Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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tracht1, f.

¹tracht, f.

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verbreitung und form.
1)
das wort ist auszer im hd. auch im ndl. verbreitet; erst in jüngerer zeit aus dem mnd. in die nordischen sprachen entlehnt, s. Falk-Torp 1, 152. auf hd. boden seit dem ahd. bezeugt (s. u. 2; I 1 und III A 2). ursprünglich starkes feminin. (s. u. 2), flectiert tracht im nhd. den sing. stark, den plural schwach. bei Murner narr. (1512) 48, 7; 27 und H. Sachs 14, 283 G. erscheint auch ein plur. tracht; die schwache form wird schon um 1300 gebraucht: sanct Georgener prediger 23; vielleicht Hugo v. Langenstein Mart. 266, 94; 257, 93; 102; 107. im 14. jh.: voc. opt. 10, 139 Wackern.; altdt. pred. 118; 206 Wackern. gelegentlich wird auch der sing. schwach flectiert: ze einre trachten br. Hansen Marienl. 387; einre trachten me Pauli schimpf u. ernst 1, 10 Bolte.
2)
im ahd. und mhd. stehen ein st. fem. der i-klasse und der ô-klasse nebeneinander: ahd. draht gloss. 3, 210 (s. u. III A 2); gen. plur. crûcithrahto (s. u. I 1), mhd. traht s. Lexer 2, 1493 (vgl. auch 3) neben drahta ahd. gloss. 3, 213, 19, mhd. trahte s. Lexer, vgl. schulde neben schuld th. 9, 1870, slahte neben slaht th. 9, 231. ein schwaches masc. helichdrahta begegnet im altfries., vgl. van Helten altostfries. gram. § 184 u. unten I 1. — im mhd. scheint eine bedeutungsverteilung zwischen traht und trahte insofern bestanden zu haben, als trahte nur für 'speise' verwandt wird. in dieser bedeutung ist trahte im reim gesichert durch Konrad v. Würzburg herzm. 413; Troj. 16312; schweizer Wernher 4785 und 6900, und traht durch Hartmann rede v. glauben 2463; Meier Helmbrecht 863 Panzer; Hugo v. Langenstein Mart. 263, 3; 265, 93; 275, 75; 277, 41; Laszbergs liedersaal 3, 47, 823; Konrad Dangkrotzheim 338. in den anderen bedeutungen ist dagegen nur traht gereimt: im nom. und acc. sg. kaiserchron. 10532 Schr.; obd. Servatius 2765 Haupt (zs. f. d. a. 5); väterbuch 39948 R.; im dat. sg. traht Servatius 1829; Reinmar v. Zweter 413 und Hugo v. Langenstein Mart. 258, 101; 273, 75.
3)
umlaut ist selten: dat. sing. mhd. treht erz. a. altdt. hss. 19, 13 Keller, nhd. trächt Abele unordn. (1670) 1, 51; dazu trächtzeit M. Pegius geburtsstundenbuch (1570) s 1ᵇ. heute nur noch mundartlich, auch im nom. sing. trächt Schmeller-Fr. 1, 644, vgl. kirchträcht ebda 645.
4)
zuweilen begegnet das masc. genus: guter tracht (n. sg.) Eyering (1601) prov. 1, 303 und nach süssem tr. 2, 393; ihren kostbaren kleidertracht (acc.) eines galant. u. gelehrt. frauenz. gutachten (1714) d 1ᵃ.
5)
für -cht zuweilen -gt: Heyden Plin. (1584) 9; eine tracht oder vielmehr tragt allg. haush.-lex. (1749 ff.) 530; Sallmann neue beiträge z. dtschen ma. in Estland 42ᵇ; Schütze 1, 244; Danneil 38ᵃ; einmal -gd-: tragden Fries Würzb. chron. (1546) 354ᵃ.
bedeutung und gebrauch.
I.
das tragen oder getragen werden.
1)
allgemein: das tragen, das herumtragen. bereits ahd. bezeugt: crûcithrahto (gen. plur.) sprachdkm. 324, 31 Steinm.;
nu giengens dar mit kriuzes traht
obd. Servatius 1829 Haupt (zs. f. d. a. 5);
bes. nd. belegt:
des hogen marschalcks hilghdoms to hauen eyn erlich dracht
Wierstrait 688 Meisen;
des veften sondages na passchen, alse des sondages vor der hiligen dracht a. d. j. 1514 chron. d. dtsch. städte 16, 471; composita sind häufiger zu belegen: gottestracht das herumtragen von gottesbildern: am tage der gottestracht a. d. j. 1476 Kölner zunfturkd. 2, 118 Lösch; vgl. 2, 119; 542; heiligentracht das herumtragen von heiligenbildern und der festtag dieser procession: th. 4, 2, 841; Schiller-Lübben 6, 105 und 1, 562; Woeste westfäl. 55; kerzentracht das herumtragen von kerzen: wanne man die kerzen dreit ..., so sall ieklicher gehoirsam sijn zo der kerzendracht a. d. j. 1468 Kölner zunfturkd. 2, 43 Lösch; vgl. 2, 540; kreuztracht das herumtragen des kreuzes: so nur im mittelalter belegt (ahd. s. o., mhd. s. die lex.), übertragen: 'das kirchspiel' in Bayern und Tirol s. th. 5, 2199. vgl. noch altfries. buta tha withume and buta tha helichdrachta der um die kirche herum liegende raum, innerhalb dessen die heiligen bilder herumgetragen wurden, bei Richthofen 805, vgl. van Helten z. lexikogr. d. altostfries. 169.
2)
speciell:
a)
das tragen der leibesfrucht, die schwangerschaft. als compositum kinttraht schon im 12. jh. bezeugt: Milstäter Genesis 58, 18; Heinrich litanei 371. das simplex traht ist jedoch (zufällig?) in dieser bedeutung erst vom 13. jh. ab (Ulrich v. Türheim s. Lexer mhd. wb.; Ottokar v. Steiermark s. u.) und bis ins 17. jh. nicht gerade häufig zu belegen. heute begegnet es nur noch dialektisch: im bair. (Schmeller-Fr. 1, 644; Schöpf 748), fries. (Dijkstra 1, 289; Doornkaat-Koolman 1, 326); dazu auch ndl. (wb. d. nederl. taal 3, 2, 3218; ter Laan 186; vgl. Verwijs-Verdam 2, 367):
diu frou mit trahte in gewerte
vier sün und drîer töhter
Ottokar v. Steiermark reimchron. 2730;
ich gebar von einem worte   ein magt nâch muoterlîcher traht
Reinmar v. Zweter 413 nr. 6, 3;
do si (die mutter) die kinderchin droich, ... quam einre und sties die vrauwen mit den heufderen zosamen, ind des moiste die dracht entgelden a. d. j. 1499 chron. d. dtsch. städte 14, 892; dasz ein weib drey kinder in einer tracht bringe Heyden Plin. (1584) 15; eines knappen ... weib, so in einer tracht drey söhn und ein tochter getragen Guarinonius 1062; mit der dritten tr. aber ist mein mutter ... sammt der frucht tod blieben Grimmelshausen 2, 876 K.; ich erfreue mich von hertzen, dasz du bey dieser trächt gar wol auf seyest. ich meyne ingleichen, dasz du einen frischen buben tragest Abele unordnung 1, 51; von thieren: so drey (hunde) in einer tr. geworffen werden Heyden Plin. (1565) 203; die geisz bringt etwan vier gitzen in einer tragt ebda 220; vgl. das im steirischen gebräuchliche compositum trachtsau, -schwein trächtiges schwein Unger-Khull 164. auch von der zeit der schwangerschaft: dieselben tag und stunden thuͦ du zuͦ der mittlern trächt, so ferr der mon under der erd ist, welche trächt ist (= dauert) 283 tag M. Pegius geburtsstundenbuch (1570) s 3ᵇ, neben trächtzeit: tafel der trächtzeit, und suͦch darin die trächtzeit, als lang der geborne getragen worden ebda s 1ᵇ.
b)
in der imkerei bezeichnet tracht 'das einbringen des honigs': die alten (arbeitsbienen) gehen der tracht nach ins feld Brehm thierl. 9, 223; zur zeit der reichsten tr. G. Krafft lehrb. d. landw. 3, 315; so auch im ndl. wb. d. ned. taal 3, 2, 3220 nr. 9. auch in der redensart des imkers: heute ist gute tr. (mündlich). an compositionen begegnen: honigtracht: die zeit der honigtracht um 1—2 monate verlängert Tschudi d. thierleben d. Alpenwelt 160; vgl. G. Krafft lehrb. d. landw. 3, 312; nach beendeter honigtracht 3, 135; vgl. C. F. Müller Reuterlex. 29ᵃ. —
trachtausflug
mitte märz ... beginnen ihre (der bienen) trachtausflüge, um zunächst wasser, dann blütenstaub und zuletzt honig einzutragen G. Krafft lehrb. d. landw. 3, 314; vgl. 309. —
trachtzeit
die beste zeit, die trachtzeit ist allerdings vorüber Brehm thierl. 9, 223; wenn vor und nach der trachtzeit die ernte knapp wird, so entwickeln manche bienen eine besondere anlage zum stehlen ... das leben einer biene währt in der haupttrachtzeit nur 6 wochen ebda. man unterscheidet früh- (zeit der ersten blüte und obstbaumblüte), haupt- (juni/juli) und spättrachtzeit (august/ september). oft geht auch das simplex auf die dauer des honigeintragens (vgl. den beleg bei Pegius o. unter a): gegenden mit lang andauernder tr. G. Krafft lehrb. d. landw. 3, 312; mit kurzer, aber ausgiebiger tr. ebda; sobald die tr. beginnt 3, 315; im frühjahr vor beginn der bessern tr. Kirsten katech. 34.
c)
das tragenkönnen, die tragfähigkeit eines schiffes, vgl. Stenzel seemänn. wb. 425; lastigkeit eines schiffes Röding wb. d. marine 802: dasz ein schiff von der tr., wie das meinige, ... nur 12 bis 15 thaler dän. zu zahlen haben könne Nettelbeck lebensbeschreibg. 1, 196; ebenso von balken und gewölben: 'tracht, wird bey balken und auch wohl bey gewölben gesagt, wenn beyde so beschaffen sind, dasz sie sich selbst, oder noch darzu eine aufgelegte last gut tragen können, und sich nicht biegen, reiszen oder gar brechen' Eggers 2, 1138; 'dem balken mit trägern zu hilfe kommen oder ihm sonst hinlängliche tracht verschaffen' Adelung 4, 635.
d)
tragweite eines balkens oder gewölbes: tragweite eines balkens oder freitragende länge, freie länge, freitragung, tracht Hoyer-Kreuter technol. wb. 1, 772; 'tracht wird auch der raum zwischen zween puncten, mit welchen ein balken oder ein gewölbe wo aufliegt und ruhet, genennet, und sagt man, dasz ein balken 24 fusz tracht hat, wenn der raum zwischen zwoen wänden, auf welchen der balken mit den enden ruhet, 24 fusz weit ist, und kein träger queer unter den balken gezogen ist' Eggers 2, 1138. — im ndl. von der tragweite der feuerwaffe: wb. d. ned. taal 3, 2, 3222 nr. 16.
II.
der träger, nur von sachen. alle bedeutungen sind jung; keine hat sich in der literatursprache eingebürgert.
a)
das tragjoch: 'ein ding, welches ein anderes trägt' Voigtel 3, 413ᵇ; 'über den rücken gelegtes hölzernes joch mit ketten und stricken, an welche gehängt eimer oder kannen getragen werden' Martiny wb. d. milchw. 129. zuerst bei Richey idiot. Hambg. (1743) 39 bezeugt. dafür wird im nd. auch wacht s. th. 13, 172 nr. 6 und landschaftlich wage s. th. 13, 365 unter 3, 7 d gebraucht. Danneil wb. d. altmärk.-plattdtsch. ma. 38ᵃ (dragt = jedes instrument zum tragen) unterscheidet zwei arten: schann = trage für eine person, börg, auch draog genannt, für zwei personen. besonders im nd. heimisch: vgl. noch Berghaus 1, 354; brem.-ndsächs. wb. 1, 236; Schütze 244; Jensen 77; Mensing 1, 831; Dähnert 85; Schemionek 40; Hupel 239; Gutzeit 194 f.; Sallmann neue beitr. 42ᵇ; im sächs.: Müller-Fraureuth 1, 236ᵃ; Albrecht Leipz. 224ᵃ. literarisch nur bei nd. dichtern:
nim du die brause, Sofie; nimm, Else, die tracht mit den eimern
Voss idyll. 6, 48 (mit erklärender anm. s. 351);
anm. zu oden u. lieder 5, 11 erwähnt schultertracht; wenn man eine milchtracht hat von zwei groszen, vollen eimern, und tracht und eimer mit messing beschlagen, dann soll man wohl einen schweren schritt bekommen Frenssen Jörn Uhl 33; auch bei Fritz Reuter und Klaus Groth, s. C. F. Müller Reuterlex. 29ᵃ und quickborn (1900²⁵) 401. auf grund der ähnlichen form ist die bezeichnung tracht vom tragjoch übertragen auf die wage am wagen (vgl. th. 13, 365), am pflug, mullbrett (schaufel) und an der egge im nordfries. s. Jensen 77; ebenso auf den hebelbaum am wagen oder pflug im westschlesw. und den wagebalken am mullbrett Mensing 1, 831 f.; vgl. dort 1, 30 achterdracht. die gleiche art der übertragung liegt wohl auch vor in tracht 'krümmung des sattelstegs nach der gestalt des tragenden pferderückens und stelle, wo die zwei vordertheile des vordern sattelbaums ineinander gefügt sind' Sanders 3, 1341 f.
b)
im baugewerbe 'träger, tragvorrichtung, stütze' O. Mothes illustr. baulex. 4, 360; auch 'starker kranz von guszeisen, in der gegend der rast in das rauchgemäuer der hochöfen zur unterstützung des schachtes eingemauert' ebda. so auch im wb. d. ned. taal 3, 2, 3220: 'dragend deel, steun. in technische toepassingen'.
c)
das, was im mutterthier den embryo trägt, umhüllt, d. i. der tragsack, die gebärmutter, die eihaut: 'der theil im leib des weiblichen rothwildes, worin sich der embryo entwickelt und bis zur geburt ernährt wird' Behlen forst- u. jagdkunde 6, 78: es geschieht nicht selten bei kühen, dasz nach der geburt die gebärmutter oder tracht ... heraustritt Thomas allg. vieharzneib. (1855) 2, 116. in dialektwbb. verzeichnet: Berghaus 1, 354; Mensing 1, 831; Mi meckl.-vorpomm. 16; Bauer-Collitz 22ᵃ; Hentrich Eichsfeld 72; Fischer 2, 301. auch das blut, das den embryo ernährt Dijkstra 1, 289.
III.
das getragene.
A.
was herbeigetragen wird. die allgemeine bedeutung zeigt kirchtracht = was in die kirche gebracht wird, s. th. 5, 828. speciell:
1)
was vom pächter dem eigenthümer jährlich gebracht wird, die jährlichen pflichtleistungen Berghaus sprachsch. d. Sassen 1, 354; Dähnert plattdtsch. wb. 85: aller fron-, stadts- und dorfs-tracht frei sein (urkunde des 17. jh.s) Bauer-Collitz waldeck. wb. 177. auch im compositum: trachtgeld: maut-ertragung, urfahr, vogtdienst und trachtgeld (wird geschätzt) zu 5 cento Hohberg georg. cur. 1, 31; brieftracht: (leute, die) eine brieftracht oder andere kleine gemeine last übernahmen Möser phantas. 4, 219.
