trachten n
Fundstelle: Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1004, Z. 72
1)
in der formel dichten und trachten hat der substantivierte infinitiv namentlich seit Luther ein fast selbständiges leben geführt, in denselben bedeutungen wie die verbale formel, vgl.trachten III; besonders üblich in der verbindung mit all, ganz und dem personalpronomen:
von schwerem krieg und groszen schlachten
ist all ihr dichten und ihr trachten
Weckherlin 1, 301 Fischer;
in solchem embsigen speculirn, seinem dichten und trachten kam er heim gen Hellen Ayrer hist. proc. iuris (1600) 229; all sein tichten und trachten fiel zusehens dahinaus, dasz ihm diese feyerlichkeit ... nicht unbekannt geblieben v. Hippel lebensläufe 3, 1, 258. zu trachten II hinüberleitend: das ... alles tichten und trachten ires hertzen nur böse war imerdar 1. Mos. 6, 5 (vgl. cuncta cogitatio cordis intenta esset ad malum, vulg.; aller der gedanck des hertzen was geneigt zuͦ dem übel erste dtsche bib.), meist mit 1. Mos. 8, 21: das tichten des menschlichen hertzen ist böse von jugent auff vermengt; so bei Mathesius Sar. (1571) 112ᵇ; Harsdörffer frauenz. gesprächsp. (1641 ff.) 8, 315; Raupach dram. w. kom. gattung 1, 3; ähnlich Schmolcke s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 37; egoismus ist ihr abgott, intriguen ihr einziges dichten und trachten Görres ges. br. 1, 8. weitergreifend:
der (gott) lenkt ohn unterlasz mein tichten und mein trachten
Gottsched Cato 265;
enge ist der kreis des menschlichen tichtens und trachtens Herder 18, 58 S.; vgl. 7, 168; aus unmittelbaren eingebungen der natur geht alles dichten und trachten ... hervor F. H. Jacobi werke 1, 289; die noch versunken sind in das tichten und trachten des irdischen lebens und der sinnlichen lust Schleiermacher II 4, 145; eindeutiger im sinne von trachten 'streben': alle dein tichten und trachten dahin stunde, wie du die zäuberey zu wegen bringen möchtest volksb. vom Dr. Faust 33 ndr.; weil mein tichten und trachten stets nach gelde stehet Barthrouherri 97 Olearius; all sein tichten und trachten sey nur auf Galathe E. Schmidt Lenziana 998; nach dir stand all mein trachten und dichten Kotzebue 2, 290 (1827); was das für menschen sind, deren ganze seele auf dem ceremoniell ruht, deren dichten und trachten jahrelang dahin geht, wie sie um einen stuhl weiter hinauf bei tische sich einschieben wollen Göthe 19, 95 W.
2)
in verbindung mit andern synonymen, wobei der charakter der formel sich verlieren kann. cogitatio gedanck, dichten, trachten Schöpper syn. 5ᵇ ndr.; dahin stehet all ihr thun und lassen, dichten und trachten v. Chemnitz schwed. krieg 1, 306;
sein tichten, trachten und verlangen
ist zu betriegen und zu fangen
Weckherlin 2, 16;
all euer tichten, trachten, ringen
ist mich zu unglük bringen
Reinicke fuchs (1650) 148;
ihr ganzes daseyn wird verflucht, leben und weben, tichten und trachten Herder 7, 97 S.; die haltung ihres characters ... d. i. wohin das resultat ihres denkens, dichtens und trachtens gehe ebda 23, 239; unsere seele soll mit ihrem denken, dichten und trachten zur ehre gottes und zum besten der menschen wirksam seyn Jung-Stilling 6, 171;
mein dichten, trachten, hoffen und verlangen
allein nach dir und deinen wesen drängt
Göthe 5, 66 W.
3)
andere formelhafte verbindungen, mehr oder minder synonym: animum auffert ad contemplationem zeucht das gemüt auf sinnen und trachten Frisius 140ᵃ; alles wirkt verhältnismäszig auf der welt ... das allgemeine verhältnis erkennet nur gott; deswegen alles menschliche, philosophische und auch physiognomische sinnen und trachten am ende auf ein bloszes stottern hinauslauft Lavater phys. fragm. 1, 141; zugleich geht sein sinnen und trachten dahin, das entvölkerte reich durch fremdlinge wieder herzustellen Göthe 7, 193 W. u. ö.; war sein sinnen und trachten auf herrschaft gerichtet Döllinger 1, 65, da alles sinnen und trachten des hauses nach dem essen gerichtet ist G. Keller 4, 172, all sein achten und trachten ist auf geld Luther 52, 431 W., ohne sein wollen und trachten Göthe 24, 336 W., mein thun und trachten engl. com. u. trag. (1624) d 6ᵃ; Lohenstein erleucht. hofmann v. 54; Ranke 39, 93; G. Keller 4, 220.
4)
sonstige substantivierung ist verhältnismäszig seltener: welches menschen überprâwe vil hârs habent ... der hât vil gedänk und tief trahten und vil traurichait Konr. v. Megenberg buch der natur 45 Pfeiffer; in mente et cogitatione aliqua versari im trachten sein und erwägen Frisius 1366ᵃ; diligentia fleiss, ernst, embsigkeit, trachten Schöpper syn. 5ᵇ Sch.-K.; auch literarisch nhd. gewöhnlich im sinne 'bemühen, streben':
ihr trachten gieng auff brand und fewr
Spreng Ilias 98ᵇ;
dein böses trachten hast du mir verrathen
Schiller 14, 356 G.;
ihr gewaltiges trachten nach güterbesitz Ritter erdkde 5, 644. wie dichten und trachten gern durch ganz, all, einzig u. ähnl. verstärkt:
nach einem ziele geht sein ganzes trachten
Gries Ariostos ras. Rol. 4, 53 (1804);
du zitternd erdenkind! wie sehr gehörte
der erde schon dein ganzes trachten an
Freiligrath 5, 24;
sein ganzes trachten sei darauf gerichtet, einen fortdauernden frieden herbeizuführen Häusser dtsche gesch. 4, 451; all ihr trachten ging nur auf weltliche dinge Eichendorff (1864) 2, 42; Ranke ²15, 351 u. ö.;
sein einzig trachten war, sich ehre zu gewinnen
Scheffel 2, 186;
trachten vb.
