tragweite f.
Fundstelle: Lfg. 7 (1932), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1167, Z. 34
reichweite, entfernung, bis in die etwas trägt, d. i. reicht. junge bildung zu intrans. tragen, s. d. VI A 2, die vor allem in der übertragenen verwendung von frz. portée beeinfluszt ist.
1)
eigentlich. überwiegend von der schuszwaffe, synonym mit früher gebräuchlicherem schuszweite (s. th. 9, 2102) und wurfweite, zu denen bei Eggers kriegslex. 2 (1757) 849 und Hoyer artill.-wb. 2, 2, 21; 140 ff.; 281 ff. portée als frz. entsprechung angeführt wird. zuerst 1806 bildlich bei Göthe bezeugt: so fahren sie (anr.) doch eine oder die andere ihrer batterien vor, damit man ihre stärke und tragweite erkenne gespräche 2, 51 Biedermann; dann 1845: die klugen und sicheren raben! sie lassen sich nicht schrecken, sie wittern die tragweite eurer waffen Auerbach dorfgesch. n. f. (1849) 87; von R. sprach ... von der ... tragweite der feuerwaffe, wirkung der pulverkrafft W. v. Rahden wanderg. 1 (1846) 38; die hütte ..., die einen und einen halben büchsenschusz (alte tragweite) von den letzten häusern des ortes am waldrande stand W. Raabe unruhige gäste (1886) 1; Martinus hatte die tragweite der ballisten verdreifacht F. Dahn kampf um Rom 2, 219; die grosze tragweite des leichten perkussionsgewehrs darf nicht dazu verleiten, das feuer auf zu weite entfernungen zu eröffnen Wilhelm I. militär. schr. 2, 207. auf gleicher linie vereinzelt von einer peitsche: ein fremder, der die tragweite der mecklenburgischen kuhhirtenpeitsche noch nicht kennen muszte F. Reuter 2, 329 Seelmann. seltener im optischen und akustischen bereich: darum hat auch die natur das auge reicher ausgestattet und der sehkraft viel gröszere tragweite gegeben als der hörkraft (1860) J. Grimm kl. schr. 1, 199; mehr passivisch: alles, was die ausbreitung der schallwellen hindert, bewirkt eine geringere schwächung derselben und ermöglicht eine bedeutendere tragweite des schalles Karmarsch-Heeren³ 7, 573. eigen in der technik: zwischenraum zwischen den zwei puncten, an denen ein balken oder gewölbe aufliegt: tragweite eines balkens oder freitragende länge, freie länge, freitragung, tracht Hoyer-Kreuter 1, 772; Mothes illustr. baulex. 4, 363; vgl. ¹tracht I 2 d.
2)
verblaszter in übertragung auf abstracta unter dem einflusz von frz. portée: 'die tragweite' la portée ist gallicismus und dazu ein kanonierausdruck, den man nur in besonderen fällen gebrauchen sollte, statt ihn bei jeder gelegenheit aufzutischen Schopenhauer hsl. nachlasz 2, 172 Gris. (über die ... verhunzung der deutschen sprache); in den politischen kämpfen von 1848 zum parlamentarischen und journalistischen schlagwort geworden: sehen sie alle stenographischen berichte (der nationalversammlung) durch, und sie werden selten eine rede finden, in der nicht die worte rechnung tragen und tragweite vorkommen ... (beides) sind ein paar unglückliche worte, und ich glaube, sie sind ein groszes hindernisz für die ausführung sehr vieler beschlüsse gewesen Raveaux bei Wigard bericht üb. die nationalvers. 6, 4593ᵇ; zuerst 1847: die eigentliche und wahre tragweite des verlustes W. v. Rahden wander. 2, 55; (1848) dasz man den werth einer idee ... nach ihrer ganzen innern tragweite ... abmiszt Hebbel w. 10, 140 Werner; die forderung, vor der sachlichen erkenntnisz zunächst einmal die grenzen und tragweite der menschlichen erkenntnissfähigkeit festzustellen W. Windelband gesch. d. neueren philos.