Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

tractat, m.

tractat, m.,
abhandlung, verhandlung, vertrag. aus lat. tractatus spätmhd. entlehnt (zuerst belegt beim pfarrer z. d. Hechte zs. f. d. altert. 17, 376, 7 u. ö.), vgl. Seiler lehnw. 3, 274. wie im lat. auf der zweiten silbe betont. neutrales genus nur im preusz. (Frischbier 1, 407ᵇ neben dem mascul.) und holländ. der plur. wird meist stark flectiert (tractat Forberger Jovii ... (1570) vorr. 3; tractate Nicolai litbr. (1759 ff.) 4, 294 u. ö.); seltener schwach (Nigrinus von zäuberern (1592) 155; Chr. Weise erzn. 125 ndr.; Weichmann poesie d. Niedersachsen 5, 315; Herder 5, 693 S.; u. a. bei Paul dtsche gramm. 2, 139) auszer in der bedeutung 'verhandlungen', in der die schwache flexion überwiegt (tractaten Micrälius Pommerland (1640) 5, 207; v. Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 29 u. ö. und so noch Göthe 40, 365 W.; Tieck schr. (1828) 7, 147; selten dagegen stark tractate Stephanie d. jüng. s. lustsp. (1771) 1, 289; Gentz tageb. 1, 259). — vereinzelt mit umlaut im plur.: tractet Franck chron. Germ. (1538) 201ᵃ; tracteten Ayrenhoff w. (1814) 6, 221; tractäte Freytag bilder 1 (1860) 376. tr. gehört der litteratursprache an und ist nie in die umgangssprache eingedrungen (der einzige dialektische beleg zeigt volksetymologische vermengung mit tractament: tractat n. und m. 'tractament, gastmahl, schmaus ...' Frischbier a. a. o.).
1)
abhandlung. bereits spätmhd.:
Tolomeus spricht in seinem tractat
Vintler blumen der tugent 8540 Zing.;
nhd. in der regel von einer kleineren schrift: darvon schreibt doctor Felix Hemerlin Turicensis in seinem tr. von dem adel Knebel chron. v. Kaisheim 5 lit. ver.; er wolte bey nechster disputation den tr. Isaaci Peyrerii de praeadamatis zu behaupten vornehmen Grimmelshausen 2, 385 Keller; wo er seinen tr. de medicina mentis et corporis fertig machte Gottschedin br. (1771 ff.) 2, 187 Runkel; über das naive werde ich ... einen kleinen tr. ... aufsetzen Schiller br. 3, 360 Jon.; die reimwerke Konrads, seine mythologischen, geographischen, naturkundlichen und historischen tractate fleiszig kopieren G. Keller ges. w. 6, 39; auch von einer religiösen schrift ohne den ironischen beisinn der deminutiva: davon (zukunft Christi) in ainem tr., genant der kirchen purde, befunden werden mag Berthold von Chiemsee theolog. (1852) 388; ein geistlicher tr. ist der seel das beste tractament Abr. a s. Clara etw. f. alle 1 (1699) 244; dieser tr. (Bahrdt, Eden d. i. betrachtungen über das paradies) will die ganze lehre der schrift von dem teufel wegräsonniren Göthe 37, 251 W.; jedermann hatte (in Zürich z. zt. Zwinglis) die heilige schrift und die tractate in der hand G. Keller ges. w. 6 (1909) 413; einen meiner theologisch-politischen tractate in die öffentlichkeit zu schicken de Lagarde dtsche schr. 3. in älterer sprache dagegen auch von schriften gröszeren umfangs und so synonym mit buch, werk: tractatus ein tractat und buch Frisius (1556) 1322ᵃ; tr. = buch Wiederhold (1669) 340ᵃ; gegenwertiger tr. und werck von der schönen Caritea theatrum amoris (1626) ):( 4ᵃ; Bürster spricht von seinem werk 'beschreibg. d. schwed. krieges' als diser tr., s. 1; von einem theil (buch, capitel) eines gröszeren werks: in dem andirn tractate pfarrer v. d. Hechte zs. f. d. a. 17, 377, 12; vgl. 377, 21; der erst tr. disz buͦchs beschreibt die anatomia v. Gersdorff wundtartzney (1517) 1, 1ᵃ; (überschrift) vom grundt der weiszheit der ander tr. Paracelsus opera 2 (1616) 321 Huser; es folget (im 5. buch) ein eigen tr. von den teutschen nominibus propriis Schottel haubtspr. 615.