Fundstelle: Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 995, Z. 44
überlegen, streben.
herkunft und form. aus lat. tractare entlehnt Wackernagel umdeutschung ²49 wie auch ags. trahtian. in den ahd. glossen dient es in erster linie zur übersetzung von tractare (Graff 5, 513 f.; vgl. auch Tatian 94, 1: quid in via tractabatis? uuaz ir in uuege trahtotut?) und deckt sich in seiner anfänglichen bedeutung mit dessen speciellem gebrauch als 'de aliqua re disceptare, inquirere, disputare' Forcellini-de Vit 6, 132 nr. 18 oder disserere du Cange-Henschel 8, 142ᵇ; vgl. die glossierung von trahtôn mit reputare, disserere Graff a. a. o. damit verrät sich die sphäre, in der die entlehnung stattgefunden hat: die schule. trahtôn hat den terminus technicus für das nachdenken über eine zu beantwortende frage gebildet. sinnen bedeutet ahd. 'proficisci', 'tendere', denken allgemein 'cogitare'; nachdenken und überlegen werden nicht vor dem 15. jh. gebraucht. nach Schlutter zs. f. dt. wortf. 14, 141 (aufgenommen von Hellquist 40) soll sich noch ein einheimisches wort, das 'sehen' bedeutet, mit dem fremden in trahtôn vereinigt haben, vgl. δέρκομαι, ags. as. torht = 'klar', ahd. zoraht. doch fehlt es bis jetzt an sicheren belegen für trahtôn in der dann vorauszusetzenden, sinnlichen bedeutung 'videre'. das von Schlutter a. a. o. ins feld geführte bîtrahtôn circumspicere ahd. gloss. 2, 303, 61 ist nicht beweiskräftig, da es sich um übertragenen gebrauch handelt: vigilanti oculo semetipsam debet mens circumspicere, ne contra mala proximi pertrahatur ad retributionem mali. dazu sind die belege von trachten 'aufpassen, beobachten, halten für' (s. u.) selten und als übertragene verwendung von trahten = tractare leicht zu erklären. ags. trahtian (to expound; explain, to discuss Bosworth-Toller 1011), afries. trachtia (trachten Holthausen 115), as. trahtôn (überlegen Gallée vorstud. 325, vgl. auch gitrahtôn ebda 110); mhd., mnd., mndl. trachten; nd. und ndl. trachten. schwed. trakta (zuerst 1549 bezeugt und dän. tragte wie auch das compos. betrakta bzw. betragte sind aus dem nd. entlehnt Falk-Torp 1278; 65; Hellquist 998; 40. die eindeutschung von trahtôn zeigt sich schon in der dentalangleichung des gutturals im gegensatz zu fremdwörtern wie tract, tractat und tractieren. freilich ist das wort nicht in die umgangssprache des volkes aufgenommen; dem widerspricht nicht, dasz es die dialektwbb. öfter verzeichnen (s. u.). es ist jetzt im süden Deutschlands verbreiteter als im norden. aber auch in Österreich, wo es die gebildeten in der täglichen umgangssprache verwenden, ist es 'ein gewählter, nicht volkssprachlicher ausdruck, der besonders in der amtssprache beliebt ist' Kretschmer wortgeogr. 113 f., vgl. auch 18. zur verbreitung im nhd. hat Luthers bibelübersetzung viel beigetragen (dasz ... alles dichten und trachten ... böse war 1. Mos. 6, 5; trachtet nicht nach hohen dingen Röm. 12, 16; trachtet am ersten nach dem reich gottes Mt. 6, 33; Luk. 12, 31 u. a. m.).
bedeutung und gebrauch. trachten bedeutet zunächst wie tractare 'überlegen, nachdenken'. dann kommt eine zielvorstellung hinzu, also 'seine gedanken auf etwas richten, um in dessen besitz zu gelangen'; vgl. H. Paul Münchener sitz.ber. (1894) 74; auch J. Grimm dtsche gramm. 4, 839.
I.
überlegen, nachdenken.
A.
eigentlich. in dieser bedeutung wird trachten seit dem 17. jh. kaum mehr verwandt, vgl. Heinatz antibarb. 2, 475; Adelung 4, 636. sie ist heute nur noch im bair. (Schmeller-Fr. 1, 643) und im compos. betrachten lebendig, das heute für trachten I in seinem ganzen gebrauch üblich ist. in lat.-dtsch. wbb. dient trachten ahd. als übersetzung von tractare (überwiegend), auch reputare, disserere Graff 5, 513f.; mhd. und frühnhd. von meditari Diefenbach 353ᵇ; cogitare nov. gloss. 99ᵃ; fantasiari bezw. -e Herrigs archiv 47, 444ᵇ; Diefenbach 225ᵃ und vocab. v. 1445 bei Schmeller-Fr. 1, 643; fingere Diefenbach 236ᵃ; meditari trachten, fleyszig nahen sinnen Frisius 808ᵃ; animo agitare aliquid etwas in jm selbs trachten, erwägen 69ᵃ; exputare bedencken, sinnen, trachten, radtschlagen 521ᵇ; iudicare bey im selbs schätzen und gedencken oder trachten 739ᵇ; vgl. Alberus (1540) t 3ᵇ.
