Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

trägheit, f.

trägheit, f.,

eingebettete Stichwörter in diesem Artikel

tarditas, pigritia. ahd. mhd. mnd. trâcheit; diese umlautlose form herscht noch frühnhd. vor (z. b. tragkait Keisersberg predigen teutsch [1508] 9ᵇ; trochheit, trockheit ders. bilgerschafft [1512] 17ᵃ; 103ᵃ; tragheit Luther 1, 254 W.; 10, 2, 399; 15, 111 u. ö.; tragkeit, tragheit H. Sachs 1, 359 lit. ver.; 7, 357; tragkeit Wickram 3, 260 lit. ver.; noch bei Apherdianus methodus discendi [1601] 130 trachkeit). die umgelautete form ist zuerst und selten im 15. jh. bezeugt (tregheyt ignavia aus dem anfang des jhs. Diefenbach 285ᵃ; trägkait Hätzlerin 274; trägkait Niklas v. Wyle translat. 113 lit. ver. neben traͮgkait 15), auch im 16. jh. noch nicht häufig (z. b. trägheit C. Hedio chron. Germ. [1530] 306ᵃ; J. Maaler [1561] 405ᵃ; trägheyt Fischart 3, 237 Hauffen; tregheit Ringwald evangelia [1581] A 3ᵇ), herrscht dann aber ausschlieszlich (jetzt ohne umlaut nur nd. traagheet, traagheit Dähnert plattdeutsch. 493ᵇ; brem.-niedersächs. wb. 5, 95). wie träge wird auch trägheit vornehmlich in der schriftsprache gebraucht; dialektisch findet es sich im nd. s. o., sonst dafür faulheit (s. Fischer schwäb. 2, 303).
A.
von langsamer und mühseliger bewegung des körpers; schwerbeweglichkeit, schwerfälligkeit. tarditas tragheit Diefenbach 573ᶜ; seritas spadeheit vel tracheit ebda 529ᶜ.
1)
eigentlich von mensch und thier: die schœn hât ir (der durstschlange) diu nâtûr geben, wider daz si ir trâchait hât geben, wan diu slang ist gar træg ze slingen von ainer stat zuo der andern Konrad von Megenberg buch der natur 281 Pfeiffer; dasz die zamen (thiere) allzeit vil mer solcher uberflüssigkeyt bey sich samlen durch die trägheyt, wann die in der wildtnisz sich mancherley bewegen und vielfältige ubung haben Ryff spiegel der gesundtheit (1574) 16ᵇ; sind auch arme und beine nicht schwächlich gebaut, so sind sie doch mehr fettreich als muskulös, und zwar ist korpulenz als folge von trägheit häufig Ratzel völkerkunde 2, 119; bewegung ist eine hauptquelle der gesundheit, trägheit das grab derselben Vieth encyclop. der leibesübungen 2, 14; herbeigeführt durch übermasz in der nahrungsaufnahme: die wohltätige natur hat ... diesen übertretern ihres gesetzes (durch zu starkes essen) die bleyerne trägheit zugesellt Klinger 11, 151, durch erschlaffung, ermüdung des körpers: in den glossen für lassitudo Diefenbach 319ᶜ; fessitudo nov. gloss. 172ᵃ; sompnolentia gloss. 542ᵃ; torpor gloss. 589ᵃ und nov. gloss. 368ᵃ; torpedo, torpiditas gloss. 589ᵃ;
dâ solte er vrâgen von dem grâl;
versæze er aber daz ein mâl,
daz sie ûz giengen
und in wider viengen
slâf und diu müede
und trâgheit ûf sich lüede
Heinrich v. d. Türlin krone 28489;
'... allein ermattet sind
von streiten deine glieder oder furcht
beklemmet dich ...'
'nein, mich beklemmet und entmannt noch furcht
noch trägheit'
Bürger 168 Bohtz;
gewisz waren die tage, da ich den berg erstieg, die mühevollsten, beschwerlichsten meines lebens; das empfind ich noch jetzt an dieser trägheit, dieser steifheit und zerschlagung der glieder J. J. Engel 2, 27;
ich seh auf euch, mein herr, und frische dadurch
die trägheit der erhitzten sohlen an
Immermann 16, 182 Boxb.;
auch intensiviert bis zu 'ermüdung':
sie ... hette
gewachet also lange,
daz sie nu von getwange
gebedes unde der erbeit
geving soliche drakeit,
daz sie mit slafe wart bedrat
leben der heil. Elisabeth 1642;
vgl. 1605; so heute nd.: traagheet 'müdigkeit' Dähnert plattdtsch. 493ᵇ; traagheit 'mattigkeit' brem.-niedersächs. wb. 5, 95. bes. bestimmten thieren zugeschrieben:
der esel, welcher sich kaum selbst für trägheit rühret, ...
