tratt f.
Fundstelle: Lfg. 8 (1933), Bd. XI,I,I (1935), Sp. 1279, Z. 67
zu treten gehörig, s. Walde-Pokorny 1, 796.
1)
das land, das (vom vieh) betreten werden darf, 'brachland', 'viehweide'; frühmhd. trata; mhd. trat, trat(t)e; an. tröd, pl. tradir 'pascuum'; dän.-norw. traa 'festgetretener platz'; norw. dial. tro, trad 'eingezäunte weide'; schwed. träde 'ruhe des ackers, brachland'. im deutschen nur oberdeutsch; mundartlich bei Unger-Khull steir. 164; Lexer kärnt. 67; Schöpf tirol. 752; Zingerle lusern. 55ᵇ; Stalder schweiz. id. 1, 299; Tobler appenzell. 149ᵃ; in obd. familiennamen als Trater, Tratter, Trattner Tarneller zur namenskunde (1923) 129ᵇ; Frommann dtsch. maa. 4, 202. der stammvokal ist meist kurz; länge zeigt: ûf den trâten Hadamar 508 Schm.; ze waid, ze trâten Fürstenb. urkdb. 6, 23, mit schwäb. diphthongierung draut Aulendorfer arch. bei Fischer schwäb. 2, 325; in den maa. trat(e) Lexer kärnt. 67; Schöpf tirol. 752. die flexion ist stark und schwach; stark nach der i-decl. mit umlautlosen formen: dat. auf der tratt quellen z. alt. gesch. d. fürstenth. Bayreuth 2, 2; von der trat corp. constit. Brandenb.-Culmbac. 2, 1, 1209; acc. an ir trat Neidhart xlv, 16 H.; ein gemeine tratt urkdb. d. klosters Heiligkreuztal 2, 390; umgelautet gen. plur.: irer trib und trätt württ. gesch.-qu. 21 (1924) 290; acc., wohl gleichfalls plur., auf die trätt tirol. weist. 4, 17; schwach: dat. sing. auf der tratten steir. u. kärnt. taidinge 235; salzbg. taidinge 21; 36; 77; in der dratten niederöst. weist. 3, 453; acc. sing. die tratten salzbg. taid. 23; 41; 50, mit n im nom.: wann die dratten pestellt ligt niederöst. weist. 3, 453; tratn Schönsleder prompt. (1618) G g 5ᵇ; schwach ist wohl auch frühmhd. trata, trate ahd. gl. 4, 114, 22; trata mon. Boica 12, 416; das geschlecht ist in der regel feminin; masculina sind jedoch nicht ganz selten: wo zween, drei oder mer nachtbarn am tratn ain pluemgsuech (weiderecht) ... mit einander haben salzb. taidinge 57; gemeiner tratt Fürstenberger urkdb. 6, 214 s. Fischer 2, 325; Frommann dtsch. maa. 4, 448; Schöpf tirol. 752; Buck flurn. 281; das neutrum bei Tobler appenz. 149ᵃ; Staub-Tobler schweiz. id. 2, 1119 s. v. trattlauf. zu trap, trab in der formel trib und trap s. unten 1 b.
a)
'viehweide', 'brachland' im wechsel der dreifelderwirtschaft: in tertio ... anno, quando campi ... sine semine jacent, quod vuglo dicitur trat (a. d. j. 1269) mon. Boica 12, 416, s. mhd. wb. 3, 101; (es soll) deme, welcher küe halt, kein gaisz, jenen aber, so dise nit vermag, einen nit mehr dan drei, wie obbemelt unschödlicher orthen ... in veldern, trathen und eigens auszgezaigten hochen älben auftreiben zu können (erlaubt sein) steir. u. kärnt. taidinge 462; so wohl auch der älteste beleg: tradidit etiam decimam veteris emporii, scilicet illorum atriorum et camporum, quod dicitur teutonice trata, at eundem locum pertinentem (a. d. j. 1128) J. v. Zahn urkdb. d. hzt. Steiermark 1, 135; auf der tratt wird nur futter ausgesät: item darnach frag, ob er icht ruben oder wicken hab gesät auf die trätt oder sunst mer, dann recht ist tirol. weist. 4, 17. in, zu (der) trat(ten) liegen 'brach liegen': wo aber die velder ... in tratten legen niederösterr. weist. 4, 435; alle wiesen, wan sie sonsten in der tradt liegen taiding v. Friedberg bei Jelinek mhd. wb. 721; contrastiert: swo die drey man die velder mit marchsten (gemarkungsstecken) ausznemen und taylen haizzent ze dem pau und zu der trat stadtrecht v. München 120 Auer; vgl. mundartlich tråt lassn 'eine wiese durch ein jahr ungemäht lassen' Lexer kärnt. 67. die tratt ist gemeindeland: compascuus ager trata, trate ahd. gl. 4, 114, 22 (12. jh.); es soll kainer kain wiszmad (wiesenstück) in aim veld einzeinen auf der traten salzb. taidinge 77; und sol ouch niemant uf der burger tratt kainen sunder hirten han württ. gesch.