1)
mit accusativ-object. schon ahd. (Tatian 94, 1 s. o.) und mhd., z. b.:
si wolten mit ainander
trahten ir sache
Wernher Maria s. 213 Wesle;
vgl. schweizer Wernher 8693; Heinrich v. Neustadt 234 Apollon. secum aliquid volvere bey jm selbs mancherley sinnen und trachten Frisius 1405ᵃ; tag und nacht ein ding trachten und jm nachsinnen Maaler 404ᵈ; speculier und trachte daheim hohe ding Petrarche hülf, trost u. rath (1559) 193ᵃ; trachtend den spruch und bschouwend in eben N. Manuel Barb. 1179 Bächtold; trachte dise ding und erkenn nicht andre ding erste dtsche bibel 3, 33;
Jesu, ich bitt ... wer tracht sehr deiner marter ehr,
den thuͦstu nit verlassen
bei Kehrein kath. kirchenlieder 2, 34;
man kennt nur die fürnemesten (metalle) ... die andern will man ... lassen fürfahren und nicht tr. ihr eigenschafft Paracelsus op. (1616) 2, 1311ᵃ; besonders das ende tr.:
sindt witzig, und trachtend das end,
das gott das radt üch nit umb wend
Brant narr. 57, 41 Zarncke;
ach Tütschlandt, wie bistu verblendt,
das du so gar nit trachst das endt
schweiz. schausp. 2, 201 Bächt.;
heute nur mundartlich: wenn i s trâcht wenn ichs recht bedenke Schmeller-Fr. 1, 643. auch reflexiv 'sich überlegen': das sprach unser frow: 'Riwalt, bit mich was du wilt, daz gib ich dir'. da trachtet er sich, was er sy bitten wölt d. summer theil der heil. leben (1472) 119ᵇ. mit pronomin. gen.-object wohl nur ahd.:
oba thu es wola drahtos
Otfrid ad Hartm. 49;
wil thu thes wola drahton,   thu metar wolles ahton
1, 1, 43.
2)
in verbindung mit präpositionen; nach:
sus trahte er dâ lange
nâch Tristandes gange
Gotfr. v. Straszburg 13577;
yhr viel sein, die got mit groszer stimm preiszen, viel die von yhm gedencken und durch die vornunfft nach yhm tr. und speculiern Luther 7, 554, 18 W. auf: (der galander) traht nihts auf die vanknüss noch auf anders ihts denne auf sein gesang Konrad v. Megenberg buch d. nat. 176, 10;
warumme in aber diu cristenheit
ûf jenen tac habe geleit ...
darûf sal man trahten
Passional 46, 48 Köpke;
ähnlich 448, 71. trachten von ist tractare de nachgebildet: wer von unsers herren marter tr. wöl cgm. 4594 fol. 92 bei Schmeller-Fr. 1, 643; ich trachte von deynen wercken Luther 18, 521, 22 W. (ps. 142, 5 meditatus sum in ... operibus, jetzt: ich rede); (in der genesis ist beschrieben) wo her alle creaturn komen, sonderlich so der mensch mit der sunde und frumkeit, darvon alle welt nun tracht und dannocht nichts hat mugen erlangen 12, 438, 28;
ich tracht selber tag und nacht darvon,
wie ich es möcht werden ohn
(a. d. j. 1618) Regensburger fastnachtsp. in Bayerns maa. 2, 4 Brenner u. Hartmann.
3)
mit folgendem fragesatz (seit dem 16. jh. mit finalem einschlag, s. u. C):
drahto io zi guate,   so waz thir got gibiete
Otfrid 2, 9, 65;
nu tracht ob ditz gevaht
getailet wær geliche!
Joh. v. Würzburg 4758;
die wortt leren dich achten und tr., warumb Christus da sey Luther 11, 448 W.;
also fürausz bedenck und tracht,
wi gott all ding zum bästen macht
Schwarzenberg d. teutsch. Cic. (1535) 129ᵇ.
die belege aus der jüngsten zeit sind auf das bair. beschränkt: trâchte ə ̃ màl wó-st-əs nə́t kà ̃st besinne dich Schmeller-Fr. 1, 643; vgl.
hat hinum und hat herum tracht
und woasz halt gar nit, wie ers macht
K. Stieler ged. 2, 62 Reclam.
4)
selbständiger; als einführung directer rede (meist frage):
bî thiu moht er odo drahtôn,   in thesa wîsun ahtôn:
'oba thiz ist thes sun ...'
Otfrid 2, 4, 28;
si trahten vil besunder:
'jâ herre, wâ muge wir sîn?'
Rabenschlacht 373;
vgl. Dietrichs flucht 8218; Ulrich v. Lichtenstein frauend. 231, 17; 240, 25; ganz absolut:
er saz ...
gedenkende und trahtende,
in sînen sinnen ahtende
Gotfrid v. Straszburg Tristan 16083;
do begonde Danyel
trachten in im harte snel
Daniel 3654 Hübner;
alse der mensch trachtit, so wirkit alle di craft dar in der sele paradis. anim. intell. 97, 27 Strauch; da nah sol er sin in der nouicen celle, da trahte und ezze und slaffe (ubi meditetur ...) übers. d. Bened.-regel 58, 9 Käferbeck; in seinem gesecze wirt er tr. erste dtsche bibel 3, 9, 23; in lege eius meditabitur in seinem gesetze trachtet er Schede-Melissus 12 ndr.; zum andern denckt und tracht einer, er volnbringt aber die missethat nie Nigrinus von zäuberern (1592) 447;
eins tages ich spaciern gieng,
beyn mier selbst zu trachten anfieng
Ad. Schubarth hauszteufel b 3ᵃ.
5)
vereinzelt: ich trachte davor, das der herr nicht bässer di ihnen von mir erwiesene gebühr und schuldigkeit vergelten kan als ich Butschky hochd. kanzelley (1659) 169.
