trocken adj. und adv
Fundstelle: Lfg. 5 (1936), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 727, Z. 54
herkunft und form.
1)
das wort ist heute auf das hd. sprachgebiet beschränkt (vgl. die übersicht über den geltungsraum des wortes und seiner konkurrenten bei Frings kulturströme u. kulturprov. in den Rheinlanden [1926] 130 f. sowie ders. kulturräume u. kulturströme im md. osten [1936] 183ff.), in alter zeit tritt neben das ahd. truckan, mhd. trucken nur noch das adv. drokno, drukno nebst dem abgeleiteten druknian 'trocknen' des Heliand; die andern westgerm. dialekte zeigen statt dessen abweichende bildungen: 1) *drūgi- bzw. *drūgja- in ags. drýge, mnl. drūge, mnd. drǖge, nnd. drǖge, ostmd. treuge, vgl. auch nordfries. drūge 'seihen'. 2) *draugi- bzw. *draugja- in mnl. droge, nl. droog, mnd. drö͏̂ge, nd. drög und 3) — von dem vorherigen meist nicht sicher zu scheiden — *drugi- in mnl. drȫge (Franck mnl. gr. § 36), mnd. drȫge (Lasch mnd. gr. § 37, ob diese form auch durch nnd. dialekte bezeugt wird, ist zweifelhaft, s. Sarauw ndd. forschungen 1, 222). dasz die deutsche adjectivische nasalbildung ursprünglich auch dem ags. angehört habe, läszt sich trotz Krogmann ndd. korr.-bl. 47, 54 ff. aus den vereinzelten ags. partic. gedrycnede nicht sicher entnehmen, vgl. Frings beitr. 59, 457. auszerhalb des westgerm. wird die wurzel nur durch an. draugr 'baumstamm' (Falk-Torp 160) bezeugt, wenn es urspr. 'trockner baumstamm' bedeutet hat. über das germanische hinaus hat sich keine verläszliche spur der wurzel finden lassen. dasz sie nicht mit idg. gh, sondern mit k anzusetzen ist, wird durch ags. dréahnian 'seihen' wahrscheinlich gemacht. bildung und form von trocken sind nicht leicht zu verstehen. da es eine oft behauptete geminierende wirkung des n auf vorhergehenden verschluszlaut nicht gibt und andrerseits lautsymbolische konsonantendehnung bei adjektiven nur innerhalb bestimmter bedeutungskreise vorkommt, faszt man am besten mit Frings Germania Romana 215, beiträge 59, 457 ahd. truckan als rückbildung aus artruknen, der symbolisch gedehnten seitenform des lautgesetzlichen (vgl. ags. dréahnian) artruhnen ahd. gl. 1, 77, 30, auf, vgl. ahd. wesan 'marcidus' aus arwesanen 'marcescere' Kluge¹¹ 630. damit ist zugleich auch die bildungsweise befriedigend erklärt, während bei der früheren auffassung von truckan als einer participialbildung (Kluge nom. stammbildg. § 227) die bedeutung von den andern participien abweichen würde.
2)
innerhalb des hochdeutschen stehen sich schon seit ahd. zeit formen mit stammhaftem o und mit u gegenüber (vgl. die karte trock- im sprachatlas des Deutschen Reiches). der stammvocal o findet sich in mundarten der Schweiz (z. b. droch, droche Seiler Basler ma. 85ᵃ) und den ihr vorgelagerten teilen des südlichen Elsasz und Badens (z. b. droche Beck Markgräfler ma. § 207, 4) sowie in mitteldeutschen dialekten (z. b. trocke Wegeler Coblenz 87, drocken Crecelius oberhess. wb. 300; hierher schon mit trokkenon fuozen Williram 93, 14 Seemüller). im übrigen, räumlich weitaus gröszeren hd. gebiet dagegen gelten formen mit stammhaftem -u-, z. b. bayr. trucken, trucke, truche Schmeller-Fr. 1, 646, schwäb. trucke(n), daraus drŭge, daneben halbmundartlich droŏge Fischer 2, 414, elsäss. trucke Martin-Lienhart 2, 752ᵃ.
bedeutung und gebrauch.
A.
trocken im eigentlichen sinne, begriffen wie 'feucht, nasz, benetzt' entgegengesetzt, von allen concreten gegenständen, die natürlicherweise feucht wie trocken sein können, ohne dasz dadurch ihre eigentliche substanz verändert würde. überwiegend bezeichnet es einen nur der oberfläche der körper anhaftenden zustand.
1)
in allgemeinster verwendung: sô gelîchên (sc. uuîson), daz trucchenez nazemo, unde chalt heizemo gehelle (harmoniere) Notker 1, 291 Piper; diu zung ... erkent warm und kalt, fäucht und trucken Konrad v. Megenberg buch d. natur 14, 26 Pfeiffer;
dieser wills trocken, was jener feucht begehrt
Schiller 12, 53 G.;
im mhd. formelhaft in der zusammenfassenden wendung trocken und nasz:
ez sî im trocken oder naz:
swer ze guote wirt geborn,
dem kumt bî troume in slâfe guot
Marner 115, 29 Strauch.
als ausdruck der totalität:
du truckenes unde netzes (anrede an gott)
litanei bei v. Kraus mhd. übungsb.² 30, 1.
2)
vom erdreich im engeren und weiteren sinn, vgl. auchB 1.
a)
nicht überschwemmt oder von feuchtigkeit nicht benetzt: ieiuna (glarea) truchnas (l. truchnaz) ahd. gll. 2, 633, 1 St.-S.; gesunde, trockne ... triften (für das vieh) W. H. v. Hohberg georg. curiosa (1682) 1, 10;
zum bühl ists noch trocken und wenige schritt
Göthe I 2, 36 W.;
wo der trockene weg von gras und blumen eingefaszt ist M. Meyr erz. a. d. Ries 1, 221; trockner weg übertragen als sichere, bequeme methode: die advocaten nennen dieses (vermeidung eines unsicheren processes) den trockenen weg abzukommen Lichtenberg verm. schriften 3, 550; redensartlich: wo es immerzu tröpflet, da wirts nimmer drucken, verseiget nicht Henisch 758.
b)
trocknes land u. ä. als fester boden, meist in ausgesprochenem gegensatz zum meer; vgl. mhd.:
er (gott) sprach: 'nu werde sunder
wazzer von der erde,
dasz si trukchen werde'
Wiener genesis v. 114 Dollmayr;
(die frau) den kasten an das trucken lant zohe Arigo decameron 77, 4 lit. ver.;
eh der pfarrer im bach aufstahn
und heraus wut ans trocken lant
Hans Sachs 17, 359 K.-G.;
neben dem meer auf trocknem lande
da ist allzeit gut wandern
Eyering 3, 253;
auf dem trocknen, festen lande bleiben J. M. Miller pred. f. landvolk 2, 55; hierher trocknes grab, grab auf dem festen lande:
da ward ihm am ufer ein trocken grab
G. Schwab ged. (1838) 362;
ähnlich trockner tod im gegensatz zu dem nassen tode des ertrinkens (s. teil 7, 422): der wille droben geschehe, aber ich stürbe gern eines trocknen todes Shakespeare 3, 11; redensartlich wie ein fisch auf trocknem lande (vgl. 3 a ende): (eine frostige tischgesellschaft, bei der) jedes gespräch schon als tote frucht zur welt kommt oder im augenblicke nachher sterben musz, wie der fisch auf dem trocknen lande Tieck schr. 4, 71; ähnlich:
die leber dorrt mir ein.
ich bin ein fisch auf trocknem sand,
ich bin ein dürres ackerland;
o schafft mir, schafft mir wein!
L. Uhland ged. 1, 54 Schmidt-Hartmann;
in älterer sprache bedeutet fischen auf trocknem land 'plündern, rauben' (vgl. waltvischer 'räuber' Lexer 3, 664; zur sache s. E. Thiele Luthers sprichw. 332):
nach voglen ('beute machen') well wir vischen
auch auf dem trucknen land,
last uns dört einher wischen!
stost uns der recht an d' hand,
so sing wir nimmer: 'ach laider!
wa nimm wir winterklaider'
bei Uhland volksl. 1, 367;
zuletzt müssen sie (die kriegführenden) einsehen, dasz die fischerei aufm trucknen land zu ihrem verderben ... gewesen Lehman florileg. polit. (1662) 1, 129; wann der sohn ein guten stilum (wortspiel mit stehlen) hat, absonderlich in des vatters hosensack, und fischt schon auf trucknem land ..., er möchte einmahl strickto modo (mit dem strick) gehenket werden Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 199.