-qu. 21, 108; daher gemeine tratt: was ain ieder burger oder beiwoner im summer auf gemain tratt (an vieh) schlacht (austreibt) ebda 21, 302. als ort, wo der blutbann geübt wird: das malefizisch recht soll mann besizen auf der tratten neben Arndorf, auf derselben tratten soll mann richten mit dem radt, schwert und prant steir. u. kärnt. taidinge 235. abgaben für ihre nutznieszung (trattgeld s. d.) sind geregelte gemeindeeinkünfte: (der fremde) soll von jedem haubt viech, so er auf der gemeinde trätt laufen lasst, jährlich 2 fl. ze geben pflichtig syn urk. v. 1693 bei Staub-Tobler schweiz. id. 2, 272 s. v. trettgeld; kleinere teile können eingefriedet und in private bewirtschaftung genommen werden: wer ain viertlacker hate, der mag auf der tratten ze seiner notturft ain tagwerch lands einzeinen und peunten und es hab ainer vill oder wenig viertl, so vill mag er tagwerch zue peunten machen salzb. taidinge 36, ähnl. ebda 21, vgl.trattpeunt sp. 1282. die tratten anschlagen 'den privat bestellten, abgeernteten acker durch eintreiben des viehs zur tratt machen': es soll auch kainer seinen nachbarn im kornfeld die traten vor unser frauen geburtstag und im haberfeld vor st. Michaelstag anschlagen salzb. taidinge 23; es soll auch kainer dem andern im auszwerchen (ernte bestellen) die tratten in die felder anschlagen, bisz solang der lest schober darausz kombt ebda 41.
b)
'viehweide' überhaupt, ohne bezugnahme auf den dreifelderturnus; so als nicht bestellbares waldgrundstück: 'ein gröszerer oder kleinerer ort, so mit einem holz beschüttet, und mit gras so schlecht bewachsen ist, dasz hierauf meistens nur die schweine geweidet werden' waldprotokoll in den steir. u. kärnt. taidingen 651ᵇ (register zum worte trat); als flurnamen: (in einer grenzfestlegung) von dem Maderkhogl bisz auf die Vorsttratten, von der Vorsttratten der wassersäg nach bisz auff den Teuffensatl ebda 359; mundartlich: tratt holztrift, waldhut, welche meist einer genossenschaft angehört (silva pascua) ... auch gras, welches, wenn es dort geweidet wird, tratt heiszt; junger wald Tobler appenz. 149ᵃ. auch für die unbebaute stadtwiese: freitags den 9. juni kamen die 14 fendlein landsknecht, lagerten sich fur Culmbach auf der tratt quellen z. alten gesch. d. fürstenth. Bayreuth 2, 2; von einer klafter flösholz zu Culmbach von der trat und in die stadt zu führen 5 oder 6 kreuzer corpus constit. Brandbg.-Culmb. 2, 1, 1209. — in der höheren literatur kaum mit ausgesprochenem gefühl für die ursprüngl. bedeutung, sondern als 'weide, wiese' schlechthin:
in walden, ûf dem brande,
an wazzer, ûf den trâten,
swâ man gesellen mande,
dâ sol geselle geselleclîchen râten,
und helfe niht gesell gesellen vor behalten
Hadamar 508 Schmeller.
c)
das recht zum betreten eines grunds und bodens mit vieh; trat recht und ort des beweidens Buck flurn. 281; Fischer schwäb. 2, 324; auch viehtrat s. teil 12, 2 sp. 98: die von Hayingen haben auf die güter zu Vainhusen tratt und zufahrt, dürfen aber keine 'schwaig' (rinderherde) darauf treiben regeste v. 1435 Fürstenb. urkdb. 6, 73; mit persönl. object: auf jem. tratt haben 'das viehweidrecht auf seinem grund und boden haben': es ist ze wissent, das der rat und zunftmaister gemeinlich besantent für sich alle die, uff die man tratt solt han württ. gesch.-qu. 21, 195; auf diesen äckern ist gemeiner tratt regeste von 1434 Fürstenb. urkdb. 6, 214; das feld ist frei eigen ohne tratt. sollte gleichwohl tratt und last darauf ruhen, so ist das kloster zu nichts verbunden ebda 6, 259 regeste von 1427; dasz dort die tratt den zwei höfen von Helmenstorf zustehe ebda 6, 259 regeste v. 1431; weiter verbreitet in der verbindung trieb und trat: trib ist, da ainer zu treiben, aber nit zu waiden gewallt, tratt und trib zusammen ist, da ainer zu treiben und zu waiden fuͤg und macht hatt bei Fischer schwäb. 6, 1766; anno domini ... hat Reinbotho ... zway holzer dem gottshausz zuͦ kaufen geben ... mit trib und tratt Knebel chron. v. Kaisheim 99 lit. ver.; wun, waid, trieb und tratt Besold thes. (1697) 1, 985ᵇ, s. auch Schmeller-Fr. bair. 1, 678; dafür auch mit assimilation des auslauts trib und trab (trap): item als wit die allment vnd gueter zuo B. begriffend in holz vnd feld, hat nieman ... waeder holtz noch weidrecht, trib noch trap (a. d. j. 1518, schweizerisch) weisth. 4, 321; sie sitzent auf der herschaft grund und boden und muͦsz man si (die kleinen bauern) beschützen und schirmen und mit trib und trab und holz fürsehen bei Schade satiren u. pasqu. 2, 149; trib und trap zimmer. chron. 1, 391 B. auch auf die verbindung etzen und tretten, etz und trett mag tratt gewirkt haben, s. ²treten teil 11, 1, 2 sp. 237.
