Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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träumerig, adj.

träumerig, adj.,
träumerisch, langsam, träge; bedeutungsgleich mit träumig (s. d.), aber jünger; zuerst gebucht bei Steinbach träumerig insomniosus dt. wb. (1734) 2, 846. häufig in nd. maa.: de lüd vun de waterkant sünd all so'n beten drömerig Mensing schlesw.-holst. 1, 876; Doornkaat-Koolman ostfries. 1, 340; Dijkstra friesch wb. 1, 298; Frischbier preusz. 152; auch im ostmitteld.: Müller-Fraureuth obersächs. 1, 241. — schriftsprachlich aber durchaus ungewöhnlich: Breitinger scheint über alle beschreibung phlegmatisch, und Rüscheler sogar träumerig W. v. Humboldt 14, 166 (tageb. d. reise nach Paris 1789); das gehirn, in obacht solchen unfugs, wird träumerig werden G. Regis Rabelais (1832) 1, 361. abweichend: phantastisch, unberechenbar: der Otter ward alle tage träumeriger und toller Fouqué zauberring (1812) 3, 99.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1934), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1502, Z. 61.

träumerisch, adj.

träumerisch, adj.,
junge ableitung, wie träumerei; traum in erweiterter bedeutung (II A; II C) voraussetzend. zuerst umschrieben als somnolentus Steinbach dtsch. wb. (1734) 2, 846, also wohl ohne unterschied zu träumerig (s. d.), träumig (s. d.). in nd. maa. ist drömsk, drömsch auf diese bedeutung beschränkt: Doornkaat-Koolman ostfries. 1, 340; E. L. Fischer preusz. Samland 116, sowie dramisch im mittelfränk.: Christa Trier 70. bei Adelung 4 (1780) 1037 u. Campe 4 (1810) 869 wird der hochsprachliche bedeutungsumfang beschrieben, doch hat die in anlehnung an träumen II D entstandene bedeutung 'sinnend, geistesabwesend' (s. u. 3) mit ihren verschiedenen anwendungen und nuancierungen besonders unter dem einflusz romantischer sinnesart später stark gewuchert und andere bedeutungen verdrängt.
1)
nach traum II A von etwas geträumtem als nicht wirklich vorhanden, eingebildet, vermeintlich; heute ungewöhnlich: er konnte unmöglich erlangen, was er schon zu besitzen glaubte (nämlich ein dichter zu sein): und je älter er ward, desto hartnäckiger und unverschämter ward er, sich in diesem träumerischen besitze zu behaupten Lessing w. 10, 128 L.-M.; freilich war die einheit ... keine träumerische, sondern eine wirkliche Immermann 19, 173 H.
2)
nach traum II C 1 phantastisch, phantasievoll.
a)
von gegenständlicher oder seelisch-geistiger wirklichkeit als phantastisch, romantisch, fremdartig, weitschweifend: und dann bekämpftest du ein träumerisch ungeheuer theater d. Deutschen (1768) 1, 118; (in einer skizze) stoff: träumerisch Göthe I 41, 280 W.; die stadt war gutmütig genug, den falschen glanz dieses träumerischen hofes für etwas zu halten, das ihr ehre bringe E. Th. A. Hoffmann 10, 38 Grisebach; auf einem störrischen esel eröffnete der mummereienmeister den träumerischen zug G. Keller w. 2, 186; mit besonderer hervorhebung des bedeutungselementes 'verworren': nachtbezirk voll wustes und ... träumerischer nachgaukelung, dem spuk unserer mährchen gleich J. H. Voss antisymbolik (1824) 1, 233. gebräuchlicher von seelich-geistigen erscheinungen, oft mit negativem accent: halte das, was ich dir sagen werde, nicht für eine träumerische einbildung J. M. Babo schauspiele (1793) 23; träumerische ansichten über die veränderung der klimate A. v. Humboldt kosmos (1845) 4, 54; insbesondere solchen, die auf zukünftiges ausgerichtet sind, wie hoffnung, glauben u. s. w.: weil sich auch nicht einmal eine träumerische hoffnung mehr daran knüpfen liesz Raumer gesch. d. Hohenstaufen (1823) 4, 465; eine frohe hoffnung, ein träumerischer glaube haben meines lebens funken zur flamme angefacht Bettine die Günderode (1846) 1, 99. mit der nuance des sehnsuchtsvollen erinnerns: kein glanz, keine hoheit, die moderner zeit angehört, kann mir das träumerische hangen an früherer reichs- und stiftsherrlichkeit verdrängen L. Schücking bei Droste-H. br. (1893) 34. bei entsprechenden metaphern: um durch träumerischen nebel des unsinns die ... lüge ... unschädlich zu machen Bettine dies buch gehört d. könig (1843) 1, 213; (ich) spann ... den stoff zu groszen träumerischen geweben aus, wozu die erregte phantasie den einschlag gab G. Keller ges. w. 1, 83.