2)
die tractaten (nur im pl. gebräuchlich) 'die verhandlungen', meistens zwischen zwei im kriege liegenden mächten über den frieden u. ä.: hieruber warden allerley tractaten gepflogen ... zwischen dem hertzogen aus Pommern und den kayserl. generalen Micrälius Pommerl. (1640) 5, 207; wobey ... der schlesischen tractaten halber dis bedencken vorfiel: dasz wan selbige friedenshandlung ihren fortgang erreichte v. Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 157; nun war Deutschland des krieges schon lange müde gewesen, und hatte es an gütigen tractaten 1630 zu Regenspurg, 1637 zu Cöllen ... nicht ermangelt Chr. Weise klug. hofm. (1688) 24; begierde zu kriegerischen thaten wird ... schwerlich ... durch die zuckersüszen italienischen arien erwecket werden — höchstens kann man ihnen die entgegengesetzte kraft zutrauen, die zuschauer zu friedlichen trakteten mit dieser oder jener singenden donna zu reizen Ayrenhoff w. (1814) 6, 221; vgl. das compositum friedenstractaten ( v. Chemnitz schwed. krieg 3, 1, 24ᵃ; 4, 1, 3ᵇ; Chr. Weise klug. hofm. (1688) 53); sonst z. b. von heiratsverhandlungen: dasz ihm ein gewisses artiges geschöpf nicht ganz abgeneigt ist und dasz es vielleicht zu tractaten kommen dürfte portraits (1779) 126; manche unter den vorzüglichsten schönheiten hätten mich vielleicht gar geheirathet ... ich liesz mich ... gar nicht in nähere traktaten ein Tieck schr. (1828) 7, 147; oft in verbalen verbindungen wie in tractaten stehen ( v. Chemnitz schwed. krieg 3, 1, 76ᵇ; Rabener s. w. 6, 246 u. a.), tractaten pflegen (Micrälius a. a. o.; Chr. Weise klug. hofm. (1688) 211 u. a.), in tractaten treten (J. E. Schlegel w. 5, 178) u. ä.
3)
'der vertrag': er begehrete weiter nichts, dan das er, wan einiger tr. vorgienge, mit darin geschlossen würde v. Chemnitz schwed. krieg 3, 1, 76ᵃ; der heutige tag ist nicht günstig für negociationen ... ein leicht negocirter traktat erwirbt keinen ruhm Klinger theater (1768 f.) 2, 34; unerhört! neue forderungen! die widerrechtlichste deutung der tractate! sind denn verträge nichts? Immermann 16, 522 Boxb.; öfter mit schlieszen verbunden (Musäus volksm. 2, 36 Hempel; Gentz tageb. 1, 269; G. Forster s. schr. 4, 83; Laube ges. schr. 3, 167) oder vereinbaren (Ranke 38, 143), erneuern (Niebuhr röm. gesch. 2, 468), brechen (Göthe 45, 7 W.); vgl.commerztractat (Lichtenberg nachl. 88, 23); familientractat (Thümmel reise in d. mitt. prov. (1791 ff.) 2, 278); handelstractat (magazin d. moden (1793 f.) 2, 129).
4)
compositionen von tractat- mit einem subst. oder adj. sind seit dem ende des 18. jh.s belegt. die form des ersten compositionsgliedes ist meistens tractaten- und tractat-, gelegentlich auch tractats-. die compositionen gehören vorwiegend zur bedeutung 3 ('vertrag'), selten zu 1 ('abhandlung'): tractatenbruch: wenn es (Österreich) den vier punkten der westmächte beitritt ohne uns, so ist das kein tractatenbruch ..., sondern ein handeln auszerhalb des tractats briefw. Gerlach-Bismarck (1893) 185. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1014, Z. 34.

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Zitationshilfe
„tractat“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tractat>, abgerufen am 15.01.2022.

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