2)
der durch den druck des tretens oder fahrens im erdboden hervorgerufene sichtbare eindruck; im unterschiede zu 1 vorwiegend niederdeutsch.
a)
vestigium, als einzelne stelle und, meist pluralisch, als fortlaufende spur; as. trāda (trăda?); mnd. trade; mhd. trat; vgl. ahd. trata conculcationem (das zertreten, zerstampfen) glosse zu Jes. 5, 5 ahd. gl. 1, 597, 44;
an êna starka strâtun, thâr stôpon gengun,
hrosso hôfslaga endi helido trâda
Heliand 2400;
hie mite so kam er an den sin,
ez wære niwan des hirzes trat
Gottfried Tristan 17423 Ranke.
heute nur in einigen maa.: trede, träde, trē, trä tritt, schritt, fuszspur ten Doornkaat-Koolman ostfries. 3, 431ᵇ; in abgewandelter form (s. 2 b): trāme fuszspur Bauer-Collitz waldeck. 105ᵃ; auch der ausgetretene pfad, besonders den das vieh auf dem wege zur tränke macht Schiller-Lübben 4, 605ᵃ; Gilow de diere 657ᵃ.
b)
wagenspur, wagenrinne im erdboden, s. auchwagentrade. nur nd. in der form trade, selten tradel (Benzler deichb. 2, 228), in den maa. meist in lautlichen varianten: mit schwund der media trae; trahe in wagentrahe Löns haidbilder⁶ 27; durch verschmelzung der media mit dem plural-n oft tran, traͦn, trane, auch tram(e). neben vorwiegend fem. genus vereinzelt masc.: gleisen, im niedersächsischen traden, sind die spuren, welche wagen und karren in die wege drücken Benzler deichb. 2, 174; ein jederman, die op dat sine nit kommen kan, so dat hie over sines nabers lant misten und düngen moet, sall hie alsdan sinen naber bidden, dair over he faren wirt, und alsdan in einem trane mit dem düngelwagen blieven, und wann he gedahn hefft, sall he denselvigen weg wedder tho seyen met derselvigen saat, als darob geseyt isz weisth. 3, 30. auch die künstlich in schlechten wegen angelegte fahrschiene: und wann die weege trüg seynd, soll ein jeder an seinem anschusz die traden oder wagenleisten instechen, und da es vonnöthen mit reisern und dörnern unterlegen und höhen gülich- und bergische polic. ordn. (1751) 37. mundartlich vorwiegend im nordwestdeutschen: trade, traan, traam spur, gleise brem.-nieders. wb. 5, 94; traͦn Frederking Hahlen bei Minden 32; trāne Flemes Kalenberg 370; Deiter Hastenbeck 150; traͦn für traͦden Woeste westf. 273ᵇ; trâne Schambach Göttingen u. Grubenh. 233ᵃ; troon Leithäuser Barmer ma. 160ᵇ; Köppen Dortmund 59; trâne Andree Braunschw. volksk. 123; trad Mi mecklenb.-vorpomm. 94ᵃ. im 15./16. jh. übertragen von der fahrtrinne einer wasserstrasze: (was man tun solle,) aff (mit der flotte) in den Oressundt samptlicken to lopende were ader sustes up de trade in de szeh to lopen und de intonemende (a. d. j. 1522) recesse d. hansetage III 8, 189; uns hevet schipher Peter Detloffs ... to kennende gegewen, wo dat Bartholomeus Voet ... und Clockenar ... eme upter trade in Blanckeshaven zin schip und al dat gut, dar inne geladen, hebben ghenomen (a. d. j. 1428) ebda I 8, 355; dat de vnsen de trade hir bynnen Sundes (bei Stralsund) noch tor tijd nicht rumeden Lübecker urkdb. 7, 183 (a. d. j. 1428), vgl. weiter Schiller-Lübben 4, 605ᵃ; nd. jahrb. 46, 9; Koppmann seebuch 119ᵇ; aus der sprache der hanse im 15. jh. ins engl. als trade entlehnt, s. Murray 10, 1, 222.
3)
lager der wölfin: in Kurland wählt (die wölfin) ... zu ihrem wochenbette erhabene, dicht mit holz bestandene stellen in den groszen morästen, welche nicht leicht von menschen oder weidevieh betreten und von den jägern traden, d. h. aufenthaltsorte der wölfe, genannt werden Brehm tierl. 2, 27 P.-L.; ob mit 1 u. 2 überhaupt zusammengehörig?
Zitationshilfe
„tratt“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tratt>, abgerufen am 23.10.2019.

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