Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

träumer, m.

träumer, m.,

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mhd. troumære, troumer; obd. auch weiterhin ohne umlaut: Diefenbach 542ᵃ; secht, der traumer kumpt erste dtsche bibel 3, 170 lit. ver.
1)
eigentlich: der während des schlafes träumt, somniator Diefenbach 542ᵃ; Dentzler clav. ling. lat. (1716) 734; somniosus, insomniosus Kilian (1605) 99; Stieler (1691) 2303; tr. dem etwas im schlaf fürkompt Hulsius-Ravellus (1616) 327:
nu sehet ze deme troumare (= Josef)
Wiener genesis 3578 Dollmayr;
darümb lach ich mich sölcher straf,
di oft der traimer thut im schlaf
J. v. Schwarzenberg Cicero (1535) 133ᵇ;
weckt ihn doch lieber auf; sonst wird er vester schlafen,
und dann seit ihr, nicht er, der träumer, zu bestrafen
Petrasch sämtl. lustsp. (1765) 1, 873;
der träumer wacht auf R. Schumann ges. schr. 1, 82. bezeichnende adj.: ein leiser druck ... weckte den finstern träumer auf Holtei erz. schr. 20, 99;
doch der schrei, der messerscharfe,
weckte nicht die wüsten träumer
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 97.
im vergleich:
dann stelt er sich gleich wie ein träumer,
sagt von der archen gulden eimer
Fischart Eulenspiegel 161 Hauffen;
es geht den dichtern wie den träumern, die im schlafe dasjenige innere gefühl, welches ihre seele durch wirkliche äuszere ursachen empfindet, gleichsam maskieren Heine w. 3, 229 Elster. vom gott des schlafs:
ja, mich kanstu, du lügen geist,
du treumer, wol durch sie betriegen:
ich kan fast keine nacht nicht ligen,
so wird sie zehnmal mir geweist
C. Stieler geharnschte Venus 110 ndr.
2)
traumausleger, traumdeuter seiner eignen träume sowie der anderer; nur in älterer sprache: wenn ein prophet oder troͤumer (qui somnium vidisse se dicat) under euch wirt aufston Züricher bibel (1531) 5. Mose 13, 2;
die träumer aber mit gefehrn
legten im den traum fälschlich aus
H. Sachs 16, 145 lit. ver.;
ein weissager oder ein traumer Äg. Albertinus d. welt thurnierplatz (1614) 295; archaisierend, mit dem accent der bedeutung 3 (s. u.):
wahrsager: nimm vor des märzen idus dich in acht.
Cäsar: er ist ein träumer: laszt ihn gehn, und kommt
Shakespeare 2, 13.
3)
phantast.
a)
mit starker betonung des gegensatzes von schein und wirklichkeit oder wahrheit. in der literatur des 16. jh. subjectiver denker über religiöse gegenstände (vgl. träumen II A 2 a und traum II A 2 a): vertheidige deine verfuͤrung nicht, wie die falschen geister oder treumer Luther 7, 515 Bindseil (zu prediger 5, 5); falsche lehrer ..., die ihre dräumb fürgeben (als Zwinglius ein traumer gewesst) Joh. Nas das antipap. eins u. hundert 2, 143ᵇ;
darumb Christus die seinen warnt, ...,
sich vorzusehen vor denen zeichen,
so von falschen träumern herreichen
Kirchhof wendunmuth 2, 106 lit. ver.
späterhin allgemeiner als gegenbegriff zum echten wissenschaftler: beweises genug, dasz die physiognomik ein traum, und der physiognomist ein träumer sei Lavater fragmente (1775) 1, 137; in verwandtschaft mit den träumern der vernunft stehen die träumer der empfindung Kant (1838) 3, 76 Hart.; der sich nie von solchen träumern, was gerecht sei, vordemonstriren liesz G. Forster 3, 95; das ist so wenig phantastisch, wie es die ersten berechnungen seiner brücke gewesen sind, die jeder für die ausschweifung eines träumers gehalten hat E. G. Kolbenheyer d. brücke (1929) 24. daher in solcher synonymik: aber ich habe oft ermahnt die artzt, dasz sie sollen astronomi und philosophi sein, nicht schwetzer, träumer Paracelsus op. (1616) 1, 637 Huser; schwarm der unnützen wäscher und träumer J. J. Schwabe belustigungen 1, 73; als ob die ihm fremde wissenschaft der anarchie preis gegeben wäre, ein feld für glücksritter oder träumer Welcker alte denkm. 3, 233. heute auszerhalb einer solchen bestimmten bezogenheit mannigfach nuanciert: schwärmer, gaukler, geheimniskrämer u. s. w.: der abbé von St. Pierre sandte eine fluth kecker blätter gegen die monarchie; aber man belächelte noch den 'träumer' Justi Winckelmann (1866) 1, 218; du bist ... ein überspannter träumer G. Freytag w. 7, 269;
dies sind die nichtigen träumer, die mit künsten,
mit unerlaubten, unsern sinn betrügen
Tieck schr. (1828) 2, 39.