2)
was auf den tisch gebracht wird, 'speise', daps, ferculum, missus, plur. im sinne von epulae: daps tracht ... dicitur quaelibet species cibariorum honestis et nobilibus hominibus in eodem prandio ministrata W. Brack voc. rer. 74. — schon ahd. belegt: edulium vel ferculum drahta, ferculum mushus vel draht ahd. gloss. 3, 213, 19 und 210, 19 (summar. Heinrici) Steinm.-Siev. an synonymen bringen die lex. am häufigsten gericht und gang; auch speise, essen, kost und im mittelalter rihte (ferculum = trahte oder rihte clm. 4350, 2ᵃ; richten [dat. plur.] wird durch trachten ersetzt von E in Montanus Andreutzo 151 B.). wie rihte war tracht früher allgemein verbreitet (das mhd. bildet composita: sunder-, undertraht), jetzt aber nur obd.: Schmeller-Fr. 1, 644; Schöpf 748; Martin-Lienhart 2, 741. Fischer schwäb. wb. 2, 301 bezeichnet es als nicht mehr gebraucht. die beschränkung aufs obd. vermerken Heynatz antibarbarus 475 und Campe 4, 854. bereits Gottsched hat das wort nicht mehr verstanden und daher falsch interpretiert: eine tr. essen, d. i. soviel man ertragen kann dtsche sprachkunst (1748) 108. seit dem 19. jh. sind gericht, gang, speise für tracht in der schriftsprache üblich. nach Göthe 44, 53 W. (Cellini) und 35, 128 (Campagne) begegnet tracht noch bei Fr. Reuter (s. C. F. Müller Reuterlex. 29ᵃ) und G. Keller ges. w. (1889) 1, 257; archaisierend verwenden es Brentano goldfaden (1809) 139; Simrock heldb. 4, 64; G. Freytag ges. w. (1886) 8, 31. hat gang, das mhd. noch nicht in dieser bedeutung gebraucht wird, tracht verdrängen helfen (vgl. th. 4, 1, 1, 1224 unter I 5 d)?
a)
die aufgetragene speise: tracht (die), speysz die man eim fürtragt Maaler (1561) 404ᵈ; auch componiert tisch-, tafeltracht s. th. 11, 1, 520; 24;
alsô vil oder mê
wart im trahten für getragen
Fleck Flore 7639;
in wart dâ manic trahte
vür gesetzet und geleit
Konrad v. Würzburg Troj. 16312;
gern mit verben wie vorsetzen, auftragen u. ä. verbunden: den gösten die trachten fürsetzen Keisersberg siben schayden (1510) e e 4;
was man setzt auf den disch für trachten
Scheit Grobianus 2770 ndr.;
werden die tische ... voll essen und trachten gesetzet Prätorius Blockes-berges verr. (1668) 317;
was lassen wir den tisch mit mancher tracht besetzen?
Chr. Weise d. polit. jug. erbaul. zeitv. (1699) 2, 69;
und truge hernach fünffmal speisz auff, allemal drey trachten auff einmal volksb. v. Dr. Faust 90 ndr.; was (sind) da für frembde trachten und schawessen auffgetragen worden Spee tugendbuch (1649) 281; die geladenen gäst wurden ... frölich empfangen ... die trachten gar kostlich und wol bereit fürgetragen Wickram w. 2, 131 Bolte; dasz man bei fürstlichen taffeln auff einmahl neun trachten auffzustellen pflegte Dannhawer evang. memor. (1661) 506. speciell 'der gang' in einer mahlzeit: adiicialis coena ein herrlich köstlich mal von vilen trachten Frisius (1556) 35ᵇ; eine kostbare gasterey oder banckett hat niedliche essen, nicht ohne wildbrät; und zwar underschiedene gänge oder trachten Comenius ianua quat. ling. (1643) 211;
ein hôchgezît,
dâ man siben trahte gît
Freidank 15, 16 Grimm;
als oft man ain tr. essens her trueg Wilwolt v. Schaumburg 16. — wie beim gang spricht man von der ersten, zweiten, dritten ... tracht: caput coenae ... der anfang oder die erst tr. Frisius (1556) 238ᵃ; so wurde die erste tr. abgetragen, umb einer zweyten platz zu machen Lolivetta das teutsche gespenst (1684) 181; die dritte tr. speisen wird ... aufgetragen Lohenstein Arminius (1689) 2, 392; als ich kam, war der könig eben an der zweiten tr. Göthe 44, 53 W.; vgl. endtracht letzter gang eines mahles Schmeller-Fr. 2, 810. — bei gelagen erhalten adlige oder bevorzugte mehr gänge als andere: da die obersten sitzen, da muͦsz man ein tr. me haben dann mitten im tisch Keisersberg narr. (1520) 101ᶜ; das ist einem eren man gnuͦg, der da gest hot, wan er einer trachten me hat, dan so er allein ist und kein gest hat Pauli schimpf u. ernst 6, 6 B. ohne rücksicht darauf, wieviel speisen in einer tracht ('gang') aufgetragen werden: als die erste tr. mit dem fleische verbracht war, schütteten sie ... eicheln ... herausz Bastel v. d. Sohle Harnisch (1648) 124; er tractierte uns in der ersten tr. mit wintersalat Grimmelshausen Simpl. 110 ndr.; tripatinum ein tracht von dreyen essen Zehner nomencl. (1645) 359; bereits mhd.:
ich wil iu nennen die êrsten traht: ...
ein krût vil kleine gesniten,
veizt und mager in bêden siten,
ein guot fleisch lac dâ bi
Meier Helmbr. 863 Panzer;
die erste tr. waren speckknötl und selchfleisch, annebst kapauns und salat hausball (1781) 18, 37 ndr.
b)
speise allgemein, aus a entwickelt und ebenso wie a oft mit verben wie tragen oder setzen verbunden, so dasz die beiden bedeutungen nicht immer zu scheiden sind; oft collectiv, vgl. th. 10, 1, 2092 m:
daz ich nâch dirre spîse hêr
deheiner trahte niemer mêr
mich fürbaz wil genieten
Konrad v. Würzburg herzm. 491; vgl. 497;
die koch wunder trahten
mit fromden bigerihten
sach man ze tisch rihten
sälden hort 2796 Adrian;
des nachts ... so ist ein habermuͤs ir tracht
N. Manuel Barbali 249 Bächtold;
von den erbsen werden in den küchen vielerlei trachten gemacht Tabernämontanus kräuterb. 884; linsen seynd die ordinari tr. auff seinem tisch Abr. a s. Clara Judas (1695) 4, 148; auch = 'mahlzeit': für ein plappart zwibelfisch kauffen zu dreyen trachten Fischart Garg. 107 ndr.; in synonymer verbindung mit speise, gericht:
gut wort werden höher geacht,
dann köstlich speisz und guter tracht
Eyering prov. (1601) 1, 303;
wo hast vor solch ordnung gesehen
an eim nachtmal, so thus verjehen?
mit solcher zier und hochstem fleisz,
so kostlich tracht, mancherley speisz
H. Sachs 20, 197, 7 Götze;
die speisen sind für die, die Jupiters gericht,
die die geweythe tracht (geopfert fleisch) verlachten
Gryphius trauersp. 681 Palm;
charakteristisch ist hier die verbindung mit verben des essens und zubereitens: von allerley trachten ... den magen ... beladen Fischart in Scheibles kloster 10, 1021; dasz diese gäste die trachten fraszen wie die säue Grimmelshausen Simpl. 82 ndr.; sie wiszte wöl ein tr. ze machen Stainhöwel de claris mul. 265 Dr.; darumb man denn die besten trachten zuricht Amadis 219 K.; ähnlich Brant narr. 81, 38 Z. 'süsze speise'. s. th. 10, 2095 q:
wie denn die weiber tag und nacht
gelüsten thut nach süszem tracht
Eyering prov. (1601 ff.) 2, 393;
wann nun die süsze speisen, die verzuckerte trachten ... den völligen sturm leyden Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 14/15; gelegentlich deutsche trachten im gegensatz zu den ausländischen: er behalf sich mit den deutschen trachten als guet flaisch, brates, pfeffer, guet fisch und grosz krebs und gab der welschen und frembden costen kein acht zimmer. chron. ²4, 186 B.; dasz ... ganze gebratene ochsen, elende und bären in solchem uberflusse aufgetragen wurden: dasz weil alles innländische trachten waren, sie ... die güte des reichen Deutschlands rühmen musten Lohenstein Arm. 1, 1183ᵇ. speciell: ein stück brot u. dgl.: brich dir doch numen ein tr. ab, die du am allerliebsten essest oder isz blöszlich kesz und brott und keine warme speisz Keisersberg evangb. (1515) 181ᵈ. übertragen auf den abschnitt einer predigt: nun nymm fürter syben andre frische stuck oder trachten. ir fragent am ersten, wie ... ders. pat. nost. (1515) c 3ᵇ. bildlich: mit worten lasz ich mich nicht abspeisen: solche trachten sättigen nicht Moscherosch ins. cur. par. 49 ndr.; sind selbe (rätsel) jederzeit bey frölichkeiten und gastereyen für die besten trachten geachtet worden Harsdörfer frauenz. gespr. (1641) 1, k 1ᵇ;
vil zu köstlich, zu rein und frisch
für ewern tisch
und magen seind die trachten meiner schriften
Weckherlin 1, 271 Fischer.
auch für das sacrament des abendmahls: die liebe (bei der königstafel, dem abendmahl) ... ist selbst wirth und tracht Schmolcke trost- u. geistr. schr. 1, 355; ähnlich:
das brautmal ist bereit:
die speis ist ewigkeit,
die trachten lauter leben
Fleming ged. 254 Lapp.
sonst:
vergnügung ist die tracht,
die immer sättiget und immer hungrig macht
H. v. Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. 3, 147 Neukirch;
man lohn der welt mit solchen trachten,
wie sie für andre an will richten
Grimmelshausen 1, 215 Keller;
gifft ist grosser herren letzte tracht
Treuer Dädalus 1 (1675) 668.
c)
tracht prügel bedeutet 'ein gericht pr.', vgl. Andresen dtsche volksetymologie⁷ 361f. das heutige sprachgefühl, dem tracht 'speise' fremd geworden ist, interpretiert diese tracht als 'soviel man ertragen kann', so Adelung, Campe. der vergleich von schlägen und gerichten ist gebräuchlich und volksthümlich, s. Bezzenberger in Paul u. Braunes beitr. 1, 51. das zeigt sich in compositis wie prügelsuppe, das schon bei Waldis vorkommt, steckensalat u. a., von denen eine stattliche zahl bei Variscus aufgeführt wird, s. th. 1, 1472. 'man sagte aber auch ... eine tracht schläge (prügelsuppe), oder wie schmecken die schläge? wird noch jetzt gesagt wie eine tracht speise' J. Grimm Reinh. fuchs xcv. es heiszt jemandem die rute zu kosten, schmecken geben, s. th. 9, 968 und 5, 1865, fünffingerkraut speisen, zu kosten geben, s. th. 4, 1, 1, 564, man spricht von gesalzenen prügeln W. H. Riehl gesch. u. nov. (1871) 1, 23: bisz er ihm eine gute tr. schläge versetzet Christstein der heutige weltmann (1675) 13; und hat ihm ... mit einer tüchtigen tr. schläge das trankgeld gegeben sammlg. v. schausp. (Wien 1764 ff.) 4, 60; mit einer tr. prügel hungrig zurückgewiesen werden J. E. Schlegel (1761) 5, 286. am häufigsten wird tracht mit schläge und prügel verbunden, öfters auch mit hiebe (eine tr. hiebe mitnehmen Laukhard leben u. schicksale (1791) 2, 52), keile (in einer gehörigen tr. keile entladen E. Georgy die Berliner range (1900) 1, 2). auch ohne die genetivbestimmung:
Schill gibt den Franzosen eine derbe tracht
Ditfurth 100 volkslieder des preusz. heeres 81.
unter den attributiven adjectiven begegnet am häufigsten tüchtig: er hat mir ... eine tüchtige tr. schläge erspart Göthe 23, 223, 11 W.; oft gut: eine gute tr. schläge ... gegeben G. Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) 339ᵃ; auszerdem: eine derbe tr. schläge erwartete (mich) Nettelbeck lebensbeschreibg 1 (1821) 15; so erhält er eine schwere tr. schläge G. Forster s. schr. (1843) 4, 93; ihm ... eine ziemliche tr. schläge ... geben Melissus Salinde (1718) 351. die verben, mit denen tracht verbunden wird, sind die des gebens und empfangens. in der ersten gruppe vor allem (mit)geben: zuerst bei G. Arnold (1699) s. o.; Melissus (1718) s. o.; wohlmeinend eine tr. schläge mitgeben J. Möser s. w. 9, 129; dann auch: dem kerl ... eine tr. prügel verschaffen Nestroy ges. w. (1890) 1, 12; ihr eine tr. schläge zukommen ... lassen Langbein s. schr. 31, 9; dem bewuszten schriftsteller eine tüchtige tr. prügel aufgezählt zu haben Holtei erz. schr. 19, 229; in der zweiten bes. bekommen, erhalten, empfangen: hättest du ... deine tr. schläge bekommen Heinse 2, 109 Schüdd.; erhielt hernach von meinem vater ... eine tr. schläge K. F. Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 61; eine ungewöhnliche tr. schläge .. mit einem dünnen röhrchen empfing Heine w. 3, 440 E.; eine tr. hiebe mitnehmen Laukhard a. a. o.; dasz ich meine tr. schläge krieg Pocci lust. komödienbüchl. 2 (1861) 155; ich habe meine tr. schläge weg Chr. Weise comödienprobe (1696) 156; auch eine tr. schläge verdienen J. G. Schmidt rocken-philos. (1706) 2, 57.
B.
was als frucht getragen wird oder getragen worden ist. in der literatursprache kommt diese tracht vereinzelt etwa bis ins 17. jh. vor mhd., mnd. und mndl. bezeugt, heute auf einige dialekte und berufssprachen beschränkt.
1)
leibesfrucht:
êre an uns dîner muoter traht!
(in einem gebet, vorher v. 16: zeige uns die dîn gesegente vruht!)
klein. mhd. erzählg. 48, 37 Rosenhagen;
wann kompt der tag, das ich mein kind sehe ... was ye kein fraw, die werder dracht gewan als ich Aymont (1535) g 5ᵇ;
zwen andre (hunde), waren seiner (des hundes Harpyia) tracht,
dann er sie auff die welt hatt bracht
Wickram 7, 133 B.;
vgl. auch Diefenbach 232ᵇ fetus vel fetata dracht animalis vel mulieris; so auch mnd. (Schiller-lübben 1, 561) und mndl. (Verwijs-Verdam 2, 368 nr. 2). im deutschen ist tracht später auf die dialekte beschränkt: 'in der niedrigen sprechart auch von weibern. so sagt man in einigen gegenden sie ist um die tracht gekommen für: sie hat fehlgeboren' Campe 4, 854. in dieser verwendung jetzt nicht mehr gebräuchlich. nur das ndl. verwendet es noch so: wb. d. ned. taal 3, 2, 3218 nr. 2f. heute wird tracht nur noch vom thier gesagt. man versteht darunter 'die frucht im mutterleib': Schmitz Eifelvolk 1, 232ᵃ; Mensing (vereinzelt) 1, 831, so in der weidmannssprache (Kehrein 293), auch ndl. s. wb. d. ned. taal a. o. o. und schon mnd. s. Schiller-Lübben a. a. o. und 'soviel junge ein kräftiges thier auf einmal trägt oder wirft' Follmann lothr. 98; im sinne von 'wurf': eine tracht von kätzlein, fercklein, hündlein etc., nachdem sie die mutter geworffen M. Kramer 2 (1702) 1105ᵇ; Voigtel 3, 413ᵇ.
