Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

tragbar, adj.

tragbar, adj.
A.
activisch.
1)
fähig, frucht zu tragen.
a)
gravidus, also synonym mit trächtig, doch nur vom thier gebraucht; seit dem 19. jh. durch trächtig verdrängt: 'wegen des miszverstandes ... bedienet man sich dafür besser anderer ausdrücke' Campe 4, 855; 'von thieren ist tragbar in der anständigen sprechart so viel als trächtig im gemeinen leben' Adelung 4, 638; vgl. Heinatz antibarb. (1796) 2, 475; wenn das thier beschlagen, so gehet es 40 wochen hochbeschlagen, tragend oder tr. und setzet ein kalb H. W. Döbel eröff. jägerprakt. (1746) 1, 2ᵇ; (die sauen) gehen 16 wochen tr., setzen oder frischen 4, 6 oder mehr frischling Stahl gew.-ger. jäger (1762) 191, 8; man könte abmercken, wenn ein tragbares thier auf weichen boden gienge, was es trage (ob hirsch- oder wildkalb) Göchhausen notab. venat. (1741) 19;
dasz ein mauleslein trachbar wird,
ein welsch mauleselin gebirt
Sandrub kurzw. 37, 14 ndr.
b)
fertilis, also identisch mit fruchtbar, gut tragend; bis ins 19. jahrh. gebräuchlich, heute aber wie untragbar a, s. th. 11, 3, 1948, veraltet: tr., so obs und frucht trägt Hulsius - Ravellus (1616) 326ᵃ; uber idem est, quod fertilis tr., fruchtbar Reyher (1668) 3, 2059. — vom boden: dasz in guten und tragbaren boden ein theil (des samens) treulich aufgenommen ward Göthe II 4, 210 W.; da streuen wir goldene körner in tragbaren boden Holtei erz. schr. 37, 172; die tragbare erde ... besteht ... aus zwei ... hauptbestandtheilen: aus ... mineralmassen ... und aus ... humus Stöckhardt chem. feld. f. d. landw. 2, 150; eine haide aus Litthauen oder aus Jütland ..., die zum tragbaren lande gemacht werden soll der schles. landwirth (1771) 1, 24;
dich lieben und ehren die tragbahren felder
Treuer dtsch. Dädalus 1, 148;
beglückt ist der ..., der seinen witz auf keine sorge lenket,
als wie ein pflug ein tragbar feld durchfährt
Schwabe belustigg. 6, 157.
von obstbäumen u. dergl.: einige (gärten) sind mit unfruchtbaren bäumen, ... andere mit tragbaren obstbäumen ... bepflanzet ebda 7, 272; ein äpfelgewächs in einen tragbaren weinichten baum zu verwandeln, der allererst blüthen und sodann auch früchte hervortreibt Göthe gespr. 2, 263 Biedermann;
aber wiszt, dasz man den reben
darum, dasz sie tragbar sein ...
Zinzendorf die letzten reden (1725) 31;
die schosze, so man zweigen wil, müssen jung und tr. seyn Schottel haubtspr. (1663) 326; (das kirschbaumholz), wann es tr. wird, ... von denen leuthen der kirschen wegen zerbrochen und verstümpelt wird Göchhausen notab. venat. (1732) 203. prädicativ oft mit machen verbunden: alle bäume ... von unnützen abspröszlingen befreyen und dadurch tr. machen allg. haush.-lex. (1749 ff.) 1, a 1ᵇ; einige felder, die bisher bodenlos geschienen, den dürresten flugsand, tr. zu machen allg. dtsche bibl. (1765 ff.) 3, 2, 2; den alten ausgedörrten boden Griechenlands wieder tr. machen J. J. Engel schr. (1801 ff.) 2, 233.
2)
fähig, last zu tragen, vgl. lastbar 1 th. 6, 250; nur occasionell gebildet: die groszen barken, für 50 mann tr. (= 50 m. fassend), gingen nur 14 tagfahrten fluszaufwärts Ritter erdk. 3, 160; ein junger trag- und zugbarer esel ist zu verkaufen ... Gieszener anzeiger 12. aug. 1869 (= zum tragen verwendbar).
