bachmann beitr. z. Schweizerdtsch. gramm. 4, 51; 7, 192; 8, 77 und 81; 10, 189 und 199). vorher ist -ss- nur bei Hulsius bezeugt (toͤssen 248ᵇ); lediglich im auslaut steht ss bei Dasypodius (ich doͤss 78ᵃ neben ich toͤse 141ᵇ); bei Frisius er toͤszt 1246ᵇ. sind diese formen mit -ss- von mhd. dôzen abzuleiten? der subst. inf. das tosen tritt neben getöse anstelle von mhd. diez, duz, dôz und nhd. tos und nimmt dadurch an selbständigkeit zu. zuerst bezeugt bei Forer Gesners thierb. (1583) 65ᵃ: zuͦ dem pfeisen und thosen der oren nimm rechgallen; Dentzler (1716) 2, 288ᵃ das tosen fremitus, sonitus. seit ende des 18. jh.s durch bedeutung u. häufigkeit des gebrauchs vom verb nicht geschieden. daher im folg. nicht von ihm getrennt.
bedeutung und gebrauch. tosen, vom ahd. bis gegen ende des 16. jh.s wenig bezeugt, zuletzt bei Ph. Bech Agricolas bergw.-b. (1557) 90; Wickram 6, 8 B.; Forer thierb. (1583) 65ᵃ; Stumpf Schwytzerchr. (1606) 439ᵃ, ist im 17. u. anf. d. 18. jh.s liter. tot u. nur lexikal. zu belegen, vgl. Henisch 737; Hulsius 248ᵇ; Schottel haubtspr. 1432; Stieler 325; Kramer 2 (1702) 1101ᶜ; Rädlein 882ᵃ; Dentzler 2, 288ᵃ; Steinbach 2, 827, allein in den maa. wird es gelebt haben. ende des 18. jh.s erscheint es wieder in poetisch gehobener sprache: Pfeffel poet. vers. 4, 113; Kosegarten poes. 1, 121; 1, 185; 2, 37. im 19. jh. besonders von Rückert verwandt. in der modernen umgangssprache selten, dagegen lebt es in den obd. maa., im bair. (Schmeller-Fr. 1, 547; Lexer Kärnt. 65; Unger-Khull 163ᵃ), schwäb. (Fischer 2, 287), elsäss. (Martin-Lienhart 2, 720) und schweiz. (Stalder 1, 292; Tobler appenz. 148ᵃ; Hunziker Aarg. 56). in Schwaben (tosmeⁿ daosəmə Fischer 2, 288) und Tirol (tôsmen Schöpf 747) eine erweiterte bildung tosemen.
t.
bezeichnet ein geräusch, das sich über eine längere zeitdauer erstreckt (i. gegs. zu krachen), das anschwillt, sich wiederholt, das die am nächsten stehenden synonymen brausen und rauschen an stärke übertrifft. der gebrauch ist intransitiv, transitiv nur als dichterische freiheit, z. b. Freiligrath w. (New York 1858) 6, 305:
bis ... er ... in die ...
meerfluth Paris sich stürzen kann.
was wird sie ihm zu tage tosen?
I.
ursprünglich bezeichnet tosen (wie dôz, tos) die geräusche des bewegten wassers und des sturmes: flatibus sonori euri fone dien dosonten uuinden Notker 1, 87 P. das sprachgefühl empfindet noch heute das wort als lautmalerei, die die aussprache oft durch scharfe accentuierung des anlautenden dentals u. schwellung des o wiederzugeben sucht, u. zw. bes. von derartigen geräuschen in der natur. dementsprechend ist tosen im nhd.mhd. ist es spärlich bezeugt, s. Lexer 1, 454 sowie u. II 1 a u. b — meist in dieser bedeutung verwandt.