2)
frucht des feldes: proventus, fructus, reditus Stieler (1691) 2306 nr. 4; die jährige tr. eines ackers M. Kramer 2 (1702) 1105ᵇ; in einigen gegenden sagt man auch die tr. eines ackers soviel als er trägt, dessen ertrag Adelung 4, 636; alterthümelnd:
deines leibes purpurlinnen
war einst meiner felder tracht
G. Schwab gedichte (1838) 188;
die frucht der pflanzen und bäume: mnd. (Lasch-Borchling 464); mndl. (Verwijs-Verdam 2, 368 nr. 2ᵇ); ferner ndl. (wb. d. ned. taal 3, 2, 3218 nr. 5) und ostfries. (Doornkaat-Koolman 1, 326);
die zeit der erndt ist da ...
... der reben reiffe tracht
erfordert hipp und press
Gryphius lyr. ged. 474 P.;
wann sie (die kriechen = eine pflaumensorte) solches (bessere wartung) hätten, würden sie sich auch mit ihrer tr. reichlicher einstellen Hohberg georg. cur. 1, 439. auch das fruchtauge: dracht = drachtknobben tragknospe Schambach Götting. idiot. 46.
C.
was als last getragen wird.
1)
allgemein. onus, bürd, last, tr. Schöpper syn. (1550) 100ᵇ Sch.-K. zuerst belegt 1497 bei H. v. Ghetelen dat narrenschyp tit.-bl. 1ᵇ Brandes:
myt godes hulpe hebbe ick ghedacht
eyn schyp to buwen myt swarer dracht.
nur noch mundartlich üblich: di dracht tu wētər héndrēj die tr. zum wasser hintragen Siebs Helgol. 212ᵃ; de dragt is to swâr för hum Doornkaat I 326. — he hett sien dracht er hat viele sorgen Mensing I 831; er hat sin dracht er hat einen rausch Follmann 98 (wie ladig ladung Seiler 184ᵇ); vgl. die redensart: er hat schwer, voll geladen (von einem betrunkenen) th. 6, 43.
2)
speciell als ungefähres lastmasz, soviel ein mensch auf einmal tragen kann, vgl. O. Mothes ill. baulex. 4, 360; eene tr. ein tragkorb voll Müller-Fraureuth obers. u. erzgeb. maa. 1, 236ᵃ, synonym mit bürde, s. th. 2, 532 nr. 3, last th. 6, 249 nr. 7, gang s. th. 4, 1, 1, 1224 nr. 5 c, mundartlich bes. nd. und md. s. u., im obd. dafür zumeist trage, traget(e), s. d.: sie holen ein, zwey, oder mehr gute gebundt oder trachten reyser Aitinger jagd- u. weidbüchl. (1681) 125; als nun die ersten trachten (holz) herankamen, fing ich an, den feuerherd damit anzufüllen Göthe 44, 211 W.; wie konnten sie ... die schweren trachten holz schleppen Gutzkow ritter v. g. 7, 4; tr. holz Follmann lothr. 98ᵇ; J. H. Keller id. d. thüring. waldgeb. (1819) 45; Bauer-Collitz waldeck. wb. 22ᵃ; Woeste westf. 55; Dijkstra friesch wb. 1, 289; er hatte eine tr. leisten auf dem rücken P. Rosegger schr. 9, 24; hier eine hand voll rüben auszureiszen ..., dort eine tr. kartoffeln oder kraut G. Keller 4, 107; so auch tr. eier (Raumer gesch. d. Hohenst. 5, 467), klee (Follmann lothr. 98), gras, futter (Hofmann niederhess. 240) u. s. w., tr. wasser soviel man mit beiden händen oder der tr., dem tragjoch, fortschaffen kann, d. i. zwei eimer: dasz in Paris das wasser geld kostet, nähmlich eine tr. zu zwey eimern gerechnet sechs sols Lichtenberg verm. schr. 5, 469; A. trat mit ihrer tr. wasser in die küche Hebbel w. 8, 232 W.; vgl. Frischbier preusz. 1, 145; Jecht Mansf. 113ᵃ; Albrecht Leipz. 224. gern in verkürzter ausdrucksweise in fällen wie die mädchen ... waren wieder beschäftigt, die letzte tr. aus dem milchkeller in den wagen zu heben Freytag ahnen 1, 102, vgl. milchtracht Frenssen Jörn Uhl 33, s. o. II a; bis der träger wieder die erste tracht (scil. ton d. i. ein brett voll ton) heraufbrachte ... als dasz er mir jetzt drei oder vier trachten hintereinander brachte ... wenn der bauer wieder mit der ersten tr. heraufkam (K. Fischer) denkw. u. erinn. e. arbeiters (1903) 371. ebenso auf thiere bezogen:
du (kranker), eine halbe tracht
des lastbaren kamels
Fleming ged. 1, 191 Lapp.
in der imkersprache die ladung honig, die die biene sammelt und heimträgt: hat die biene nun ihre tr., so fliegt sie nach hause Brehm thierl. 9, 221; in toepassing op de honig die bijen aandragen wb. d. ned. taal 3, 2, 3218 nr. 9. im sinne von 'packen', 'haufen': sie erhalten ... durch überbringerin eine tr. bücher Göthe IV 10, 163 W.; verblaszter eine gantze tr. geldes aus dem überfluss seiner schätze hinwegzuschenken pers. baumg. (1696) 30 Olearius; dracht jild viel geld Dijkstra friesch wb. 1, 289; eine kleine tr. neu aufgebrachter (schnaderhüpfel) mit in die stadt bringt Steub wanderg. (1862) 160; fand er ... sich mit einer gantzen tr. geschriebner lieder ein Abel Boileau satir. ged. (1729) 11;
von vettern und basen
gar eine grosse, zwieträchtige tracht
Stelzhamer 3, 287, 12 Rosegger;
wie bürde und last entgegen th. 2, 533 auch auf abstracta bezogen: sich auf eine tr. grobheiten gefaszt machen Treitschke br. 2, 379; was für eine tr. unheils hat der elende mensch ... auf dich abgeladen Storm 5, 124;
der dichter ... taumelt heim mit seiner tracht
unsterblicher gedanken
Lenau 124 Barthel;
traumt uns da beyden einer nacht,
eim yeden sein besonder tracht
Th. Gart Joseph (1540) 1131 E. Schmidt.
D.
das, was vom menschen auf dem körper getragen, oder die art, wie es getragen wird, die kleidung. zuerst belegt im jahre 1497:
unhovesche dracht se drade leren
H. v. Ghetelen dat narrenschyp 20 Brandes.
nicht viel früher wird dieser gebrauch aufgekommen sein, noch die Limburger chronik (ca. 1400) hat nur kleidunge, vgl. cap. 21, 27, 145.
1)
kleidung concret, vestimenta, kleider.
a)
als ganzes die gesamtheit der kleidungsstücke: ein rock von wollenzeug oder leinwand, ein paar schuhe, ein abgeriszener hut (ist) ihre tracht Dahlmann gesch. v. Dännemark 3, 84; dagegen tragen die weiber mützen ... ihre übrige tracht ist bekannt Göthe III 1, 170 W.; ohne beschränkung auf ein geschlecht, während anzug heute nur von der kleidung des mannes, kleid von der der frau gilt: warum sie die tr. ihres herrn onkels angenommen Schiller 14, 171 G.; das männliche geschlecht, dessen tr. ... so geschmacklos ... geworden ist Holtei erz. schr. 18, 166; es sei männlichen schauspielern ... gelungen, in weiblicher tr. ... zu entzücken Göthe 47, 274 W.;
ein junck bengel, ...
de sick in frowendracht hadde gekledet
Lauremberg scherzged. 20 ndr.
im einzelnen charakterisiert und specialisiert
α)
als neue tracht = modekleidung:
ein weib, das nit daheim kaum halb sich satt wil fressen,
auf dasz die neue tracht an ihr nicht sey vergessen
Rachel satyr. ged. 39 v. 82 ndr.;
ich pflag mich mehr zu putzen ...
in newen trachten stutzen
Wasserhuhn kauff-fenster (1644) 23;
was geht ... dort für ein reizend frauenzimmer?
der neuen tracht vollkommenheit ...
Lessing 1, 69 L.-M.;
es hat mir immer sehr an euren bildern gefallen, dasz ihr manchmal die neueren trachten auch in alten geschichten abkopiert Tieck 16, 112; ähnlich: heutiges tages kan niemand eine so seltzame tr. ersinnen, sie findet alsobald ihre liebhaber die sieben teufel (1693) 32;
und jedesmal war die erfundene tracht
im ganzen lande nachgemacht
Gellert w. 1, 45.
β)
als kleidung der land- oder stadtbevölkerung: ein alter mann, von plumpem wesen, in bäurischer tr. Holtei erz. schr. 24, 72; sie trugen theils ländliche, theils städtische tr. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 1, 166; auf dem lande bemerkte sie kaum die städtische tr. an andern Göthe 28, 38 W.; er trug städtische tr. C. F. Meyer Jürg Jenatsch (1901) 5. als besondere kleidung einzelner städte und länder: indessen sind die Nürnberger trachten ... jetzt nicht zu finden, als auf dem lande bey hochzeiten der bauern C. F. Nicolai reise d. Deutschland 1, 243; eine medaille, die ... zwölf wunderhübsch gemalte Augsburger trachten enthält A. v. Droste-Hülshoff br. 78 Sch.; in Zürich hält man so sehr über die alten gewohnheiten, dasz das frauenzimmer des sonntages noch nach der alten schweitzerischen tr. muss gekleidet gehen Stosch versuch (1773) 10; vgl. sächsische tr. anh. z. allg. dtsch. bibl. (1771 ff.) 675. Sachsen-Altenburg hatte bereits im 17. jh. eine kleidung von augenfälliger eigenart (s. Hottenroth hdb. d. dtsch. tracht 720): Altenburger trachten Göthe III 7, 191 W. als verschiedene kleidung der europäischen nationen: in den geschmacklosesten englischen trachten einherzuschreiten und englisch zu radebrechen Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. 8, 300; sich für ihn in französischer tr. zeichnen zu lassen O. Jahn Mozart 2, 74; darum tragen wir ja die allgemeine französische tr., um uns das echauffement zu ersparen Gutzkow ritter v. geist 1, 185. auszer der englischen und französischen hat die spanische tracht internationale geltung gehabt. sie hat in Deutschland ende des 16. und anfang des 17. jh.s geherscht: spanische tr. und schminke Göthe IV 1, 264 W.; in einer art von sogenannter spanischer tr. I 49, 393 W.; bunte gesellen in spanischer tracht Heine 1, 175 Elster; in einer art vornehmen grandezza, in altspanischer tr. Ranke 7, 185. eine deutsche nationaltracht hat es nie gegeben, nur ansätze dazu im 17. jh., z. zt. des sturms und drangs und besonders um 1815, vgl. Hottenroth 619; 801; 872 und Meisl theatr. quodl. 1, 235:
warum sollen Deutsche nicht eigenthümlich sich kleiden?
eine eigenthümliche tracht — erweckt volksthümlichen geist;
schlieszlich die Gretchentracht von 1848 und 1859, s. Hottenroth 790. deutsche tracht erscheint seltener in einem prägnanten sinn: der dichter hat es ... vorgeschrieben, dasz Otto und die seinigen in deutscher tr. erscheinen jahrb. d. Grillparzerges. 3, 11; auch altdeutsch: die tr. ist durchaus altdeutsch Schiller 3, 159 G.; in altdeutscher tr. E. Th. A. Hoffmann 6, 155 Gr.; vgl. Meisl theatr. quodl. 1, 218; sonst:
erscheinen nur in unser teutschen tracht
Zinkgref auserl. ged. 20 ndr.
γ)
durch die farbe:
vordem ... liesz sich ein geist, in einer weiszen tracht,
vor einer frau im bette sehen
Gellert 1, 209;
noch die gewohnte tracht von ernstem schmerz
Shakespeare 3, 153;
wie das trauerkleid, bei dem die schöne
nur denkt, wie gut die schwarze tracht ihr steht
Geibel 6, 192.
blau bist du (= sterbekittel); in deiner tracht
find ich ja den weg zum himmel
Schmolcke trost- u. geistr. schr. 1, 733;
liesz ihm zum spott anlegen (Pilatus dem Jesus)
ein weiszes kleid, ein arme tracht
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 304.
δ)
vielfach mit charakterisierenden adjectiven verbunden: eine feine, bequeme, hüpsche, ehrbare, züchtige ... närrische, tolle, seltsame, lächerliche, liederliche ... beschwerliche, gemeine tracht Kramer 2 (1702) 1105ᶜ; eine reisende in anständiger tr. Brentano 4, 279; ihre geschmacklose tr. Pückler briefw. u. tageb. 1, 103; er verlangte gefällige tr., gewandtes benehmen Gutzkow 1, 85;
wenn du in netter tracht wirst vor den priester treten
Henrici ged. (1727) 1, 488;
in abgerissener tr. Laube 1, 14; halbnackte trachten Herder 3, 297 S. auch sprichwörtlich:
es deckt offt grober sand die wein-erfüllten reben:
und einen hohen geist verbirgt geringe tracht
Ziegler asiat. Banise (1689) 846;
traut seinen schwüren nicht: denn sie sind kuppler,
nicht von der farbe ihrer äuszern tracht
Shakespeare 3, 169;
eine albernheit ... fällt uns bei uns selbst nicht mehr auf, weil wir sie bedeckt oder in gewohnter, beliebter tr. sehen Herder 15, 138 S.; vgl. nunmehr lässet sich ... das laster in keiner andern tr. als in dem rocke der tugend sehen Lohenstein Armin. 2, 270ᵇ.
