Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

tragödien-

tragödien-

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erscheint in zusammensetzungen vereinzelt bereits seit dem 16. jh. (die ältesten sind tragedischreiber, -spiel, -spieler, -weis), häufig erst seit dem 18. jh., stets in der eigentlichen bedeutung 'trauerspiel':
tragödienautor
gemach, herr tragödien-autor, unterbrach der andere
der lahme teuffel (1711) 187;
tragödienchor
Nietzsche w. (1895) 1, 58;
tragödiencostüm
Wieland Lucian 2, 341;
tragödiendichter
tragicus, ein tragedydichter oder schreiber Calepinus xi ling. (1598) 1477ᵃ. bis ins 18. jh. nur gelegenheitsbildung; auch die älteren klassiker (Lessing; Wieland bis in seine mannesjahre; Herder in seiner frühzeit) kennen es noch nicht; erst im letzten viertel des 18. jhs. wird es in der umgangsspr. thatsächlich neu gebildet und verdrängt sofort das bisher gültige tragödienschreiber (s. d.). lexikal. zuerst bei Schwan dict. (1784) 2, 779ᵃ; seitdem literarisch: ein tragödiendichter in prosa ist wie ein heldengedicht in prosa (1784) Wieland s. w., suppl. 6, 264; auch 92; von den staatskundigen ging ich zu den poeten, so wohl den tragödien- als dithyrambendichtern M. Claudius Asmus 5 (1790) 108; französische tragödiendichter (1801) Herder 23, 377 S.; vielleicht sind sie nur deswegen weniger zum tragödiendichter geeignet (1797) Schiller br. 5, 297 J.; wenn ein tragödiendichter mühsam seinen baustoff aufsucht Jean Paul 52, 176 H.; verfahren der französischen tragödiendichter R. Wagner 4, 26; mit seltenem ironischen accent: dieser arme mensch, der weder für einen tragödiendichter noch für einen sterngucker gelten wollte Heine s. w. 6, 47 E.;
tragödienfabel
eine tragödienfabel ist schwer, ja unmöglich ganz zu erdichten
Herder 32, 144 S.;
tragödienfabrik
Wieland (1796) 19, 249 Göschen;
tragödienfabrikant
Nietzsche w. (1895) 1, 181;
tragödienfluch
Heine br. 1³, 15;
tragödienheld
Jean Paul 7-10, 391 Hempel;
ein stoischer charakter sei zum tragödienhelden unbrauchbar
O. Ludwig ges. schr. (1891) 6, 434;
der onkel schlug im affectirten entsetzen die hände über dem kopf zusammen und perorirte dazu einige hastige worte in der typischen manier von tragödienhelden auf dem kothurn, wenn sie auf tod und leben beleidigt worden sind
Bog. Goltz jugendleben 3, 187;
tragödienheldin
mit einer neumodischen haartour, wie die tragödienheldinnen bey den Franzosen gehen
J. J. Schwabe belustig. 2, 419;
tragödienlarve
Triller poet. betr. 2, 602;
tragödienlieferant
Heine s. w. 5, 412 Elster;
tragödienlos
es war so still hier, so konflikt- und tragödienlos
Fontane ges. w. I 4, 48;
tragödienmäszig
Wieland Lucian (1788) 3, 72; 5, 164;
tragödienprobe
Jean Paul 19, 139 Hempel;
tragödienprunk
der eigentliche vater des tragödienprunks, Aeschylus
Böttiger kl. schr. 3, 77;
tragödienschauder
Ugolinos episode aus Dante, worin die tragödienschauder aller völker zusammengepreszt sind
Matthisson schr. 7, 206;
tragödienschreiber
poeta tragicus; vom 16. bis zum ausgang des 18. jhs. üblich (zur form des ersten compositionsgliedes s. sp. 1155). lexikalisch häufig von Frisius (1556) 340ᵃ; 1320ᵃ über Corvinus fons lat. (1660) 673 bis zu Hederich-Schwabe deutsch-lat. lex. (1777) 2990; in demselben zeitraum literarisch als rein sachliche bezeichnung des verfassers von trauerspielen: hie warten ewer unsere tragedienschreyber Cochläus heimlich gespräch (1538) 15 ndr.; Theodecto, welcher ein poet und tragedienschreiber Hondorf hist.- u. exempelbuch (1572) 53ᵃ; gedicht des alten griechischen tragoedienschreibers Euripidis W. Spangenberg bei Dähnhardt griech. dramen 1, 66 lit. ver.; ich (Cronegk) bin ein autor, ein tragödienschreiber Gellert s. schr. (1784) 8, 7; der tragödienschreiber setzt seines helden vollkommenheiten ins licht, um uns sein unglück desto schmerzlicher zu machen Lessing 17, 80 L.