1)
vom bewegten wasser: die wasserflüsz tosend, die wasserflüsz erhebend ire waͤllen Züricher bibel (1531) 2, 40ᵃ; die tosende wasser oder bäch oder flüsse so sie überlauffen Ph. Bech Agr. bergw.-b. (1557) 90;
des wandrers,
der am tosenden strom auf zu der hütte sich sehnt
Göthe 1, 281 W.;
wie anders hört das sich an, wenn das wasser in mächtigem sturze tooszet und brieschet: rauscht wie beim sturm im wald Friedli Bärndütsch 3, 9;
do dücht em meist, dat droehn un dus
as wenn de floth vun widen sus
Groth ges. w. 1 (1898) 209;
ein friedlich meer bespület hier korallen,
und brandungs-tosen hör ich fernher hallen
Chamisso w. 6 (1839) 278 Hitzig;
vom strudel:
hört, wie der abgrund tost, der wirbel brüllt
Schiller 14, 370 G.;
hinter dem sinnverwirrenden strudel, der tosend vor ihm hinabstürzte Storm 7, 374 Köster. im vergleich: Irrgang fühlte sein blut wie einen tollen strom durch hals und haupt tosen H. Watzlik Phönix (1916) 161. bildlich:
ihm ward ein wunderbarer frieden,
wie wild des lebens brandung tost
Geibel ged. (1850) 340.
2)
vom wind und unwetter:
die nacht ist finster, schwül und bang,
der wind im walde tost
Lenau (1855) 1, 19 Grün;
nur das tosen des sturmes und das rauschen des wassers war zu hören Storm 7, 372 Köster; vgl. windestosen F. W. Weber Dreizehnl. 16, 29;
im fernen schosze des abgrunds
dumpfe gewitter tosend sich zu erzeugen
Göthe 16, 46 W.;
wenn die wolken gethürmt den himmel schwärzen,
wenn dumpftosend der donner hallt
Schiller 14, 106 G.;
dreimal nach des winters tosen
kamen schneeglock und violen
Rückert 1, 361.
mundartlich so auch unpersönlich: 'wenn also von den bergen her ein fürchterliches gewitter heranstürzt ... und sich in schlossen oder in einem wolkenbruch entladet und wenn bey der allmähligen herannäherung desselben das rauschen sich verstärkt: so bedient man sich einzig und nur in diesem falle des klangwortes: es toset' Stalder 1, 292; ebenso ghörst wis toset Hunziker Aarg. 56; das wetter (es) toset: wenn man in der ferne schon schloszen fallen hört; synonym es kocht Fischer schwäb. 2, 287; vom winde: erhebt es sich zu der vollen stärke des föhns, so jurneds oder tooszeds dem Älpler zum wetterzeichen Friedli Bärndütsch 2, 123; abgeschwächt: ã pissl tôssn fein regnen Lexer Kärnt. 65. bildlich:
hinter dir ein nächtlich tosen,
vor dir heitrer morgenhimmel
F. W. Weber Dreizehnl.¹³⁶ (1907) 352.
3)
auch von anderen elementarischen erscheinungen: die lawinen ... toseten und krachten Hebel 2, 196 Beh.; vgl. Friedli Bärndütsch 2, 67;
der berg fieng an tosen und brennen
schweiz. schausp. des 16. jh.s 2, 157 Bächt.;
ausbrüche des tosenden vulkans Pfeffel pros. vers. 3, 16.
II.
tosen wird schon mhd. auf nicht elementarische geräusche übertragen.
1)
mit dynamischem element.
a)
meistens von einer menschenmenge. von der zum turnier aufziehenden ritterschaft:
sus gieng ez allez dôsen.
ezn dorfte niemen kôsen
dem andern in sîn ôre
Reinfried von Braunschweig 817;
durch das umwölkte, staubende tosen
drängender krieger
Göthe 15, 1, 185 W. (Faust 8702);
(Lucifer zu seinen getreuen:)
thuͦnd, allsam seyt ir tobendt, tosen
und stellend euch, als werdt ihr rosen,
damit die umbstender (= zuschauer des geistlichen spiels) die sprüch nicht hören!