ε)
in beruf und stand. tracht im wechsel mit uniform. Ludwig xiv. hat das erste uniformierte heer (1670/72, s. Hottenroth hdb. 774). das lehnwort uniform ist seit 1746 bezeugt, s. th. 11, 3, 1074. vordem bezeichnet man die kriegskleidung mit tracht: rothe ... hosen, und weisze ... ermel ... damals eine tr. der höchsten officierer war Grimmelshausen Simpl. 236 ndr.; die soldaten des groszen kurfürsten zeigen in ihrer tr. eine würdige einfachheit v. Alten hdb. 1, 56; auch der fuszknecht trug den harnisch, und die kriegerische tr. Schönaich Heinr. d. vogler (1757) 89; der junge landgraf, der in der tr. eines landsknechts erschien Ranke s. w. 2, 81. auch nach der einführung und einbürgerung der uniform spricht man von ihr als einer tracht: (Marianens offizierskleidung) ist eine unbequeme tr. Göthe 21, 5 W.; seine eigene tr. (Napoleons), ... eine simple blaue uniform mit weiszen aufschlägen Solger nachgel. schr. 1, 53. für die feierliche amtskleidung der priester, den ornat: der propst schickt seine tr. (chorhemd) der wäscherin Thümmel der hl. Kilian (1818) 53; C., ... in der tr. der cardinäle Ranke s. w. 40/1, 53; Tamino und Pamina in priesterlicher tr. O. Jahn Mozart 4, 609; in geistlicher tr. Lohenstein Armin. 2, 33ᵃ. für die kleidung der mönche, nonnen und ordensmitglieder, weiterhin der diakonissen, der weltlichen krankenschwestern ist noch heute tracht üblich: capelle, die von capuzinern in ihrer tr. bedient wurde Ranke s. w. 15 (1875) 254; die ehemalige tr. der Cisterzienser Kerner bilderb. 188; die absonderlichen trachten (sollen) in den klöstern aufgehoben werden Ranke s. w. 1, 309; in den verschiedenen trachten ihrer orden Moltke ges. schr. 4, 43. der gebrauch der amtstracht ist im laufe der jahrhunderte zurückgegangen. früher wurde sie z. b. auch von lehrern und ratsherren (statt der ratsherren in ihrer einfachen schwarzen tr. Hauff w. 1, 64, 3) getragen, heute noch von anwälten, richtern, universitätsprofessoren, evang. geistlichen u. s. w., deren amtskleidung man mit tracht bezeichnet. die kleidung des bergmanns heiszt noch heute tracht (oder habit): puffjacke ... ein stück der bergmännischen tr. Veith bergwb. 368; in seiner bergmännischen tr. Göthe 24, 40 W.; ähnlich 25, 26 W. tracht bezeichnete auch die unterscheidende kleidung der verschiedenen stände, vgl. Hottenroth 320; 387: gemeine leute, gemeine kleider, nach gebühr und hochheit des standes beliebt und lobt man den unterscheid kennlicher trachten Schottel haubtspr. (1663) 116;
solck üterlick teeken sind de kleder und dracht,
de materie van groter pracht,
de figur, fatzon und gestalt,
dardörch de stende werden underscheden bald
Lauremberg schertzged. 18 ndr.;
unsere weiber würden ... ihre tr. nach einem gewissen feststehenden stande gern behalten, sobald sie nicht mehr besorgen dürften, von einer steuermannsfrau übertroffen zu werden J. Möser 2, 72; du siehst ihm an der tr. schon an, dasz er nicht vornehm ist A. v. Arnim 5, 115 Grimm. — eine frauensperson in der tr. des bürgerstandes Immermann 1, 180 Boxb.; der leibeigene ..., durch schlechte tr., durch kurzes haar muszte er sich äuszerlich von dem freien unterscheiden Freytag 18, 51; in der tr. dienender mägde Alexis Roland v. Berlin (1840) 1, 76.
b)
tracht für 'maske, maskenkostüm': auf einem costümballe bei dem damaligen prinzen Wilhelm, diesen in der tr. des kurfürsten Friedrich I. gesehen zu haben Bismarck ged. u. erinn. 2, 57 volksausg.; waren alle ... geschäftig .., die tr. einer nymphe ... zu verfertigen Nicolai Nothanker 1, 194; sie ist willens ihre künste zu zeigen und sich zu dem ende in der tr. des huhns mit der gabel in der brust als lebendiges gericht auf die tafel bringen zu lassen Lichtenberg Hogarth. 3, 153; sie hatten die tr. der sogenannten fledermäuse Gutzkow ritter. v. g. 4, 270;
drey masquen lieszen sich bey hofe gestern sehn
in angenehmer tracht und sehr geschickten röcken
H. v. Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. 2, 22 Neukirch.
c)
bildlich.
α)
gern von den dingen der natur, namentlich von allerlei pflanzenwuchs:
schaut, die grüne matten tracht
wird mit blumen bunt gemacht
Grob dichter. versuchgabe (1678) 102;
es steht das feld in neuer tracht
H. v. Fallersleben schr. 1, 295;
der hohen feuerlilien rote tracht ...
trieb in den garten mich noch spät hinaus
Platen 2, 165 Hempel;
tulipanen, narcissen ... im erdreich lagen, auff den künfftigen frühling mit ihrer gewöhnlichen tr. wiederumb auff das neue prächtig zu prangen Grimmelshausen 2, 517 K.;
man glaubt, dasz um die zeit der heiszen sonnenwende
der blätter grüne tracht sich an dem baum umkehr
Gryphius lyr. ged. 415 P.;
die (rose) wirfft die welcke tracht
der bleichen blätter hin
ders. trauersp. 160 P.;
dasz dieser liebe tag in voller schönheit blüht,
und järlich allezeit in frischer tracht aufziht
Zesen verm. Helikon 2, 17;
es zeiget sich der herbst in anmuth-voller tracht
Neukirch anfangsgründe 75;
der lenz, der sommer,
der zeitigende herbst, der zornge winter,
sie alle tauschen die gewohnte tracht
Shakespeare 1, 201.
auch vom himmel:
wie Phoebus pflegt zu mahlen
der wolcken blaue tracht
Opitz opera (1690) 2, 58;
so tritt die königinn der nacht,
der mond in silberreicher tracht ... herein
Triller poet. betrachtg. 1, 4;
Aurora ... in rosenfarbner tracht
E. v. Kleist 1, 111, 26 Sauer;
der himmel wählt, in grau gehüllt   lange
sich eine goldgestickte tracht   endlich
Platen ges. w. (1839) 76.
β)
im 18. jh. von der übersetzung eines literar. werkes, die wie ein kleid über das original gelegt ist: wenn es nicht besser wäre, ihnen (Shakespeares stücken) ihr air national zu lassen, als sie in erborgter tr. unter fremden zu nationalisieren Gerstenberg schlesw. litbr. 142 lit.-dkm.; ein biblischer übersetzer von dieser knechtischen art verdient ... einen verweis, dasz er ... sich dadurch untüchtig macht, die starken orientalischen bilder in deutscher tr. darzustellen Schubart leben u. gesinnungen 2, 221; die frau Guion ... sey eine angenehme schwärmerin, sie sollten diese mit einigen mystischen blümchen ausschmücken, so würde sie auch in deutscher tr. reizend scheinen Gottschedin br. 3, 41 Runkel; meine geschichte der kunst ist zu Paris in französischer tr. erschienen Winckelmann w. 11, 229; die stelle mag in ihrer altfranzösischen tr. in einer note stehen Abbt w. 6, 1, 86; so kommen uns die aus ihnen entlehnten wörter auch in ihrer einheimischen tr. öfter zu gesichte Adelung lehrg. d. dtsch. spr. 2, 669; so wie die wortspiele und zweydeutige kleinigkeiten ... den falschen schein sofort verlieren, wenn sie, so zu reden, in der tr. einer fremden sprache erscheinen Heräus gedichte u. lat. inschr. (1721) 27. — ähnlich von der äuszeren form eines literarischen werkes: hier liefert Loe also die edelmüthige Cenie in einer ihr anständigen tr., mit denen verbesserungen und zusätzen, die sie ... für nöthig gehalten Gottsched d. neueste a. d. anm. gelehrs. 3, 299; der gelehrte wird nützliche kenntnisse sammeln, und der geschmack sie in gefälliger tr. dem volke vorführen Schubart ges. schr. 6, 176; die handlung ist ein vor allemal klein, in ansehung ihrer einkleidung in form eines heldengedichts. sie wird also durch diese misshelligkeit zwischen ihr und dieser tr. schon lächerlich Dusch verm. krit. u. satyr. schr. 135. — hierher auch: wie gelehrt musz also ein auge seyn, um Homer ganz in der tr. seines zeitalters sehen zu können Herder 3, 203 S.
2)
art und weise, sich zu kleiden, z. th. synonym mit mode. wie bei kleidung s. th. 5, 1083 gehen 1 und 2 oft ineinander über.
a)
die kleidungsart allgemein ohne das moment des zeitgemäszen:
nemand hölt sick na dem stande,
dar en gott hefft tho gebracht,
nemand blifft bi siner dracht,
de gebrücklick is im lande
Lauremberg schertzged. 3 ndr.;
es kam aber ein anderer todt ... auff uhralte teutsche tr. und pracht behencket Moscherosch ges. 1 (1650) 219;
diesz kleid, woran man nichts von Thebens tracht entdecket
Ayrenhoff 2, 20, 11;
die tr. der Israeliten ist im ganzen lande dieselbe und ganz orientalisch Moltke schr. u. denkw. 2, 146; er kleidete sich wie ein Armenier ..., weil er diese tr. bequemer als unsere steifen moden fand Sturz schr. 1, 131; so lange eine mode im schwange ist, begreift man nicht, wie eine andere mode möglich sey, oder wie eine andere tr. uns kleiden könne F. Th. v. Schubert verm. schr. 2, 294; du weiszt, dasz spanische tr. und modestie viel erlaubt, was unsere halstücher-sucht verbietet Caroline 1, 94 Waitz; dasz ein westchen ... für einen wanderer eine sehr angemessene tracht sei Göthe III 22, 15 W.; dasz die gemeine schifferkappe zur tracht der meerwaltenden erretter ... sich verherrlichte Voss antisymb. 1, 250. sogar: es ist ... ein wunder-seltzam ding mit der tr. der kleydungen Moscherosch ges. (1650) 2, 289.
b)
zeitgemäsze kleidungsart, 'mode', vgl. tracht heiszt die dem frauenzimmer nach einer jeden landes-art gewöhnliche und übliche mode sich einzukleiden und anzuputzen Amaranthes frauenl. 2033; tr. heiszt auch öfters die mode und manier der kleidung allg. haush.-lex. (1749) 3, 530; ... da es denn auch wohl für das französische mode gebraucht wird Adelung 4, 636:
wer itzt nicht pluderhosen hat ...
es ist solchs so eine schnöde tracht
J. Walther (1561) bei Wackernagel dt. kirchld. 3, 190;
vgl. auch H. v. Ghetelen sp. 985; ein frembd weib ..., welches einen groszen hangenden bauch gehabt, wie ihn ietzt die schneider mit baumwollen ausfüllen, eine schändliche tracht (magenbuckel, 'gansbauch' der spanischen mode) Kirchhof wendunmuth 2, 200 Österley, vgl. Hottenroth handbuch 542 f. in verbindung mit alamode: also gewisz die meiste alamode trachten und newrungen in kleydungen von unehrlichen stücken und ursachen ihren ursprung her haben Moscherosch ges. (1650) 2, 144; nach der einbürgerung von mode (ca. 1620): sich nach der mode tragen, heist in meinem lande, wenn sich die ... menschen diejenige geschickte tr. kleider zulegen, die vor die artigste gehalten wird e. galant. u. gelehrt. frauenzimmers gutachten (1714) b 4ᵇ;
so bald de van adel eine mode hebben upgebracht,
so moten de börgerinnen na apen sülke dracht
Lauremberg schertzged. 18 ndr.;
wer die neuesten trachten und moden zu sehen verlangte Chr. Reuter Schelmuffsky 117 ndr.;
sie haszt die mode neuer zeiten.
doch lieb ich sie in solcher tracht
J. J. Schwabe belustig. 1, 328;
die hutmacher wird man am meisten über die tr. schimpfen hören (d. h. über die altdeutschen barette) Meisl theatr. quodlib. 1, 219. — auch von der art, das haar und den bart zu tragen, vgl. haartracht th. 4, 2, 39:
dasz die tracht der langen bärte
dieses jahr nicht mode werde
G. Chr. Lichtenberg nachlasz (1899) 126;
doch heute musz dein goldnes haar herab ...
man wird ja ganz verstört   ob solcher fremden, wunderlichen
tracht
Fouqué held des nordens 3, 36.
mode verdrängt tracht aus dieser bedeutung immer mehr. tracht wird schon im 19. jh. das gegentheil von mode (vgl. auch u. 3): unterscheidet man genauer, so thut man gut ... unter dem ersteren wort (tracht) einen typus zu verstehen, der eine ganze periode dauert, unter mode den raschen, fast halbjährlichen wechsel der formen innerhalb dieses typus. dann ist klar: in der tr., im typus, herrscht mehr das bezeichnete gesetz, in der mode die freie laune Vischer krit. gänge n. f. 3, 122; eine form kann anfangs blos mode scheinen und wird tracht ebda; es ist mit der sprache wie mit der mode. ihre wandlungen sind zu allen zeiten von den sittenpredigern bekämpft; aber was noch heute gegenstand des spottes, wird morgen geduldet und ist bald gebieterischer zwang. was als mode verfolgt wird, erscheint berechtigt als tracht Behaghel wiss. beih. z. zs. d. allg. dtsch. sprachver. 2. reihe s. 23.
c)
übertragen das aussehen, die haltung, der habitus. bildliche verwendung mag den übergang erleichtert haben:
da glänzt das haus in munterer tracht,
die einem frisch ins auge lacht
Göthe 13, 1, 185 W.;
diese (die nase, die vorher 'vor betrübnis ihre rotblaue farbe' verloren hatte) hüllte sich ... wiederum in ihre blaue tr. O. Ludwig 2, 309 Schmidt-Stern; gern im wortspiel mit pracht: ist die mutter ... stoltz und hoffärtig, so wird die tochter nit weniger nach pracht und tr. dichten Abr. a s. Clara Judas (1689) 2, 60; zur verbindung mit pracht vgl. zs. f. d. wortf. 8, 242. tracht 'aussehen' in synonymer verbindung mit gestalt, gesicht: die bilder der planetgottheiten (es handelt sich um amulette) durften keine antike form, sondern eine mystische gestalt und tracht haben Hufeland kunst d. menschl. leben zu verlängern (1797) 23;
des ceremoniells ...,
das, in gestalt und tracht dem wohlstand nachzuahmen,
oft ... sich vor dem spiegel übt
J. A. Ebert epist. u. verm. ged. (1789) 57;
sie (= die zauberin) hatt' ein guten theil der güter da beysammen,
... sie hatten sie zu hauff in einen ort gebracht
unehnlich von gesicht und unterschiedner tracht
D. v. d. Werder ras. Roland (1636) ges. 3 str. 20;
sonst:
(der grosze kurfürst) schlug um ihren wall, die donner-reichen läger.
der anzug schreckte schon mit seiner blossen tracht
Besser schr. 52 König;
(auf einen ladenbedienten:)
... du strichest balsam an, so oft du löffeln gehest,
doch weiss ich wol, wie du mit solcher tracht bestehest
Grob dichter. versuchgabe (1678) 78;
der gang, die tracht sind himmlisch ganz
und können nicht verschönert werden
Stieler geharn. Venus 31 ndr.; vgl. 24;
auch ganz abgeblaszt 'art und weise':
gedancken mancher tracht
Wickram 8, 37, 1212 B.;
blümlin mancher tracht
8, 58, 482;
ich bodt ims (mancherlei kram) feil von jeder tracht
8, 165, 263.
in der berufssprache der botaniker und zoologen: 'tr., habitus, das allgemeine äuszere ansehen nach dem gesamteindrucke, sowohl bei pflanzen als thieren' Behlen forst- u. jagdkunde 6, 78; artischoke ... stattliche, ausdauernde dornige kräuter von der tr. der disteln Pierer konv.-lex. 1⁷, 1304; luzula nivea ... der vorigen in der tr. etwas ähnlich Schlechtendal flora v. Deutschl.⁵ 3, 51; die tr. des stocks ... nähere diese pflanze den bignonien Oken allg. naturgesch. 3², 992.