redensartlich: sie mögen mich nun für einen träumer halten Schiller 14, 234 G.;
mögt ihr mich träumer schelten,
beweinen musz ich euch
M. v. Schenkendorf ged. (1815) 165.
b)
ähnlich, doch mit bezug auf zukünftige, erhoffte, zu gestaltende wirklichkeit; in der regel mit starker negativer betonung: nicht was der mensch bei uns ist, oder gar was er nach den begriffen irgend eines träumers sein soll; sondern was er überall auf der erde und doch zugleich in jeglichem strich besonders ist, ..., das lasset uns auch als absicht der natur betrachten Herder w. 13, 27 S.;
sie sind
der träumer nicht, der etwas unternähme,
was nicht geendigt werden kann
Schiller 5, 326 G.;
die idealisten, die träumer von einem goldenen zeitalter allgemeiner menschenliebe Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 2, 43; besonders von politischen schwärmern u. ähnl.: die auf einheit dringen, werden verrufen als philosophische träumer Görres ges. schr. (1854) 2, 213; Molter ist der alte träumer einer volkskirche, in der jeder seinen eignen zuschnitt suchen mag H. Fr. Blunck d. weibsmühle (1927) 241.
c)
ähnlich, doch unter milderung des negativen sinnes und gelegentlicher wertsteigerung 'phantasievoller, leicht erregbarer mensch, idealist, genie, romantiker': wer hingegen am schlusse des 18. jh. noch pharisäer genug ist, sich selbst oder der welt zu heucheln, er habe die warheit; den rufen wir auf, den ersten stein auf unsern träumer zu werfen G. Forster sämtl. schr. (1843) 5, 306; der mann ist ein träumer, ein genie Holtei erz. schr. 2, 11; den träumer, der das wunderbare liebt, reizt eben das seltsame und abentheuerliche einer solchen erscheinung Schiller 4, 63 G.; von religiösen schwärmern:
ihr habt ihn (Christus) sterben sehn, den träumer, den propheten
J. Fr. W. Zachariä poet. schr. (1763) 3, 244;
von dichtern: der harmonische träumer Klopstock zeiget, wie man träume in wahrheiten verwandeln (kann) Frh. v. Schönaich ästhetik (1754) 201; der dichter ist nur ein rasender träumer Herder 8, 195 S.;
hier belauscht sie der dichter ...
was der himmel nur herrliches hat, was glücklich die erde
reizendes immer gebar, das erscheint dem wachenden träumer
Göthe I 2, 128 W.
4)
grübler, sinnierer; cogitabundus, meditabundus, homo melancholicus et delirus, qui cogitationibus nimium indulget Stieler (1691) 2303. vgl. die frühesten belege für träumen II D.