3)
substantiviertes das trockne bezeichnet kurz den vor nässe, regen oder flut geschützten ort und begegnet in dieser verwendung seit der reformationszeit.
a)
eigentlich: (während der nicht strebsame kaufmann) do heimen am trucken sesze in einer warmen stuben Geiler v. Keisersberg postill. (1522) 3, 64ᵇ; gerätschaften im trocknen aufbewahren J. G. Forster sämtl. schr. 2, 145;
gib acht! es wird dir allerlei begegnen:
bist du im trocknen, wird es regnen
Göthe I 4, 34 W.;
specieller als 'land, ufer, continent' im gegensatz zum meer: gott nennet das trocken erde 1. Moses 1, 9; welcher gemacht hat das meer und daz trocken Josua 1, 9;
sie (die Griechen) sprungen allzumal aufs trockne von dem nassen
Sigm. v. Birken ostl. lorbeerhain 69;
redensartlich: wie ein fisch auf dem trocknen (vgl. 2 b mitte): wenn das meer ruhig ist, ist dir zu mute wie einem fisch auf dem trocknen Biernatzki d. letzten matr. tageb. (1844) 88; ähnlich: (elende geschöpfe,) dumm und zufrieden mit ihrer jämmerlichen pfuhlexistenz, trotzdem dasz sie alle augenblicke auf dem trocknen schnappen W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 220; sprichwörtlich: auf dem truckenen ist gut segeln, auch gut baden Petri d. Teutschen weissheit j 7ᵃ; er ist im trockenen ertrunken bei Wander 4, 1329.
b)
übertragen bedeutet das trockne das geborgensein, meist das wirtschaftlich-geldliche: wenn ich nur erst wieder auf dem trocknen, das ist, aus meinen schulden sein werde Lessing 17, 329 L.-M.; hierher tautologisch:
(ich hatte) durch der tante tod fünf tausend taler renten
in trockne sicherheit gebracht
Bürger sämtl. w. 107ᵃ Bohtz;
in anderer anwendung: freiheit! freiheit! — du bist im trocknen, Roller Schiller 2, 90 G.; im spiel mit der eigentlichen bedeutung: das sichere gefühl, Michel Labrousse säsze zwar physisch sehr bedenklich im regen, moralisch aber im trocknen K. Gutzkow ges. w. 4, 112; bildlich: die teutschgesinnte allianz ... einzugehen und unser schiff ins trockne zu bringen Leibniz dt. schr. 1, 253 Guhrauer; (sie) brachten jeweils ihr schifflein noch sicher aufs trockene boxsport nr. 803 (v. 17. 2. 1936) 12ᵃ.
c)
seit dem 16. jh. bezeugt in der wendung sein(e)schäfchen aufs trockne bringen o. ä. 'sein teil in sicherheit bringen', fast ausschlieszlich vom ökonomischen. die entstehung dieser redensart ist nicht befriedigend gedeutet. wenig wahrscheinlichkeit besitzen die versuche, sie an wendungen wie die letzten von b anzuknüpfen, indem man in schäfchen ein miszverstandenes nd. schepken vermutet, vgl. teil 8, 1999 sowie Weigand-Hirt 2, 665 s. v. schaf. in dem älteren belegmaterial begegnet die deminutivform nur ganz ausnahmsweise: ihre schäflin ins trucken (wie man pfleget zu sagen) zu treiben J. Burckhardt patrocinium (1576) 114. sonst herrscht in älterer zeit durchaus die form schaf:
hast dein schaf in das trucken bracht,
keiner ist, der dich drumb veracht
Marx Mangold markschiffs nachen (1597) c 1ᵇ;
du wärest reich, stündest wol und hettest deine schaffe fein ins trockene gebracht
A. Corvinus fons lat. (1646) 270;
so noch sporadisch am ende des 18. jhs.:
wirst du meiner seel deine schaafe ins trockene bringen
J. G. Müller kom. rom. 2, 92;
daneben beginnt sich die deminutivform auszubreiten, die bald die oberhand gewinnt:
(alte leute sind der arbeit enthoben, weil sie) ihre schäfgen auf das trockene gebracht
H. Fr. v. Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 4ᵃ;
schon so sicher, dasz dein schäfchen
im trocknen ist?
Göthe I 12, 121 W.;
daher war er besorgt, ... sein so lang und sorglich gepflegtes schäfchen ins trockene zu bringen G. Keller ges. w. 1, 147; seltener in variation des objects: hust o dei lämmla ins trockne gebracht G. Hauptmann Rose Bernd (1904) 33; ihrer ausgestandenen mühe ... sich ergetzeten und solcher gestalt ihren karn in das trockene geschoben hatten alamod. polit. (1654) 3; er hat seinen wagen ins trockene geschoben, 'er ist auszer gefahr, verlegenheit ..., besonders im unterhalt' Schellhorn sprichw. 70.
d)
aus dem bilae des seefahrers heraus, der auf dem trocknen liegt oder aufgelaufen ist, bedeutet auf dem trocknen sitzen 'in verlegenheit sein' oder nach dem gleichen bilde 'festsitzen': wahrhaftig eine sehr leichte antwort, mit welcher man nie auf dem trocknen bleibt Lessing 6, 412 L.-M.; heutzutage würde man sich ... in Rom sehr auf dem trocknen sehen, wenn nicht die bibliothek ... da wäre K. Justi Winckelmann 2, 1, 94; wieder häufig vom pecuniären: blosz meiner ... sparsamkeit hab ichs zuzuschreiben, dasz ich nicht schon völlig aufs trockene geraten bin Hebbel br. 1, 181 Werner; es begegnet jedem, dasz er in die klemme oder gar aufs trockne kömmt J. Gotthelf 14, 110 Hunziker; zu beachten ist, dasz wendungen dieser gruppe formal denen von b nahestehen können, inhaltlich aber das gerade gegenteil besagen, so dasz bisweilen nur der zusammenhang die entscheidung erbringen kann. vgl. auch: er sitzt hoch und trocken ('mit seinem schiff: ist in verlegenheitoder er hat seine schäfchen auf dem trockenen') W. Lüpkes seemannsspr. 66.
4)
die vorstellung des festen landes im gegensatz zum meer (vgl. 2 b und 3 a ende) herrscht auch in wendungen wie ein schiff liegt trocken vor: wir sachen (in Bordeaux) ..., wie dasz mer falt, dasz die schif drocken stondt, uf den obendt ... dasz sy wider im diefen mer stondt F. Platter 282 Boos; fahrzeuge (in dem hafen) ..., die jetzt während der ebbe ... auf dem sande trocken lagen G. Forster sämtl. schr. 3, 256; ein gar alt schiff ... liegt trocken, halb im sand begraben, am gestand Mörike ges. schr. (1905) 3, 100; attributiv nur poetisch:
sie ziehn den trocknen schiffeskiel vom ufer
Herder 26, 227 Suphan.
5)
trocken in der bedeutung 'versiegt, ausgetrocknet, leer' von gewässern, flüssen u. dergl., deren grund beim fallen der flut zutage tritt:
dâbî sô ligt besunder, gar âne wazzer trucken
ein mer, daz ist obe und under niht wan mos, dar ûz gênt nebel rucken
jg. Titurel str. 6056 Hahn;
ein veld, mit tiefem wasser und drochnem graben underzogen Valerius Anshelm Berner chron. 4, 138 hist. ver.; (es ist ein) grosz erdbeben gewesen ... und wird das meer auf etliche meilen trucken Wedel hausb. 127 lit. ver.; ähnlich: da kam alsbald feuer von himel ... und lecket das wasser trucken auf Seb. Franck chron., zeytb. (1531) 50ᵇ;
die nymphe klagte
an trocknen quell
Pfeffel poet. vers. 2, 178;
sprichwörtlich: wenn der brunnen trocken ist, schätzt man erst das wasser W. Lüpkes seemannsspr. 124; im bilde: dasz ein in der liebe unempfindlicher mensch nicht besser sei ... als ein truckener brunn Lolivetta d. teutsche gespenst 297; trocknes meer vereinzelt zur bezeichnung des himmels:
wo dorten über uns, das alle sinnen nimmt,
das trockne meer der meer ungründlich sich ergieszet,
in welchem ohne zahl ein heer von sternen schwimmt
Heräus ged. u. lat. inschr. 181;
die wendung trocken legen bedeutet in weiterem sinne 'etwas ausleeren' oder 'zum versiegen bringen'; übertragen: geistige überanstrengung, geistige sorge haben die blutbereitung angegriffen, ich möchte sagen trocken gelegt H. Laube ges. schr. 15, 339; anders, mit dem beisinn von C 1 c α: (durch eröffnung einer eigenen schankwirtschaft) könne er den gemswirt trocken legen, dasz seinen fässern die reifen abspringen B. Auerbach schr. 2, 155; doch überwiegt die specielle bedeutung 'gewässer, sümpfe durch drainage oder aufschüttung in festes, ertragfähiges land meliorisieren': das mit wasser gefüllte talbecken wurde dadurch (durch schaffung eines abflusses) trocken gelegt A. v. Humboldt kosmos 3, 482; kann ich sie (die bauern) nur dazu bringen ..., dasz sie ihre gemeindewiese, die immer mehr versumpft, trocken legen W. Alexis Isegrim (1854) 1, 16. trocken legen in anderem sinne s. unter 6.