b)
vom träumenden als phantastisch überspannt, wirklichkeitsfremd oderpositiverals phantasievoll, phantasiebegabt, idealgesinnt: ich träumerischer knabe hielt mich bei der kaiserkrönung für ... den ... regenten von Vadutz Cl. Brentano ges. schr. 5, 10;
am meisten
hass ich träumerische schwärmer
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 163;
die ideale, die auch er, wie jetzt soviel edle und träumerische menschen, sich ... gebildet hatte K. Gutzkow ritter vom geiste 1, 25; substantiviert: das träumerische des dichters Gervinus gesch. d. dtsch. dichtg. (1853) 5, 91; übertragen auf lebensalter und charaktereigenschaften:
doch endlich, jugend, verglühst du ja,
du ruhelose, träumerische!
Hölderlin ges. dicht. 1, 199 Litzmann;
sie ... benahm sich mit der ihr eigenen und ... ihr siegreich zu gebote stehenden träumerischen kindlichkeit K. Gutzkow zauberer (1858) 1, 107; bildlich: wie manchen richtigen und irrigen gedanken mag ich auf meinem träumerischen pfade gedacht haben Herder w. 3, 185 S.
c)
als adv. ungewöhnlich; seltsame, phantastische gedanken bewirkend: der schatten des laubes spielt mir auf dem kleid, ... das amüsirt mich so träumerisch Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 333; der jäger, den diese entdeckung ganz träumerisch bewegte Immermann w. 1, 214 H.; vgl. noch: da schlug der bratenduft träumerisch an seine nase Scheffel (1907) 1, 149.
3)
nach traum II C 2 bzw. träumen II D sinnend, grübelnd, geistesabwesend, verträumt.
a)
von einem solchen menschen, seinen verhaltungsweisen, zuständen, merkmalen u. s. w. erst die weitere wortumgebung verdeutlich oft den bemerkenswerten unterschied zu 2 b.
α)
charakterisierend: dem wehmüthigen, brütenden, träumerischen Hamlet Börne ges. schr. (1829) 2, 172;
blasse, blonde, stille menschen,
träumerische, ahnungsreiche
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 47;
der träumerische knabe wurde lebendig S. Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 32; prädikativ: das nichtsthun machte dich grämlich und träumerisch Hölderlin ges. dicht. 2, 145 Litzmann; Leo selbst war ... fast träumerisch und unentschlossen geworden H. Laube ges. schr. (1875) 14, 137; von dem ganzen einer solchen seelischen verfassung: so sehr der schulmeister mein gedächtnis lobte, so unzufrieden war er mit meinem träumerischen wesen J. H. Voss antisymbolik (1824) 2, 82; Siegberts träumerisches gemüth hing noch eine weile an der verlebten ... szene K. Gutzkow ritter vom geiste 1, 35.
β)
von den aus solcher charakterbeschaffenheit flieszenden verhaltungsweisen und zuständen, ausgedrückt durch abstracta und substantivierte infinitiva: in einem lebensalter, wo die meisten jünglinge noch in träumerischer unbestimmtheit dämmern E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen (1845) 3, 146; die träumerische unthätigkeit der krone Dahlmann gesch. d. frz. rev. (1845) 200; ganz einer träumerischen stimmung hingegeben Fontane I 4, 239; ohne doch durch diese bewegung des armes aus ihrem träumerischen zustande aufzuwachen Holtei erz. schr. 4, 52; neigung zu einem zurückgezogenen träumerischen leben H. Steffens was ich erlebte (1840) 1, 36; weil keine unbefriedigten wünsche mich zu träumerischem müsziggange verleiteten G. Keller w. 1, 142; träumerisches behagen W. Raabe schüdderump (1870) 2, 119; oft stark pleonastisch: eine träumerische zerstreutheit Tieck schr. (1828) 5, 440; (Julie) geriet in träumerisches sinnen E. Th. A. Hoffmann w. 10, 174 Grisebach; in einem träumerischen, tiefen nachdenken G. Keller w. 2, 82; die träumerische erinnerung an einen ungewohnten zustand Fr. Schleiermacher sämtl. w. (1834) II 4, 82. adv.:
und sinnend lag ich am steuer des schiffes,
träumerisch sinnend
H. Heine w. 1, 177 Elster;
besonders in verbindung mit versinken, sich verlieren:
in stilles sinnen träumerisch versunken
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2, 205 Sch.;
bald träumerisch in schwärmerei verloren
Geibel w. (1888) 1, 83.
ganz ähnl. als adv. bzw. erster compositionsbestandteil bei entsprechenden adjectiven: er ... fand in der beobachtung des ... wellenspiegels eine träumerisch-gedankenvolle anregung H. Heine w. 7, 44 Elster; ein ... träumerisch nachdenklicher mann G. Freytag ges. w. 14, 15; ein ... träumerisch-dämmerndes gemüth P. Rosegger schr. (1895) II 2, 58.