B.
erweitert.
1)
nicht so sehr seine gedanken als sein augenmerkt auf etwas richten. mustern, beobachten, acht geben:
hunt und schellen er began
bemerken unde trahten
Gotfrid v. Straszburg Tristan 15867;
(nach aufzählung der heerescontingente):
nu hân ich iu geahtet
mit ûzgenomen phlegen
und ebene getrahtet
die vil unverzagten degen
Rabenschlacht 582.
Judas ... sprach zu den Juden: 'tenckt und tracht
wem ich den kuss wird geben,
den greiffet an ...'
H. Folz meisterl. 1, 58;
tracht und secht: das er sucht sache wider mich (animadvertite et videte quod ...) erste dtsche bibel 5, 367; der man aber trachtet und hat acht auff sy (contemplabatur eam) die gantze bibel verd. (Zürich 1531) 1. Mos. 24ᶜ; brott und weyn odder der leyb und blutt Christi on die wortt angesehen werden dich leren, achten und trachten auff deyne werck Luther 11, 449 W.;
aber desz schaumens acht ich nit,
wann nit das speyen kompt darmit,
darauff so wart ich jetzt und tracht,
Fischart 2, 189 Hauffen.
auf derselben linie liegt die mhd. litotesfügung:
swaz übels den dar umbe geschiht,
des sol ich trahten kleine
Heinrich v. Meiszen 35, 6;
bin ich der rosse worden arm,
des ich doch lützel trahten soll
Göttw. Troj. 6357.
2)
trachten zu 'anrechnen':
daz man irz immer zeiner missetât trahtet
Lohengrin 2646;
derselben leib und güter (werden) den beschädigten zu gut getracht erklärung des landfriedens v. 1522, 13 überschrift.
C.
mit finalem bezw. optativem einschlag, zu trachten II hinüberführend 'seine gedanken auf etwas richten', aber noch nicht = streben nach.
1)
in verbindung mit indirectem fragesatz:
si trahten unde mâzen,
wie si daz dinc griffen an
Ottokar v. Steiermark reimchron. 15374;
trahte niht sêre,
wie sich dîn irdisch guot gemêre
Hugo v. Trimberg renner 10685 E.;
und tracht nit, wa es usz möcht gon
Murner narr. 253, 4 ndr.;
vil mer wünschen und trachten, wie wir von in hinausz kemen Luther 34, 2, 89 W.;
ich glaub dein vatter hab getracht,
wie er dich zu eim bischoff macht
Fischart w. 2, 295 v. 8191 Hauffen;
er ... trachtet, wie er uns ubers seil werffe Dedekind christl. ritter (1590) b 4ᵃ; er ... trachtet also, wie er den selben rächen möge Stumpf Schwytzerchron. (1606) 30ᵃ; ähnlich Moscherosch ges. (1650) 1, 135; zu tr., wie ich sie an einen mann ... verbinden könnte Hafner ges. lustsp. (1812) 1, 30; wir müssen tr., wie wir weiter von hinnen kommen Fouqué zauberr. (1813) 1, 118. das übergehen in die bedeutung von trachten II wird besonders deutlich an demonstrativem dahin und danach, das erst seit dem ende des 16. jh.s hinzugefügt wird:
dasz ein rechter hauszvater soll
vil mehr dahin trachten wol,
was dient zu nutz und bständigkeit
Sebiz feldbau (1579) 22;
so besonders seit dem 17. jh.: die catholischen ... dahin trachteten, wie ... die evangelischen ... vertilgt und ausgerottet werden möchten postreuter (1620) 61; haben sie ... dahin zu tr. angefangen: wie sie ihre hand ... auszstrecken ... möchten v. Chemnitz schwed. kriegs 1. th. (1648) 3, 1; ein sorgfältiger informator solte auch dahin tr., wie er ... überflüssige gedancken einflöszen möchte Weise grün. jugend 4 ndr.; dahin tr., wie wir ihnen bekand werden Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. l. (1720) 86; trachtete er mit allem fleis darnach, wie er Hagenaw vor ihnen salviren möchte v. Chemnitz schwed. kriegs 2. th. (1653) 162; trachtet er darnach, wie er den wurm des schwantzes berauben möchte volksb. v. geh. Siegfr. 80 ndr.
2)
in verbindung mit für und wider: trachten für etwa 'sorgen für': da (im tod) wird keyner fur ander leut tr., sondern eyn ytlicher fur sich selber sorgen Luther 17, 1, 456, 31 W.;
drumb solt ir nit sorgen noch trachten
auff erden hie für ewer leben
H. Sachs 1, 291, 12 K.
trachten wider sich auflehnen, sich wehren gegen:
dann wer sich zu eim könig macht,
derselb wider den keyser tracht
bei Kehrein kath. kirchenld. 1, 376;
man trachtet wider das geschosz und bereitet zur gegenwehr bollwerck Joh. Agricola sprichw. (1534) 185.
II.
streben. appeto, affecto, concupio tracht darnach, beger hefftig Alberus (1540) t 4ᵃ; studiare, sollecitare sorgen, trachten Hulsius (1618) 2, 400ᵇ. das ziel des strebens wird in der älteren sprache durch ein nominales object, einen objectsatz, eine präpositionale verbindung, einen infinitiv mit zu oder einen dasz-satz ausgedrückt. heute ist von diesen constructionen nur noch trachten nach lebendig.