ist dennoch sehr beglückt
Lohenstein blumen (1680), himmelschlüssel 44;
die maulesel, welche man auf diesem wege reitet, sind von einer besonderen trägheit grafen zu Stolberg 6, 208; zu dieser häszlichen form ... kommt bei dem molche die trägheit Vischer ästhetik 2, 133.
2)
unsinnlicher in der übertragung auf leblose subjecte.
a)
die trägheit der flüsse zumal längst dem untern theil ihrer bahn Benzler deichbaulex. 1, 197. noch abgezogener, träge A 2 b entsprechend: indem die materie die freie thätigkeit des geistes durch ihre schwerfälligkeit und trägheit beschränkt W. v. Humboldt 1, 349; in den ältesten sprachen ... ist geist der ausdruck unsichtbarer strebender gewalt, dagegen leib, fleisch, körper, leichnam ... die bezeichnung todter trägheit Herder 17, 80 S.; jener kraftaufwand, der um der selbstbezwingung der trägheit unsers fleisches willen an sich schon einen sittlichen gehalt hat W. H. Riehl deutsche arbeit 7; vom ackerboden: also kan die frühe zeitigkeit der (reb-) frucht die spate trägheit des grundes ersetzen v. Hohberg georg. cur. 1, 332; aber glücklich für das menschengeschlecht, wenn es keinen schlimmern feind zu bekämpfen gehabt hätte als die trägheit des ackers, den grimm wilder thiere Schiller 9, 129 G.
b)
in der physik terminus technicus für das beharrungsvermögen der körper vgl. O. D. Chwolson lehrb. der physik (1926) 1, 1, 76; Mothes illustr. baulex. 4, 363: allein man darf nur die verschiedenen sätze, die im anfange der eigentlichen (empirischen) physik vorkommen, nachsehen, als den von der beharrlichkeit derselben quantität materie, von der trägheit, der gleichheit der wirkung und gegenwirkung usw., so wird man bald überzeugt werden, dasz sie eine physicam puram ... ausmachen Kant 3, 40 akad.; liesze auf einmahl des mondes schwere nach, so würde er sich in einer geraden linie in der ebene seiner bahn vermöge seiner trägheit fortbewegen Lichtenberg verm. schr. (1800) 7, 136; mit dem verlöschen der lebensthätigkeit behaupten die organischen atome ihren zustand, ihre form und eigenschaften nur in folge der trägheit; ein groszes, umfassendes naturgesetz beweist, dasz die materie für sich keine selbstthätigkeit besitzt Liebig chem. briefe 148; feste verbindungen kraft der trägheit, gesetz der trägheit, die zu den zusammensetzungen trägheitskraft, trägheitsgesetz geführt haben, s. unter C: das ix. hauptstück erkläret die kraft der trägheit in der materie, vim inertiae, aus der kraft der monaden Gottsched das neueste a. d. anmuth. gelehrs. 7, 553; Nicolai lit. br. (1759) 3, 172; allg. dtsche bibl. 2, 2, 284; weitergreifend: (Hemsterhuis) vergleicht die eigenschaft der seele, die sich dem zusammenströmen mit andern wesen widersetzt, der kraft der trägheit in der materie; und allerdings musz diese kraft der trägheit viel was anders und mehr sein als der grosze trupp mechanischer philosophen von ihr weisz Herder 15, 320 S.; mit B 1 a sich kreuzend: die kraft der wirkung und die kraft der trägheit sind die zwo wurzlen, woraus alles (d. h. empfindungen und triebe der seele) so schön folgt Göthe 38, 349 W.; in körperlichen wie in geistigen dingen herrscht dasselbe gesetz der trägheit Fontane I 1, 124.
c)
in der medicin von unzureichender thätigkeit der menschlichen organe u. ä., vgl. träge A 2 c: indem ich den antheil, welchen die haut und die schleimhäute an der erhaltung der normalen blutmischung haben, auf diese weise beschränke, weisz ich wohl, welchen anstosz ich bei den ärzten errege, die so oft in der trägheit der genannten organe den grund von verderbnissen der säfte suchen Sömmerring v. baue d. menschl. körpers 6, 987; in der that litt der könig ... an trägheit der organe Laube 3, 131; eine grosze trägheit der absonderung (des samens), welche in der verhältnismäszig schwachen inneren samenpulsader einen grund findet Sömmerring a. a. o. 5, 375. anders in der später mittelalterlichen medicin: catarrus tracheit Diefenbach 106ᵇ, vgl. die andere glossierung dumpf, m., s. th. 2, 1523.