γ)
von den entsprechenden körperlichen merkmalen und ausdruckswerten: wie ein ruhiger, liebender blick von mir in den himmel deiner träumerischen augen Cl. Brentano ges. schr. 8, 155 (an Sophie Mereau); eine nachdenkende, tiefsinnige, träumerische miene Börne ges. schr. (1829) 10, 77;
und auf den wangen flattert träumerisch feuer
Eichendorff w. (1864) 1, 462;
den träumerischen ... ausdruck seiner augen O. Ludwig gesammelte schriften (1891) 2, 418; adverbial die wendung träumerisch blicken variierend: was gucken sie (anrede) so träumerisch ins glas? Bettine dies buch gehört d. könig 1, 222; er schaute nur um so träumerischer vor sich hin G. Keller w. 2, 114; ihr blick ging ... träumerisch hinaus in die graue weite E. Höfer vergangene tage (1859) 10.
δ)
von handlungen, die durch träumerisch mit einem bestimmten stimmungswert begabt werden:
hier schweigt der greis, in sinnen eingewiegt,
dann wankt er fort mit träumerischem schritte
A. v. Droste-Hülshoff ges- schr. 2, 222 Sch.;
liebende in träumerischem plaudern über die brüstung gelehnt K. Gutzkow zauberer (1858) 2, 312; nach einem träumerischen ritte fürst Pückler briefw. u. tageb. (1873) 6, 123; daher vor allem adverbial; z. t. in festen verbindungen (vgl. träumen II D 4 u. 5): sie rückte sich gedankenvoll und träumerisch das tuch ... zurecht H. v. Kleist 3, 328 E. Schm.; er ... schreitet ... träumerisch zögernd daher R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 10, 365;
er träumerisch am ufer steht
A. v. Droste-Hülshoff w. (1879) 2, 119 Sch.;
wenn ich früher geküszt habe, sagte sie träumerisch R. Huch in meisternovellen 2, 181.
b)
im sinne romantischer belebung der gegenständlichen wirklichkeit von der natur, der landschaft u. s. w.: wo viel träumerische knöspchen auf feinen stielchen rankten Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 145; der träumerische baum Mörike w. 3, 120 Göschen; der hauch der haide mit ... ihren bald barocken, bald träumerischen wolkenbildern darüber A. v. Droste-Hülshoff br. an L. Schücking (1893) 226; die träumerische frühlingsflur Hebbel w. 7, 171 Werner; wo singend aus dem träumerischen duft die lerche aufstieg Storm w. (1899) 1, 206; adv.:
der frühling schmückt dort schon am uferrand
mit seidner wimper aller weiden augen,
die träumerisch ihr haupt zum spiegel neigen
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 6, 201;
mit blühendem mohne,
der träumerisch glänzt
Eichendorff sämtl. w. (1864) 561;
träumerisch im nest der schwalbe
zirpt die brut und zwitschert leise
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 64;
murmeln die fluten ihr märchen süsz und träumerisch H. Allmers marschenbuch 1, 102. besonders von licht und farben: als der mond durch die zwei langen glasthüren des balkons ... mit seinem träumerischen lichte einging Jean Paul w. 7, 229 H.; im träumerischen blau H. v. Barth nördl. Kalkalpen (1874) 525; von bestimmten stimmungswerten der landschaft:
und als die sonn im wellengrab verschwand,
zog träumerisches schweigen durch das land
Gaudy sämtl. w. 2, 25;
strömte träumerische milde
durch die weiche, warme luft rings
F. Freiligrath ges. dicht. (1870) 6, 25;
oder direct von ihren trägern, insbes. der nacht, so vielleicht die ursprünglich vorhandene möglichkeit einer bedeutungsentwicklung auf grund von traum I A andeutend: schwarzen flor deckt drauf die träumerische nacht Gottsched d. neueste (1751) 4, 754; die stimmung dieses sanften träumerischen abends H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 130; von akustischen vorgängen: ein schöner träumerischer gesang R. Schumann ges. schr. (1854) 4, 115; schlieszlich von kunstwerken:
wie sich dort das träumerische
marmorbild des gottes hebt
Mörike w. 1, 104 Göschen;
die träumerische arabeske verneint den willen O. Spengler unterg. d. abendlandes 1 (1918) 319.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1934), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1503, Z. 23.

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Zitationshilfe
„träumerig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tr%C3%A4umerig>, abgerufen am 28.09.2021.

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