6)
vom menschlichen körper und seinen teilen, als gegensatz zur oberflächenfeuchtigkeit (vgl. dagegen B und E 5):
swenn aber dü sole niht ist gnuog lank,
sô wirt der schuohe nuz gar krank
und gât im daz wasser drîn,
sô sîn vuos sölt truken sîn
Konrad v. Ammenhausen schachzabelbuch v. 11764 Vetter;
da wuͦschen sie ire hend und liessen sie von inen selber wider trucken werden Pauli schimpf u. ernst 23 lit. ver.;
er (der pfarrer) sprach: und dunket euch nit guet,
das ich zu kore hie stee trucken,
so decket selber zue die lucken,
dardurch ir werdet do beregent
pfarrer vom Kalenberg 14 ndr.;
wenn alle unglücklichen gatten sich ins wasser stürzen wollten, es müszten viele pudelnasz sein, die jetzt trocknen leibes einhergehen M. Beer sämtl. w. 721; vgl.
der wirt hât truckenen vuoz (sitzt wohlgeborgen)
Spervogel in: minnesangs frühling 27, 8;
dasz nasse jäger und trockene (wasserscheue) fischer wenig oder nichts ausrichten können H. F. v. Göchhausen notab. venat. (1741) 334; fahren wir also auf dem globus ... mit trocknem finger über das atlantische weltmeer K. Fr. Cramer Neseggab 1, 42. im gegensatz zum schweisz: so der sieche ... beginne switzen von der brust auf unz an daz houbet, der genist wol; ist er starke truchen umbe die brust, so mach er nicht genesen arzneibuch d. 13. jhs. in: Wiener sitz.-ber. 42 (1863) 134; steckte dieselbe (vom schweisz getrocknete hand) wiederumb in muff, damit er solche dem herrn grafen fein warm und trucken präsentiren möchte Riemer polit. maulaffe 266; sprichwörtlich:
ob ich gleich nasz uber den rucken,
so ich mich schüttel werd ich trucken
Eyering 2, 278;
wen gott nasz macht, den macht er auch wieder trocken bei Binder sprichwörterschatz 79. hierher trocken halten o. ä. von kleinen kindern, die nicht einnässen: solange sie sich nicht trocken halten, müssen die strümpfe ganz wegbleiben Bremser medicin. parömien 86;
und wenn es sich so wohl nicht fügt,
dasz er im bette trocken liegt,
so mag er garstig sein
Chr. Weise überfl. ged. 154 ndr.;
gebräuchlich trocken legen, säuglingen frische windeln geben: man soll sehen, dasz man es immerzu trucken lege, wann es nasz ligt, sie werden sonst fratt (wund zwischen den schenkeln) Gäbelkower artzneybuch 2, 120; man sagt in den dörfern, wenn eine wöchnerin stirbt, so komme sie sechs wochen lang nachts zu ihrem kinde, lege es trocken, bette es neu und verschwinde Lutz bayrisch (1932) 229. ebenso auf den tierischen körper bezogen: nimpt denn das wasser zu, so hat er (der biber) ... sein zugerüst näst, da er den halben teil trucken ligen man und vornen ungenetzt bleiben Forer Gesners thierbuch (1563) 22ᵃ; wenn du es (das pferd) gewaschen hast und es ist wieder trucken worden J. Walther pferde- u. viehzucht 92. zahlreich in stehenden verbindungen, z. t. in besonderer anwendung und bedeutungsabschattung:
a)
trocknes haar: kaum waren sie getauft, kaum waren ihnen, so zu reden, die köpfe trocken geworden Lichtenberg verm. schr. 3, 54; daher:
mit nassen locken
wird er dir entgegentreten:
meine zöpfe bleiben trocken (d. h. ich lasse mich nicht taufen)
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 298;
anders: trockenes haar, welches keine feuchtigkeit enthält, nicht vom schweisze durchdrungen ist, sich daher nicht fettig anfühlt Krünitz encykl. 188, 527;
die schmutzgen haare schneiden sie (die Römer) sich ab
und hängen unsre trocknen um die platte (glatze)
Heinrich v. Kleist 2, 372 Schmidt;
ähnlich: trockene wolle ... mit wenig fettschweisz Krafft landw.-lex. (1888) 905ᵃ.
b)
trockne lippen: die lippen des mannes (sind) ... röter, wärmer, trockner Sömmerring v. baue d. menschl. körpers 5, 25; bei heftiger gemütsbewegung: er kaute mit den trockenen lippen ... und rieb mechanisch die hände (vor verlegenheit) W. Alexis ruhe ist d. erste bürgerpfl. (1852) 1, 103; 'meine vorladung!' stammelte die generalin mit trockenen lippen Marie v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 345; anders als zeichen von gefühllosigkeit:
ich hab aus höfligkeit Margillens trocknen mund berührt,
corallen, aber falsch, und rosen ohne kraft gespürt
Assmann v. Abschatz Anemons u. Adonis blumen 41 ndr.;
hierher trockner kusz, eigentlich kusz mit trocknen lippen (im gegensatz zum nassen kusz, der nach Hoffmannswaldau ged. 1, 14 die geilheit kundtut):
nicht zu trucken, nicht zu feuchte (will der dichter geküszt sein)
P. Fleming 406 lit. ver.;
es rüren unser herz die trocknen küsse;
die weichen sind noch eins so süsze
Weichmann poesie d. Niedersachsen 1, 315;
vgl.:
und doch wird dem gesang kein trockener kusz zur belohnung
J. H. Voss ged. 2, 306.
c)
trockne zunge u. ä., mit dem bedeutungselement 'durstig':
(Maria,) di mich heizet sprechen,
sô mîn zunge ist trocken
Pilatus v. 77 zs. f. dt. phil. 8, 274;
reicht mir rein wasser her zur stund,
dasz ich ausschwenk mein trucknen mund
Wolfhart Spangenberg ausg. dicht. 186 Martin;
ein truckenes maul für durst Kramer dict. 2 (1702) 1155ᵇ; trockene zunge erzählt nicht gern (d. h. wein löst die zunge) Scheffel ges. w. 2, 96 Prölsz; variiert: (ein gärtner,) der mehr und lieber seinen trockenen und durstigen hals und kragen als ... durstige gewächse begieszet W. H. v. Hohberg georg. cur. aucta 3 (1715) 43ᵇ; an trockener leber viel gelitten Cl. Brentano ges. schr. 5, 453; hierher auch: aber jetzt kam ihm der durst, trocken, zungenklebend G. Sack ges. w. (1920) 1, 130; in weiterem sinne auch 'von speisen unberührt': anfangs stand Martha oft viele tage mit trockenem munde (vom tische) auf, sie konnte keinen bissen hinabbringen B. Auerbach schr. 12, 108; trockener mund ..., der nicht viel zu verzehren hat Krünitz encykl. 188, 527; redensartlich jem. mit trocknem munde abspeisen etwa 'mit bloszen worten abspeisen, leer ausgehen lassen': ich bin so tumm nicht, als ich aussehe. ich werde mich gewisz nicht mit trockenem maule abspeisen lassen neue samml. v. schauspielen (Wien 1764) 2, e 2ᵇ (Burlin); ähnlich: so muszte die verliebte dame ohne erfüllung ihres verlangens vor diesesmal mit trockenen munde nach hause reisen Schnabel irrgarten (1738) 15;
und ich hab ihn nicht gehalst,
gedrückt, geküszt, vor liebe aufgefressen?
und musz nun trocknen mauls nach hause gehn?