B.
in der anwendung auf ein geistiges und seelisches verhalten treten neben dem grundbegriff der langsamen bewegung meist bes. bedeutungscomponenten in den vordergrund.
1)
schwerbeweglichkeit, schwerfälligkeit.
a)
auf veranlagung und gewohnheit gegründet. verschieden accentuiert; bald mehr im sinne geringer geistiger regsamkeit: socordia draegheit vel dorheit Diefenbach gloss. 539ᶜ; secordia traecheit vel geckicheit 523ᵇ; de tracheit mynes vorstandes (a. d. j. 1473) bei Schiller-Lübben 4, 604; und hett ich ettwas vergessen, das soll man miner unwissenhait und trakait zuͦlegen, wan ich doch das zuͦ weg bracht hab on menglichs hilff Richental chron. d. Constanz. conzils 189 lit. ver.; das fatum, das uns drückt, ist die trägheit unsers geistes Novalis schr. 2, 198 Minor; trägheit der phantasie Freytag 16, 215. bald mehr als 'bequemlichkeit', 'energielosigkeit', auch geradezu 'unthätigkeit': trägheit der seele macht die körperlichen bewegungen träg Schiller 1, 158 G.; mit snellecheit, fertigkeit u. ä. contrastiert: der wein ... kêret von hôchvart in diemuot, von trâkhait in snellikait, von vorht in kuonhait Konrad v. Megenberg buch der natur 352 Pfeiffer; vgl. Vintler blume d. tugend 1517; (er bat sie um) die physiognomie ihrer handschrift ..., um, wie er sie versicherte: 'die trägheit oder fertigkeit ihrer hervorbringenden kraft, die geradheit ..., reinheit oder schiefheit ihres charakters daraus zu entziffern' Klinger 3, 166; der versuch, 'die entstehung ... der arbeit an ihr gegenstück, die angeborene trägheit des menschen, anzuknüpfen K. Bücher arbeit u. rhythmus⁴ 4; die trägheit der blinden weltgemüther, welche nicht ehe an den todt gedencken wollen, bisz er vor der thür stehet Zend. a Zendoriis teutsche winternächte (1682) 479; ihr menschen von beschränktem blick, die ihr trägheit und ruhe, mithin abthun des geschäftes liebt, ihr findet bequemeres nichts als eine vollführte schöpfung Herder 23, 534 S.; erkühne dich, weise zu sein! energie des muts gehört dazu, die hindernisse zu bekämpfen, welche sowohl die trägheit der natur als die feigheit des herzens der belehrung entgegensetzen Schiller 10, 298 G.; den wunden fleck auch der besten unserer einrichtungen ..., die trägheit nämlich und bequemlichkeit der mit diesen dingen beauftragten G. Keller 1, 171; auch von einer vielheit von menschen gesagt: nun lag ihm im weg die incapacität, unfähigkeit und trägheit seiner Hebreern Dannhawer cat.-milch 1, 4; sie (die protestant. staaten) weckten die kräfte des landes, während der priesterliche absolutismus sie in trägheit und erstarrung hielt Häusser deutsche gesch. 1, 44; dasz er (Theoderich) die in den vorigen zeiten in eine trägheit versunkene fränkische nation glücklich zu neuen kriegen angefrischt habe M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 212. spec. vom temperament, 'phlegma'; mit gefühllosigkeit, gleichgiltigkeit verbunden: so weit ... wären wir gekommen in der trägheit und gefühllosigkeit, dasz es schon an sich ein verdienst wäre, in heftiger leidenschaft zu seyn, damit nur etwas den stehenden pfuhl unseres lebens umrührte Solger nachgel. schr. 2, 397 Tieck-Raumer; sie und ich können, dank sey unserer trägheit, den reizungen der knidischen Venus zusehn, ohne das schicksal des jungen menschen zu befürchten, dessen Lucian erwähnt Gerstenberg schlesw. litbr. 130 lit. denkm.; in betracht des charakters dieser guten leute merkten wir bald, dasz ihre güte des herzens und ihre friedfertigkeit zum theil mit natürlicher trägheit verbunden war G. Forster 2, 302; die deutsche trägheit und gleichgültigkeit erregt die galle G. Forster 8, 283; die ursache der opposition (war) in der natürlichen trägheit und der liebe zum alten zu suchen, da beides hauptzüge im charakter des Marschbauern sind Allmers Marschenbuch 1/2, 72.