3)
die verwendung von tracht als synonymon zu kleider und kleidungsweise hat sich in jüngster zeit verengt. tracht bezeichnet jetzt das gegentheil der mode(kleidung). in Deutschland und in den anderen culturstaaten (nicht nur innerhalb Europas) herscht ein und dieselbe modekleidung. Heine spricht noch von europäischer tr.: wie denn überhaupt die europäische tr. für frauenzimmer viel kleidsamer ist als die indische 3, 193 Elster. auch in den dialekten ist tracht heute nicht mehr allgemein gebräuchlich: in Schwaben dafür lieber das tragen Fischer 2, 301; in Rappenau traages Meisinger 205; in Schlesw.-Holst. 'nicht recht volksthümlich' Mensing 1, 831. tracht bezieht sich heute nur noch auf die einer bestimmten gemeinschaft eigene einheitliche kleidung. so spricht man von der tracht oder amtstracht einzelner stände und berufe s. o. III D 1 a ε, von der tracht (oder uniform) der pfadfinder, wandervögel u. s. w. mit nationaltracht ist tracht identisch, wenn von der tracht der Türken, Inder, Indianer u. s. w. die rede ist. vor allem hat tracht den beigeschmack des antiquierten bekommen.
a)
'kleidung vergangener zeiten'. so auch schon in früherer zeit gebraucht: man betrachte nur die gemählde und die an selbigen etwan nur vor 15 bis 20 jahren übliche gewesene trachten, ich zweiffele nicht, man werde sich des lachens nicht enthalten können, in betracht der ietzigen kleidungsarten Lolivetta gespenst (1684) 278; familiengemälde ..., die man ... bloss der alten tr. wegen als eine rarität noch aufhebt Rabener 2, 92; die antikischen trachten eines jeden landes ... zu studieren Tieck 16, 112;
die bilder meiner lieben sah ich klar
in einer tracht, die jetzt veraltet war
A. v. Droste-Hülshoff 1, 129;
und immer kamen noch neue gestalten herein, alte rechtsgelehrten, in verschollenen trachten Heine 3, 22 Elster; ein ernsthafter mann in der tr. des siebzehnten jahrhunderts G. Keller 6, 119. ebenso schon früher von der kleidung antiker völker: ein mahler, der einen alten Römer in seiner tr. mahlt Bürger 1, 206 fusznote Bohtz; der könig in römischer tr. (von der reiterstatue Ludw. XIV.) Börne 5, 118; Alexius ... gelang es ... in lateinischer tr. zu entfliehen Raumer gesch. d. Hohenst. 3, 206; in griechischer tr. Mommsen röm. gesch. 1, 839; dasz die nordgriechische tr. schon in früherer zeit berücksichtigt wurde H. Brunn kl. schr. 3, 182; eine tunica in schnitt und form der altdorischen tr. Böttiger kl. schr. 1, 270; (Plotin) ging auch in der alten pythagoräischen tr. Hegel 15, 37; die einfache tr. der neun göttinnen archäol. zeitg. v. Gerhard 1, 120; in der kunstgeschichte und archäologie bis heute gern gebraucht.
b)
im sinne von volkstracht als einer räumlich begrenzten, innerhalb dieser grenzen einheitlichen, altmodischen kleidung, s. K. Spiess die deutschen volkstrachten (1911) 3. über den alten gebrauch von volkstracht = nationaltracht s. th. 12, 2, 500. die verwendung von tracht = volkstracht ist unter den heutigen wohl die gebräuchlichste. der titel von Fr. Hottenroths werk 'handbuch der deutschen tracht' (1896) ist heute zweideutig, wo man von trachtenkunde und trachtenmuseum, von trachtenfest und -zug redet. für volkstracht wird auch landestracht gesagt: mit allen zügen ... strömte das landvolk herein, ... mit der schmucken landestracht angetan Th. Mann kgl. hoheit (1930) 445. volkstracht wird nur noch an wenigen stellen Deutschlands getragen. noch gibt es Tiroler, Schwarzwälder, Altenburger, Spreewälder tracht; ... ein anmutiges bild: der schnee, die wendischen trachten und die funkelnde sonne darüber Fontane I 1, 48; (der Sterzinger ist zu tode getroffen) ... es wurde ihm sonderbar zu mut, in Sterzing läuteten die glocken, und die Riednauner kamen herunter in alter tracht A. Bronnen O. S. (1929) 313.
IV.
theil des pferdehufs. wie diese bezeichnung entstanden ist, ist nicht festzustellen. 'die seitentheile der wand des hufes bei pferden und eseln (heiszen) trachten, nach anderen gehen sie bis zur ferse' Campe 4, 854; de drachen 'die hinteren teile der hornwand am pferdehuf' Mensing 1, 832: ein zu groszes (fusz-) eisen, das hinten über die trachten hinausreicht, gibt bei dem vorderfusze gelegenheit mit dem hinterfusze hineinzutreten ... Hoyer wb. d. artill. suppl. 296; (der) bockhuf ... hat eine ... stark belastete zehe und hohe ... trachten v. Alten hdb. 2, 350; ob ... der huf ausgetrocknet, an der tr. zusammengelaufen ... ist Thomas allg. vieharzneibuch 3; vgl.trachten-ecke, -partie, -schenkel, -wand, -winkel, -zwang, -zwanghuf.
V.
compositionen von tracht sind seit dem 16. jh. bezeugt, bes. im 19. jh., fast ausschlieszlich mit einem substantiv (mit einem adj.-suffix trachtbar, -sam s. d.). die form des ersten compositionsgliedes ist häufiger trachten- als tracht-. die zss. gehören überwiegend zu tracht 'kleidung', seltener, in der form trachten-, zu tracht 'theil des pferdehufs', nur vereinzelt zu den übrigen bedeutungen:
trachtart
kein narr war je so bunt mit seinen schäkkebändern ...
die trachtart hie und da erklaubt und unbekannt
J. Schwiger Cynthie (1660) b 4ᵇ.
trachtausflug
s. I 2 b;
trachtenausstellung
zs. d. ver. f. volksk. 8, 476;
trachtenbau
über dem ganzen des trachtenbaues schwebt als giebel ein schönes köpfchen Stifter 1, 218 S.;
trachtenbild
namentlich in volkskundlichen büchern, z. b. Geszler die moden des 19. jahrh., 98 trachtenbilder ... Wien 1898; auf ältern trachtenbildern haben die zeichner ... mancher bauernfrau ein pfeifchen in den mund gegeben Steub drei sommer 1, 198; anders (von einem mundartenabend des deutschen litteraturvereins) zum schlusz wird ein lebendes trachtenbild vorgeführt tägl. rdschau 1901 nr. 174, 1. beil. 1ᶜ;
trachtenbuch
J. Weigel trachtenbuch Nürnberg 1577; vgl. Mone anz. 1873, 197 ff.; wolte ich ... nur beschreiben und erzehlen von aller newrung ... in vergangen jahren entstanden ... das erfordert wol ein eigen trachtenbuch, wie mans nennet Kirchhof wendunm. 3, 155 Öst.; also sah ich auch wie in einem trachtenbuch die gestalten der Perser Grimmelshausen Simpl. 423 Kögel; auch als deminutivum: P. Aubry Strasburger trachtenbuechlein, darinnen von man und weibspersonen, aussgangen ihm jahr 1660;
trachtenecke
zu IV, s. v. Alten handb. 4, 904;
trachtenfest
namentlich von den heimatbünden veranstaltetes fest, auf dem die alten volkstrachten getragen werden: das trachtenfest der Badener ... verspricht durch die theilnahme von trachtengruppen aus den befreundeten vereinen der Württemberger und Bayern auszerordentlich farbenbunt zu werden tägl. rdschau 1905 nr. 119, 1. beil. 2ᶜ;
trachtenform
eine zeit, welche die sämmtlichen trachtenformen so generalisiert, dasz sie auch den unbemittelten solchen luxus aufnötigt Vischer krit. gänge n. f. 3, 125; vgl. auch tägl. rdschau 1906 nr. 370, 1. beil. 1ᵃ;
trachtgebühr
synon. mit kleidergebühr, -ordnung, behördliche festsetzung der kleidung für die verschiedenen stände, vgl. th. 4, 1, 1, 1887; 5, 1080: trachtgebür modus in vestitu Stieler (1691) 862; Steinbach dtsch. wb. (1734) 1, 153;
trachtgeld
s. III A 1;
trachtengesetz
'gesetz über die kleidertracht' morgenblatt 1847, 494, 1;
trachtengruppe
vgl. unter -fest;
trachtknospe
zu III B frucht- oder blütenknospe im gegensatz zur blattknospe; wohl nur nd.: dragtknobbe 'tragknospe, fruchtauge' Berghaus 1, 354; fast alle apfelbäume stehen in schönsten trachtknospen F. Reuter br. 720 Weltzien. gebräuchlicher ist tragknospe, s. d.;
trachtenkunde
in der trachtenkunde sind die Londoner schneider nicht sehr bewandert tägl. rdschau 1902 nr. 243, 3ᶜ;
trachtenmuseum
für deutsche volkstrachten zs. d. ver. f. volkskunde 11, 351;
trachtenpalast
der trachtenpalast, der auf den weltausstellungen in Paris und St. Louis viel bewundert wurde tägl. rdschau 1905 nr. 104, 4ᵃ;
trachtenpartie
zu IV, s. v. Alten handbuch 4, 900;
trachtenpuppe
modepuppe: unsere vorfahren (haben) keine chocolate gekennet ... noch trachtenpuppen von Paris kommen lassen Leibniz ermahnung an die Deutschen, im Weim. jahrb. 3, 107 (vgl. modehändlerin (in Paris), welche puppen durch ganz Europa versendet ..., (die) dann den hof und die stadt (einer deutschen prinzessin) umbildet und ganze garderoben zum trödel verurtheilt Sturz 1, 200 f);
trachtsau
vgl. unter I 2 a;
trachtenschenkel
zu IV, s. v. Alten handbuch 3, 227;
trachtschwein
s. I 2 a;
trachtenverein
verein zur erhaltung und wiederbelebung der alten volkstrachten, s. tägl. rundschau 1899 nr. 133, 9ᵇ;
trachtenwand
zu IV, s. v. Alten handb. 4, 901; 2, 350; G. Krafft lehrb. d. landw. 3, 247; -wandspalte v. Alten handb. 4, 903;
trachtwechsel trachtenwechsel
vgl. kleiderwechsel th. 5, 1083: kraftproben sind auszer brauch gekommen ... das süszliche scheinliebeln, neusichtiger trachtwechsel — alles hat einen starrkrampf erzeugt F. L. Jahn 2, 2, 693 E.; während wir ... einen bis auf den kreuzflecken noch ganz weiszen fuchs sahen und der trachtwechsel ... im juni vor sich geht Brehm thierl. (1890) 2, 192; die schaben wissen, wie die verschiedenen völkerschaften ihre kleider nach sehr verschiedenen mustern zu machen, aber mit dem trachtenwechsel sind sie nicht bekannt Oken allg. naturgesch. 5, 1233;
trachtenwelt
J. Falke die deutsche trachten- und modenwelt 1858; freilich war von jener malerischen trachtenwelt (Ludwig Vogels) hier (beim fest am Mythenstein) nicht mehr viel zu sehen G. Keller nachgel. schr. (1893) 44;
trachtenwinkel
zu IV, s. v. Alten handbuch 4, 901;
trachtzeit
s. I 2 a und b;
trachtenzug
der wohl drei- bis vierhundert theilnehmer zählende trachtenzug, aus dem sich die prunkvollen schepels ... und die gelblackierten frauencylinderhüte besonders hervorhoben tägl. rdschau 1902 unterhalt.-beil. 687ᶜ;
trachtenzwang
zu IV, s. v. Alten handb. 4, 904; -zwanghuf 3, 497.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 977, Z. 55.

tracht2, f.

²tracht, f.,
das trachten. an eine directe entlehnung aus dem lat. ist nicht zu denken. gewisz wird tractus für tractatus gebraucht; vgl. Forcellini-de Vit 6, 132. aber tracht deckt sich in seiner bedeutung nicht mit tractatus, sondern schlieszt sich an das verbum trachten an: tracht ist aus trachten gebildet (sogen. nomen postverbale). die bedeutung 'denken' liegt dem ags. tract und traht 'tractat, abhandlung' zu grunde, s. Bosworth-Toller 1011. ursprünglich starkes fem. der ô-klasse. ahd. trahta; mhd. und mnd. trachte, selten schon tracht (Ottokar öst. reimchr. 79850; 83356; Lampr. v. Regensburg tochter Syon 930); nhd. hat tracht wie acht u. a. sein endungs-e verloren, vgl. H. Paul nhd. gramm. 2, 80. — nhd. ist das wort spärlich belegt. im 17. jh. stirbt es aus. das trachten übernimmt seine function. die wbb. führen es bis zum 19. jh. an: Steinbach 2, 827 und 831; Campe 4, 854 und Heyse 1252 verzeichnen es als veraltet.
1)
das denken, die gedanken (coniectura Diefenbach 142ᶜ). bei Otfrid wie animus mit poss.-pronomen phraseologisch für das personalpron.:
thaz hursgit thîna drahta
1, 1, 18;
drenkist drahta thîne   mit frônisgemo wîne
2, 9, 94;
so auch 4, 31, 17 (anders Erdmann in seiner ausgabe 459); mhd. in trahte sîn 'überlegen':
der hêrre was dicke in trahte,
waz er sô getânes gefrumen mahte
kaiserchron. 16188 Schr.;
vgl. Gottfr. v. Straszburg 8153; Lampr. v. Regensburg tochter Syon 930; ähnlich in trahte sitzen Gottfr. v. Straszburg 15797; Kolmar. liederhs. 397ᵈ; nhd.:
doch was sein tracht die gantzen nacht:
'wilsz gott, ich ein den sengern breng'
Forster frische teutsche liedl. 163 ndr.;
(der mensch) hat fast alle stunden
was neues im gehirn und in der tracht erfunden
B. Neukirch ged. (1744) 169.
2)
das streben, trachten (desiderium, libido, studium Steinbach 2, 827; 831):
al sîn sin und sîn traht
stuont, daz er heim
den sun bræht
Ottokar öst. reimchr. 83356;
curam habe de ... du solt tracht haben, das du ... cgm. 1113 fol. 92ᵇ, s. bei Schmeller-Fr. 1, 643;
die einigkeit der sitten,
der sinnen gleiche tracht
hat beyder hertz erstritten
S. Dach 858 Öst.;
lasz allen hoffahrt, stoltz und pracht,
auch leichte tracht
ja ferne von mir bleiben (= leichtfertiges streben)
J. Rist neuer himl. lieder sonderb. buch (1651) 180.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 993, Z. 67.

tracht3, f.

³tracht, f.,
der zug, aus lat. tractus entlehnt. im genus hat es sich (entgegen tract) wohl an die übrigen tracht angelehnt. im ahd. wahrscheinlich noch masc.: mit trahto (instrumentalis) ahd. gloss. 2, 678, 60; tractus traht (gloss. Salom.) ebda 4, 163, 30 (vgl. auch die andere überliefg. 4, 104, 7, beide a. d. 12.-13. jh.). — im pl. nhd. an die st. i- und die sw. declination angelehnt: trähte acc. pl. Menudier (1681) s. u. und trachten Lueger s. u.
1)
passivisch (das gezogene).
a)
tractus circulus traht ahd. gloss. 4, 104, 7 St.-S., auffällig, vielleicht fehlerhaft.
b)
der seufzer, aus der kirchensprache stammend, übertragen von dem theile der heiligen messe, welcher tractus heiszt, vgl. tractus dicitur, quia sancti suspirantes ab imo pectoris gemitum trahunt bei du Cange 8 (1887) 145ᵇ: als mangen zeher du umbe dine sünde giuzest ... alder als manech trahte du durch got lâst bei Grieshaber dt. pred. d. 13. jh. 2, 54; vgl. siuften ziehen Konrad v. Würzburg Parton. 14734. s. auch A. Birlinger in der zs. kirchenschmuck 21, 19.
