Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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träglich1, adj. adv.

¹träglich, adj. adv.,
tragbar, erträglich. zuerst 1216 belegt (pfaffe Eberhard s. u. 2 a). selten ohne umlaut (traglich z. b. städtechron. 23, 353 [Augsburg 1533]; J. v. Watt dtsche histor. schr. 1, 134 und 328 Götzinger; Frisius [1556] 1313ᵇ). zuweilen mit fugenvokal (tregelich in der Wenzelbibel s. Jellinek mhd. wb. 722; urkdb. der stadt Freiberg in Sa. [1412] 1, 116 Ermisch; [1473] 1, 349; dregelich, dragelich Diefenbach 261ᶜ s. v. gestilis, gestabile; vgl. untregelich Steinhöwel th. 11, 3, 1948); auch in der form tragenlich Diefenbach 261ᶜ s. v. gestabile; tregenlich (1514) Chr. Fr. Sattler Württemberg unter den herzogen 1, beil. 170; vgl. untragenlich bei Niklas v. Wyle; untregenlich, unträgenlich bei Eberlin v. Günzburg th. 11, 3, 1948, ahd. (un)gatraganlih, unfartraganlih Graff 5, 496 und 499. in der literarischen sprache lebt das wort bis ins 17. jh. s. u. 2 a (von Adelung 4, 643 als veraltet bezeichnet); mundartlich bis heute nd. bezeugt: dräglik Berghaus Sassen 1, 357ᵇ; Dähnert plattdtsch. 85ᵃ; träglick Richey Hambg. 311; dreglich Mensing schlesw.-holst. 1, 854.
1)
tragbar, portabilis: gestilis dicitur id quod faciliter portari potest treglich Diefenbach mlat.-hd.-böhm. wb. 139; s. auch Diefenbach 261ᶜ und nov. gloss. 192ᵃ; für gestabile Diefenbach 261ᶜ; träglich portabilis Dasypodius (1536) 439ᵃ; tragbar, träglich, traghaft adj. et adv. portatilis, gestatorius Stieler (1691) 2306; Kramer 2 (1702) 1105ᵃ; also dasz ... man, wib und kind mit ir träglichen hab sölt haruss gon (z. j. 1499) Valerius Anshelm Berner chron. 2, 190; der stab ... der geometri ... soll von holtz gemacht sein ..., das er wol träglich sei und in der hand zuhalten Sebiz feldbau (1579) 472.
2)
erträglich, vgl. tragen III A 2 d, e:
a)
do on (dem verbrannten dom) de vruͦwe begunde wedder buwen,
or veddere konnig Otte, so se on bad,
gaff he or darto rike hulpe unde ok guden rad ...
dat se deste drechlikern schaden neme
unde dat werk deste er wedder an sine schone queme
pfaffe Eberhard reimchron. von Gandersheim 1675;
das übel ist vil treglicher, so man sich zuvor dartzu beraytet hat Luther 10, 3, 153 W.; nu ists ja nicht die lenge treglich, so zu schatzen und schinden ders. 18, 299 W.; das ein jeder schmertz träglicher wird, wann man die ursach, davon er entspringt, bewainen kan Wirsung Calixstus (1534) G 1ᵇ; on Christo aber ist kein leiden treglich S. Hafernitz Job (1530) 121ᵇ; in duobus malis cum fugiendum maius sit, levius est eligendum unter zweien ubeln sol man erwehlen, das am treglichsten und leichtesten ist B. Faber thesaurus (1587) 477ᵃ; gewalt ist träglicher zu dulden als unrecht Lehman floril. polit. 1, 334;
herr, mildre mir die straf, und lass sie träglich sein
Fleming dtsche ged. 1, 15 lit. ver.;
oft mit leidlich, süsz, leicht verbunden: das was nu eyn schwer gepot und bey uns gleich nicht treglich und leydlich, wenn man es so streng solt halten Luther 20, 242 W.; der Christen und gleubigen creutz und leiden ist treglich und leidlich Mathesius Syrach (1586) 3, 15ᵃ; nichts ist so böse, auch der todt selbs, das nicht süsze und treglich werde, wenn ich nur weysz und gewisz byn, das es gott wolgefellet Luther 10, 2, 295 W.; summa fried und einigkeit macht alle mühe und arbeit, des dings viel in regimenten ist, süss und treglich Mathesius Sarepta (1571) 232ᵃ; dasz sie (die arbeiter) aber nicht ... von müde wegen schlaffen, so machendt sie mit ihren lieblichen und geschickten berggesängen die harte und lange arbeit träglicher und leichter Bech Agricolas bergwerckb. (1621) 73; dem lande der Sodomer und Gomorrer (Tyro und Sidon, der Sodomer lande) wird es treglicher ergehen am jüngsten gerichte denn solcher stad Matth. 10, 15; 11, 22 und 24; danach oft, fast redensartlich, vgl.:
Sodoma wirdts treglicher sein
denn den, die underm frommen schein
treiben all sünd und büberey
B. Waldis Esopus 2, 52 Kurz;
vgl. noch Agricola sprichw. (1534) q 4ᵇ; H. Sachs 22, 10 G.; volksb. v. dr. Faust 6 Braune;
und Sodoma wird treglicher
urtheil dann dir (Jerusalem) gesprochen
Joh. Walther in Wackernagel dtsch. kirchenl. 3, 196.