1)
trachten mit accusativ-object 'etwas gutes oder schlechtes für sich oder einen andern erstreben, zu erlangen suchen'. die belege reichen vom mhd. bis ins 17. jh.
si ... heten getraht sêre
des fursten frum und êre
Ottokar österr. reimchron. 61162;
der herzog und sîn rât
trahten und erfunden,
swaz si guotes kunden
25842;
er traht mit voller maht des heiden sterben
Lohengrin 5500;
servire utilitati alicuius eines nutz schaffen und trachten Frisius (1556) 1420ᵃ; dasz ich es keiner bösen ursachen halben gethan, sondern hätte i. f. g. bestes damit getrachtet v. Schweinichen denkw. 61 Österley; vermöge dessen sie ihrer kays. maj. bestes zu tr. und schaden zu verwarnen schuldig sind acta publ. 1, 317 Palm; den allgemeinen wohlstandt dieses vaterlandes ... nach euserster möglichkeit zu tr. und zu befördern 2, 306; nicht immer klar von I A 1 zu scheiden:
tracht nun dyn heyl und volg uns gar
schweiz. schausp. 2, 25, 176 Bächt.;
dorumb tr. sie heymlich tuck, das nur uff das fest nicht geschehe Luther 34, 1, 192 W.; er trachtet böses in seinem herzen Dietenberger kath. bibel (1571) sprüche Salom. 6, 14;
dann mein hausz das ist ain betthausz.
darinn jhr übels würckt und tracht
Schwarzenberg d. teutsch Cic. (1535) 112;
sie trachten sinen tot bei Diefenbach-Wülcker 875;
Andreas dicit ad Ihesum: ... die Judden alle degelich
trachten und sichen (suchen) raid,
die der, herre, an din leben gat
Alsfelder passionssp. v. 2506 Grein.
nach dem 17. jh. nur noch vereinzelt in poetischer diction:
bekämpft sei, was ihr trachtet,
papstthum und barbarei
J. H. Voss ged. 5, 268;
was hab ich sonst gerufen und getrachtet!
nach einer andern ewigkeit geschmachtet
Körner werke 2, 53 Hempel.
2)
mit einem genitiv- oder dativ-object, selten: trachtet er seins vorteils Wilw. v. Schaumburg 154 K.; da dieselben die groszen ungestümb und den merklichen haufen volks und ir wesen und geber sahen, trachtet iedermann seinem negsten (nach dem, was ihm am nächsten liegt) ebda 149.
3)
in verbindung mit präpositionen:
a)
tr. nach: bereits mhd. sehr verbreitet, z. b. nâch guote Hugo v. Trimberg renner 773 Ehrism., nâch gotes liebe 3733, nâch triuwen und künste 5009 u. ä.; auch nâch gote 17601, nâch unser muoter 6071; bis heute die geläufigste verbindung. personen: dasz manche tochter Cecilia mehr nach dem organisten trachtet, als nach der orgel, wer ist daran schuldig? Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 135;
bey tag und nachte
las mich nach dir (Christus) trachten
Zach. Faber d. ä. bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 1, 59.
meist in der bedeutung 'jemand suchen': nach artzten tr. C. Scheit fröl. heimf. (1551) j 1ᵃ; das die vier mann ... jhrer nicht mer mechtig gewesen, sunder noch nach zwayen trachten müssen, so jnen helfen halten Nas antipapist. (1567) 1, 45ᵇ; hatt das krigsvolck ... nach einem andern keyser getrachtet Schill teutsch. spr. ehrenkranz (1644) 57; auch in feindlicher absicht: nach den redlinfürern tr. Stumpf Schwytzerchr. (1606) 269ᵃ; ich will fleiszig nach ewrem vatter ... tr., dasz er mein gefangener wirdt buch der liebe (1587) 23ᵈ;
ja lasz uns nun hinfort nach andern weibern trachten
v. d. Werder ras. Roland (1636) ges. 27 str. 44;
eine noch hübschere (frau) als die, nach der ihr trachtet Göthe I 45, 144 W.;
ich trachte mit allen sinnen
nach der schäferin im thal
Uhland ged. (1898) 1, 172;
vgl.
Minden, diese stolze magd,
nach der ich so lang getracht
v. Ditfurth 100 hist. volksl. des preusz. heeres (1869) 49.
concrete dinge: die afrikanische sonne ... machte mich so ... träge, dasz ich nach einem einspänner zu tr. begann Steub drei sommer in Tirol 1, 4; er trachtete ernstlich nach einem kahn und gelangte dazu Göthe 25, 38 W.; auch ich habe lange nach dem liede getrachtet, aber es nie ganz habhaft werden können Brentano 4, 176;
wann euer durst
nach frischem wasser trachtt
Erlach volksld. 3, 135;
müszten wir tr. nach den messern, so er ob tisch brauchet, und dieselben vergifften Wickram 1, 86, 13 B.;
es ist kein wunder in der welt,
dasz jedermann so tracht nach gelt
jedermanns jammerkl. (1621) b 3ᵇ;
sie (die geizigen) tr. nach geld, sie seuffzen ums geld
Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 71;
nach geld und gut da tracht ich nicht
Erlach volksl. 1, 165;
er hatte nur nach der tante schnödem mammon getrachtet E. Th. A. Hoffmann s. w. 6, 105 Gris.; im sprichwort: wer nach eim guldin wagen trachtet, dem wirt auffs wenigst ein rad sprichw. sch. w. klugreden (1548) 103ᵃ. abstracta: nach narunge zu stellen und nach eren zu tr. ackerm. aus Böhmen 27, 19 B.; was ... in unehren gezeuget ist, das tracht selten nach ehren Mathesius Sar. (1571) 9ᵃ; freilich kann nicht jeder nach dieser ehre tr. G. Keller 2, 130; nach ruhm M. Kramer (1702) 1102ᶜ; nach sollichen hohen ämbtern Guarinonius grewel der verw. 76; nach hohen stand Reinicke fuchs (1650) 158; nach groszem tittel Lobwasser Calumnia (1583) 6; nach einer freien stellung Ranke 14, 21; nach dem königreich Ayrer 1, 22, 27 K.; H. Sachs 2, 107, 19 K.; nach der krone Ludwig ges. schr. (1891) 5, 249; trachtet am ersten nach dem reich gottes und nach seiner gerechtigkeit Matth. 6, 33 und danach oft gebrauchtes bibelwort: Schupp schr. (1663) 6; J. A. Cramer s. ged. (1782f.) 3, 64; Solger nachgel. schr. (1826) 1, 282, 10; D. F. Strauss ges. schr. (1877) 3, 291 u. a.; nach dem himmel J. G. Neukirch anfangsgr. (1724) 125; Schmolcke s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 91;
irrdisch frewd und wollust verachten
und allein nach himlischen trachten
H. Sachs 8, 258, 36 K.;
nach hohen dingen u. ä. tr.: trachtet nicht nach hohen dingen, sondern haltet euch herunter zu den nidrigen Röm. 12, 16 vgl.μὴ τὰ ὑψηλὰ φρονοῦντες, wohl mehr in der bed. I 'hohes im sinn haben, seine gedanken auf hohes richten' (vgl. die lesart achtet nicht, was hoch ist), später im sinne von 'streben' verstanden: regiere meiner kinder hertzen, dasz sie nicht tr. nach hohen dingen Moscherosch ins. cura par. 46 ndr.;
nach groszen dingen embsig trachten ...