2)
activisch (der zug).
a)
wie mlat. tractus 'piscatio' du Cange 8, 145ᵇ: aleam emere ... ein blinden marckt oder kauff thuͦn, als bey den fischeren auff der tracht ein zug oder wurff Frisius 71ᵃ, vgl. trachtgarn.
b)
wie mlat. tractus 'vivarium etiam seu locus, ubi retia trahi possunt' du Cange 8, 145ᶜ, also übereinkommend mit zug B 2, th. 16, 379; vgl. Fischer schwäb. wb. 2, 302, Buck flurnamenb. s. v. zug: piscinam sive tractum dictum vulgariter diu tiufe trahte urkunde in den copialbüchern von Salmansweiler um 1260 (zs. f. die gesch. des Oberrheins 4, 72 Mone); ehe man (über den flusz) kommt, sihet man etliche gewisse kleine trächte von gesaltzenem wasser, davon das wasser ins meer laufft, und ist eben das, was vor alters Rhaeti alvei genannt wurd Menudier Taverniers reisebeschr. (1681) 2, 52ᵃ; noch jetzt lebt es in obd. flurnamen in der bedeutung 'fischwasser' wie zug fort: Buck flurnamenb. s. v. tracht, trachtweg; Gatschet ortsetymol. forschungen (1867) 292; Bacmeister alem. wanderungen (1867) 1, 130.
c)
das instrument des fischzuges, das netz: funda (Vergil Georg. 1, 141) mittrahto (l. mit tr.) ahd. gloss. 2, 678, 60 St.-S.; vgl. das compos. trachtfischer.
d)
der zug in der berufssprache der tuchmacherei: das einmalige hindurchlaufen des gewebes durch die rauhmaschine nennt man eine tr. Lueger 7, 731; und solcher trachten musz das gewebe oft 60 bis 500 erhalten ... die ersten trachten nennt man das rauhen aus dem haarmann, während die letzten als strichrauhen bezeichnet werden 8, 633; Chr. F. Schrader dt. u. frz. wb. (1784) 2, 1372; Campe 4, 854.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 994, Z. 42.

tracht4, m.

⁴tracht, m.,
nebenform zu trachter, der trichter: do wardt im durch ainen tracht in den mund geschüttet alsz vil alsz ... tomus mirac. s. Theobaldi 22 Stoffel.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 995, Z. 20.

trachten, vb.

trachten, vb.,
überlegen, streben.
herkunft und form. aus lat. tractare entlehnt Wackernagel umdeutschung ²49 wie auch ags. trahtian. in den ahd. glossen dient es in erster linie zur übersetzung von tractare (Graff 5, 513 f.; vgl. auch Tatian 94, 1: quid in via tractabatis? uuaz ir in uuege trahtotut?) und deckt sich in seiner anfänglichen bedeutung mit dessen speciellem gebrauch als 'de aliqua re disceptare, inquirere, disputare' Forcellini-de Vit 6, 132 nr. 18 oder disserere du Cange-Henschel 8, 142ᵇ; vgl. die glossierung von trahtôn mit reputare, disserere Graff a. a. o. damit verrät sich die sphäre, in der die entlehnung stattgefunden hat: die schule. trahtôn hat den terminus technicus für das nachdenken über eine zu beantwortende frage gebildet. sinnen bedeutet ahd. 'proficisci', 'tendere', denken allgemein 'cogitare'; nachdenken und überlegen werden nicht vor dem 15. jh. gebraucht. nach Schlutter zs. f. dt. wortf. 14, 141 (aufgenommen von Hellquist 40) soll sich noch ein einheimisches wort, das 'sehen' bedeutet, mit dem fremden in trahtôn vereinigt haben, vgl. δέρκομαι, ags. as. torht = 'klar', ahd. zoraht. doch fehlt es bis jetzt an sicheren belegen für trahtôn in der dann vorauszusetzenden, sinnlichen bedeutung 'videre'. das von Schlutter a. a. o. ins feld geführte bîtrahtôn circumspicere ahd. gloss. 2, 303, 61 ist nicht beweiskräftig, da es sich um übertragenen gebrauch handelt: vigilanti oculo semetipsam debet mens circumspicere, ne contra mala proximi pertrahatur ad retributionem mali. dazu sind die belege von trachten 'aufpassen, beobachten, halten für' (s. u.) selten und als übertragene verwendung von trahten = tractare leicht zu erklären. ags. trahtian (to expound; explain, to discuss Bosworth-Toller 1011), afries. trachtia (trachten Holthausen 115), as. trahtôn (überlegen Gallée vorstud. 325, vgl. auch gitrahtôn ebda 110); mhd., mnd., mndl. trachten; nd. und ndl. trachten. schwed. trakta (zuerst 1549 bezeugt und dän. tragte wie auch das compos. betrakta bzw. betragte sind aus dem nd. entlehnt Falk-Torp 1278; 65; Hellquist 998; 40. die eindeutschung von trahtôn zeigt sich schon in der dentalangleichung des gutturals im gegensatz zu fremdwörtern wie tract, tractat und tractieren. freilich ist das wort nicht in die umgangssprache des volkes aufgenommen; dem widerspricht nicht, dasz es die dialektwbb. öfter verzeichnen (s. u.). es ist jetzt im süden Deutschlands verbreiteter als im norden. aber auch in Österreich, wo es die gebildeten in der täglichen umgangssprache verwenden, ist es 'ein gewählter, nicht volkssprachlicher ausdruck, der besonders in der amtssprache beliebt ist' Kretschmer wortgeogr. 113 f., vgl. auch 18. zur verbreitung im nhd. hat Luthers bibelübersetzung viel beigetragen (dasz ... alles dichten und trachten ... böse war 1. Mos. 6, 5; trachtet nicht nach hohen dingen Röm. 12, 16; trachtet am ersten nach dem reich gottes Mt. 6, 33; Luk. 12, 31 u. a. m.).
bedeutung und gebrauch. trachten bedeutet zunächst wie tractare 'überlegen, nachdenken'. dann kommt eine zielvorstellung hinzu, also 'seine gedanken auf etwas richten, um in dessen besitz zu gelangen'; vgl. H. Paul Münchener sitz.ber. (1894) 74; auch J. Grimm dtsche gramm. 4, 839.
I.
überlegen, nachdenken.
A.
eigentlich. in dieser bedeutung wird trachten seit dem 17. jh. kaum mehr verwandt, vgl. Heinatz antibarb. 2, 475; Adelung 4, 636. sie ist heute nur noch im bair. (Schmeller-Fr. 1, 643) und im compos. betrachten lebendig, das heute für trachten I in seinem ganzen gebrauch üblich ist. in lat.-dtsch. wbb. dient trachten ahd. als übersetzung von tractare (überwiegend), auch reputare, disserere Graff 5, 513f.; mhd. und frühnhd. von meditari Diefenbach 353ᵇ; cogitare nov. gloss. 99ᵃ; fantasiari bezw. -e Herrigs archiv 47, 444ᵇ; Diefenbach 225ᵃ und vocab. v. 1445 bei Schmeller-Fr. 1, 643; fingere Diefenbach 236ᵃ; meditari trachten, fleyszig nahen sinnen Frisius 808ᵃ; animo agitare aliquid etwas in jm selbs trachten, erwägen 69ᵃ; exputare bedencken, sinnen, trachten, radtschlagen 521ᵇ; iudicare bey im selbs schätzen und gedencken oder trachten 739ᵇ; vgl. Alberus (1540) t 3ᵇ.
1)
mit accusativ-object. schon ahd. (Tatian 94, 1 s. o.) und mhd., z. b.:
si wolten mit ainander
trahten ir sache
Wernher Maria s. 213 Wesle;
vgl. schweizer Wernher 8693; Heinrich v. Neustadt 234 Apollon. secum aliquid volvere bey jm selbs mancherley sinnen und trachten Frisius 1405ᵃ; tag und nacht ein ding trachten und jm nachsinnen Maaler 404ᵈ; speculier und trachte daheim hohe ding Petrarche hülf, trost u. rath (1559) 193ᵃ; trachtend den spruch und bschouwend in eben N. Manuel Barb. 1179 Bächtold; trachte dise ding und erkenn nicht andre ding erste dtsche bibel 3, 33;
Jesu, ich bitt ... wer tracht sehr deiner marter ehr,
den thuͦstu nit verlassen
bei Kehrein kath. kirchenlieder 2, 34;
man kennt nur die fürnemesten (metalle) ... die andern will man ... lassen fürfahren und nicht tr. ihr eigenschafft Paracelsus op. (1616) 2, 1311ᵃ; besonders das ende tr.:
sindt witzig, und trachtend das end,
das gott das radt üch nit umb wend
Brant narr. 57, 41 Zarncke;
ach Tütschlandt, wie bistu verblendt,
das du so gar nit trachst das endt
schweiz. schausp. 2, 201 Bächt.;
heute nur mundartlich: wenn i s trâcht wenn ichs recht bedenke Schmeller-Fr. 1, 643. auch reflexiv 'sich überlegen': das sprach unser frow: 'Riwalt, bit mich was du wilt, daz gib ich dir'. da trachtet er sich, was er sy bitten wölt d. summer theil der heil. leben (1472) 119ᵇ. mit pronomin. gen.-object wohl nur ahd.:
oba thu es wola drahtos
Otfrid ad Hartm. 49;
wil thu thes wola drahton,   thu metar wolles ahton
1, 1, 43.
2)
in verbindung mit präpositionen; nach:
sus trahte er dâ lange
nâch Tristandes gange
Gotfr. v. Straszburg 13577;
yhr viel sein, die got mit groszer stimm preiszen, viel die von yhm gedencken und durch die vornunfft nach yhm tr. und speculiern Luther 7, 554, 18 W. auf: (der galander) traht nihts auf die vanknüss noch auf anders ihts denne auf sein gesang Konrad v. Megenberg buch d. nat. 176, 10;
warumme in aber diu cristenheit
ûf jenen tac habe geleit ...
darûf sal man trahten
Passional 46, 48 Köpke;
ähnlich 448, 71. trachten von ist tractare de nachgebildet: wer von unsers herren marter tr. wöl cgm. 4594 fol. 92 bei Schmeller-Fr. 1, 643; ich trachte von deynen wercken Luther 18, 521, 22 W. (ps. 142, 5 meditatus sum in ... operibus, jetzt: ich rede); (in der genesis ist beschrieben) wo her alle creaturn komen, sonderlich so der mensch mit der sunde und frumkeit, darvon alle welt nun tracht und dannocht nichts hat mugen erlangen 12, 438, 28;
ich tracht selber tag und nacht darvon,
wie ich es möcht werden ohn
(a. d. j. 1618) Regensburger fastnachtsp. in Bayerns maa. 2, 4 Brenner u. Hartmann.
3)
mit folgendem fragesatz (seit dem 16. jh. mit finalem einschlag, s. u. C):
drahto io zi guate,   so waz thir got gibiete
Otfrid 2, 9, 65;
nu tracht ob ditz gevaht
getailet wær geliche!
Joh. v. Würzburg 4758;
die wortt leren dich achten und tr., warumb Christus da sey Luther 11, 448 W.;
also fürausz bedenck und tracht,
wi gott all ding zum bästen macht
Schwarzenberg d. teutsch. Cic. (1535) 129ᵇ.
die belege aus der jüngsten zeit sind auf das bair. beschränkt: trâchte ə ̃ màl wó-st-əs nə́t kà ̃st besinne dich Schmeller-Fr. 1, 643; vgl.
hat hinum und hat herum tracht
und woasz halt gar nit, wie ers macht
K. Stieler ged. 2, 62 Reclam.
4)
selbständiger; als einführung directer rede (meist frage):
bî thiu moht er odo drahtôn,   in thesa wîsun ahtôn:
'oba thiz ist thes sun ...'
Otfrid 2, 4, 28;
si trahten vil besunder:
'jâ herre, wâ muge wir sîn?'
Rabenschlacht 373;
vgl. Dietrichs flucht 8218; Ulrich v. Lichtenstein frauend. 231, 17; 240, 25; ganz absolut:
er saz ...
gedenkende und trahtende,
in sînen sinnen ahtende
Gotfrid v. Straszburg Tristan 16083;
do begonde Danyel
trachten in im harte snel
Daniel 3654 Hübner;
alse der mensch trachtit, so wirkit alle di craft dar in der sele paradis. anim. intell. 97, 27 Strauch; da nah sol er sin in der nouicen celle, da trahte und ezze und slaffe (ubi meditetur ...) übers. d. Bened.-regel 58, 9 Käferbeck; in seinem gesecze wirt er tr. erste dtsche bibel 3, 9, 23; in lege eius meditabitur in seinem gesetze trachtet er Schede-Melissus 12 ndr.; zum andern denckt und tracht einer, er volnbringt aber die missethat nie Nigrinus von zäuberern (1592) 447;
eins tages ich spaciern gieng,
beyn mier selbst zu trachten anfieng
Ad. Schubarth hauszteufel b 3ᵃ.
5)
vereinzelt: ich trachte davor, das der herr nicht bässer di ihnen von mir erwiesene gebühr und schuldigkeit vergelten kan als ich Butschky hochd. kanzelley (1659) 169.
B.
erweitert.
1)
nicht so sehr seine gedanken als sein augenmerkt auf etwas richten. mustern, beobachten, acht geben:
hunt und schellen er began
bemerken unde trahten
Gotfrid v. Straszburg Tristan 15867;
(nach aufzählung der heerescontingente):
nu hân ich iu geahtet
mit ûzgenomen phlegen
und ebene getrahtet
die vil unverzagten degen
Rabenschlacht 582.
Judas ... sprach zu den Juden: 'tenckt und tracht
wem ich den kuss wird geben,
den greiffet an ...'
H. Folz meisterl. 1, 58;
tracht und secht: das er sucht sache wider mich (animadvertite et videte quod ...) erste dtsche bibel 5, 367; der man aber trachtet und hat acht auff sy (contemplabatur eam) die gantze bibel verd. (Zürich 1531) 1. Mos. 24ᶜ; brott und weyn odder der leyb und blutt Christi on die wortt angesehen werden dich leren, achten und trachten auff deyne werck Luther 11, 449 W.;
aber desz schaumens acht ich nit,
wann nit das speyen kompt darmit,
darauff so wart ich jetzt und tracht,
Fischart 2, 189 Hauffen.
auf derselben linie liegt die mhd. litotesfügung:
swaz übels den dar umbe geschiht,
des sol ich trahten kleine
Heinrich v. Meiszen 35, 6;
bin ich der rosse worden arm,
des ich doch lützel trahten soll
Göttw. Troj. 6357.
2)
trachten zu 'anrechnen':
daz man irz immer zeiner missetât trahtet
Lohengrin 2646;
derselben leib und güter (werden) den beschädigten zu gut getracht erklärung des landfriedens v. 1522, 13 überschrift.
C.
mit finalem bezw. optativem einschlag, zu trachten II hinüberführend 'seine gedanken auf etwas richten', aber noch nicht = streben nach.
1)
in verbindung mit indirectem fragesatz:
si trahten unde mâzen,
wie si daz dinc griffen an
Ottokar v. Steiermark reimchron. 15374;
trahte niht sêre,
wie sich dîn irdisch guot gemêre
Hugo v. Trimberg renner 10685 E.;
und tracht nit, wa es usz möcht gon
Murner narr. 253, 4 ndr.;
vil mer wünschen und trachten, wie wir von in hinausz kemen Luther 34, 2, 89 W.;
ich glaub dein vatter hab getracht,
wie er dich zu eim bischoff macht
Fischart w. 2, 295 v. 8191 Hauffen;
er ... trachtet, wie er uns ubers seil werffe Dedekind christl. ritter (1590) b 4ᵃ; er ... trachtet also, wie er den selben rächen möge Stumpf Schwytzerchron. (1606) 30ᵃ; ähnlich Moscherosch ges. (1650) 1, 135; zu tr., wie ich sie an einen mann ... verbinden könnte Hafner ges. lustsp. (1812) 1, 30; wir müssen tr., wie wir weiter von hinnen kommen Fouqué zauberr. (1813) 1, 118. das übergehen in die bedeutung von trachten II wird besonders deutlich an demonstrativem dahin und danach, das erst seit dem ende des 16. jh.s hinzugefügt wird:
dasz ein rechter hauszvater soll
vil mehr dahin trachten wol,
was dient zu nutz und bständigkeit
Sebiz feldbau (1579) 22;
so besonders seit dem 17. jh.: die catholischen ... dahin trachteten, wie ... die evangelischen ... vertilgt und ausgerottet werden möchten postreuter (1620) 61; haben sie ... dahin zu tr. angefangen: wie sie ihre hand ... auszstrecken ... möchten v. Chemnitz schwed. kriegs 1. th. (1648) 3, 1; ein sorgfältiger informator solte auch dahin tr., wie er ... überflüssige gedancken einflöszen möchte Weise grün. jugend 4 ndr.; dahin tr., wie wir ihnen bekand werden Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. l. (1720) 86; trachtete er mit allem fleis darnach, wie er Hagenaw vor ihnen salviren möchte v. Chemnitz schwed. kriegs 2. th. (1653) 162; trachtet er darnach, wie er den wurm des schwantzes berauben möchte volksb. v. geh. Siegfr. 80 ndr.