selten von personen: es sind dieses fals die heidnischen tyrannen leidlicher und treglicher gewesen C. Spangenberg jagteufel n 1ᵇ. abgeblaszter nach 'mäszig', 'milde' hin: schreibe uns offte, damit uns das hefftige verlangen nach dir desto treglicher ankomme B. Faber thesaurus (1587) 69ᵃ;
er (gott) speiset mensch und alles vieh,
lasst kraut und früchten wachszen;
gibt wolfeyl alles dort und hie,
gar träglich sein die taxen
Spee trutznachtigall (1649) 150;
im sinne von 'mühelos', 'leicht': man solte nicht lange fragen, es were treglicher gethan als gefraget H. Merckel von der stadt Magdeburg belagerung (1587) g 2ᵃ. heute nur dialektisch: dräglik 'erträglich' Berghaus und Dähnert a. a. o.; dafür erträglich üblich, wie unerträglich für unträglich, s. th. 11, 3, 1948.
b)
mit persönlichem dativ vor allem prädicativ in verbindung mit sein: wat ere rat dar tho were, dat de stat best uth den schulden queme, dat drechlick were den armen als den ryken malk na siner macht städtechron. 26, 383 (Lübeck z. j. 1403); stellen furder in ewer bedencken, ob disz oder dergleichen zu ablernung aller beschwer disz handels euch leidlich sei und treklich sei (1508) acten der ständetage Preuszens 5, 524; sehen wir auch unsern nechsten an mit den augen, mit denen wir uns selber ansehen, so sehen wir gar wenig, das uns nit treglichen wer, dan alles, daz ich thuͦ, (mein ich) sol iederman mügen geleiden Keisersberg baum der seligkeit (1518) 24ᵇ; ist ... eir stat oder eim land nit träglich ergerlich läben irer klosterlüt, ist inen erloubt die klosterleüt verjagen Eberlin v. Günzburg 1, 140 ndr.; attributiv: in allen uns treglich und leidenlichen sachen (1510) Tübinger urkde s. Fischer schwäb. 2, 309. gelegentlich mit der nebenbedeutung 'zuträglich, nützlich':
er (der lahme) sprach zum blinden: 'lieber bruder,
bis du mein schif und ich dein ruder ...
so möchten wir zusammen wandern,
und unser einer hülf dem andern.'
dasselb war dem blinden beheglich
und in auch allen beiden treglich
B. Waldis Esopus 2, 145 Kurz;
Wolgemut Esopus (1623) 2, 416; vgl. die verbindung mit nützlich: und ist es den inwonern nutzlich, treglich und leitlich urkde des 16. jhs. bei Bauer-Collitz waldeck. 177; sich ... gehorsamlich halten und sollicher sachen befleissen, die aim rat und gemainer statt nutzlich, leidenlich und träglich seyen städtechron. 25, 60 (Augsburg, 1514).