L. Tieck schr. 1, 270;
nu, herzt euch satt, und ich musz trocken stehn,
kann nicht einmal den mund an seinen legen
Grillparzer 6, 250 Sauer.
d)
vom tränenlosen auge, antlitz u. dergl.:
diu ir vil liehten ougen wurden trucken nie
Nibelungenlied s. 190, 6 Zarncke;
wiewol ich mir het fürgenommen, mit drucken augen zu sterben A. v. Eyb dt. schr. 1, 58 Herrmann;
und laszt an euern trocknen wangen,
die jetzt der wehmut ufer sind,
die tränen wie die perlen hangen
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. 1, 205;
mit starrem, auf den sarg geheftetem, trockenem blick J. M. Miller Siegwart (1777) 305; kein auge blieb trocken Göthe I 45, 119 W.;
mein aug ist trocken, meine seele weint
E. Bauernfeld ges. schr. 3, 127;
hierher auch: lasset euch vielmehr befrembden, dasz mein trockner schmerz noch das vermögen hat, meine zunge zu rühren Lohenstein Arminius 1, 11ᵇ;
man darf die trübsal nicht nach vielen tränen messen,
weil oft das gröszte leid mit trocknen dingen weint
J. Chr. Günther nachlese (1742) 106;
eine träne der reue ... ist mehr wert als all die trockne hitze, die ewig im auge des pietismus brennt K. Gutzkow ges. w. 6, 49; daher auch einfaches trocken in der bedeutung 'ohne zu weinen': selten wird ein frauenzimmer das wort tränen trocken aussprechen v. Hippel lebensläufe 1, 295; die weichsten herzen habens gelernt, im elend nur dreimal trocken überzuschlucken W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 242; mit stärkerer betonung der gleichgültigkeit, härte (vgl. auch F 1 b): (Martius hatte) das alles mit trucken augen on alles umbfahen oder ander lieblich geberd und sitten (geredet) N. Carbach röm. hist. (1533) 36ᵇ; mit trocknen augen und ohne barmherzigkeit Kramer diz. ital.-ted. (1676) 141ᵃ;
ihr aber, die ihr noch auf bärenhäuten liegt
und Deutschlands untergang mit trocknen augen schaut
Lohenstein Arminius 1, vorw. e 3ᵇ;
beglaubigung der menschheit sind ja tränen,
sein (Philipps) aug ist trocken, ihn gebar kein weib
Schiller 5, 71 G.;
hierher: e druckeni licht 'leichenbegängnis, bei dem keine trauer ist, wohl aber das gegenteil' Follmann lothr. 107ᵃ; redensartlich: wie denn bei uns in Westfalen ein sprichwort ist: ich wil dir einen schleifstein bringen, damit du die augen trucken machest theatr. diabol. (1569) 133ᵃ (vgl. die augen mit einem wetzestein treugen teil 11, 1, 2, 356); trockne augen wie ein tugstein die nit weinen könnend Maaler 409ᵃ; heute scherzhaft mit einem trocknen und einem nassen auge, d. h. mit gemischten gefühlen: dasz die bauherren nunmehr mit einem trockenen und einem feuchten auge auf die entwicklung sahen Berliner ztg. a. mittag v. 18. mai 1936, 1. beibl. 3ᵇ.
e)
mit trocknem fusze, trocknen fuszes oder einfach trocken (in den älteren quellen als adverb fungierend) ein wasser durchschreiten, ohne sich zu benetzen. in älterer zeit vor allem von den biblischen wundern:
hêt mî than tharod gangan te thi obar thesen gebenes strôm,
drokno obar diap water, ef thu mîn drohtin sîs
Heliand v. 2936 Monac.;
unde leita er sie (gott die juden) also truccheno under zewisken dien hevigen wazzeren Notker 2, 452 Piper; daz er (Christus) ... uber mere mit trokkenon fuozen gienk Williram 93, 14 Seemüller; wir sein erlöset von Egipten mit zeichen und mit den kreften gotes das mere mit truknem fuͦsz übergiengen erste dt. bibel 2, 6 lit. ver.; dann auch weltlich: (ein land) darin man mit trucknem fuͦsz nit kommen mag, das wirt ein insel geheiszen Seb. Münster cosmogr. (1550) 3; wo ich zuvor mit trockenem fusz war gefahren, muszte ich wieder zurückschwemmen Hans v. Schweinichen denkw. 326 Österley; dasz er (Alexander) sein heer trocknen fuszes durch das meer geführt habe Droysen gesch. Alexanders d. gr. 141; sprichwörtlich: wer einen groszen Christoffel zum helfer hat, der kan trucknes fusz über meer gehen Chr. Lehman florileg. polit. 1, 408; variiert:
so kann man trocknes trits die sichren schritte richten
auf Achelous hals
Sigm. v. Birken Pegnitzschäferey 2;
übertragen: wiewol ein sternkundiger solches nicht mag mit trucknem fuͦsz uberhupfen (unerwähnt lassen, übergehen), sonder muͦsz darvon ein meldung tuͦn Pegius geburtsstundenbuch (1570) F f 3ᵃ; dasz ich andere der fruchtbringenden gesellschaft weltberufene mitglieder mit trockenem fusze vorbeigehe E. Heermann unschuld. Christmärtyrer, vorrede.
f)
redensartlich noch nicht trocken sein hinter den ohren, d. h. unreif, unerfahren sein: ziehen wir auch unsere kinder bald von der wiegen an, ehe sie hinter den ohren trucken worden sein, so junckerisch auf A. Musculus prophecey e 3ᵃ; junge rotzlöffel, die noch nit hindern ohrn truckn sein Schwabe volleingesch. tintenfässl 50; da ich doch schon hinter den ohren trocken, d. i. klug bin Gottsched d. neueste a. d. anm. gelehrs. 4, 215; du meinst ich lasz mich berichten von einem, der hinter den ohren nicht trocken ist? P. Dörfler lampe d. tör. jungfrau (1930) 65; verkürzt:
o lasz das wilde ding! du siehst, es buhlt mit leuten,
die kaum noch trocken sind
J. Chr. Günther ged. (1735) 401.
7)
neben den bisherigen anwendungskreisen in weitestem umfange:
a)
von räumen, wohnungen u. dergl.: der gänsstall musz allwegen trucken und sauber gehalten sein Sebiz feldbau (1579) 111; warm und trocken, auch reinlich gehalten, paszte er (der innenraum der hütte) gut zu dem frohen aussehen der bewohner Göthe I 25, 110 W.; ähnlich: ein hartes, aber trockenes und gegen wind und wetter geschütztes lager H. v. Moltke ges. schr. u. denkw. 7, 71; redensartlich trocken wohnen, d. h. den noch feuchten neubau bewohnen, bis er durchgetrocknet ist (vgl.trockenwohner): (der verflossene könig von Neapel) soll es ihm wahrscheinlich erst — trocken wohnen kladderadatsch 1865, 195.
b)
von tüchern und stoffen:
daz das tischtuoch also truken
belaip da pei von irem supfen (schlürfen)
Heinrich Wittenweiler ring v. 5769 Wieszner;
so sie trucken werdend, so schnür ... die tuͤchlin subtiliglichen zuͦsammen H. Braunschweig chirurgia (1539) 14ᵇ; grobe cattune ..., wo der einschlag (des garns) trocken eingetragen wird Göthe I 25, 116 W.; vor allem von wäsche und kleidungsstücken: auch meine kleider ... trucken befand Schnabel insel Felsenburg 106 Ullrich;
's wird einem sauer, hoheit, zwischen zwei
dachtraufen trocknen kleides durchzukommen
Schiller 13, 449 G.;
geschwind trockne wäsche! A. v. Kotzebue sämtl. dram. w. 2, 46; redensartlich: keinen trocknen faden mehr am leibe haben o. ä.:
das er pluettigen schwaisz schwitzet,
das kain truckner vaden an im was
altdt. passionssp. d. Tirol 5 Wackernell (15. jh.);
wie oft hat es auch nasz gewittert,
dasz wir anbhielten kein drocken fasen
Hans Sachs 21, 4 K.-G.;
es regnete, dasz ich keinen trocknen faden auf dem leibe behielt Lessing 20, 135 L.-M.
c)
von geleertem geschirr und trinkgefäszen:
der chruog ist truchen und dersigen
Heinrich Wittenweiler ring v. 5678 Wieszner;
vgl.: einen vorrat wein ..., den selbst ein deutscher ... durst in einem halben jahre nicht aufs trockne bringen (ausleeren) konnte K. Justi Winckelmann 2, 1, 237.
B.
der inneren feuchtigkeit entbehrend, hauptsächlich in der bedeutung 'saftlos, welk, vertrocknet' von organischen gebilden und nahrungsmitteln, denen der natürliche saft oder feuchtigkeitsgehalt mangelt, seltener von anderen subjecten (s. unten 1 und 2). innerhalb dieses bezirkes concurriert trocken stark mit dem bedeutungsverwandten dürr, vgl. z. b.: trocken, dürr, ohn saft und feuchtigkeit Decimator thes. (1608) index s. v. trocken. ursprünglich scheint für das hd. (im gegensatz zu nördlichen dialekten, s. mnd. droge Schiller-Lübben 1, 579ᵇ sowie ebda 2, 151ᵇ s. v. grone, dazu dröge teil 2, 1426 und treuge teil 11, 1, 2, 350) dürr überhaupt innerhalb dieses anwendungskreises fast ausschlieszlich gegolten zu haben, vgl. die zahlreichen belege bei Graff 5, 200 und im mhd. wb. 1, 322ᵇ, während trocken in diesem gebrauch bis ins frühnhd. seltener bleibt, beachte vor allem u. 4.