B.
passivisch.
1)
portabilis. auch heute noch wie im 18. jh. die 'gewöhnlichste' bedeutung, s. Adelung 4, 638: lebensgrosze statuen von Jupiter und Juno auf zweispännigem ... wagen, sodann eine kleinere tragbare gottheit, in den armen eines knechtes Göthe 49, 261 W.; zwei priester bringen einen tragbaren altar 12, 202, 392; in dem tragbaren tempel J. v. Müller 1, 441; in Worms stellt man eine tragbare kanzel auszerhalb der kirchenmauern auf Ranke 2, 53; die orgel war ... in ihrer kleinen tragbaren form (als portativ) sehr beliebt als hausinstrument Böhme gesch. d. tanzes 253; tragbare saiteninstrumente Göthe 47, 301 W.; eine laute in kleinem format ... bequem und tr. 24, 358 W.; postpapier ... in meiner tragbaren reisekanzley Matthisson schr. 2, 177; ich trage ... tragbares schreibgeräthe mit mir Stifter 1, 100; in einem tragbaren ofen, worin man zu destilliren pflegt Lichtenberg briefe 2, 16 L.-Sch.; — zelte aus den tragbaren zeltbahnen v. Alten hdb. 4, 665; auch mit dat. pers. oder für verbunden: auf einem etlichen männern kaum tragbaren zweige Lohenstein Arm. 2, 336ᵃ; was seinen schultern tr. ist Lessing 21, 254 L.-M.;
ein ungeheures felsenstück,
kaum tragbar für zwei männer
Bürger 1, 162 Bohtz;
boote, die ... klein ..., für zwei personen tr. sind und gewöhnlich nur zwei oder drei personen fassen Ratzel völkerkde. 2, 342; übertragen: nirgends wird soviel gezankt als in einem menschen. ein tragbarer nationalkonvent in nuce ist man Jean Paul 7/10, 313 Hempel; der envoyé ... ein tragbarer staat im kleinen 1, 92.
2)
vom kleid, sich tragen lassend: das kleid ist nicht mehr tr. Ludwig teutsch-engl. (1716) 1997; Schrader dtsch. u. frz. wb. 2, 1373; ein festlich kleid, das später tr. wird und endlich abgetragen Brentano 7, 128; heute ungebräuchlich; vgl. th. 11, 3, 1948 untragbar b.
3)
sich ertragen lassend, ertragbar:
doch was in disiu swære
lîhte unde tragebære
Gotfrid v. Straszburg 12412;
nu gedâhte er, solte im disiu nôt
... sô tragebære werden
ders. 18444;
vrouwe Minne ... dîn last ist mir kûme tragebære
von der ê getragenen bürde unsenftekeit
H. Teschler in v. d. Hagens minnes. 2, 128ᵇ;
gott dem lösenden, der auch des schwer tragbaren mühsales seil dir auflöst Thiersch Pindars werke (1820) 2, 271; dasz dieses geheime verhältnisz ... für ein zartes mädchen länger nicht tr. war Immermann 3, 146 Hempel; heute in dieser bedeutung, für die aus dem 16. bis 18. jh. wohl nur durch zufall belege fehlen, zu einem modewort des öffentlichen lebens geworden, gutentheils unter dem einflusz parlamentarischer sprache: steuern, forderungen, vertragsbedingungen (namentlich des Versailler friedens und Young planes) u. a. m. sind nicht tragbar; vgl. untragbar b th. 11, 3, 1948.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1931), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1031, Z. 12.

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Zitationshilfe
„tragbar“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tragbar>, abgerufen am 26.01.2022.

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