c)
mit dem nebensinn 'angemessen', 'geziemend'; gern neben sinnverwandten ausdrücken: wir ... euch in zimlichen, traglichen, pillichen dingen ... wilfaren städtechron. 23, 353; das sey auff dismal genung von dem rechtmessigen, zugelassenen, treglichen jagen, damit unser lieber gott ... wol köndte zu frieden sein C. Spangenberg jagteufel h 4ᵃ; sulch hausz uns zu kauffe zu gestaten und vor ydermennigklich zuvoran zu vorgonnen in gleichem und tregelichem kouffe (1473) urkdb. der stadt Freiberg in Sa. 1, 349 Ermisch; als wolten ihre kon. mt. ... aus ihren furstlichen und andern vornehmen rethen dartzu delegiren, die ... die sachen vornehmen, uf christliche, erbarliche und tregliche wege richten, schliesslich tractiren und handlen sollen (1561) bei Bienemann briefe und urkd. 5, 216; eine christliche, erbare, tregliche ordnung machen urkd. des 16. jhs. bei Bauer-Collitz waldeck. 177; sonst: in all ir stat und land durch abstellung untugent und vorteil und durch anrichtung gotsdienst und ordnung vorab die er gots und mithin ein träglich, gmeinsam leben zuͦ erbuwen und zuͦ erhalten Valerius Anshelm Berner chron. 1, 223 (z. j. 1482).
3)
speciell niederdeutsch: een träglick gesicht facies deformis vel lugubris 'ein nicht empfehlendes gesicht' Schütze holstein. idiot. 4, 274; he geit träglick her 'er geht armsälig (Schütze: 'elend') gekleidet' Richey idiot. Hambg. 311, nach Richey aus unerträglich verstümmelt, nach Schütze als 'eben oder kaum zu ertragen'; gehört es aber überhaupt zu ¹träglich und nicht zu ²träglich 2?
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1932), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1150, Z. 14.

träglich2, adv.

²träglich, adv.,
träge, als adjectiv unlebendig, nur je einmal bei Notker, s. u. 2, im hl. Bonus, bei dem Italiener Thomasin v. Zercläre s. u. 3 und in einer glosse des voc. ex quo (1482), tabere fueln vel tragelich sin s. bei Diefenbach 571ᵃ belegt. als adverbielle -lich, -e, -en ableitung zu mhd. træge, trâc seit Wolfram von Eschenbach Parz. 4, 18 bis zum ende des 16. jhs. literarisch bezeugt, zuletzt im buch d. liebe (1587) 109ᵃ (1598 noch einmal in der occasionellen weiterbildung träglichtig languidulus Calepinus undec. ling. 792ᵃ), doch schon in den drucken Z-Oa der ersten deutschen bibel 4, 311 durch träg und faul ersetzt. auszerhalb des deutschen im holländischen: traeghelick tarde, segniter, ignaviter, pigre Kilianus Duffläus (1605) 564ᵇ; tragelijk adv., wenig gebräuchlich, in träger, langsamer weise, faul, sorglos Dale groot wb. der nl. taal⁴ 2, 1789. im mhd. überwiegt anfänglich die form mit a (æ nur hs. D von Wolframs Parz. und Heinrich v. Beringen 8697 — neben a 10035), dann aber die mit æ, e (trægleich, -en Konrad v. Megenberg buch der natur 56; 248; tregleichen ders. sphära 17; Tauler pred. 35 Vetter; trêclîchen dtsche mystiker 1, 175 Pfeiffer), während die mit -a- immer seltener wird (traklich Seuse dtsche schr. 228 Bihlm.; s. Georg. prediger 199; trâchliken Magdebg. Äsop 63, 5 Seelm.; zuletzt traglich noch bei S. Franck weltb. [1534] 144ᵃ; Frisius 352ᵇ und 644ᵃ). selten mit fugenvokal: dregelich(en) Diefenbach 591ᵃ; 573ᶜ; tragelich 571ᵃ.