1)
vom erdreich, dem die notwendige feuchtigkeit fehlt, die anhaltende trockenheit des bodens als ursache der unfruchtbarkeit bezeichnend: dürr, trochen, mager und unfruchtbar feld Maaler 93ᵇ;
so musz das trockne land auch dürre zweige tragen
Chr. Weise überfl. gedanken 2 ndr.;
dasz der erde ... zeiten bevorstehen, wo sie noch kälter, trockener, steriler werden wird D. Fr. Strausz ges. schr. 6, 150; seltener in der bedeutung 'nicht wasser spendend': stand ich doch allzeit vor ihm (Klopstock) wie vor einer trockenen felsenwand, aus der für mich keine quelle sprang Wilhelm Grimm an Gervinus 2, 43 Ippel; specieller: murren heiszen in Tirol schlüfte, die durch das auswaschen der erde vom wasser entstehen; trockne murren, das abrutschen der erdschollen und steine von den bergen Jacobsson techn. wb. 6, 607ᵇ; ähnlich: münden mehrere trümmerschluchten herab und vermischen ihre trockenen fluten mit denen der hauptmulde H. v. Barth Kalkalpen 237.
2)
ähnlich von staub, pulver und dergl. (vgl. pulvertrocken): feiner truckener sand oder staub in ein tuch gefast Aitinger jagd- u. weidbüchl. 54; eine weisze, feine staubwolke, welche durch feinen, recht trocknen haarpuder ... hervorgebracht wird Göthe II 1, 134 W.; haltet euch (euer pulver) trocken Lüpkes seemannsspr. 66; von hier aus gewinnt trocken geradezu den sinn von 'pulverig, bröcklig': darinen gibt es rot salz, das wechset nüt wie das weisze, ist auch nit so hart, sondern ligt also truckhen da und ist gerärig (splittrig) J. Ulsheimer rayszbuͦch in der Alemannia 6, 103; fachsprachlich: trockener quarz ..., welcher ... sehr spaltet und leicht zerbröckelt Richter neuestes berg- u. hüttenlex. 2, 535.
3)
'saftlos, welk, verdorrt', von pflanzen, blättern, früchten, im gegensatz zu saftig, grün, frisch:
ein busch enbran, ein trocken gart
truok bluomen unde mandel
Rumelant in: minnesinger 3, 55 v. d. Hagen;
und jagest die trucken stopfel erste dt. bibel 7, 175 lit. ver. (Luther: ein dürren halm Hiob 13, 25); strich mit der hand die trockenen tannennadeln aus meinen haaren Th. Storm w. (1889) 1, 159; vgl. auch:
grüner saft ist ihnn (den blättern) entgangen,
seind wie truckner erdenstaub
Fr. Spee trutznacht. (1649) 289;
bildlich: die lorbeeren des bloszen wollens sind trockene blätter, die niemals gegrünt haben Fr. Hegel w. 8, 168; ich strecke alle meine wurzeln und blätter aus nach liebe ..., und wenn ich sie nicht in vollen zügen in mich schlürfen kann, bin ich gleich trocken und welk a. Schleiermachers leben 1, 202; in specieller anwendung beim weinbau: trockener wein 'wird derjenige genennet, welcher aus trauben gepresset, deren beere an stocke schon auszutrucknen angefangen haben' allgem. haush.-lex. 3, 546ᵇ, vgl. das entsprechende ital. vino secco teil 10, 1, 406 s. v. sekt (anders trockner wein als 'herb, rassig', s. u.E 3 ende).
4)
'künstlich getrocknet, gedörrt'; von früchten: carica truucken feigen (15. jh.) Diefenbach nov. gl. 76ᵃ; trucken weinper uva passa (rosine) voc. theut. (1482) h h 2ᵃ; trockne weintrauben Overbeck gloss. melitt. (1765), 114; in trucknen und feuchten früchten bis in die fünfhundert masz Xylander Plutarchus 37ᵇ; (tabak), damit er trucken werde, aufgehänget J. Balde truckene trunkenheit (1658) 167; zugleich fühlten sie einen heftigen durst von dem trockenen obste (gedörrte birnen und pflaumen) G. Keller ges. w. (1892) 4, 255; hierher vielleicht auch truckene gerste u. ä. für lat. tipsana 'gerstengrütze' aus md. glossaren d. 15. jhs. bei Diefenbach 585ᵃ. ebenso von getrocknetem oder geräuchertem fleisch oder fisch. vereinzelt schon früh im mitteldt.: trucken fische neben durre fleisch polizeigesetzbuch bischofs Otto v. Wolfskehl 81 Ruland (Würzburg 14. jh.). doch herrscht sonst in älterem hd. sprachgebrauch dürr in dieser verwendung, s. oben (dazu noch dürr im gegensatz zu frisch für fleisch und fisch Stricker Daniel 3904 Rosenhagen; häringe oder dürre fische Meraner stadtrecht a. d. 14. jh. in d. zeitschr. f. dt. altertum 6, 419), während trocken erst im 18. jh. gebräuchlicher wird: mit trucknem lachs und ahl Chr. Warnecke poet. vers. 355; frisch hamelfleisch (kostet) 1 albus 6-9 heller, drucken dito 2 albus 8 heller Casselische ztg. 1731 nr. 1; mit einem trocknen fische in der tasche viele meilen reisen A. v. Haller tageb. 57 Hirzel. etwas anders trockne knochen = σκελετόν (vgl. hierzu die adjectiva bein-, knochentrocken): trockene knochen 'welche zur verfertigung eines beinkörpers oder skeletons aufgetrocknet und von ihren übrigen nebenteilen entblöszet sind' Jacobsson-Rosenthal techn. wb. 8, 19ᵇ; vgl. auch:
wan das lant allumbe schein
dürre und trucken als ein bein
Rudolf v. Ems weltchron. v. 18397 Ehrismann;
hierher trocknes gerippe in übertragenem gebrauch als knappes, dürftiges, auch (mit dem beisinn von trocken F 2 b) langweiliges gerüst eines gedankenganges: ein trockenes geripp abgesonderter sätze Gottsched d. neueste a. d. anmuth. gelehrs. 7, 645; den inhalt meiner ergebnisse, zwar in engem umrisz, doch nicht als trocknes gerippe Jacob Grimm kl. schr. 2, 459.
5)
'eingetrocknet, aufgetrocknet'.
a)
von brennmaterial, holz, laub:
wie nasses holz des fewres schein
nicht an sich kommen lest behend.
was trucken ist, wird bald verbrennt
Petri d. Teutschen weissheit 2 q 5ᵃ;
acapna ... dürr und trucken holz, das nicht raucht und dempft
Calepinus dict. linguarum septem (1731) 1, 11ᵃ;
weckte sie gestriges feuer und legt um den rauchenden löschbrand
säuberlich trockenes laub und harzigen kien und gedörrte
tannenrind
J. H. Voss sämtl. ged. 2, 313;
nehmet holz vom fichtenstamme,
doch recht trocken laszt es sein
Schiller 11, 306 G.;
sprichwörtlich: truckener zunder fängt bald M. Kramer dict. 2 (1702) 1484ᶜ; trockenes holz brennt am besten Binder sprichwörterschatz 92.
b)
vom getrockneten heu oder stroh, häufig in dem sinne, dasz es nicht vom regen erneut durchnäszt sei:
dâ (im stall) sint diu müeden ors vil vrô,
der wirfet unders ein trucken strô
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 393, 12 Lachmann;
Hermann eilte zum stalle sogleich, wo die mutigen hengste
ruhig standen und rasch den reinen hafer verzehrten
und das trockene heu
Göthe I 50, 227 W.;
ähnlich:
und wie der stürmende wind in die trockene spreu auf der tenne
ungestüm fährt
J. H. Voss Odyssee 97 Bernays;
in redensarten wie trocken einbringen. hierher schon: das heu sol auffangen sein zu rechter zeit drucken und schön niederöst. weist. 1, 338 (16. jh.); korn dröge oder trucken in die scheuren ... bringen A. Olearius persian. reisebeschr. (1696) 77ᵇ; das wetter ist umgeschlagen, gott lob, dasz unser heu trocken herein ist B. Auerbach schr. 2, 158; die hohe wichtigkeit, bei nasser erntewitterung das heu und getreide trocken einfahren zu können Krafft ill. landw. lex. (1888) 904ᵃ.
c)
vom alt und hart gewordenen brot (anders trocknes brot in der bedeutung 'brot ohne aufstrich' unter C 1 d): sicci (scil. panes) druhiniee ahd. gll. 4, 262, 37 St.-S.; nun seint sie (die brote) gemacht trucken und zerknischt von ubrigem alter erste dt. bibel 4, 281 lit. ver.; man leg ... ein frisch brot unter freien himmel, so wirt es uber nacht vom trocken luft trocken, vom feuchten bleibts wie es ist M. Sebiz feldbau (1579) 6; drucken und hart brodt, altgebacken N. Duez nova nomencl. (1652) 21; (die trinklieder sind süffig), indes man die wenigen gut gemeinten reime zu ehren des fleiszes und der mäszigkeit meist hinunterwürgen musz wie ein trocken stück brot W. H. Riehl d. dt. arbeit 113.
d)
von eingetrockneten breiigen oder schleimigen massen, zuweilen im sinne von 'fest, verhärtet': truckner oder grober zeher schleim ..., doch erzeigt sich dieser mit greuken (vgl. grieke teil 4, 1, 6, 261) in augenecken Wirsung artzneybuch (1584) 66 a; truckener dreck Kramer dict. 2 (1702) 1155ᵇ; weil er (der angefeuchtete gips) gar geschwind trocken und zum verarbeiten unbrauchbar wird Lindenborn Diogenes 1, 55; sprichwörtlich: wer in sein nest hoffirt (cacat), den gerewets ehe es trocken wird Chr. Lehman florileg. polit. 2, 722.
e)
von der aufgetrockneten tinte oder schrift: die schrift ist noch nicht trocken nomencl. lat.-germ. (1634) 296; die kaum trocken gewordene obligation Faustbuch d. christl. meynenden 9 Szamatólski;
der dreimal eingetauchte kiel
ward mir zum drittenmale trocken
J. A. Ebert epist. u. verm. ged. 42;
übersende eintausend stück abdrücke der kupferplatte zur naturlehre, welche vollkommen trocken sein werden Göthe IV 28, 160 W. ähnlich spricht man von trockner farbe, sieh teil 3, 1322. im andern sinne sieh unten D 3.