a)
den zustand der geistesabwesenheit voraussetzend: ein treumer gefällt mir nicht odi hominem abjecti animi Stieler 2303; als charaktereigenschaft, oft stark im absprechenden sinne: trottel, besonders ehetrottel, dummkopf; frigidus, segnis, languens, oscitans, cunctator, morator Stieler a. a. o. häufig im 17. jh.:
sie hett es nie gehofft,
dasz sie solt einen träumer kriegen
Gabr. Voigtländer oden u. lieder (1642) 20;
die wohlfarth des landes erforderte mehrmals, ... einer klugen Penelope einen albern träumer ... anzutrauen Lohenstein Arminius (1689) 1, 160ᵇ;
wer mit betrübter seel in sich säuft süszen wein,
der musz ein alter narr und rechter träumer sein
G. Treuer dtsch. Dädalus (1675) 1, 917;
auch heute noch so gebräuchlich: und was soll ein rasches mädchen mit einem träumer anfangen? Ludwig ges. schr. (1891) 1, 159. im übrigen stark nuanciert: der ... zerstreute, ... und der träumer werden nicht aufheitern J. A. Cramer d. nord. aufseher (1758) 1, 364; die träumer werden thäter E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 430; die miene eines träumers J. J. Engel schr. (1801) 1, 72; der träumer Johannes musz sich wohl verspätet ... haben D. Fr. Strausz ges. w. 4, 235;
dünkt er manchmal euch ein träumer,
nun, er war ja ein Westfale
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 5;
übertragen: eine wochenschrift ... unter dem titel 'der träumer' Dusch verm. w. (1754) )( 2ᵃ;
o mondschein,
du nächtlich stiller träumer
E. M. Arndt w. 5, 222 R.-M.;
sonderling:
man sagte mir, dasz du ein träumer seist
Schiller 16, 358 G.
redensart Hans der träumer, wohl nach dem engl. John-adreams:
und ich, ...,
ein blöder, schwachgemuther schurke, schleiche
wie Hans der träumer, meiner rache fremd
Shakespeare 3, 226;
Hans der träumer nannten sie ihn, — und in der tat — etwas verträumtes lag auf seinen gesichtszügen F. Holländer ges. w. 5, 1. die geistesabwesenheit mehr als eine vorübergehende zuständlichkeit voraussetzend: lassen sie doch den träumer sitzen theater d. Deutschen (1768) 7, 243; weshalb so schnell aus den freuden eines gastmahls in den ernst eines träumers versetzt? A. G. Meiszner Alcibiades (1781) 155; umso erschreckter fuhr er (Hans Unwirrsch) empor, als der reiter ... den träumer mit einem lauten hallo begrüszte W. Raabe hungerpastor (1864) 2, 25. häufig im vergleich unter annäherung an formelhaften gebrauch: ich war wie ein träumer, wie ein trunkener, fast nicht ertragend das ungeheure glück A. Stifter sämmtl. w. (1901) 1, 127;
ich stehe wie ein träumer in gedanken
Mörike w. 1, 55 Göschen;
warum er wie ein träumer auf das schweizergeläut hörte Alexis ruhe ist d. erste bürgerpflicht (1852) 1, 217.
b)
in erweiterung dieser bedeutung von einem zeit- und weltabgewandten gemüt:
er denkt nicht, dasz sich falsche bilder mahlen,
wenn furcht, wenn sehnsucht sich dem träumer nahn
Ariost ras. Roland 1, 224 Gries;
diese anklage rief den träumer ins wirkliche leben zurück Holtei erz. schr. 3, 110; diese träumer haben den anbruch der neuen zeit verschlafen Fr. L. Jahn w. (1884) 2, 312; gern von den Deutschen: die Deutschen gelten für gelehrte träumer J. Grimm kl. schr. (1864) 8, 445; Holtei erz. schr. 22, 21.
5)
als anrede. in verschiedenem sinne, besonders nach 3 und 4: träumer! warum schaffen sie sich qual, wo keine ist? A. G. Meiszner skizzen (1778) 1, 159;
prinz: ich weisz nicht, liebster Heinrich, wo ich bin.
Hohenzollern: in Fehrbellin, du sinnverwirrter träumer
H. v. Kleist 3, 28 E. Schm.;
innerhalb eines die schlafsituation als bild verwendenden ausdrucks: wenn jemand Lavatern vor die stirne schlägt und sagt, so wache doch auf, träumer, da schimpfen die candidaten der empfindsamkeit G. Chr. Lichtenberg aphorismen 2, 93 lit.-denkm.;
ich hebe meine stimme laut
ein wüstenherold für die noth:
wacht auf, ihr träumer, aufgeschaut!
A. v. Droste-Hülshoff w. 3, 80 Cotta.
den negativen accent ausnutzend als schimpfwort; vgl. L. Pansner schimpfwörterbuch (1839) 70ᵇ; besonders in den maa., wenn auch seltener als die bei traum compos.-typ 8 c aufgeführten zusammensetzungen.