b)
durch beziehung auf die stimmung und den willen des subjects mit dem beisinn der unlust, des widerstrebens: eh das jahr umgelaufen, kann die sache so gestellt seyn, dasz sie durch bösen willen und trägheit nicht leicht wieder rückgängig zu machen ist Göthe IV 29, 174 W.; die herren ... fanden durch die trägheit und übelwilligkeit der bauern ihre willkür und gesetzlose eigenmächtigkeit gerechtfertigt Bienemann altlivländ. erinnerg. 43; er (der zorn) ist auch berechtigt, wenn er für einen wahrhaften zweck durch trägheit und ränke durchschlägt Vischer ästhetik 1, 365; ihre vorsezliche trägheit im dienste lies den general der republik einen aufruhr befürchten Schiller 4, 138 G.; auch hütete er sich, da seine trägheit eine vorsätzliche war ..., unter die linie hinabzugehen, wo er weggeschickt worden wäre G. Keller 2, 132. bei steigerung des affects an 'miszmut', 'verdrossenheit' anklingend: accidia tracheit ahd. gloss. 3, 223ᵇ (summ. Heinrici) Steinm.-Siev.; auch bei Diefenbach 7ᶜ; Diefenbach-Wülcker 875; accidia ... quod est tristicia tragheit, qua, dum quis laborat, virtus vertitur in tedium Diefenbach mlat.-hd.-böhm. wb. 8; eglon (= egrimonia, accidia) nov. gloss. 146ᵃ; Diefenbach-Wülcker 875; vecordia Diefenbach 608ᵇ; annuncient opera eius in exultatione unde maren sie siniu uuergh in freuui, nals in dragheite Notker 2, 462 Piper;
er lat úch och geniessen
der grundlosen guͤeti sin
und raiset uch ain brosemli
hin von den genaden tischen,
daz wilunt úch ervrischen
in trakeit und unmuͦt.
úch wirt so wol ze muͦt
d. sälden hort 3571;
wenn diu melancoli ain oberhant nimpt und sich zeucht zuo dem haupt, sô kümpt dem menschen sweigen und betrahten und swærikait, wainen und trâkheit, vorht und sorg und klainmüetichait Konrad v. Megenberg buch der natur 31 Pfeiffer; etliche menschen sitzend (bei der andacht), etliche steend, ain tail geend hin und her, aber die weisz ist seltten nütz zuüben, es begäb sich dann, das ain mensche begriffen wär mit tragkait oder schwärmütikait, dem möcht es nutz sein, auff das er dester mundterer wurd Keisersberg predigen teutsch (1508) 9ᵇ; endlich soll er (der saphir) ein gegenmittel gegen die schwermuth und trägheit seyn Adelung magazin 2, 4, 128; eine gewisse trägheit und niedergeschlagenheit blieb aber demohngeachtet von dieser krankheit zurück K. Ph. Moritz Anton Reiser 73 lit. denkm.
2)
mit stärkerer hervorhebung des tadelnden sinnes: 'lässigkeit', vor allem 'faulheit': tracheit desidia, inertia, tepor ahd. gloss. 3, 234ᵃ; 242ᵇ; 262ᵃ Steinm.-Siev. (summ. Heinrici); pigritia Diefenbach 434ᵇ; desidia gloss. 176ᵃ; inertia gloss. 295ᶜ; ignavia gloss. 285ᵃ; tepor gloss. 578ᶜ; pigritia tragkeit, faulkeit, müssigkeit, sorglose, läwigkeit ... Schöpper synon. 29ᵇ Schulte-Kemm.; ignavia faulheit, tragheit, zagheit, liederligkeit, hinlässigkeit Frisius (1556) 644ᵃ; gern mit faulheit verbunden: van tracheyt unde vuelheyt Hans v. Ghetelen dat narrenschyp 186 Brandes; alls wolt er (gott) uns unser tragheyt und faulheyt erynnern und vermanen Luther 15, 111 W.; aus trunckenheit erfolgt die tragkeit und faullentz Wickram 3, 260 lit. ver.; thoren seynd es, welche durch faul- und trägheit berühmt zu werden gedencken Treuer deutscher Dädalus 1 (1675) 108;
wehe dem ...,
der die trägheit sanft zu betten ist bemüht
und den pelz der faulheit weich zu füttern
Rückert 11, 477;
ebenso gern mit dem attribut faul:
die vierde torhait zimpt nicht wol,
als das ainer scheucht ain ding, das er tuen sol.