6)
specieller in der bedeutung 'zusammengetrocknet, eingeschrumpft': trucken und verschrumpelt obst, feigen Ludwig teutsch-engl. lex. (1716) 2031; vom menschen 'mager': das trochen auszeert alter Maaler 408ᵈ; ein groszer mann, trocken und mager, eingeschrumpften unterleibs Göthe I 45, 231 W.; nu sind sie (anrede) aber trocken im gesicht! — die krankheit hat ihnen gut zugesetzt Lemke volksthüml. in Ostpreuszen 2, 302; dann aber auch positiv als 'nicht aufgeschwemmt, straff, sehnig': also der könig ..., dieweil er von jugend sich auf kein wollust des leibes begeben, sondern arbeitsam in weidlichen händeln geuͤbet und gebrauchet, einen trucken gesunden leib gezogen hat R. Lorichius paedag. princ. (1595) 444; trocken ... vom kopf und von den beinen des pferdes: trainiert, scharf geschnitten, mit klar hervortretenden muskeln und sehnen Meyer conv.-lex. 19, 733ᵃ; sein nerviger kopf glich dem seines pferdes, beide waren von trockener rassigkeit E. E. Dwinger d. letzten reiter (1935) 24.
7)
seltener von pflanzen oder früchten, die von natur aus einen geringen saftgehalt besitzen: die zamen nennt man trucken steckruͤben, die wilden nasz steckruͤben Frisius 854ᵃ; truckne rübe als bezeichnung für die Jettinger rübe bei Fischer schwäb 2, 415 (vgl.treugerübe 'Teltower rübchen' teil 11, 1, 2, 351); die trockne Martinsbirne ... mit ... weiszem, aber nicht sehr saftigem fleische Dietrich lex. d. gärtn. u. bot. 7, 695; vom samenkorn mit dem beisinn 'unbenetzt und daher nicht aufgequollen': selbst im organischen reiche sehen wir ein trockenes saamenkorn dreitausend jahre lang die schlummernde kraft bewahren Schopenhauer w. 1, 195 Grisebach; ähnlich: 'ohne saft und fett, zäh, ledern' von speisen: er bekäme für einen trockenen braten einen gespickten Lessing 13, 164 L.-M.; nach einer trocknen bratwurst geh ich übrigens auch nicht gern weit Langbein sämtl. schr. 31, 142; eine geschmacklose speise, bei der schmalz u. dergl. mangelt oder gespart ist, heiszt truckn Lexer kärntn. wb. 71; ähnlich: dasz ein solcher leithund mit lauter trockenen und nicht fettfrasz zu erhalten ist H. Fr. v. Göchhausen notab. venatoris 5; trockne fütterung im gleichen sinne ebda.
C.
in erweiterter anwendung, zum teil mit specialisierung der bedeutung.
1)
noch in näherem zusammenhang mit seinen unter A und B behandelten eigentlichen bedeutungen.
a)
'ohne feuchtigkeit' im sinne von 'regenlos, niederschlagsarm' von klimatischen verhältnissen. in diesem gebrauche ist trocken erst seit dem 14. jh. (Limburger chr. s. u. γ) bezeugt, während truge sunder regen schon im passional auftritt, vgl. oben sp. 348.
α)
allgemein vom wetter: trocken und warm wetter Prätorius philos. colus 181; die heisze und trockene witterung der eingetretenen sommerzeit Göthe I 25, 142 W.; bei schönem trockenen wetter A. v. Arnim sämtl. w. 7, 364; früh schon in übertragener verwendung: diser pöser mein mann ... auf holzschuhen pei truckem weter get (nimmt die gelegenheit nicht wahr, versagt sich mir) Arigo decam. 370 K.; häufig und alt mit unpersönlichem subject: so würd es sein kuͤl, trucken und frisch Fischart praktik groszmutter 16 ndr.; (sie) schreit um ihre erdäpfel, wenns zuviel regnet, oder wenns zu lang trocken ist, um ihren lein O. Ludwig ges. schr. 2, 315 Schmidt-Stern.
β)
als bestimmung neben specielleren subjecten: die haissen trucken winde Niclas v. Wyle translat. 27 lit. ver.; von mitternacht blaset uber vil schneegebürg der kalt, scharpf, trucken wind ... boreas H. Bock kreuterbuch (1587) 401ᵇ; seltenheit der schneebildung in sehr kalter und trockner luft A. v. Humboldt kosmos 1, 44; der trockene, kalte hauch der abendluft K. Gutzkow ges. w. 6, 350; die schweren, nassen bodenarten sind im warmen und trockenen klima ... ertragreicher Krafft ill. landw. lex. (1888) 497ᵇ; höhenrauch ... kann wegen der eigentümlichen lufttrocknis auch trockner nebel genannt werden Behlen lex. d. forst- u. jagdk. 3, 738; poetisch: unaufgehalten brennt von immer trockenem himmel die sonne J. v. Müller sämtl. w. 2, 47; so trockene sonne, so unersprieszlichen schatten H. Laube ges. schr. 9, 3; hierher auch: bei ganz klarem himmel (ertönten) einige trockene donnerschläge (ohne dasz es dabei regnete) Göthe I 44, 140 W.; speciell vom offenen, schneefreien frost: barfrost sagte man ehemals für trockner frost ohne schnee Kinderling reinigk. d. dt. spr. 28; nach langer anhaltender trockner kälte ... die erste schlittenbahn Göthe IV 16, 177 W.; das tafelland von Kelat, nackt, traurig, von trockener kälte Droysen gesch. Alexanders d. gr. 466.
γ)
von jahreszeiten, hier häufig in concurrenz mit dem intensiveren dürr: ein drucken unde ein heige (uridus) somer, also daz ez mer dan zwelf wochen ungereigent was Tilemann Elhen Limb. chr. 71, 13 Wyss.; ein heisz und trucken sommer Konrad Stolle thür. chron. 167 lit. ver.; ein dürr oder trocken jar Frisius 99ᵃ; dürre oder trockne zeit ohn regen G. Treuer dt. Dädalus 1, 396; miswachs durch trockene jahre Holtei vierzig jahre 1, 320; häufig in bauernregeln und praktiken:
truckner merz, feuchter april, mai kül und nasz,
füllen den leuten speicher und fasz
Lehman florileg. polit. 3, 352;
trockner mai, dürres jahr Wander 3, 347; weiterhin: ist es auch höchst schädlich, wann der taback bei hitzigen und trockenen tagen ... gerauchet wird Ettner v. Eiteritz med. maulaffe 91; der morgen war frisch, aber trocken Göthe I 33, 33 W.; halbbedeckter trockener tag ders. III 4, 288; vgl. noch: die stunden rückten trockener und heiszer vor A. Stifter sämtl. w. 1, 192.
δ)
von gegenden mit regenarmen klima: in einem trockenen land wie Beauceron Sebiz feldbau 13; (die eingeborenen Afrikas beschwören das wetter, um) in jenen trockenen ländern den heiszersehnten regen herbeizurufen Peschel völkerkde 276.
b)
trocken von festen stoffen als gegensatz zu flüssigen.