1)
langsam, schwerfällig, in den glossen für tarde Diefenbach 573ᶜ; lente ebda 323ᶜ; tractim 591ᵃ, bes. von körperlicher bewegung: iedoch hân ich den krebz für sich sehen gên gar sain und trægleichen Konrad v. Megenberg buch der natur 248;
mit enem esele, de was schef,
tobroken, mager, trach unde olt ...
hirumme he trachliken gink,
des he vil mannigen slach entfink
Magdebg. Äsop 63, 5 Seelm.;
der jud ... steht auch nit traglich, sunder frisch auff, eingedenck, wann yetz ein christ käm, daran er etwas wiste zuͦgewinnen, so stünde eylendts auff S. Franck weltb. (1534) 144ᵃ. mhd. häufig als litotes verwandt, 'gar nicht':
daz man die trâglich vehten siht,
die dâ der künic ze herte hât ...
für daz unzîtlich lîden
siht man sî strîte mîden
Heinrich v. Beringen 10035;
vgl. 8697; Rudolf v. Ems Barlaam 121 Pfeiffer. auch von zähflüssigem: wann aber das bluͦt von den grossen aderen käm, genant vena maiorum, so geet es treglich heraus und ist grob und naiget sich zuͦ etlicher purpurfarbe schwartz Braunschweig chirurgia (1539) 17ᵃ. unsinnlicher: do antwertete her trêclîchen, wan her was nit wol gesprêche dtsche mystiker 1, 175 Pfeiffer.
2)
in der anwendung auf die stimmung und den willen des menschen drängt sich die bedeutung 'miszmutig, verdrossen' in den vordergrund; noch stärker, aber wohl occasionell, einmal bei Notker: intuens meum vultum gravem luctu atque deiectum in humum merore anasehende min analutte traglichez fone wuofte unde fone truregi nidergehangtez schr. 1, 13 P.; accidiose, anxie Diefenbach nov. gloss. 5, 27; swer ... mit swärem hertzen tragklich gotte dienet ane vrölich zuͦversiht, der mag niemer alz lihteklich und alz gelustklich gotte dienen alz der frilich im dienet s. Georg. prediger 199; sie (die rechte liebe) tuͦt nichcz träglich, sonder alweg schnel und unverdrossen, und ob sich etwann widerwertikait begäbe, so erbüt sie sich ungebetten mü, arbait und kümernüzs umb hilflich raͮt zeleiden Stainhöwel de claris mulieribus 111 lit. ver.; buch der liebe (1587) 312;
dâ soltu (Maria) mînen sin zuo strecken,
daz ich dich lobe nâch dînem rehte.
wan mir sündigem knehte
ist gar ze unmügelîch.
doch ist mînem willen niht træglîch,
ich sî dir dienstes bereite.
mîn zungen mir geleite
hl. Bonus 10 in zs. f. d. a. 2, 208;
vgl. mir ist nicht träge mihi non pigrum, sp. 1043.
3)
als tadel und vorwurf 'faul': treglich pegramente ital.-dtsch. sprachb. (1424) in Brenner-Hartmann Bayerns ma. 2, 417; ignave faulklich, traglich, zaglich, liederlich ... Frisius (1556) 644ᵃ;
aver daz ist billich unde reht,
daz der herre slahe den kneht,
swenner sich versûmt ze hart
an sîner træclîcher vart
Thomasin v. Zercläre 9540;
lasz uns nit lenger rasten noch tragklich beiten und hilfe, das wir die zierlichen junckfrawen erlösen volksbuch v. herzog Ernst 260 Bartsch; untz wie lang versaumt irs treglich und get nit ein zubesitzen das land (Luther seid ir so lass Jos. 18, 3) erste dtsche bibel 4, 311; das pewrisch gepöfel polnischer sprach der feldarbait treglich wartende ist mer geflissner zum getranck G. Alt buch d. cronicken (1493) 267ᵃ; sy ... bald auss dem kor gand oder träglichen stand on andacht das summertheil der heyl. leben (1472) 121ᵃ; wan wir sie (gottes gaben) hond und aber treglich und faulklich mit wircken, daz sie got uns solt nemen, noch nymet sie der herr uns nit Keisersberg evangelia (1517) 122ᵃ; wie träglich sorgt die göttin der liebe meiner hitz ein erkülung zu verleyhen buch der liebe (1587) 109ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1932), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1152, Z. 20.

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Zitationshilfe
„träglich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tr%C3%A4glich>, abgerufen am 22.09.2021.

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