das thut recht grosze narren machen
Friedr. Wilhelm sprichw.-reg. e 2ᵃ.
ebenso kann trachten nach noch heute mit dem neutrum eines adjectivs oder pronomens verbunden werden, gern in anlehnung an oft citierte bibelstellen: nach solchem allen tr. die heiden Matth. 6, 32; ähnlich N. Manuel 149, 424 Bächt.; vgl. Lipperheide spruchwb. 896; trachtet nach dem, das droben ist Koloss. 3, 2; ähnlich Liscow sammlg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 796 und Schubart leben und gesinn. 2, 243; auch nach dem besten Butschky Pathmos 9, nach neuem Ranke 1, 147 u. ähnl. besonders sprachläufig ist die redensart einem nach dem leben trachten. sie wird zuerst in Luthers bibelübersetzung bezeugt: sie werden dir nach dem leben tr. Jerem. 4, 30; vgl. 1. Macc. 11, 11; dann:
und dückisch nach seim leben tracht
H. Sachs 6, 288; 18, 277 Keller-Götze;
wer ist feind? ...
der nach meinem leben trachtet,
der nach meiner wolfart strebt
Logau sinnged. 68 Eitner;
der alte könig ... glaubte, er hätte ihm nach dem leben getrachtet kinder- u. hausmärchen 2, 85; gern mit allitterierender erweiterung: nach leib und leben tr. Schaidenraisser Odyssea (1537) 70ᵃ; Mathesius Sar. (1571) 8ᵇ; auch nach leib u. ä.:
sein weib,
dern du (tod) jetzt trachst nach ihrem leib
W. Spangenberg bei Dähnhardt griech. dramen 1, 73, 108;
dasz keiner nach seines nechsten bluot
soll trachten ...
Endinger judensp. 84 ndr.
ähnlich:
wie kan euch hold sein dann ein weib,
weil ir tracht nach irm bluͦt und leib
Fischart flöhh. 53 ndr.
b)
auf. vom mhd. bis ins 17. jh. gebräuchlich, 'im hd. veraltet' Adelung 4, 636:
si trahten ûf sîn êre
Ottokar österr. reimchron. 5338 S.;
swer trahtet ûf grôzen gewin
Hugo v. Trimberg renner 7579 E.;
häufig bei Luther: auff deinen götzen 30, 2, 519, 38 W.; auffs zeitlichs (gut) 24, 229, 13; auff gutt, ehr und wollust 6, 51;
ein jeder tracht auff seinen nutz
Eyering prov. (1601 ff.) 2, 132;
wer auff übrig reichthum tracht
Logau sinnged. 42 Eitner;
tracht auff das busfertig leben G. Witzel (1550) bei Kehrein kathol. kirchld. 1, 70; do die Römer Deutschlandt erobert, haben die Deutschen auch auff mauren und schlöszer getrachtet Joh. Agricola sprichw. (1534) 7ᵇ;
wer auff einen gülden wagen tracht,
dem wird zum wenigsten ein radt gebracht
Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) g 1ᵃ;
hab eben acht, auff Christum tracht,
lasz dich yetz nit betriegen
bei Wackernagel dt. kirchenld. 3, 168;
auch tr. up ienes leuen Husemann sprüchslg. B 117 Weinkauff.
c)
zu. die vorliegenden belege stammen aus dem 16. jh. dasz sie wohl nur durch zufall fürs mhd. fehlen, zeigt Otfrid 1, 24, 13:
wir sculun thiu wort ahton,   thara harto ouh zua drahton.
verschiedentlich bei Luther: dasz ihr zum ehestand trachtet briefe 2, 445 de Wette; vgl.:
so in der lieb verschreiten weit
und ordentlich zur ehe nicht trachten
Fischart 1, 377, 17 H.;
zur einigkeit Luther briefe 5, 55 de Wette; zum frieden zu tr., zu raten und helffen bücher u. schr. (Jena 1568) 8, 44ᵇ; damit wir zur gerechtigkeit und leben uns kündten schicken odder tr. 26, 503 Weim.; der teufel greifet allein die an, die da zu Christo tr. bücher u. schr. (Jena 1556) 6, 272ᵃ; auszerdem: zur rache Wedel hausb. 143 lit. ver.;
sie stellen uns wie ketzern nach,
zu unserm blut sy trachten
J. Jonas bei Wackernagel dt. kirchenld 3, 42.
d)
um. bis ins 17. jh. bezeugt. im mhd. neben nach oft und mannigfach verwandt:
trahtet ein rîch man üm guot ...
