trübnis f.
Fundstelle: Lfg. 8 (1939), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1207, Z. 14
betrübnis, kummer.
form. ahd. nur in der zusammengesetzten form gi-truobnessi, n. oder f. (= tristitia) Tatian 172, 2 u. ö. belegt; mhd. hauptsächlich in md. texten auftretend als trubenisse, trupnisse, als trübtnüsz Egerer fronleichnamsspiel 113 Milchsack (ende d. 13. jhs.), n. oder f., s. Lexer 2, 1537 s. v. trüebenisse; mnd. drôvenisse, drêvenisse, drôfnisse, f., s. Schiller-Lübben 1, 586; vgl. ags. gedrēfnes, f., verwirrung; mnl. droefnisse, nl. droefenis. in der schriftsprache schwankt der suffixvokal zwischen ü (u) und i bis in jüngere zeit hinein; frühnhd. ist ü bei obd. schriftstellern das gewöhnliche: trüpnússe (15. jh.) Dieb. Schilling Berner chron. 1, 133 Tobler; aber trübnis Val. Boltz Terenz (1539) 11ᵃ, Sigm. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 24; auch bei md. dichtern herrscht schwanken: trübnisz Opitz teutsche poemata (1624) 158 ndr.; dagegen trübnusz Spee trutznacht. (1649) 102, trübnüsz P. Fleming dtsche ged. 1, 523 Lapp. bei nd. autoren überwiegt i, doch nicht ohne ausnahme: trübnisz S. Dach 241 Österley; dagegen trübnüs ders. bei Fischer-Tümpel 3, 64. neben dem f. begegnet noch mehrfach das n. bis in die zweite hälfte des 17. jhs. (vgl. dazu H. Paul dt. gr. 5, § 53): ires trupnusz und schaden böhm. chron. (14. jh.) in: fontes rer. bohem. 3 (1882) 292ᵃ; für groszem trübnis Ringwaldt christl. warnung (1588) e 4ᵃ; alles trübnüs G. Galenus frauenzimmers schulkrankheit (1663) 236.
bedeutung und gebrauch. in der bedeutung identisch mit betrübnis (s. teil 1, 1721), und von diesem seit dem frühen 18. jh. fast ganz verdrängt, aber später gelegentlich wieder aufgenommen; in jüngerer sprache wie betrübnis für einen schwächeren grad der traurigkeit oder bedrängnis. nahezu durchweg entsprechend trübe, adj., II u. III und trüben, vb., I B vom seelischen zustand des menschen und einer diesen zustand bedingenden lage gebraucht. vereinzelt zu trübe I A 2 d vom wein: ich ... sah dem stillen werden der traube zu, deren heiliger geist, nach druck und trübnisz geklärt, einst das menschenherz erfreuen sollte Rosegger schr. (1895) I 3, 337.
1)
der seelische zustand der 'traurigkeit, kummer', zu trübe II A u. B; vgl. meror drupenisse (15. jh., md.) Diefenbach gl. 358ᶜ, mestitia drubnisz (voc. v. 1440, md.) 359ᵃ:
des het er trubnis unde we
buch der Maccabäer 2174 H.;
vroude mit trubnissin md. schachbuch in: zs. f. dt. altert. 17, 314; das er (gott) ... Jacob so lang lesset sitzen ynn groszer trübnis und leyd Luther 24, 659, 26 W.; die seinen, in groszer triebnus und schmerzen, sahen sich umb (1507) Ludwig v. Eyb Wilwolt v. Schaumburg 56 K.; von dem hunger, dürst ... will ich nichts sagen, sonder von dem dienst, ... trübnus, angst und zwangsal der seelen (in türkischer gefangenschaft) Seb. Franck chron. u. beschreib. d. Turckey (1530) c 2ᵇ; in todt, in angst, in trübnuss Paracelsus opera (1616) 2, 453 Huser; na drofnisse komen vrouwede (gaudia post lacrimas veniunt risusque decori) Tunnicius sprichw. nr. 68 Hoffmann v. Fall.;
zurgetzen ir trübnis und leid
setzt sie bald in die ewig freud
B. Waldis päpst. reich (1555) 1, 5;
darumb fleiszt sich unser freud in trübnuss zu kehren buch d. liebe (1587) 125ᵇ;
ein holdseligs jungfräulein zart,
... vertreibt viel trübnisz, angst und schmertz
W. Spangenberg anbind- oder fangbriefe (1623) 51, 140;
die aber Christum ... lieb haben, die ... loben ihn in aller trübnisz und angst Johan Arnd nachf. Christi (1631) 57;
aber du, o meine seele, ...