² 1, 124; dieses leben (Voltaires) nach dem ganzen reichtum seines inhalts, der breite seiner beziehungen, der tragweite seiner wirkungen ausführlich zu beschreiben D. Fr. Strausz 11, 7; die gröszere oder geringere tragweite der consequenzen Fr. A. Lange material. 482; wir unterscheiden ... zwischen höherer und niederer arbeit ... je nach der tragweite ihres erfolges W. H. Riehl dtsche arbeit 30; bei der ausführung dieses beschlusses kam nun erst seine volle tragweite zu tage Ranke s. w. 4, 87; tragweite dieser unerhörten reformen P. Rosegger II 4, 176, der parlamentsverhandlungen Bismarck ged. u. erinn. 2, 105 volksausg., dieser äuszerung ebda 1, 294, dieses satzes P. de Lagarde dtsche schr. 400, seiner argumente W. Scherer kl. schr. 1, 352, der beiden methoden Czuber wahrscheinlichkeitsberechnung 1, 202; politische tragweite fast formelhaft: für die politische tragweite der vorgänge war ich ... nicht so empfänglich Bismarck ged. u. erinn. 1, 38 volksausg.; die politische tragweite der scenen im palais cardinal H. Laube 15, 218; zum glücke werden an uns fragen von solch 'politischer tragweite' (ob auswandern oder nicht) in diesem augenblicke nicht gerichtet Kompert s. w. (1906) 3, 6; in der verbindung mit grosz, unberechenbar u. ä. zur formel erstarrt (vgl. zs. f. dtsche wortf. 3, 334) und so von A. Jung geheimnis der lebenskunst (1858) 1, 130 und F. Kürnberger literar. herzenssachen (1866) 12 bekämpft: gewisz hatte es eine grosze tragweite, dasz die Medici mit einem der reichsten häuser in Florenz in verbindung traten Ranke s. w. 40/41, 364; dieses experiment hat doch in beziehung auf meine sache (eine von den lumpen abgehetzte redensart zu gebrauchen) eine 'unberechenbare tragweite' (1854) Schopenhauer br. 252 Gris.; bes. in der fügung von ... tragweite: schritt von groszer tragweite Ranke 9, 142; eine politische frage von groszer tragweite Bismarck ged. u. erinn. 2, 212 volksausg.; eine erklärung von gröszter tragweite Ranke 1, 117; 17, 125; 30, 86; fortschritt von ausgedehntester tragweite ders. 8, 74; fragen von bedeutender tragweite Mommsen red. u. aufs. 201; eine neuerung von unabsehbarer tragweite Ranke 25, 127; schritt ... von noch nicht zu bestimmender tragweite G. Keller 2, 265; gern mit verben wie ermessen, (er)kennen, überschätzen u. ä. verbunden: das verbrechen, dessen tragweite ich gar nicht ermessen könnte W. Alexis Virgilius (1851) 51; fürst Pückler briefw. u. tageb. 6, 186 (1853); v. Döllinger akad. vortr. 1, 375; ebda 1, 69; im roman haben Immermann und Gutzkow werke hingestellt, die in ihrer tragweite noch gar nicht zu berechnen sind Hebbel w. 12, 62 Werner; während die Römer deren (maszregel) tragweite ... nicht ... erkannten Mommsen röm. gesch. 1, 539; in solchen fällen sieht der held in der schuld die tragweite derselben nicht O. Ludwig 5, 445; herr R. beginnt die tragweite seiner unternehmung zu ahnen G. Keller 7, 29; bald wird ein spiel gewagt, obwohl oder vielmehr weil man seine tragweite gar nicht kennt H. v. Barth aus d. nördl. Kalkalpen 267; G. Keller 7, 203; doch darf man die tragweite dieser gewohnheit bei umwandlung der sprache nicht überschätzen Peschel völkerkde 107.
Zitationshilfe
„tragweite“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tragweite>, abgerufen am 16.10.2019.

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