das ist von übriger grosser lasshait.
das selb haist man faule traghait
Vintler blume der tugend 2789;
muͦsse ..., die ich lieber lesung der geschrift danne fuler träghait geben wolt N. v. Wyle translat. 113 lit. ver.; einer der aus fauler trägheit die himmelstrasze nicht lauffen mag Grimmelshausen 2, 483 Keller; dem fleisz gegenübergestellt: ihrer (der Normänner) trägheit bleibt kein mittel übrig, als mit ihrem blute den unterhalt zu erkaufen, den ihr fleisz nicht erwirbet Haller Alfred (1773) 43; mitten aus dem fleisz und der einigkeit können vorwände der trägheit und des zwistes entspringen J. Grimm th. 1, viii.
a)
als allgemeiner moralischer vorwurf:
ziehet in iu selben zêren.
die wîle daz er kint sî,
lâzet in niht gên frî.
muoze unt trâcheit
wirt dike in alter lait
kaiserchronik 1644 E. Schröder;
solche seine ruͦw und fridsam wesen haben im nachmals seine widerwertige für ein forcht und trägheit angezogen Achacius chronica des Joh. Sleidani (1557) 378ᵃ; es beklagt sich ... Julianus ... ab der tragheit seiner hauptleuten, deszwegen ihm bemelter keyser andere helffer zuͦordnet, die etwas fruͦtiger waren Stumpf Schweytzerchron. (1606) 185ᵃ; die trägheit der müszigen jugend, welche dem spielen und sauffen abwarten Harsdörffer teutsch. secretarius 2, 718; diese (mode) ist, dasz viele müttern aus einer puren trägheit das amt, ihre leibesfrucht zu säugen, fremden ammen ... abtretten Bodmer-Breitinger disc. d. mahlern (1721) 2, 178; die trägheit ist eines fürsten gröszter fehler Haller Usong (1771) 372; mag sich der unfähige einer schimpflichen trägheit ergeben Schiller 14, 236 G.; häufig verwandten begriffen coordiniert: von der unerkantnúst sin selbez ... kumet sumkait, trakait, urdrutze s. Georg. prediger 331 Rieder; vil (der obersten) von wegen ihrer selbstfahrlessigkeit und tragheit nicht allein gemeine sachen, sonder auch ihr eigen leben zumal ubergeben Xylander Polybius (1574) 170; die hertzen ... geriethen darüber in trägheit und unachtsamkeit G. Arnold kirchen- und ketzerhist. (1699) 2, 118ᵇ; dasz jene worte von einer groszen gunst zeugen, wenn sie nicht das gegentheil enthalten, mich nämlich der trägheit und nachlässigkeit anschuldigen Nitzsch dtsche studien 77; sprichwörtlich:
de in tracheyt den sommer henneslyt
unde sammelt nicht in tor rechten tyd,
em wert gheweigert, so he biddet mit flyt,
des winters, wan he kummer lyd.
Hans v. Ghetelen dat narrenschyp 137 Brandes;
trakheyt muosz offt mangel han und gebrachen lyden (überschrift) Steinhöwel Äsop 360 lit. ver.;
tragkeit fyndt man in allen geschlechten
vorusz inn dienstmägten und knechten
S. Brant narrensch. 92 Zarncke;
vgl. Petri der Teutschen weisheit (1605) t t 6ᵃ;
trägheit geht so langsam voran,
dasz armut sie bald einholt
u. a. sprichwörter bei Lipperheide spruchwb. 869 f.
b)
spec. im religiösen sinne, vornehmlich bis ins 18. jh. gebräuchlich: daz wir guͤtú werch sont uͤben und sont da mitte die boͤsen trakait weken s. Georg. prediger 118 Rieder;
wenn die andern teuffel ...
fachten an die lewt zu sünden, ...