2)
in verbindung mit für und wider: trachten für etwa 'sorgen für': da (im tod) wird keyner fur ander leut tr., sondern eyn ytlicher fur sich selber sorgen Luther 17, 1, 456, 31 W.;
drumb solt ir nit sorgen noch trachten
auff erden hie für ewer leben
H. Sachs 1, 291, 12 K.
trachten wider sich auflehnen, sich wehren gegen:
dann wer sich zu eim könig macht,
derselb wider den keyser tracht
bei Kehrein kath. kirchenld. 1, 376;
man trachtet wider das geschosz und bereitet zur gegenwehr bollwerck Joh. Agricola sprichw. (1534) 185.
II.
streben. appeto, affecto, concupio tracht darnach, beger hefftig Alberus (1540) t 4ᵃ; studiare, sollecitare sorgen, trachten Hulsius (1618) 2, 400ᵇ. das ziel des strebens wird in der älteren sprache durch ein nominales object, einen objectsatz, eine präpositionale verbindung, einen infinitiv mit zu oder einen dasz-satz ausgedrückt. heute ist von diesen constructionen nur noch trachten nach lebendig.
1)
trachten mit accusativ-object 'etwas gutes oder schlechtes für sich oder einen andern erstreben, zu erlangen suchen'. die belege reichen vom mhd. bis ins 17. jh.
si ... heten getraht sêre
des fursten frum und êre
Ottokar österr. reimchron. 61162;
der herzog und sîn rât
trahten und erfunden,
swaz si guotes kunden
25842;
er traht mit voller maht des heiden sterben
Lohengrin 5500;
servire utilitati alicuius eines nutz schaffen und trachten Frisius (1556) 1420ᵃ; dasz ich es keiner bösen ursachen halben gethan, sondern hätte i. f. g. bestes damit getrachtet v. Schweinichen denkw. 61 Österley; vermöge dessen sie ihrer kays. maj. bestes zu tr. und schaden zu verwarnen schuldig sind acta publ. 1, 317 Palm; den allgemeinen wohlstandt dieses vaterlandes ... nach euserster möglichkeit zu tr. und zu befördern 2, 306; nicht immer klar von I A 1 zu scheiden:
tracht nun dyn heyl und volg uns gar
schweiz. schausp. 2, 25, 176 Bächt.;
dorumb tr. sie heymlich tuck, das nur uff das fest nicht geschehe Luther 34, 1, 192 W.; er trachtet böses in seinem herzen Dietenberger kath. bibel (1571) sprüche Salom. 6, 14;
dann mein hausz das ist ain betthausz.
darinn jhr übels würckt und tracht
Schwarzenberg d. teutsch Cic. (1535) 112;
sie trachten sinen tot bei Diefenbach-Wülcker 875;
Andreas dicit ad Ihesum: ... die Judden alle degelich
trachten und sichen (suchen) raid,
die der, herre, an din leben gat
Alsfelder passionssp. v. 2506 Grein.
nach dem 17. jh. nur noch vereinzelt in poetischer diction:
bekämpft sei, was ihr trachtet,
papstthum und barbarei
J. H. Voss ged. 5, 268;
was hab ich sonst gerufen und getrachtet!
nach einer andern ewigkeit geschmachtet
Körner werke 2, 53 Hempel.
2)
mit einem genitiv- oder dativ-object, selten: trachtet er seins vorteils Wilw. v. Schaumburg 154 K.; da dieselben die groszen ungestümb und den merklichen haufen volks und ir wesen und geber sahen, trachtet iedermann seinem negsten (nach dem, was ihm am nächsten liegt) ebda 149.
3)
in verbindung mit präpositionen:
a)
tr. nach: bereits mhd. sehr verbreitet, z. b. nâch guote Hugo v. Trimberg renner 773 Ehrism., nâch gotes liebe 3733, nâch triuwen und künste 5009 u. ä.; auch nâch gote 17601, nâch unser muoter 6071; bis heute die geläufigste verbindung. personen: dasz manche tochter Cecilia mehr nach dem organisten trachtet, als nach der orgel, wer ist daran schuldig? Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 135;
bey tag und nachte
las mich nach dir (Christus) trachten
Zach. Faber d. ä. bei Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 1, 59.
meist in der bedeutung 'jemand suchen': nach artzten tr. C. Scheit fröl. heimf. (1551) j 1ᵃ; das die vier mann ... jhrer nicht mer mechtig gewesen, sunder noch nach zwayen trachten müssen, so jnen helfen halten Nas antipapist. (1567) 1, 45ᵇ; hatt das krigsvolck ... nach einem andern keyser getrachtet Schill teutsch. spr. ehrenkranz (1644) 57; auch in feindlicher absicht: nach den redlinfürern tr. Stumpf Schwytzerchr. (1606) 269ᵃ; ich will fleiszig nach ewrem vatter ... tr., dasz er mein gefangener wirdt buch der liebe (1587) 23ᵈ;
ja lasz uns nun hinfort nach andern weibern trachten
v. d. Werder ras. Roland (1636) ges. 27 str. 44;
eine noch hübschere (frau) als die, nach der ihr trachtet Göthe I 45, 144 W.;
ich trachte mit allen sinnen
nach der schäferin im thal
Uhland ged. (1898) 1, 172;
vgl.
Minden, diese stolze magd,
nach der ich so lang getracht
v. Ditfurth 100 hist. volksl. des preusz. heeres (1869) 49.
concrete dinge: die afrikanische sonne ... machte mich so ... träge, dasz ich nach einem einspänner zu tr. begann Steub drei sommer in Tirol 1, 4; er trachtete ernstlich nach einem kahn und gelangte dazu Göthe 25, 38 W.; auch ich habe lange nach dem liede getrachtet, aber es nie ganz habhaft werden können Brentano 4, 176;
wann euer durst
nach frischem wasser trachtt
Erlach volksld. 3, 135;
müszten wir tr. nach den messern, so er ob tisch brauchet, und dieselben vergifften Wickram 1, 86, 13 B.;
es ist kein wunder in der welt,
dasz jedermann so tracht nach gelt
jedermanns jammerkl. (1621) b 3ᵇ;
sie (die geizigen) tr. nach geld, sie seuffzen ums geld
Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 71;
nach geld und gut da tracht ich nicht
Erlach volksl. 1, 165;
er hatte nur nach der tante schnödem mammon getrachtet E. Th. A. Hoffmann s. w. 6, 105 Gris.; im sprichwort: wer nach eim guldin wagen trachtet, dem wirt auffs wenigst ein rad sprichw. sch. w. klugreden (1548) 103ᵃ. abstracta: nach narunge zu stellen und nach eren zu tr. ackerm. aus Böhmen 27, 19 B.; was ... in unehren gezeuget ist, das tracht selten nach ehren Mathesius Sar. (1571) 9ᵃ; freilich kann nicht jeder nach dieser ehre tr. G. Keller 2, 130; nach ruhm M. Kramer (1702) 1102ᶜ; nach sollichen hohen ämbtern Guarinonius grewel der verw. 76; nach hohen stand Reinicke fuchs (1650) 158; nach groszem tittel Lobwasser Calumnia (1583) 6; nach einer freien stellung Ranke 14, 21; nach dem königreich Ayrer 1, 22, 27 K.; H. Sachs 2, 107, 19 K.; nach der krone Ludwig ges. schr. (1891) 5, 249; trachtet am ersten nach dem reich gottes und nach seiner gerechtigkeit Matth. 6, 33 und danach oft gebrauchtes bibelwort: Schupp schr. (1663) 6; J. A. Cramer s. ged. (1782f.) 3, 64; Solger nachgel. schr. (1826) 1, 282, 10; D. F. Strauss ges. schr. (1877) 3, 291 u. a.; nach dem himmel J. G. Neukirch anfangsgr. (1724) 125; Schmolcke s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 91;
irrdisch frewd und wollust verachten
und allein nach himlischen trachten
H. Sachs 8, 258, 36 K.;
nach hohen dingen u. ä. tr.: trachtet nicht nach hohen dingen, sondern haltet euch herunter zu den nidrigen Röm. 12, 16 vgl.μὴ τὰ ὑψηλὰ φρονοῦντες, wohl mehr in der bed. I 'hohes im sinn haben, seine gedanken auf hohes richten' (vgl. die lesart achtet nicht, was hoch ist), später im sinne von 'streben' verstanden: regiere meiner kinder hertzen, dasz sie nicht tr. nach hohen dingen Moscherosch ins. cura par. 46 ndr.;
nach groszen dingen embsig trachten ...
das thut recht grosze narren machen
Friedr. Wilhelm sprichw.-reg. e 2ᵃ.
ebenso kann trachten nach noch heute mit dem neutrum eines adjectivs oder pronomens verbunden werden, gern in anlehnung an oft citierte bibelstellen: nach solchem allen tr. die heiden Matth. 6, 32; ähnlich N. Manuel 149, 424 Bächt.; vgl. Lipperheide spruchwb. 896; trachtet nach dem, das droben ist Koloss. 3, 2; ähnlich Liscow sammlg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 796 und Schubart leben und gesinn. 2, 243; auch nach dem besten Butschky Pathmos 9, nach neuem Ranke 1, 147 u. ähnl. besonders sprachläufig ist die redensart einem nach dem leben trachten. sie wird zuerst in Luthers bibelübersetzung bezeugt: sie werden dir nach dem leben tr. Jerem. 4, 30; vgl. 1. Macc. 11, 11; dann:
und dückisch nach seim leben tracht
H. Sachs 6, 288; 18, 277 Keller-Götze;
wer ist feind? ...
der nach meinem leben trachtet,
der nach meiner wolfart strebt
Logau sinnged. 68 Eitner;
der alte könig ... glaubte, er hätte ihm nach dem leben getrachtet kinder- u. hausmärchen 2, 85; gern mit allitterierender erweiterung: nach leib und leben tr. Schaidenraisser Odyssea (1537) 70ᵃ; Mathesius Sar. (1571) 8ᵇ; auch nach leib u. ä.:
sein weib,
dern du (tod) jetzt trachst nach ihrem leib
W. Spangenberg bei Dähnhardt griech. dramen 1, 73, 108;
dasz keiner nach seines nechsten bluot
soll trachten ...
Endinger judensp. 84 ndr.
ähnlich:
wie kan euch hold sein dann ein weib,
weil ir tracht nach irm bluͦt und leib
Fischart flöhh. 53 ndr.
b)
auf. vom mhd. bis ins 17. jh. gebräuchlich, 'im hd. veraltet' Adelung 4, 636:
si trahten ûf sîn êre
Ottokar österr. reimchron. 5338 S.;
swer trahtet ûf grôzen gewin
Hugo v. Trimberg renner 7579 E.;
häufig bei Luther: auff deinen götzen 30, 2, 519, 38 W.; auffs zeitlichs (gut) 24, 229, 13; auff gutt, ehr und wollust 6, 51;
ein jeder tracht auff seinen nutz
Eyering prov. (1601 ff.) 2, 132;
wer auff übrig reichthum tracht
Logau sinnged. 42 Eitner;
tracht auff das busfertig leben G. Witzel (1550) bei Kehrein kathol. kirchld. 1, 70; do die Römer Deutschlandt erobert, haben die Deutschen auch auff mauren und schlöszer getrachtet Joh. Agricola sprichw. (1534) 7ᵇ;
wer auff einen gülden wagen tracht,
dem wird zum wenigsten ein radt gebracht
Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) g 1ᵃ;
hab eben acht, auff Christum tracht,
lasz dich yetz nit betriegen
bei Wackernagel dt. kirchenld. 3, 168;
auch tr. up ienes leuen Husemann sprüchslg. B 117 Weinkauff.
c)
zu. die vorliegenden belege stammen aus dem 16. jh. dasz sie wohl nur durch zufall fürs mhd. fehlen, zeigt Otfrid 1, 24, 13:
wir sculun thiu wort ahton,   thara harto ouh zua drahton.
verschiedentlich bei Luther: dasz ihr zum ehestand trachtet briefe 2, 445 de Wette; vgl.:
so in der lieb verschreiten weit
und ordentlich zur ehe nicht trachten
Fischart 1, 377, 17 H.;
zur einigkeit Luther briefe 5, 55 de Wette; zum frieden zu tr., zu raten und helffen bücher u. schr. (Jena 1568) 8, 44ᵇ; damit wir zur gerechtigkeit und leben uns kündten schicken odder tr. 26, 503 Weim.; der teufel greifet allein die an, die da zu Christo tr. bücher u. schr. (Jena 1556) 6, 272ᵃ; auszerdem: zur rache Wedel hausb. 143 lit. ver.;
sie stellen uns wie ketzern nach,
zu unserm blut sy trachten
J. Jonas bei Wackernagel dt. kirchenld 3, 42.
d)
um. bis ins 17. jh. bezeugt. im mhd. neben nach oft und mannigfach verwandt:
trahtet ein rîch man üm guot ...
dâ wont lützel sêlden mite
Hugo v. Trimberg renner 21081 E.;
lâz uns trahten üm die maget
ebda 1601;
dem, der die zeichen duͤt,
sollen wir trahten umb daz leben
H. v. Neustadt gottes zukunft 1453 Singer;
tracht umb das guͦt, das, sos schiff bricht, mit dir auszschwimm S. Franck sprichw. (1541) 1, 159ᵃ; tracht umb gelt, so hastu dwelt 1, 32ᵇ; die schrifft mant uns, dasz wir umb ein guͦten namen sollen sorgen und trachten 2, 119ᵃ und ähnlich 1, 134ᵇ; ich trachtete nur umb ein paar grosze und fette feldmäuse Grimmelshausen Simpl. 1, 572 Keller; 'um jemand werben': umb ein reiches weib tr. Guarinonius grewel der verw. 283; der hochmeister gedocht im umb eine (frau) zuͦ tr. Wickram 2, 49 Bolte; auch von der frau: warumb hastu ... umb eines armen hirten son getrachtet ebda 2, 365, 7; die nachbeurin ... sagt, sie wolt ... umb ein solchen man zuͦ tr., allen müglichen fleisz fürwenden Frey gartenges. 99, 32 B.