α)
zur bezeichnung des festen aggregatzustandes: von eime ieglichen saume trucken oder nazzes ... (entrichtet man) einen helblinch corp. d. altdt. originalurk. 1, 484 Wilhelm (Augsburg 1282); weder nasz noch trukhens aus seinem haus auf die gassen ... nicht schütten noch gieszen tirol. weist. 4, 355 (15. jh.); diese gezeug (hebevorrichtungen) aber hebend nicht allein ... trockene läst, sonder auch feuchte oder wasser Ph. Bech Agricola bergw.-buch (1621) 134; truckene waren, schachtelwaren Kramer dict. 2 (1702) 1238ᵇ; trocken und nasz in der bedeutung 'speise und trank': weder trocknes noch nasses ... aus der küche ... entfrembden Stranitzky ollapatrida 116 Wien. ndr.; der neue berghauptmann ... hat mir weder nasz noch trocken vorgesetzt G. Forster an Sömmerring 84 Hettner. speciell trocknes masz (vgl.trockenmasz) als hohlmasz für schüttbare dinge in gegensatz zu flüssigkeitsmaszen: alle masz, truckne und nasse ... (sollen) mit herrn pflegers zaichen prent (geaicht) werden Salzburg. taidinge 27 (15. jh.); vgl. auch: die mit der eln oder drucknen gewicht verkaufen teutscher nation nodturfft (1523) d 4ᵇ.
β)
in älterer sprache werden auch gasförmige körper als trockne flüssigkeit bezeichnet:
der rauch von holz verderbt die augen,
das was ein druckne bittre laugen
Eyering 2, 164;
im gegensatz zum genusz von getränken heiszt so das tabakrauchen (früher tabak trinken) trockner trank:
das rauhe waffenvolk musz stets im rauche leben: ...
es rauchet, wenns tabak, den troknen dolltrank, sauft
J. Grob dicht. versuch. 30;
hierher: die truckene trunkenheit als buchtitel der übersetzung von Jacob Balde (1658); vgl. auch: diese truckene sind affen der nassen zechbrüder ebda 51.
c)
trocken bezeichnet das fehlen bestimmter flüssigkeiten.
α)
trocken in der bedeutung 'ohne zu trinken' oder 'ohne getränk': trocken essen id est ohne trinken Kramer d. neue dict. (1678) 1058ᵇ; da man uns so trucken sitzen lasset, anstatt dasz wir verhofft, einen schlaftrunk allhier zu holen Moscherosch gesichte Philanders (1650) 1, 381; eine truckene hochzeit (auf der nichts getrunken wird) kunst ü. alle künste 126 Köhler; natürlich spielte man auch nicht trocken, und in der hitze von spiel und trunk gabs manchmal händel B. Auerbach schr. 13, 189; ain droche size lo, mit jemand nicht trinken, ihm keinen trunk anbieten Seiler Basler ma. 85ᵃ; in festeren verbindungen: jährlich 20 guldin in münz umb den trucknen tisch (gedeck ohne getränk) gegeben; was ... aber ainer an wein verpraucht, dasselbig in sonderheit bezalt werden soll G. Blarer br. u. akten 1, 428 Günter (a. d. j. 1542); für mittag und abendessen, trocknen tisch, gebe ich 24 kr., der krug bier kostet mich 6 kr. Schiller br. 1, 142 Jonas; hierher wohl auch: wir ... melden auch, das chainr ... nit laisten (obstagiare, vgl.leisten 5, teil 6, 725) soll auf truckäm tisch niederöst. weist. 4, 419 (15. jh.); ähnlich ebda 3, 626; heute geläufig: das 'trockne' gedeck tägl. rundschau 1902 nr. 110 hauptbl. 4ᵃ. trocken in jüngerer zeit zur bezeichnung von ländern, welche die prohibition durchgeführt haben: dasz ganze staaten (Nordamerikas) 'trocken' sind, also keine einzige offene wirtschaft ... in ihrem gebiete dulden tägl. rundschau 1908 nr. 226 hauptbl. 1ᵃ; übrigens kann man auch im 'trockensten' städtchen seinen tropfen trinken ebda 1ᵇ; vgl. bereits: da ... die Deutschen ... die liebe des trunkes zu ihrer eigenschaft bekommen hätten; also ihre (der weingegner) trockene ratschläge insgemein übel geriethen Lohenstein Arminius 2, 295ᵃ; bisweilen auch von personen, die beim gelage nicht mittrinken oder überhaupt den alkohol ablehnen:
wie lange lastu diesen (wein) stehen?
seh den trucknen bruder an.
musz er so von durst vergehen?
Moscherosch gesichte Philanders (1665) 2, 684
(in früheren ausgaben fehlerhaft truncknen); ähnlich:
(andere sind) mit speis stätigs gefült und schwer,
nimmer drocken, alzeit nasz,
mit wein gefilt, so vol als vasz
Felix Platter 351 Boos;
mit einer orgie in milch und brauselimonade ertränkten die trockenen (abstinenzler) alle hoffnungen ihrer widersacher Berliner ztg. a. mittag 18. mai 1936, 1. beibl. 3ᵇ.
β)
in bayrisch-österreich. weistümern begegnet vom 13. bis zum 17. jh. häufig truckner platz als rechtlicher begriff, vgl.trockenbodengeld, ↗trockenplatz. er scheint häufig im gegensatz zu den privilegierten ehetafern (s. Schmeller-Fr. 1, 588) eine stätte zu bezeichnen, an der nicht der wein der gebietsherrschaft ausgeschenkt zu werden brauchte (anders Schatz im glossar d. niederöst. weist. 4, 633ᵃ), doch ist die deutung nicht für jeden einzelfall gesichert: ouch suln alle truckchen plaetz vermiten werden, swer daruber daran begriffen wirt spilnde, der sol ... wandiln mit 60 pfenning urkundenb. d. landes ob der Enns 4, 108 (a. d. j. 1289); man verpeut all trucken plätz mit spil ..., und swelher leitgeb (wirt) zwir verleust (straffällig wird), der sol ungeschenkt (ohne schankerlaubnis) sein piz zuo der nächsten chottemper (quartal) stadtrecht v. München 133 Auer (1340); daz niemant truckchn plecz in seinem haus oder vor seinem haus gestatten sol ..., es sei vailer wein da oder nicht pan- u. bergtaidingsbücher in Österreich u. d. Enns 1, 579ᵃ (mitte d. 15. jhs.); alle truckne oder ungewöhnliche spihlplätz sollen ... gestraft werden niederöst. weist. 1, 769 (16. jh.); ähnlich: es sollen auch zwo trueken tafern (am orte sein) Salzburg. taidinge 80 (17. jh.) im gegensatz zu den vorher erwähnten drei ehetafern; ungeklärt: es sind auch alle plätz auf truckchem land verboten L. Westenrieder gloss. 1, 30 (ordnung d. stadt Traunstein a. d. j. 1375).
γ)
trockne schläge u. dergl. als terminus der älteren rechtssprache bezeichnet körperliche züchtigungen, auf die kein blut flieszt (vgl. dagegen: einem ein nasses geben, ihn so schlagen, dasz blut flieszt, teil 7, 421): daz Nikel ... dem Chroephlein einen truken straich hat geben und do zucht der Chroephlin sin messer Stolz ausbr. d. deutscht. in Südtirol 3, 2, 301 (14. jh.); wer den andern sled myd trocken füsten ... edder roufet rechtsdenkm. a. Thüringen 194 Michelsen (14. jh.); ebenso zunftordn. d. stadt Freiburg 8 Hartfelder (15. jh.); welcher aber ... mit drucknen streichen dermaszen hart und übel schlecht, das sich solcher schad einer pluͦtruns verglichen möcht Freiburger stadtr. (1520) 90ᵃ; mit drucknen oder nassen straichen tirol. weist. 3, 85 (16. jh.); ähnlich: mit dem strang vel truckner hand zwischen himel und erden an den liechten galgen hencken neu layenspiegel (1518) 145ᵇ; einen trucken abschmieren, probe depalmare, os pugnis contundere Weismann lex. bipart. (1698) 2, 381ᵇ; doch war keine ... tödliche wunde vorhanden, woraus ich schlosz, dasz diejenigen, welchen der herr ... in die hände gefallen war, denselben nur trucken abgeprügelt hätten Liscow samml. sat. u. ernsth. schr. 407; hierher auch trockner tod, der nicht durch die waffe herbeigeführt wird (doch trockner tod in andrer bedeutung s.A 2 b): wie die tyrannen selten am trocken tod sterben, sondern gemeiniglich erwürget worden sind und im blut umbkommen Luther 18, 329 W.; hiernach:
dasz der tirannen sarch und mantel sei stets rot:
ihr bluttig ende sei keinmal ein trocken tod
Lohenstein Cleopatra (1680) 66.
δ)
redensartlich trocken stehen 'keine milch geben': dasz der teufel den kühen ihre euter und milchgänge verhalten könne, dasz sie trucken stehen müssen und keine milch geben mögen W. Hildebrand Goetia (1631) 136; bei annahender kalbezeit und wann die kuh die milch gänzlich verlieret (trocken stehet) W. H. v. Hohberg georg. cur. aucta (1715) 3, ix 240ᵇ; güst ... von der kuh und ziege, die ... kurz vor dem kalben steht und keine milch mehr gibt oder die überhaupt trocken steht rhein. wb. 2, 1507; landschaftlich jedoch auch in scharfer abgrenzung gegenüber güst: auf seine frage 'wie sagt man für nichtmilchgebend bei der kuh?' bald 'sie steht trocken' (weil sie kurz vor dem kalben steht), bald 'sie ist güste' (weil sie überhaupt unfruchtbar ist) zur antwort bekommen und diese bezeichnungen fälschlich für synonym halten Wenzel wortatl. d. kreises Wetzlar 3; selten attributiv: trocknes vieh ..., welches keine milch gibt Voigtel wb. 3, 425ᵇ; auch vom menschen gebraucht: (mütter, die nicht nähren wollen), welche dann vil ubels und gefahr ausstehen, ehe sie ire brüste trucken machen und der milch los sein mögen J. Barth weiberspiegel (1565) z 8ᵇ.
