Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

tractament, n.

tractament, n.,
behandlung, bewirtung, besoldung. entlehnt aus mlat. tractamentum 'agendi ratio' du Cange-Henschel 8 (1887) 142ᵃ, vgl. Seiler lehnw. 4, 136. zuerst 1620 bezeugt (schausp. engl. com. 50, 13 Creizenach). auf der silbe -ment wie im mlat. betont. zuweilen mit abgeschwächtem mittelvocal: tractement schon 1672 bei Er. Francisci traursaal 3, 25, jedoch selten in literarischer sphäre (z. b. Jean Paul w. 1, 189 Hempel; Alexis Isegrim 1 (1854) 166), heute vorwiegend dialektisch (s. Jensen nordfries. 637; Hofmann ndhess. 240ᵇ; wb. d. Luxbg. ma. 440ᵇ; Martin-Lienhart 2, 741ᵃ u. a.; so auch holländ.), eingedeutscht und entstellt trachtement — dachtrement Martin-Lienhart a. a. o. und Fischer 2, 311. der plur. meist stark flectiert (tractamente z. b. Abr. a s. Clara Judas 4 (1695) 354; Immermann 4, 35 Boxb.); seltener schwach (Grimmelshausen 2, 439, 30 Keller; Chr. Weise erzn. 158 ndr.; Chr. Reuter Schelmuffsky 17 ndr. 57/8; Hunold liebes- u. heldengesch. (1709) 186); dial. auch mit -er (Hügel Wien. 165), gelegentlich mit der lat. endung -a (z. b. J. G. Schmidt rockenphil. 1, 33). tr. lebt vom 17. bis ins 19. jh. (noch bei Immermann, G. Forster, G. Keller, W. H. Riehl). heute ist es antiquiert und auf die dialekte beschränkt (schon Voigtel 3, 414ᵃ bemerkt bei der bedeutung 'schmaus': 'nur im gemeinen leben'), namentlich in der westlichen hälfte Deutschlands verbreitet, vgl. Dijkstra friesch wb. 3, 309ᵃ; Jensen a. a. o.; Leithäuser Barmen 159ᵃ; wb. d. Luxbg. ma. 440ᵇ; Askenasy Frankf. 52; Hofmann niederhess. 240ᵇ; Meisinger Rappenau 204ᵇ; Martin - Lienhart a. a. o.; Fischer 2, 310 f.; Hügel Wien. a. a. o.; Jecht Mansfeld. 113ᵃ; Müller-Fraureuth 1, 237ᵃ.
1)
behandlung, zunächst eines menschen: alldieweil nun bei erster ankunft der armee die leute das vertrawen einigen gütigen und leutseligen tractaments zu derselben nicht gehabt v. Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 49; ist das der dank für das höfliche tractement, so diesem undanckbarn bishero widerfahren? Er. Francisci traursaal 3 (1672) 25; wenn er sie zur diehle machte und trämpelte ihr mit den füszen auf dem leibe herum, sie würde sich dabei einbilden, dieses verächtliche tr. wäre eine ausländische caresse Stoppe Parnasz (1735) 490; Karlstadt muszte ... das gleiche tr. (wie die 'sacramentierer') von ihm (Luther) leiden; denn Luther schrieb und predigte wider ihn Wieland gesch. d. gelehrtheit 71 Hirzel. von dingen im sinne von handhabung, erst spät bezeugt: das tr. dieses instruments (= patalons) ist leise berührung Schubart ästh. d. thonkunst 289; man bemerkt an diesen bildern ... einen gewissen geerbten kunstbegriff und ein tr. des pinsels Göthe 47, 211 W.
2)
bewirtung mit speise und trank: tractament verpflegung Menantes (1702) 92; Sperander (1727) 747ᵃ; Aler (1727) 1908ᵃ u. a.im sing. 'bewirtung' allgemein: ewer majestät wolle ... dieses mein geringe tr. vorlieb auff und annehmen schausp. engl. com. 50, 13 Creizenach; heut ist grosz tr. hier, wo die Joosin nach landessitte all ihre kostgänger stattlich bewirtet Chr. Fr. Schubart br. in D. Fr. Strausz ges. schr. 9, 183; habe mein tr. mit der kleinen changiret und will nunmehr die hungerkur probiren G. Keller ges. w. 1 (1907) 52; so noch im schwäb. Fischer 2, 310. in concretem sinn 'das mahl, essen': auf herrn Grahmans sein tr. (titel eines verlorenen gedichts) P. Fleming dtsche ged. 1, 538 Lapp.; ein ... tr., ein essen ..., wo sich nicht frösch hören lieszen Abr. a s. Clara etw. f. alle 2 (1711) 594; um das tr. zu