jage von dir alles trauren, lege trübnüsz von dir hin
G. Neumark musik.-poet. lustw. (1657) 2, 8;
und was für trübnis haben nicht eltern, wenn ihnen gott ihre liebe kinder nach einander durch den zeitlichen tod hinweg reiszt Joh. Quirsfeld geistl. myrrhengarten (1717) 27;
denk ich dein, musz bald verwehen
alle trübnisz weit und breit
Eichendorff s. w. (1864) 1, 566;
Victor schien alle trübnisz dahinten gelassen zu haben, als sie über die berge ritten 2, 88; 'ärger, verdrusz': wer viel kan, der hat viel trübnus Fr. Wilhelms sprichwörterreg. (1577). auch für die äuszerung der trauer, das laute wehklagen, vgl.trübe II B 1: (Martha et Magdalena lamentabiliter se ostendunt erga salvatorem. salvator dicit:)
wo habt ir Lazarum hin gelegt?
eür trübtnüsz mich ganz ser bewegt
Egerer fronleichnamsspiel (ende d. 13. jhs.) 113 Milchsack;
darüber unser doctor vil trübnus und weheklagen füret Mathesius ausgew. w. 3, 269 Lösche.
2)
zu trübe II D von äuszeren ereignissen, zuständen, handlungen, erfahrungen u. s. w., die betrübnis u. dgl. hervorrufen, im sinne 'bedrängnis, drangsal, leiden, ungemach, schwierigkeiten' u. dgl., synonym mit trübsal 1: (im himmel) ist leben an ende, jugint an alder, fride ane trubenisse (13. jh.) bei Adrian mittheil. aus handschr. 422, 21; auf dieser linie liegt auch:
(Adam und Eva) vilen hin zu tal
uz des paradyses sal
in trupnis und in kummer
Tilo v. Kulm v. siben ingesigeln 317 K.;
ähnlich: vom paradeis kompt man nit in himel, sondern aus trübnis A. Musculus vom himmel und der hellen (1559) g 4ᵃ: er wayszt, das das die recht strasz ist, so got den menschen füret, durch schmach zuͦ eer, durch trübnusz zuͦ fryd bei Clemen reformationsflugschr. 1, 116; alles unglück, trübnis, kranckheit und was für unfal disz leben auff sich hat A. Musculus hosenteufel (1555) 6 ndr.; gleich wie aber unter frommen und gotsfürchtigen eheleuten auch biszweilen creutz und trübnis mit unterleufft Ph. Wagner d. 128. psalm (1580) d 6ᵇ; zu der selben zeit werden deine kriegesleute ... einen schrecklichen fall und trübnisz leiden J. Prätorius anthrop. pluton. (1666) 3, 188; wohl hierher: mitten in diesen trübnissen (den physischen und seelischen unannehmlichkeiten des rückzuges 1792) sollte mir gerade das erwünschteste begegnen Göthe 33, 123 W.; wie weit hinter mir liegt nun jene trübnis P. Cornelius lit. w. (1904) 2, 65; die häuslichen geschicke des merkwürdigen mannes waren nicht ohne trübnis Ötker lebenserinn. 3 (1885) 69; in solcher trübnis ist es immer besser, es verlegt sich ein einziges rechtschaffen auf das beten, als betreibens ihrer mehr Anzengruber ges. w. (1890) 3, 55. selten von körperlichen beschwerden: seine ehegemal ... wegen trubnus und leibs ohnmacht ist nit mit gegangen J. Mechtel Limburger chron. 209 Knetsch; im bilde: des (redens) wir lieber wolten verschonet sein, sintemal wir die wunden und trübnis der ... kirchen nicht one ursach wider uffritzen ... solten Heinr. Roth catechismi predigt (1573) 1, i 1ᵃ. —
Zitationshilfe
„trübnis“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tr%C3%BCbnis>, abgerufen am 20.07.2019.

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