zu trägheit, zoren und todtstechen
H. Sachs 9, 487 lit. ver.;
ach der groszen trägheit und faulheit in unserm stande, daz wir so bald abweichen von der liebe gottes J. Arnd Thomas a Kempis (1631) 22; als eine der sieben hauptsünden angesehen:
hochfart, uncheusch, neid und has,
trachait, trunchenhait und vras
Suchenwirt 40, 18;
die sieben todsünd, hoffarth etc. (werden eingeschlossen) im ersten und andern (gebot), ... tragheit im dritten und wol in allen Luther 1, 254 W.; vgl. 7, 679; häufig mit präpositionaler fügung:
die werlt vil nahe, wiszent daz,
ist in gotes dinste laz:
an guten dingen drakeit,
der ist vil, daz ist mir leit
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 493;
das unsz nicht uberfalle ... die tragheyt zu dem gütten Luther 10, 2, 399 W.; verpeutet allen lust, anreitzung und neigung zu dem argen sampt allem verdrusz, schew und tragheit zum guͦten reformation von Cöln (1545) 53ᵇ; so bes. mit gottesdienst verbunden: die drite undugent heisset trakeit an gotes dienste Berthold v. Regensburg 194 Kling; diese duͦget (die geistliche freude) verdrivet die groze sunde, die heizet traheit zuͦ godesdinste die lilie 2 Wüst; wie wol tragheit an dem gottesdienst iederman obel an stot, so sollen die ordenszlüt nit träg sein, fuͦl und lasz Pauli schimpf u. ernst 173 lit. ver.; tragkeyt zu gottis dienst Luther 7, 209 W.; o gott, wir bekennen und ist uns leyd unser trägheit, müsziggang und faulheit im gottesdienst Spee güld. tugendb. (1649) 333.
C.
compositionen. trägheit wird nicht allzu häufig im genetiv (ohne das gen.-s gelegentlich in poetischer diction s. -fülle, -last und in älterer sprache s. -teufel) mit substantiven als zweitem glied verbunden; zuerst 1610 belegt s. -teufel, häufiger erst vom 18. jh. an. die bedeutung B ist am stärksten vertreten, A nur in der physikalischen verwendung 2 b:
trägheitsausdruck
non so che dire (ich weisz nicht, was ich sagen soll), ist ebenfalls solch ein trägheitsausdruck, wo man sich ein wichtiges ansehen zu geben sucht
K. Ph. Moritz reisen e. Deutschen 3, 62;
trägheitsbann
erst der hereinbrechende kühlere abend löste den trägheitsbann, und eine heitere, gespannte stimmung, wie immer, wenn nach längern tagen seefahrt land in aussicht steht, bemächtigte sich unserer
Soyaux Westafrika 1, 20;
trägheitsbehelf
bei dem eingeschwärzten trägheitsbehelf feindsprachiger ausdrücke ('nation' statt 'volkstum') ... fehlt das wichtigste stufenwort, eben unser volkstum F. L. Jahn 2, 489; 1, 138;
trägheitfülle
todesstille,
trägheitfülle
drückt euch nieder.
auf! der bräutgam kommet wieder
Herder 29, 624 S.;
trägheitsgeist
diesen ausführungen (ein gut zu parcellieren) widersetzte sich ... die blindheit, der sklavensinn, der unterdrückten unter ketten stets schnarchender trägheitsgeist
K. F. Cramer Neseggab 4, 352;
trägheitsgesetz
zu A 2 b:
das erste bewegungsgesetz, das trägheits- oder beharrungsgesetz, lautet nach Newton ...: ... ein jeder körper verharrt im zustand der ruhe oder der gleichförmigen, geradlinigen bewegung, solange keine kraftwirkung ihn veranlaszt, seinen (bewegungs-)zustand zu verändern
O. D. Chwolson lehrb. d. phys. (1926) 1, 1, 76;
vgl. Berliner-Scheel physik. handwb. (1932) 528; bildlich bei Gutzkow 10, 106;
trägheitshalbmesser
zu A 2 b:
der trägheitshalbmesser ... ist die entfernung von der drehachse, in welcher man die ganze masse, sofern man sie in einen punkt zusammendrängen könnte, anbringen müszte, damit ihr trägheitsmoment dem des körpers gleich werde
Mothes illustr. baulex. 4, 363;
Hoyer-Kreuter 1, 772;
trägheitskraft
beharrungsvermögen der körper, vis inertiae, s. A 2 b, vgl. Berliner-Scheel physikal. wb. 792:
Newton gab der ausdehnung vieles wieder, was Descartes ihr geraubt hatte — nemlich die eigenschaften, die ihr sein groszer vorgänger Keppler gegeben, trägheitskraft und zentralkräfte, die in anziehende und abstoszende zerfallen
Schönborn aufzeichn. über erlebtes 47;
gern bildlich:
die menschenseele äuszert ... einen erhaltungstrieb oder eine trägheitskraft, die dahin geht, sich blos in ihrer dermaligen verfassung zu erhalten
Tetens philos. vers. üb. d. menschl. natur 1, 698 Übele;
jene wohlthätige trägheitskraft oder vis inertiae, womit die schlechtesten wesen und was nur ein stückchen existenz hat, ausgepolstert sind
Jean Paul 4, 72 Hempel;
es liegt im menschen eine centrifugalkraft, die, wenn die gewohnheit und die übrigen trägheitskräfte lange betäubend und niederdrückend aufgelegen, plötzlich ... das ruhende auftreibt
Görres 3, 308;
trägheitskrücke
Österreich ... sträubt sich ..., die trägheitskrücke dieser vierköpfigen allianz zu verlieren
Humboldt an Karoline 5, 61;
trägheitlast
so oft befällt mich kaltsinn. immer
fühl ich des fleisches trägheitlast
Lavater christl. lieder (1780) 2, 61;
trägheitsmoment
zu A 2 b, 'die summe der produkte aus der masse der einzelnen teilchen eines körpers, jedes multipliziert mit dem quadrat seines abstandes von der drehachse' Berndt physikal. wb. 171; Lueger 7, 699 ff.: wegen des groszen trägheitsmomentes ... finden sie (die träger) ihre hauptverwendung als säulen Schönermark-Stüber hochbaulex. 828; bei massivgeschossen nimmt das trägheitsmoment ... bei verkleinerung des kalibers ab v. Alten handb. 4, 601;
trägheitsperiode
nach ihrem abgange kam eine dumpfheit über mich ... früher waren schon briefe eingelaufen, und während ... meiner trägheitsperiode noch mehrere. kurz vor den Christtagen riss ich mich endlich aus meiner dictirfaulheit
K. v. Wolzogen literar. nachlasz 2, 377;
trägheitsradius
Lueger 6, 718 dasselbe wie -halbmesser;
trägheitsschlaf
England ... wird ... Spanien nicht verlassen aus hoffnung auf die künftigen handelsgewinnste, die es vom nicht leicht erwachenden trägheitsschlafe der Spanier erwartet
J. G. Scheffner mein leben (1821) 445;
trägheitssumpf
es ist schwer zu begreifen, wie ein vernünftiges geschöpf wie das faulthier so tief in den trägheitssumpf sich einzupfählen vermag, dasz es wahrhaftig lieber hungert als geht
Jean Paul 48, 421 Hempel;
trägheitssünde
an diesen stuhl will ich mich binden,
um nicht zu fallen in trägheitssünden;
und thu ich nichts, so will ich doch so thun,
als thät ich viel, so läszt es mich doch ruhn
A. v. Arnim 19, 109 Grimm;
trägheitsteufel
der trägheitsteufel bindet die seelen mit underschidlichen ketten (damit sie nicht busze tun) Albertinus Lucifers königreich (1616) 391; daneben ohne gen.-s: Saturnus, der trägheit teufel, ... zu allem guten faul, träg, unlustig ... war Guarinonius grewel (1610) 1029; die andere ketten desz trägheitteufels heist unfleisz ebda;
trägheitsvermögen
Hoyer-Kreuter 1, 772 gleichbedeutend mit trägheitskraft;
trägheitswiderstand
zu A 2 b: der stein (übt, wenn er geworfen wird,) auf die hand infolge seiner trägheit einen gegendruck, den trägheitswiderstand, aus in Müller-Pouillet lehrb. d. phys. (1929) 1, 236; vgl. ebda 1, 45;
trägheitswirkung
zu A 2 b:
das senken des lehrgerüstes ... muss allmälich vor sich gehen, weil sonst trägheitswirkungen der gewölbmassen ... schädigungen des gewölbes herbeiführen können
Lueger 1, 610.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1932), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1133, Z. 73.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
trotzteufel tröpflein
Zitationshilfe
„trägheitssünde“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tr%C3%A4gheitss%C3%BCnde>, abgerufen am 23.09.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)