Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

trödel, m.

trödel, m.,
seit d. 15. jh. belegt, wie die zugehörigen trödeln und trödler in verschiedenartigen bedeutungskreisen, die sich z. t. bei den sinnverwandten trendel, trendeln (vgl. unten die bedeutung 1, 2 und 4) sowie grempel, grempeln, krämpel, krämpeln (vgl. unten 2 und 3) wiederfinden, ohne dasz, hier wie dort, der zusammenhang der einzelbedeutungen völlig geklärt wäre. auch das verhältnis von trödel, m., zu trödeln, vb., scheint verschiedenartig: trödel 'drehung' (s. u. 1), 'zögerung' (4) und z. t. wohl auch 'streit', 'zank' (3) sind als postverbalia von trödeln 'drehen' (1), 'zaudern' (2) her verständlich, nicht aber trödel 'kleinkram, handel' (2), von dem umgekehrt trödeln 'mit trödel handeln' als denominative ableitung erklärlich (s. u. trödeln 3, sp. 778). beachtenswert sind die gerade auf diesen bedeutungsbezirk beschränkten -eu-, -ei-varianten des stammvocals im älteren ostmd., s. u. offenbar musz mit mehrfachen bildungen, vielleicht sogar mit verschiedenen wortstämmen gerechnet werden, die sich überkreuzt haben. der stammvokal ist im 15. und 16. jh. vereinzelt -o-: trodel Tucher (s. u. 1); 1540 Leipzig. stadtrechn. (s. u. 2 b), troddelkremer Luther 34, 2, 331 W., sonst durchgehend -ö-. ostmd. entrundung zeigt tredel Stör (1602), s. u. 2; so heute mundartlich: tredel Pasch Altenburg 101. in der bedeutungsgruppe 2 begegnet neben -ö- in der thüring.-obersächs. schriftsprache vom 16. bis gegen ende des 17. jh. -eu- und -ei-, s. u. Luther, Speratus, Werner, Galenus, treutel Zendorius, treutelkramer Tetzelocramia (1617) e 4ᵃ. reste in den mundarten des gebiets: treidel 'trödel' Schulze nordthür. 32; vgl. auch s. v. trödeln, trödler sowie treudelfrau, -mann, -markt, treudlerey.
1)
postverbal zu trödeln als 'drehung, sich drehendes, gedrehtes' nur vereinzelt. als 'wasserstrudel': das die schiffe erschnappet, in einem trödel herumbgerissen, augenblicklichen zugrundt gefüret und zerschlunden worden J. B. Fickler Olay Magny historia (1567) 50. im 15. jh. von der überdrehung eines seils: dasz si dass moss mit keinem newen seil nemen, es wer denn, ... das das vor gar woll gestreckt und der trodel daraus kommen wäre E. Tucher baumeisterbuch 285 lit. ver. s. dazu: trödel zusammengedrehter faden Stalder 1, 306; drodel dass. Schmid schwäb. 136.
2)
am meisten gebraucht in dem bedeutungskreis 'kleinhandel, kleinkram', indem trödel wettbe werber wie grempel, trendel, tändel aus der schriftsprache verdrängt hat.
a)
häufiger uneigentlich mit einem allgemeineren bedeutungsgehalt in verächtlichem ton in der antikatholischen polemik: quia dominus praevidit quod ex isto sacramento satan würde ein trödel machen pro quibusdam personis Luther 34, 1, 212 W.; sie (die pfaffen) machen beim beten darumb so viel plapperns und plauderns, das si hoffeten ... das si durch disen treudel (hoc ostento) vom volck den zins verdienen und damit jhre wenste mesten P. Speratus übers. v. Luthers de instituendis ministris ecclesiae (1524) f 4ᵇ;
kein treidel mach aus gottes wort
Werner chronik von Magdeburg (1584) 191;
doch mus der prediger viel bas ausrichten dan die glocken, sonst würde ein teuffels treudel draus Luther 26, 234 W. aus jüngerer zeit vgl.: nun sind ... die messen krämerei und trödel Fr. L. Jahn werke 1, 386. gelegentlich prägnanter als 'feilsch-, hausierhandel': die empörungen der juden zeigen, dasz sie keine ... trödel treibende bevölkerung bildeten J. v. Döllinger akad. vorträge (1888) 1, 225; der ambulante trödel, welcher nichts anderes ist als hausierhandel Avé-Lallement gaunertum (1858) 2, 323.