Wickram 6, 8 Bolte;
das (die feiernde zwergenschar) toset und koset so lange,
verschwindet zuletzt mit gesange
Göthe 1, 180 W.;
das volksgewimmel
füllte tosend mit geschrei den steindamm
Platen 2, 511;
da trat ein mann ins tosende gedränge
Geibel w. 1, 198 (Cotta 1893);
hierhin auch bei meist poetischer incongruenz des gramm. u. log. subjects fälle wie:
mag des aufruhrs wuth, leides nimmersatte wuth
tosen nie in diesem land
Droysen Aeschylus (²1841) 203.
bes. bei äuszerungen des beifalls oder der entrüstung: rauschend, tosend brach der beifall nach der atemlosen stille los G. Keller 5, 253;
wenn drob des lobes wolken qualmen,
das volk für sie begeistert tost
St. George bücher der hirten⁷ 59;
wenn ein vorschlag an der landgemeinde sehr miszfällt, so tosets gewöhnlich Tobler appenz. 148; wir haben einen bergbrunnen überkommen ... es wird keiner von euch dawider schelten und tosen? Scheffel 2, 148;
da fingen die herren an zu tosen,
schimpften den doktor einen argen wicht
Körner w. 2, 160 Hempel.
so auch sonst von stimmen und geschrei: ihr gesang war ... tosendes pfaffengebrüll Schubart ästh. d. tonkunst (1806) 35; ein verworrener schwall von ... verschiedenen tosenden stimmen Eichendorf 2, 7; in dichterischer freiheit: sie verlieszen das tosende zimmer (eigtl. die zechgesellschaft) Heine 3, 64 E. gelegentlich auch von der besonders starken stimme eines einzelnen: (ein riese von einem mann) begrüszt ihn mit tosender stimme Handel-Mazzetti Jesse und Maria (1915) 67. — so auch bildlich: (des helden, der auf die welt kommen soll) ruf (fama) wird auf zwei meilen weit tosen (als prophezeiung gesagt) Görres heldenbuch von Iran (1820) 111.
b)
vom schall lauter musikinstrumente:
so wühlet, stürmet, tost im meer der liebe
die orgel mit der töne brünstgem zorne
Immermann 15, 136 B.;
laszt die feuerglocken tosen
Grabbe 1, 25 Bl.;
bei trompetenklang
und bei der pauke tosen
Geibel w. 1, 172 (Cotta 1893);
vgl. das schmettern und tosen deiner begeisterung B. v. Arnim Günderode 1, 194; von lärmenden maschinen u. dgl.: bald tost seine gute maschine wieder in die nacht hinaus Berliner nachtausgabe 14. jan. 1930; neuerdings gern vom lärm der groszstadt: die tosende, vom leben durchjagte weltstadt dtsche rundschau jan. 1930, 60; verkehr tost um jahrhunderte altes gemäuer an der Pauluskathedrale in London die woche (1930) 3, 79; ähnlich:
es ruht die welt in schweigen,
ihr tosen ist vorbei
Kinkel gedichte (⁶1857) 186.
2)
abgeschwächt ohne das dynamische element, vom ohrensausen: ist daz dem siechen diu ôren kalt sint unde val unde sie ime vaste dôsent, daz ist des tôdes zeichen Berth. v. Regensburg 509, 39 Pf.sonant aures die oren singend oder tosend Frisius (1556) 145ᵃ; die ohren tosen mir aures strepunt Dentzler (1716) 2, 288ᵃ. vom geräusch, das durch die anwesenheit eines menschen in einem raume verursacht wird:
ich gedacht in minem sin:
da ist nayswer in.
ich tät mich hinzu und lost,
ob ieman darinne dost.
ich hort noch sach niemann
Laszbergs liedersaal 1, 134.
3)
in allgemeinerer bedeutung z. th. ohne das akustische element: die pferde ... schnauften und tosten; die ganze masse war ... in flutender bewegung Göthe 33, 69 W.;
sieht er (= der wanderer) ...
dort, wo einst ein mächtger (Karl d. Gr.) toste,
ödeland, ein grab und trümmer
F. W. Weber Dreizehnl. (¹³⁶1907) 232;
o du wüste dirne!
immer toset es in ihrem hirne
Immermann 14, 136 B.;
es ist ein wimmelnder tosender ameisenhaufen die woche (1930) 2, 48, 4.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 901, Z. 6.

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Zitationshilfe
„tosen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tosen>, abgerufen am 27.01.2022.

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