6)
in der composition wenig gebräuchlich; des öfteren zuerst bei Pestalozzi (s. u.); in mehreren gruppen nach individuellem stilwillen als erstes compositionsglied für traum- eintretend, unter fast ausschlieszlicher verwendung der bedeutungen 3 und 4 und oft zu beiden die möglichkeit in sich schlieszend, zwecks beschreibung des träumers selbst nach seiner seelischen oder körperlichen eigenart, stark identifizierend (träumer-auge, -gemüt, -mensch, -miene u. s. w.), oder seiner existenz, zuständlichkeit, parallel zu traum compos.-typ 8 (-dasein, -glück, -leben), das ergebnis seines grübelns (-lehre u. s. w.), oder auch locale oder zeitliche vorbedingungen angebend (-kissen, -nacht u. s. w.) u. ähnl.:
träumerauge
in den braunen träumeraugen stand ein hilfloses lächeln
H. Hart wunderkinder 123;
träumerdasein
Heinrich Pestalozzi fühlte sich aus seinem jünglinghaften träumerdasein mitten ins leben versetzt
W. Schäfer lebenstag (1917) 52;
träumerglück
minuten voll träumerglück
A. v. Maltitz pfefferkörner 1, 83;
träumerkissen
auf dessen (des bettes) träumerkissen eben noch ein letztes, freundliches lächeln des mondes fiel K. Heucke nächte 74;
träumerleben
ein zur liederlichkeit und zum tr. höchst geneigtes geschöpf
Pestalozzi sämtl. schr. (1819) 3, 217;
träumerlehre
näher, vermeszner! warum empörst du den haufen, und wagst dich
wider das landesgesetz mit träumerlehr an die völker
Fr. v. Sonnenberg Donatoa (1806) 1, 431;
träumermansarde
setze dich auf den wackeligen stuhl, den einzigen meiner träumermansarde
H. Conradi ges. schr. 3, 4;
träumermensch
diese idealistischen träumermenschen
Pestalozzi sämtl. schr. (1819) 8, 281;
träumermiene
und schaut mit ernster träumermiene
die türme und die grauen giebeln
R. M. Rilke erste ged. 20;
träumermund
leben lallt ein träumermund
G. Falke ges. dicht. 4, 45;
träumernacht
folgen des eindrucks, den seine träumernacht auf ihn machte
Pestalozzi sämtl. schr. (1819) 4, 359;
träumernarrheit
weg seiner elendigkeit und seiner träumernarrheiten (wie er alles höherstehende ... gute in der welt ... betitelte)
Pestalozzi s. schr. (1819) 4, 304;
träumernatur
dieses beschauliche stilliegen auf dem wasser war eigentlich ganz nach meinem sinn und meiner tr. gemäss
G. Falke d. stadt m. d. gold. türmen 64;
träumernest
Sylvia ... musz ... für einige zeit in dieses träumernest
Pestalozzi sämtl. schr. (1819) 4, 227;
träumerpaar
so erscheint dem Joseph ein träumerpaar
Lavater nachgel. schr. 2, 59;
träumerplatz
dem stuhl am fenster, seinem gewohnten träumerplatz
H. Stehr geschichten aus dem mandelhause (1913) 72;
träumerseele
dieser gedanke schwebte mir immer vor meiner träumerseele
Pestalozzi sämtl. schr. (1819) 9, 244;
träumersinn
in meinem träumersinne
ebda 13, 296;
träumersprache
s ist eine träumersprache, und du sprichst
aus deinem schlaf
Shakespeare 3, 56;
träumerstunde
Pestalozzi s. schr. (1819) 4, 337;
er sehnte sich nach jenen stillen träumerstunden, die seine heimat ihm so überreich geschenkt hatte
A. F. Krause sonnensucher 434;
träumervolk
das denker- und träumervolk
R. Hamerling sämtl. w. 13, 234;
träumerwissenschaft
die linien der hände, welche in der träumerwissenschaft, die chiromantie heiszt, so allbedeutsam sind
Lavater physiognomik (1772) 46;
träumerzunft
die weichlichkeit stürzt uns in diese träumerzunft,
aus solchen büchern ist kein guter satz zu holen
Petrasch sämtl. lustsp. (1765) 2, 889;
träumerzustand
einen träumerzustand der menschheit
Pestalozzi s. schr. (1819) 4, 20.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1934), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1495, Z. 64.

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Zitationshilfe
„träumerlehre“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tr%C3%A4umerlehre>, abgerufen am 24.09.2021.

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