b)
lokal: der trödelmarkt, vgl. forum promercale, scrutarium trödel A. Siber gemma (1588) 181: vor eynen alten maulkorp, auffm trodel kaufft, 3 gr. geben Leipziger stadtrechnung von 1540, aus d. manuscr. f. 144; die megde gehen zum trödel, es bleibt keine in keinem dienst, was si ein gantz jar an irem sauren liedlon erübrigen, das gehet umb st. Blasiustag alles dahin Joh. Matthesius Sarepta (1571) 25ᵃ; denn kommen sie auff universitäten, da legen sie das geschencke auffn trödel und vermarcken es wieder J. Prätorius der abentheuerliche glückstopf (1669) 131; hernachmahls verkauffte ichs (das gestohlene buch) auf dem treutel Zendor. a Zend. teutsche winternächte (1682) 398; hier will ich dich abmahlen und unter der alten weiber raritäten auf den treidel setzen G. Galenus d. verl. frauenzimmers schulkrankh. (1683) 167; so (zum verkauf) auf den trödel schicken Stoppe ged. 2 (1729) 179, geben Hippel s. w. (1828) 5, 172; meine liederhandschrift, die ich in Bonn auf dem trödel gekauft hatte H. Hoffmann v. Fallersleben ges. schriften (1888) 7, 128. specialisierter: treutel, drödel vestiarium (1723) Diefenbach 616ᵃ;
wolan, wir wolln die narrenkapn
den übergülten teuren lappn,
des bapsts, der pfaffen beste beut,
den höchsten diebstahl armer leut,
weil er alhie am tredel hangt,
und in des geistes kind auffschwangt,
beschauen wol
G. Stör geistl. schimpf und ernst (1602) 47.
c)
trödelware, neues und altes wertloses zeug: mit ohrengehängen, halsketten und silbernen sporen und anderem solchem trödel Eichendorff sämtliche werke (1864) 4, 140; wie ein jude (schätzt) seinen lumpichten trödel J. Gotthelf sämtliche schriften (1855) 3, 70;
ich streife von mir diesen alten trödel (das gewand),
und wer erkennt mich noch als Aschenbrödel?
Platen werke (1839) 179;
falschglänzender trödel in jedem fach, billige tassen und leuchter H. Carossa führung und geleit (1933) 181.
d)
übertragen auf geringgeschätztes:
ist es nicht staub, was diese hohe wand
aus hundert fächern mir verenget?
der trödel, der mit tausendfachem tand
in dieser mottenwelt mich dränget?
Göthe 14, 38 W.,
ich liebe die kirchen auf den bergen, sie gehören nicht in diesen häusertrödel B. Auerbach dorfgeschichten (1871) 3, 5; sie soll das frische naturkind bleiben mitten im trödel der stadt ebda 3, 58. so in weiter, auch abstracter anwendung, häufig mit geringwertenden attributen wie alt, veraltet u. ähnl.: er verfolgte gern die ettikette, diesen anständigen trödel, ... wo er konnte und durfte Lose schattenrisse (1783) 2, 46; heute ist wohlerzogenheit, diskretion, schonung von schwächeren — alles alter trödel P. Heyse wahrheit in: deutsche dichtung 11, 21ᵇ. zur kennzeichnung wertloser geistiger producte: ein ... kritiker, der hier mit seinem trödel von unreifen einfällen und aftergedanken und machtsprüchen aufgezogen kömmt Gerstenberg Hamb. neue ztg. 226 lit.-denkm.; den menschen als menschen zu erziehen und auszubilden, ... dazu sind die künste der musen oder sie sind trödel Herder werke 22, 315 S.; der müffigste mystische trödel Immermann werke 2, 168 Boxb.; so ganz von allem literarischen trödel entfernt A. Ruge briefwechsel 2, 103 Nerrlich; mit dem alten langweiligen trödel von romanen und schauspielen G. Steinhausen tgb. e. unbedeutenden 90.
3)
'streit, lärm': mit den fischweibern mag sie trödel anfangen W. Alexis ruhe (1852) 4, 205; jetzt ist wieder ein trödel im gange, angeregt von puritanern über das neue gesangbuch Fr. v. Raumer lebenserinn. (1861) 2, 308. s. dazu: trödel schelte Brendicke Berliner wortschatz 185; trödel streit, zank, händel Albrecht Leipziger ma. 225ᵃ. auch 'spasz, vergnügen': ... 'nein, kerl, es macht mir keinen trödel'. 'ich sage dir, der beste jux, geht erst an' Immermann werke 16, 381 Boxberger; es macht viel trödel bei Kluge studentenspr. 131; einen trödel anstellen für 1839 ebda. er hat seinen trödel mit ihm 'zieht ihn auf' Bauer-Collitz Waldeck 177. vgl. trödelhaft 3.
4)
nur vereinzelt postverbal zu dem so häufig gebrauchten trödeln 2: trödel verzögerung Müller-Fraureuth obersächs. 1, 252; mach ken tredel mach keine umstände Pasch Altenburg 101.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1936), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 772, Z. 44.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
trotzteufel tröpflein
Zitationshilfe
„trödel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tr%C3%B6del>, abgerufen am 24.09.2021.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)