dâ wont lützel sêlden mite
Hugo v. Trimberg renner 21081 E.;
lâz uns trahten üm die maget
ebda 1601;
dem, der die zeichen duͤt,
sollen wir trahten umb daz leben
H. v. Neustadt gottes zukunft 1453 Singer;
tracht umb das guͦt, das, sos schiff bricht, mit dir auszschwimm S. Franck sprichw. (1541) 1, 159ᵃ; tracht umb gelt, so hastu dwelt 1, 32ᵇ; die schrifft mant uns, dasz wir umb ein guͦten namen sollen sorgen und trachten 2, 119ᵃ und ähnlich 1, 134ᵇ; ich trachtete nur umb ein paar grosze und fette feldmäuse Grimmelshausen Simpl. 1, 572 Keller; 'um jemand werben': umb ein reiches weib tr. Guarinonius grewel der verw. 283; der hochmeister gedocht im umb eine (frau) zuͦ tr. Wickram 2, 49 Bolte; auch von der frau: warumb hastu ... umb eines armen hirten son getrachtet ebda 2, 365, 7; die nachbeurin ... sagt, sie wolt ... umb ein solchen man zuͦ tr., allen müglichen fleisz fürwenden Frey gartenges. 99, 32 B.
e)
neben anderen präpositionen bereits mhd. ortsangaben; entweder uneigentlicher verstanden: gein himel tr. H. v. Trimberg renner 663, 5153, 15950, 15989 u. ö. E.;
swenne klôsterliute, müniche und nunnen
wider in die werlt trahtent
2895;
vgl. adverbiale constructionen wie: der ... tag und nacht ynn die höhe trachtet Luther 15, 304 W.;
immerfort noch höher trachten
von der eitlen lasterlast
Neumark fortg. musik.-poet. lustw. 1, 165;
solt ich dannenher nicht trachten
höher naus und oben an
Knittel poet. sinnenfr. (1677) 155;
oder ganz eigentlich: tr. nach einem orth, capessere locum aliquem Reyher thes. (1686) u 2ᵇ;
wann dy selbigen (die Baiern) auszkommen, so spot man ir
also, daz sy in yr landt trachten mit pegir
vierteljahrsschr. f. litgesch. 2, 329, 128 (15. jh.);
heim zu hausz tr. Spreng Ilias 13ᵃ; noch heute elsäss. heim tr. Martin-Lienhart 2, 741; nach hause tr. Stifter 5, 1, 219; zu bett tr. Fischart 1, 310, 1371 H.; was auff der bank gemacht ist, das tracht ans brett Lehmann floril. polit. (1640) 155; wer jmmer under die banck tracht, den läst man billich darunder ligen 1, 55; tracht auff dbank, du kompst dennoch wol drunder S. Franck sprüchw. (1545) 1, 88ᵇ; sprichw. sch. w. klugr. (1548) 161ᵇ; Binder sprichwörterschatz 15; auch negativ:
disen winter
wöl wir ninder
von dir trachten
Neidhart fuchs 3450;
dasz er disz jar von Wittenberg weg trachtet Mathesius Luther (1600) 160ᵃ;
du windst dö und dráhst dö
und trachtst vo dá stöll
Stelzhamer 2, 208, 6 Rosegger;
in jüngerer schriftsprache selten geworden: als man ... die beter ... wieder abwärts tr. sah Steub wanderungen 134; anders: ich habe in das wasser geschaut ..., wie es um die steine und um den sand herum trachtet Stifter 3, 291; mit einem nachklingen der bedeutung I:
der, weit entfernt von allem schein,
nur in der wesen tiefe trachtet
Göthe I 14, 66 W. (Faust v. 1330).
für sich steht, elliptisch zu verstehen, die alte sprichwörtliche wendung: richter, pfleger, pfarrer ... tr. nur in iren sack Aventin s. w. 4, 11, 12 Lexer; vgl. 1, 178, 7;
lange zeit ain rat in seinen sack hat getracht.
und der armen gmain wenig geacht
Liliencron histor. volksl. nr. 163 v. 187;
4)
mit infinitiv. im mhd. und noch im 16. jh. spärlich bezeugt:
die piderben
trahten dâ den prîs zerwerben
U. v. Lichtenstein 117, 9;
du, kunic, wurdest trachten
kumftige dinc zu achten
Daniel 743 Hübner;
trachten to blyven in des meysters gunst
H. v. Ghetelen narrenschyp 48, 80;
den sie trachten schaden zu thon
H. Sachs 18, 151, 21 G.;
das römisch reych zumehren
trachten sie alle zeyt
Schmeltzl zug i. d. Hungerl. (1556) b 4ᵃ;
vgl. auch Schumann nachtb. 303; 334 B.; nach dem 16. jh. spricht eine fülle von belegen für die sprachläufigkeit dieser construction, die auch heute noch oft angewandt wird: diese trachtete ... sie eben also zu falle zu bringen Zesen helikon. rosentahl (1669) 43; man solte den Germanicus auf alle weise tr. zu einem bürgerlichen kriege anzufrischen Lohenstein Armin. 2, 982ᵇ; vernünftige hochzeitgäste tr. dem neuen paare jederzeit höflich und ehrerbietig zu begegnen die vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 238; ich trachtete die zwölf pflichten zu erfüllen A. v. Haller Usong (1771) 228; wohin sie zu kommen trachteten G. Keller 4, 150; ein langes lied, das ... allem erdendunkel einen riegel vorzuschieben trachtete Fontane I 5, 110; wer die natur zu erkennen trachtet, strebt gott zu erkennen G. Hauptmann eins. menschen (1891) 20; gern wird ein hinweisendes danach hinzugefügt: will ich danach tr. ... ihm das leben zu nehmen schausp. engl. kom. 167, 34 Creizenach; Bomtius ... trachtete danach, seine mitbürger zum abfall zu bewegen Stolberg 8, 118. infinitiv ohne zu findet sich nur occasionell:
Saturnus bracht   veracht
mein gluck   und zruck   verjagen tracht
Forster fr. teutsche liedl. 33 ndr.