-M.; vgl. noch 7, 25; 69; parallele zwischen den griechischen und französischen tragödienschreibern (um 1766) Herder 32, 140 S. als auswirkung der von Klopstock und dem sturm und drang heraufgeführten neuartigen auffassung vom wesen der dichtung und der dadurch bedingten verinnerlichten vorstellung vom beruf des künstlers wird tragödienschreiber gegen ende des 18. jhs. durch tragödiendichter (s. o.) abgelöst, der schwerpunkt in der anschauung auch sprachlich von der äuszeren auf die innere thätigkeit verlegt. seitdem kann -schreiber nur noch verwendet werden entweder bewuszt altertümelnd: die alten tragödienschreiber verfuhren mit dem stoff wie die bildenden künstler (1799) Göthe I 47, 166 W., oder zur charakterisierung eines künstlerisch unbedeutenden stückeschreibers; abschätzig-verächtlich: kostbarer ersatz eures verpraszten blutes, von einem französischen tragödienschreiber auf stelzen geschraubt Schiller 2, 29 G. ('räuber'); vgl. Thümmel reise in d. mitt. prov. (1791) 2, 264; Jean Paul 15-18, 406 Hempel; in launiger neckerei: grüsze die deinen und ermuntere den tragödienschreiber (Knebels sohn Karl) Göthe IV 19, 392; leise ironisch: stellen euch eure tragödienschreiber solche freundschaften auf die bühne Wieland Lucian (1789) 4, 13; schlieszlich auch als sachliche feststellung einer (liebenswürdigen) durchschnittsbegabung: wie so viele tragödienschreiber war er heiteren gemütes Fontane ges. w. I 1, 358. vgl. -verfasser; -steller;
tragödienschuh
Weismann lex. bipart. (1698) 377ᵃ, verdeutschung für cothurnus, die sich nicht durchgesetzt hat, vgl. -stiefel;
tragödienspiel
weil dann nuhn disz tragoedispiel ('Saul')
erreichet hat sein end und ziel
W. Spangenberg ausgew. dicht. 256 Martin;
vgl. noch aus dem 16./17. jh. ders. bei Dähnhardt griech. dram. 2, 264 lit. ver.; engl. com. u. trag. (1624) titelbl.; schweiz. id. 10, 161; ich wollte nur, ich könnte aus diesem französischen tragödienspiel das falsche durch einen blitzstrahl herausbrennen Göthe IV 20, 234 W.; in den letzten jhh. dafür das simplex üblich;
tragödienspieler
tragedi spiler ... tragicus actor, tragoedus
Maaler (1561) 405ᶜ;
Calepinus dict. xi ling. (1598) 1477ᵃ; Corvinus fons lat. (1660) 673; Dentzler clavis (1716) 1, 817ᵇ; Schwan nouv. dict. (1784) 2, 779ᵃ;
ihr steht da wie die holen und stummen larven der tragödienspieler
Wieland Lucian (1789) 4, 13;
gäb es so viele gute tragödienspieler als tragödien!
Jean Paul 52, 175 Hempel;
ähnlich Shakespeare 9, 117; später nur vereinzelt statt der langsam sich durchsetzenden tragöde, schauspieler: als ob die Wiener tragödienspieler als solche den Berlinern nachstünden Hebbel w. 10, 269 Werner;
tragödiensteller
'poeta tragicus'; eigenwillige composition Jean Pauls statt tragödiendichter: anstatt dasz tragödiensteller und christen die bekehrung und alles wichtige in den letzten akt verlegen 7-10, 149 Hempel; ferner 1, 311; 4, 89;
tragödienstiefel
Weismann lex. bipart. ⁸(1725) 1, 105ᵇ, verdeutschung für cothurnus: bindet euch die hohen tragödienstiefel um die beine Wieland Lucian (1789) 4, 359; vgl.-schuh;
tragödienstil
Müllner dram. w.² 209ᵃ; Kotzebue s. dram. w. 25, 205;
tragödienstoff
in welche freie poetische region ist der bürgerliche tragödienstoff heraufgehoben
O. Ludwig ges. schr. (1891) 5, 228;
ähnlich Grabbe w. 4, 571 Blumenthal; v. Lepel 40 jahre 212;
tragödientitel
Fontane ges. w. I 1, 359;
tragödienton
ich wünschte, versetzt mit einem tragödienton,
der ziemlich komisch klang, herr Antiseladon
Wieland der neue Amadis, ges. 14, str. 6;
tragödienverfasser
Platen w. 2, 309 Hempel;
tragödienweise
'in der art einer tragödie':
uns tragedi-weis fürgenumen
ein wunderbarlich schön histori, ...
von herr Tristrant, eins königs sun,
der fraw Isalden lieb gewun
H. Sachs 12, 142 lit. ver.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1932), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1156, Z. 48.

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Zitationshilfe
„tragödienstil“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/trag%C3%B6dienstil>, abgerufen am 26.01.2022.

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