e)
neben anderen präpositionen bereits mhd. ortsangaben; entweder uneigentlicher verstanden: gein himel tr. H. v. Trimberg renner 663, 5153, 15950, 15989 u. ö. E.;
swenne klôsterliute, müniche und nunnen
wider in die werlt trahtent
2895;
vgl. adverbiale constructionen wie: der ... tag und nacht ynn die höhe trachtet Luther 15, 304 W.;
immerfort noch höher trachten
von der eitlen lasterlast
Neumark fortg. musik.-poet. lustw. 1, 165;
solt ich dannenher nicht trachten
höher naus und oben an
Knittel poet. sinnenfr. (1677) 155;
oder ganz eigentlich: tr. nach einem orth, capessere locum aliquem Reyher thes. (1686) u 2ᵇ;
wann dy selbigen (die Baiern) auszkommen, so spot man ir
also, daz sy in yr landt trachten mit pegir
vierteljahrsschr. f. litgesch. 2, 329, 128 (15. jh.);
heim zu hausz tr. Spreng Ilias 13ᵃ; noch heute elsäss. heim tr. Martin-Lienhart 2, 741; nach hause tr. Stifter 5, 1, 219; zu bett tr. Fischart 1, 310, 1371 H.; was auff der bank gemacht ist, das tracht ans brett Lehmann floril. polit. (1640) 155; wer jmmer under die banck tracht, den läst man billich darunder ligen 1, 55; tracht auff dbank, du kompst dennoch wol drunder S. Franck sprüchw. (1545) 1, 88ᵇ; sprichw. sch. w. klugr. (1548) 161ᵇ; Binder sprichwörterschatz 15; auch negativ:
disen winter
wöl wir ninder
von dir trachten
Neidhart fuchs 3450;
dasz er disz jar von Wittenberg weg trachtet Mathesius Luther (1600) 160ᵃ;
du windst dö und dráhst dö
und trachtst vo dá stöll
Stelzhamer 2, 208, 6 Rosegger;
in jüngerer schriftsprache selten geworden: als man ... die beter ... wieder abwärts tr. sah Steub wanderungen 134; anders: ich habe in das wasser geschaut ..., wie es um die steine und um den sand herum trachtet Stifter 3, 291; mit einem nachklingen der bedeutung I:
der, weit entfernt von allem schein,
nur in der wesen tiefe trachtet
Göthe I 14, 66 W. (Faust v. 1330).
für sich steht, elliptisch zu verstehen, die alte sprichwörtliche wendung: richter, pfleger, pfarrer ... tr. nur in iren sack Aventin s. w. 4, 11, 12 Lexer; vgl. 1, 178, 7;
lange zeit ain rat in seinen sack hat getracht.
und der armen gmain wenig geacht
Liliencron histor. volksl. nr. 163 v. 187;
4)
mit infinitiv. im mhd. und noch im 16. jh. spärlich bezeugt:
die piderben
trahten dâ den prîs zerwerben
U. v. Lichtenstein 117, 9;
du, kunic, wurdest trachten
kumftige dinc zu achten
Daniel 743 Hübner;
trachten to blyven in des meysters gunst
H. v. Ghetelen narrenschyp 48, 80;
den sie trachten schaden zu thon
H. Sachs 18, 151, 21 G.;
das römisch reych zumehren
trachten sie alle zeyt
Schmeltzl zug i. d. Hungerl. (1556) b 4ᵃ;
vgl. auch Schumann nachtb. 303; 334 B.; nach dem 16. jh. spricht eine fülle von belegen für die sprachläufigkeit dieser construction, die auch heute noch oft angewandt wird: diese trachtete ... sie eben also zu falle zu bringen Zesen helikon. rosentahl (1669) 43; man solte den Germanicus auf alle weise tr. zu einem bürgerlichen kriege anzufrischen Lohenstein Armin. 2, 982ᵇ; vernünftige hochzeitgäste tr. dem neuen paare jederzeit höflich und ehrerbietig zu begegnen die vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 238; ich trachtete die zwölf pflichten zu erfüllen A. v. Haller Usong (1771) 228; wohin sie zu kommen trachteten G. Keller 4, 150; ein langes lied, das ... allem erdendunkel einen riegel vorzuschieben trachtete Fontane I 5, 110; wer die natur zu erkennen trachtet, strebt gott zu erkennen G. Hauptmann eins. menschen (1891) 20; gern wird ein hinweisendes danach hinzugefügt: will ich danach tr. ... ihm das leben zu nehmen schausp. engl. kom. 167, 34 Creizenach; Bomtius ... trachtete danach, seine mitbürger zum abfall zu bewegen Stolberg 8, 118. infinitiv ohne zu findet sich nur occasionell:
Saturnus bracht   veracht
mein gluck   und zruck   verjagen tracht
Forster fr. teutsche liedl. 33 ndr.
5)
mit folgendem dasz-satz, den man gern durch adverbia wie danach, früher auch dahin und darauf vorbereitet.
swer trahtet, daz er grôz guot gewinne
Hugo v. Trimberg renner 8633 E.;
sind ir wiest, so trachtendt schon,
das ir mit mier zuo baden gon
Murner dt. schr. 1, 2, 5 Schultz;
der narre trachtet, dasz er den weisen fliehen und meiden möge A. Olearius persian. rosenthal 13;
du trachte, wie du lebst und leibst,
dasz du nur immer derselbe bleibst
Göthe 3, 261 W.;
ich musz tr., dasz ich fortkomme G. Keller 3, 242. mit danach:
sô solt si trahten darnâch,
daz daz leit und der ungemach
... fürbaz wurde vermiten
Ottokar öst. reimchron. 1843 S.; vgl. 29895;
fehet an hoch darnach zu tr., das sie nicht verzage Luther 24, 39, 20 W.; es ist gnug, das du mit guttem gewissen darnach trachtest, das du gerne das rechte mas treffest 15, 297; der ander trachtet darnach, das er ... mancherley möchte sehen Thurneysser magna alchym. (1583) vorr. 1; trachtet darnach, dasz ihr durch die pforte eingehet Kramer 2 (1702) 1103ᵃ, und so noch heute. darauf wird (wie auf vgl. II 3 b) wohl nur bis ins 17. jh. gebraucht:
der mag gar wol darauff trachten,
das ers besser, dann ich, mache
M. Agricola mus. instrum. 186 Eitner;
als trachte der neid starck darauf, sie follend in das elend zuverbannen Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch s. reimget. (1647) vorr. 6;
ir knecht, das wir reitten, drauff tracht
Thym Thedel v. Walm. v. 1061 ndr.
dahin ist ebenfalls mehr der ersten zeit des nhd. geläufig: sie ... tr. allein dahyn, daz die sach ein gut end erlange Joh. Agricola sprichw. (1534) g 2ᵇ;
weil ich mit fleisz dahin getracht,
dasz von Troia ist abgewand ...
W. Spangenberg griech. dramen 2, 50 Dähnhardt;
der höllische diebshencker, welcher dahin trachtet, dasz er mit gabeln ... durchsteche Prätorius glückstopf 31; müsse man ... dahin tr., dasz die gewöhnlichen umstände des ordinairen processes gäntzlich weggelassen (würden) Thomasius ernsth. ged. u. erinn. 2, 195; sie müssen dahin tr., dasz sie sich ... eingang verschaffen Schiller 3, 544 G.
III.
dichten und trachten, in älterer zeit auch in umgekehrter folge, ist durch die Lutherbibel zu einer festen, wenn auch mehrdeutigen formel geworden, vgl. auch trachten, n., 1. wie trachten hat auch dichten seit dem mhd. die bedeutungen 'nachdenken', 'sinnen auf', 'streben nach' entwickelt (vgl. th. 2, 1059 und 1060), die auch in dieser formel wiederkehren, ohne dasz jedoch im einzelfall die bedeutung immer ganz eindeutig festgelegt werden kann: wir ... trachten und tichten falsche wort aus dem hertzen Jesaias 59, 13 (concepimus et locuti sumus de corde verba mendacii); darumb gehöret das stück nicht für kinder. den jhenigen, so das schmecken, das Moses sagt 'gott sahe es für gut an' etc., denen ist nütz darnach zu trachten und tichten, die sind es, die gott erkennen Luther 24, 39 W.; mit gantzem fleis und ernst auff ein schalckstücke tiechten und trachten ad scelus omni conatu aspirare B. Faber thes. (1587) 374ᵇ;
auch wie ir münch von anfang bald
getracht und dicht habt mit gewalt
auff lügen und abgötterey
Fischart 1, 123 Kurz;
daher kummt es, das sie trachten und dichten per fas nefas, reich zuͦ werden J. Nas antipapist. 4, 319ᵇ;
o ihr geitzhelse, ticht und tracht,
schaut, das der hauff werd gros gemacht
M. Sebiz a. d. 65. psalm (1588) a 8ᵇ;
ein ieder ticht und tracht
sich also zu geberden, dasz seiner wird geacht
Logau sinnged. 211 lit. ver.;
darum, o mensch, hast du ein vaterland, ... eine erde, wornach deine sehnsucht ewig tichtet und trachtet E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 270. in neuerer zeit kann dichten und trachten nach dem ersten glied, das den hauptaccent erhält, in seiner bedeutung umgefärbt werden: es ist recht übel ..., dasz die poesie einen besonderen namen hat und die dichter eine besondere zunft ausmachen. es ist gar nichts besonderes. es ist die eigentümliche handlungsweise des menschlichen geistes. dichtet und trachtet nicht jeder mensch in jeder minute? Novalis 4, 175 Minor; so ist mir izt unmöglich, etwas anderes zu dichten oder zu trachten, zu denken oder zu schreiben als Oberon Wieland in briefe an J. H. Merck (1835) 1, 197 Wagner. auch gesprengt und in verbindung mit andern synonymen verben: (die seele) trachtet, sinnet, tichtet und denket auch viel unnützen und ihr oftmals schädlichen, ja ganz unergründlichen sachen nach ganskönig vorr. (:) 3ᵇ; man tichte, trachte, thu oder lasse, was man immer wolle Butschky kanzlei (1666) 3, 198.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 995, Z. 44.

trachten, n.

trachten, n.
1)
in der formel dichten und trachten hat der substantivierte infinitiv namentlich seit Luther ein fast selbständiges leben geführt, in denselben bedeutungen wie die verbale formel, vgl. trachten III; besonders üblich in der verbindung mit all, ganz und dem personalpronomen:
von schwerem krieg und groszen schlachten
ist all ihr dichten und ihr trachten
Weckherlin 1, 301 Fischer;
in solchem embsigen speculirn, seinem dichten und trachten kam er heim gen Hellen Ayrer hist. proc. iuris (1600) 229; all sein tichten und trachten fiel zusehens dahinaus, dasz ihm diese feyerlichkeit ... nicht unbekannt geblieben v. Hippel lebensläufe 3, 1, 258. zu trachten II hinüberleitend: das ... alles tichten und trachten ires hertzen nur böse war imerdar 1. Mos. 6, 5 (vgl. cuncta cogitatio cordis intenta esset ad malum, vulg.; aller der gedanck des hertzen was geneigt zuͦ dem übel erste dtsche bib.), meist mit 1. Mos. 8, 21: das tichten des menschlichen hertzen ist böse von jugent auff vermengt; so bei Mathesius Sar. (1571) 112ᵇ; Harsdörffer frauenz. gesprächsp. (1641 ff.) 8, 315; Raupach dram. w. kom. gattung 1, 3; ähnlich Schmolcke s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 37; egoismus ist ihr abgott, intriguen ihr einziges dichten und trachten Görres ges. br. 1, 8. weitergreifend:
der (gott) lenkt ohn unterlasz mein tichten und mein trachten
Gottsched Cato 265;
enge ist der kreis des menschlichen tichtens und trachtens Herder 18, 58 S.; vgl. 7, 168; aus unmittelbaren eingebungen der natur geht alles dichten und trachten ... hervor F. H. Jacobi werke 1, 289; die noch versunken sind in das tichten und trachten des irdischen lebens und der sinnlichen lust Schleiermacher II 4, 145; eindeutiger im sinne von trachten 'streben': alle dein tichten und trachten dahin stunde, wie du die zäuberey zu wegen bringen möchtest volksb. vom Dr. Faust 33 ndr.; weil mein tichten und trachten stets nach gelde stehet Barthrouherri 97 Olearius; all sein tichten und trachten sey nur auf Galathe E. Schmidt Lenziana 998; nach dir stand all mein trachten und dichten Kotzebue 2, 290 (1827); was das für menschen sind, deren ganze seele auf dem ceremoniell ruht, deren dichten und trachten jahrelang dahin geht, wie sie um einen stuhl weiter hinauf bei tische sich einschieben wollen Göthe 19, 95 W.
2)
in verbindung mit andern synonymen, wobei der charakter der formel sich verlieren kann. cogitatio gedanck, dichten, trachten Schöpper syn. 5ᵇ ndr.; dahin stehet all ihr thun und lassen, dichten und trachten v. Chemnitz schwed. krieg 1, 306;
sein tichten, trachten und verlangen
ist zu betriegen und zu fangen
Weckherlin 2, 16;
all euer tichten, trachten, ringen
ist mich zu unglük bringen
Reinicke fuchs (1650) 148;
ihr ganzes daseyn wird verflucht, leben und weben, tichten und trachten Herder 7, 97 S.; die haltung ihres characters ... d. i. wohin das resultat ihres denkens, dichtens und trachtens gehe ebda 23, 239; unsere seele soll mit ihrem denken, dichten und trachten zur ehre gottes und zum besten der menschen wirksam seyn Jung-Stilling 6, 171;
mein dichten, trachten, hoffen und verlangen
allein nach dir und deinen wesen drängt
Göthe 5, 66 W.
3)
andere formelhafte verbindungen, mehr oder minder synonym: animum auffert ad contemplationem zeucht das gemüt auf sinnen und trachten Frisius 140ᵃ; alles wirkt verhältnismäszig auf der welt ... das allgemeine verhältnis erkennet nur gott; deswegen alles menschliche, philosophische und auch physiognomische sinnen und trachten am ende auf ein bloszes stottern hinauslauft Lavater phys. fragm. 1, 141; zugleich geht sein sinnen und trachten dahin, das entvölkerte reich durch fremdlinge wieder herzustellen Göthe 7, 193 W. u. ö.; war sein sinnen und trachten auf herrschaft gerichtet Döllinger 1, 65, da alles sinnen und trachten des hauses nach dem essen gerichtet ist G. Keller 4, 172, all sein achten und trachten ist auf geld Luther 52, 431 W., ohne sein wollen und trachten Göthe 24, 336 W., mein thun und trachten engl. com. u. trag. (1624) d 6ᵃ; Lohenstein erleucht. hofmann v. 54; Ranke 39, 93; G. Keller 4, 220.
4)
sonstige substantivierung ist verhältnismäszig seltener: welches menschen überprâwe vil hârs habent ... der hât vil gedänk und tief trahten und vil traurichait Konr. v. Megenberg buch der natur 45 Pfeiffer; in mente et cogitatione aliqua versari im trachten sein und erwägen Frisius 1366ᵃ; diligentia fleiss, ernst, embsigkeit, trachten Schöpper syn. 5ᵇ Sch.-K.; auch literarisch nhd. gewöhnlich im sinne 'bemühen, streben':
ihr trachten gieng auff brand und fewr
Spreng Ilias 98ᵇ;
dein böses trachten hast du mir verrathen
Schiller 14, 356 G.;
ihr gewaltiges trachten nach güterbesitz Ritter erdkde 5, 644. wie dichten und trachten gern durch ganz, all, einzig u. ähnl. verstärkt:
nach einem ziele geht sein ganzes trachten
Gries Ariostos ras. Rol. 4, 53 (1804);
du zitternd erdenkind! wie sehr gehörte
der erde schon dein ganzes trachten an
Freiligrath 5, 24;
sein ganzes trachten sei darauf gerichtet, einen fortdauernden frieden herbeizuführen Häusser dtsche gesch. 4, 451; all ihr trachten ging nur auf weltliche dinge Eichendorff (1864) 2, 42; Ranke ²15, 351 u. ö.;
sein einzig trachten war, sich ehre zu gewinnen
Scheffel 2, 186;
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1004, Z. 72.

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Zitationshilfe
„trachten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/trachten>, abgerufen am 26.01.2022.

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