5)
mit folgendem dasz-satz, den man gern durch adverbia wie danach, früher auch dahin und darauf vorbereitet.
swer trahtet, daz er grôz guot gewinne
Hugo v. Trimberg renner 8633 E.;
sind ir wiest, so trachtendt schon,
das ir mit mier zuo baden gon
Murner dt. schr. 1, 2, 5 Schultz;
der narre trachtet, dasz er den weisen fliehen und meiden möge A. Olearius persian. rosenthal 13;
du trachte, wie du lebst und leibst,
dasz du nur immer derselbe bleibst
Göthe 3, 261 W.;
ich musz tr., dasz ich fortkomme G. Keller 3, 242. mit danach:
sô solt si trahten darnâch,
daz daz leit und der ungemach
... fürbaz wurde vermiten
Ottokar öst. reimchron. 1843 S.; vgl. 29895;
fehet an hoch darnach zu tr., das sie nicht verzage Luther 24, 39, 20 W.; es ist gnug, das du mit guttem gewissen darnach trachtest, das du gerne das rechte mas treffest 15, 297; der ander trachtet darnach, das er ... mancherley möchte sehen Thurneysser magna alchym. (1583) vorr. 1; trachtet darnach, dasz ihr durch die pforte eingehet Kramer 2 (1702) 1103ᵃ, und so noch heute. darauf wird (wie auf vgl. II 3 b) wohl nur bis ins 17. jh. gebraucht:
der mag gar wol darauff trachten,
das ers besser, dann ich, mache
M. Agricola mus. instrum. 186 Eitner;
als trachte der neid starck darauf, sie follend in das elend zuverbannen Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch s. reimget. (1647) vorr. 6;
ir knecht, das wir reitten, drauff tracht
Thym Thedel v. Walm. v. 1061 ndr.
dahin ist ebenfalls mehr der ersten zeit des nhd. geläufig: sie ... tr. allein dahyn, daz die sach ein gut end erlange Joh. Agricola sprichw. (1534) g 2ᵇ;
weil ich mit fleisz dahin getracht,
dasz von Troia ist abgewand ...
W. Spangenberg griech. dramen 2, 50 Dähnhardt;
der höllische diebshencker, welcher dahin trachtet, dasz er mit gabeln ... durchsteche Prätorius glückstopf 31; müsse man ... dahin tr., dasz die gewöhnlichen umstände des ordinairen processes gäntzlich weggelassen (würden) Thomasius ernsth. ged. u. erinn. 2, 195; sie müssen dahin tr., dasz sie sich ... eingang verschaffen Schiller 3, 544 G.
III.
dichten und trachten, in älterer zeit auch in umgekehrter folge, ist durch die Lutherbibel zu einer festen, wenn auch mehrdeutigen formel geworden, vgl. auchtrachten, n., 1. wie trachten hat auch dichten seit dem mhd. die bedeutungen 'nachdenken', 'sinnen auf', 'streben nach' entwickelt (vgl. th. 2, 1059 und 1060), die auch in dieser formel wiederkehren, ohne dasz jedoch im einzelfall die bedeutung immer ganz eindeutig festgelegt werden kann: wir ... trachten und tichten falsche wort aus dem hertzen Jesaias 59, 13 (concepimus et locuti sumus de corde verba mendacii); darumb gehöret das stück nicht für kinder. den jhenigen, so das schmecken, das Moses sagt 'gott sahe es für gut an' etc., denen ist nütz darnach zu trachten und tichten, die sind es, die gott erkennen Luther 24, 39 W.; mit gantzem fleis und ernst auff ein schalckstücke tiechten und trachten ad scelus omni conatu aspirare B. Faber thes. (1587) 374ᵇ;
auch wie ir münch von anfang bald
getracht und dicht habt mit gewalt
auff lügen und abgötterey
Fischart 1, 123 Kurz;
daher kummt es, das sie trachten und dichten per fas nefas, reich zuͦ werden J. Nas antipapist. 4, 319ᵇ;
o ihr geitzhelse, ticht und tracht,
schaut, das der hauff werd gros gemacht
M. Sebiz a. d. 65. psalm (1588) a 8ᵇ;
ein ieder ticht und tracht
sich also zu geberden, dasz seiner wird geacht
Logau sinnged. 211 lit. ver.;
darum, o mensch, hast du ein vaterland, ... eine erde, wornach deine sehnsucht ewig tichtet und trachtet E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 270. in neuerer zeit kann dichten und trachten nach dem ersten glied, das den hauptaccent erhält, in seiner bedeutung umgefärbt werden: es ist recht übel ..., dasz die poesie einen besonderen namen hat und die dichter eine besondere zunft ausmachen. es ist gar nichts besonderes. es ist die eigentümliche handlungsweise des menschlichen geistes. dichtet und trachtet nicht jeder mensch in jeder minute? Novalis 4, 175 Minor; so ist mir izt unmöglich, etwas anderes zu dichten oder zu trachten, zu denken oder zu schreiben als Oberon Wieland in briefe an J. H. Merck (1835) 1, 197 Wagner. auch gesprengt und in verbindung mit andern synonymen verben: (die seele) trachtet, sinnet, tichtet und denket auch viel unnützen und ihr oftmals schädlichen, ja ganz unergründlichen sachen nach ganskönig vorr. (:) 3ᵇ; man tichte, trachte, thu oder lasse, was man immer wolle Butschky kanzlei (1666) 3, 198.
Zitationshilfe
„trachten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/trachten>, abgerufen am 11.11.2019.

Weitere Informationen …