beschlieszen, brachte der wirt fünf cocosnüsse G. Forster s. schr. 1, 233; verbale verbindungen: meine frau musz uns heut allen ein tr. anrichten Tieck schr. 1 (1828) 158; zu meines vaters zeiten konnte ein schulmeister noch ein besseres tr. herrichten W. H. Riehl gesch. v. Eisele u. Beis. (1848) 143; an dem kirchgangstage ein mäsziges tr. zu geben Lübecker verordng. z. abstellg. des unnöt. aufwandes 1767 nr. 11; muszt du ... den gesellen des hauses ein tr. geben, so reich als es dein beutel erlaubt W. H. Riehl cult. nov. 417. — auch im compositum: dennoch bestund sein reichthum in armut, seine tractementswürtze in hunger und durst Francisci wol der ewigkeit (1717) 757. — in dieser verwendung meist ein reichhaltiges mahl, 'diner': so frugal fand ich es überall, selbst wenn 16 bis 20 personen beisammen waren und es ein tractement hiesz K. Fr. Bahrdt leben 3, 359; das kann man ein traktament heiszen heut Nestroy 2, 35; traktemänt souper Jecht Mansfelder ma. 113ᵃ. die einzelne 'speise' oder der 'gang' des mahles: wormit soll ich dich nun ... tractiren? — ich wäre mit diesen tractamenten (des mahles) wol zufrieden kunst über alle künste 142 R. Köhler; die tractamente, welche woll angerichtet, wurden in silbernen schüsseln auffgesetzet Olearius persian. reisebeschr. (1696) 279ᵃ; hierauf wurden die tractamenten in töpfernen schüsseln ... herbeigeschafft Hunold liebes- u. heldengesch. (1709) 186; so noch dialektisch 'speise' Jensen a. a. o.; Meisinger a. a. o.; traktamenter 'die speisen, die bei einer tafel serviert werden' Hügel a. a. o.; 'gang bei tisch (scherzh.)' Martin-Lienhart a. a. o. mundartlich übertragen auf 'schläge, tracht prügel', an ¹tracht III A 2 c (vgl. sp. 983) und dachtel angelehnt, in der form trachtement, dachtrement im schwäb. Fischer 2, 311; drachdemänt im niederhess. s. Hofmann a. a. o.
3)
'besoldung, löhnung': mein seliger vater nahm seine entbindung vom amt als eine woltat an, aber indem man ihm ein gar geringes tr. verwilligte Fr. Lucä (1854) 6; 200 rh. ..., worunter auch das tr. für einen geschickten burschen, der ... dafür nebst einigen tagelöhnern die nöthige handarbeit verrichtet Göthe IV 16, 185 W.; meistens von der löhnung des heeres: wo derselbe (oberofficirer) über 3 wochen über offt besagten urlaub ausbliebe, (soll er) ... eines zweymonathlichen tractaments ... verlustig seyn v. Fleming soldat (1726) 118; dasz die zinsen seinem (des rittmeisters) tr. gleichkommen Hermes manch Hermäon 2, 337. tr. ist schon im 18. jh. nicht mehr auf die besoldung der officiere beschränkt worden im gegensatz zur löhnung der unterofficiere und gemeinen, wie noch Fäsch kriegslex. (1735) 916 und v. Eggers neues kriegslex. (1757) 1, 288 unterscheiden: ein commiszbrot ... deine montierung und traktament, bursche! ... bist ja ein recrute Bräker s. schr. 1 (1789) 118; (6 soldaten der wachmannschaft) träumten von brod und fleisch und doppeltem tr. Immermann 1, 35 Boxb.; jetzt noch mundartlich, s. Fischer a. a. o.; Müller-Fraureuth a. a. o.; wb. d. Luxbg. ma. a. a. o. (= gehalt; traktementsdâch = auszahlungstag des gehaltes); Dijkstra a. a. o.; in ironischen redensarten: da setzte's zuschusz zun traktementchen Müller-Fraureuth a. a. o.; gott verdopple mir mei traktament = ausruf unwilligen erstaunens ebda und Askenasy a. a. o.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1012, Z. 57.

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Zitationshilfe
„tractament“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tractament>, abgerufen am 16.01.2022.

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