ε)
'nicht geölt oder geschmiert':
als er mit schwarzer hand
denn dicken schwarzen öl aus falschen maszen schenkte,
womit des fuhrmanns krug die trocknen axen tränkte
Dusch verm. ged. 299;
ich habe niemals trockne türangeln und hölzerne bettstellen leiden können: die ersten schreien immer, sooft man in ein zimmer geht und die andern krachen Bode Yoricks empfinds. reise (1769) 4, 49;
ich hör nen ehrnen leuchter lieber drehn
oder ein trocknes rad die achse kratzen
Levin Schücking br. an Annette v. Droste 25.
d)
trocknes brot bzw. formelhaft erstarrt trocken brot als brot ohne aufstrich oder belag (im andern sinne sieh B 5 c): armer leute kinder, welche bisweilen nichts als trocken brod oder ein wenig butter darauf ... bekommen Menagius sieben teufel (1693) 146; die wächter lassen nichts zu ihr durch als trucken brod und hell dünn wasser maler Müller w. (1825) 3, 208; mit stärkerer betonung der armseligen kost oder lebensweise:
lass weib und kind am hungrtuch nagen,
trocken brod essn und wasser trinken
Hans Sachs 17, 147 K.-G.;
hat ir nit günt das trucken brot
L. Sandrub hist. u. poet. kurzw. 105 ndr.;
kaum das liebe truckne brot gegeben v. Chemnitz schwed. krieg 2, 490; hie is jeder nagl an durchwachte nacht, a jeder balken a jahr trocken brot Gerhart Hauptmann weber (1892) 37; redensartlich: trocken brot macht wangen rot; variiert:
bei wasser auch und trocknem brot
behält man stets die wangen rot
J. H. Voss sämtl. ged. 5, 33.
e)
von verschiedenen seiten her können sich mit trocken akustische vorstellungen verbinden (vgl. dazu z. b.: ein ausgetrocknet heisere stimm Fischart Gargantua 26 ndr.): sie glaubten, wer rauh unde trocken rede ..., der allein rede attisch Fr. Schlegel pros. jugendschr. 1, 186 Minor; seine stimme ist trocken geworden G. Kaiser könig hahnrei (1923) 30; ein schluchzen aus tiefster brust, hart, trocken M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 201; jeder kennt das signal (des angriffs), kurz, abgehackt, trocken Werner Beumelburg sperrfeuer (1929) 77; trockenes blatt 'dessen substanz dergestalt dürre ist, dasz sie beim berühren einen laut von sich gibt' Jacobsson-Rosenthal techn. wb. 8, 19ᵇ; das klopfen mit gebogenem finger klang trocken wie bei jedem ledernen einbande H. Laube ges. schr. 15, 183.
2)
weiter entfernt von seinem eigentlichen anwendungsgebiet verwandt, zumeist in dem sinne, dasz dem betreffenden object ein zugehöriges oder doch erwartetes attribut fehlt. schon im mhd. tritt trocken vereinzelt mit einem abhängigen genitivus separationis in der bedeutung 'frei von, bar' auf:
frôlich si vur gie
vest und unirschrockin,
vil ungefüeges trockin,
daz reinen megden nicht gezam
Hugo v. Langenstein Martina 54ᶜ Keller;
und swenn daz mer belîbet
al trucken tobender ünde,
daz ez der wint niht trîbet
zusatzstr. d. jung. Titurel bei Piper höf. epik 2, 537;
im nhd. stellt sich ein derartiges negatives bedeutungselement öfter spontan von verschiedenen grundvorstellungen her ein; von der bedeutung 'versiegt, leer' (vgl.A 5):
der zorn ist eine volle bach,
ist aber trucken von gemach
Logau sinnged. 288 lit. ver.;
als gegensatz zur vorstellung der fülle von speise und trank (vgl.C 1 c α und d):
füllen, prassen und truncken freud
bringt letzlichs trocken herzeleid
Kirchhof wendunmuth 1, 268 Österley;
drauf wird die hand selbst ausgestreckt,
die speisen (auf dem stilleben) wirklich anzuschneiden,
allein, sie ziehet sich zurück:
sie fühlet nichts als trockne farben
Triller poet. betracht. 2, 348.
ausgeprägt in einer reihe fester verbindungen, die meist der älteren sprache angehören:
a)
als terminus in der geldwirtschaft.
α)
trocknes geld als bargeld: man sol ouch ein ieglich pfunt liptings (lebenslänglich geliehenen) truckens geltes verstiuren für sehs pfunt truckener pfening chron. d. dt. städte 4, 137 (Augsburger zunftbrief a. d. j. 1368); anfänglich hab ich trocken geld einzunehmen neun pfund Pr. Truber br. 15 lit. ver.; ähnlich von barabgaben im gegensatz zu sachleistungen oder deputaten: zu drucken wincop (zinsdienst) geben 3 gulden Haltaus gloss. germ. 2060 (a. d. j. 1513); ahnstatt truckenen weinkaufs solle (der pächter) ein new gut gebünn (diele, estrich) uf den speicher machen lassen ..., für nassen weinkauf den herren eine gute portion weins (liefern) urkundl. beitr. z. gesch. d. stadt Münstereifel 442 Scheins (a. d. j. 1683); diese eigenbehörigen leute ... musten ihm trockne und blutzinsen (tierische erzeugnisse), getreide, gespinste oder kleidungsstücke liefern K. G. Anton gesch. d. teutsch. landw. (1799) 1, 22.
β)
trockne gefälle wurden tote, nicht mehr steigerungsfähige zinsen genannt: man unterscheidet, wie bekannt, grüne oder nasse und trockene gefälle. die landsteuer von einem hofe z. e., solange sie in die landeskasse flieszt, ist eine nasse einnahme; wird sie aber einem gläubiger als eine rente verkauft: so wird sie trocken oder dürre, indem sie in dessen händen nicht mehr wachsen kann J. Möser Osnabrück. gesch. (1780) 2, 217; ähnlich ebda 2, 212.
γ)
trockner wechsel: 'ein eigner, auf sich selbst ausgestellter wechsel' Voigt hwb. d. geschäftsführung (1807) 2, 515; erfordernisse eines eigenen (trockenen) wechsels allg. dt. wechselordn. art. 96.
b)
trockne messe, miszbräuchliche form der messe im reformationszeitalter, 'rezitation der meszgebete ohne opferung, ohne consecration und ohne communion, missa sicca' A. Franz messe im dt. ma. (1902) 79: doch ist solichs ze versten von ordenlicher mesz, darin wandlung, opferung und nieszung des sacraments beschicht, und nit von druckner mesz, die an etlichen orten gelesen wird Berthold v. Chiemsee teutsch rational (1535) b 2ᵇ; und so inen verbotten ist gewesen, nit zu beichten, kain sacrament zuͦ enpfachen, haimlich noch offenlich auch kain mesz zuͦ hören, haben sie ain trucken ampt und mesz gehalten on ainen priester und haben gesungen, was zuͦ dem ampt der mesz hat gehört chron. d. dt. städte 23, 388 (Augsburg 16. jh.); da war ein solch meszhören, dasz, wenn grosze herrn und gewaltige des morgens keine messe hatten gehort, so muszte man ihm ein truckene messe halten, alle gebet, die epistel, das evangelium, den canon, die consecrierte hostien aus dem ciborio mit dem kelch aufheben Luther tischreden 4, 108 W.; ist in ainem klainen schiflin komen ain priester und hat pracht das sacrament in ainer monstranzen und hat allen denen, die in dem groszen scheff sein gewesen, aus andacht den zarten fronleichnam Jesu Christi gezaigt und hat ain truckne mesz gelesen und inen den segen geben Maximilian I. weiszkunig 22 Schultz; spätere wörterbuchbelege zeigen den begriff der trocknen messe gewandelt: expers sacrificii missa (missa sicca, vulgo) ein mesz ohne opfer, indem sich die angehende priester, auf etliche tage nur, in den ceremonien üben (vulgo, eine truckne mesz) Pomey indiculus 199; wieder anders: trockene messe, 'welche nur der catholische priester hält, und wobei nicht communiciert wird' encykl. wb. (1793 ff.) 9, 257.
c)
trocknes recitativ nach ital. recitativo secco, ohne tonmalerische orchesterbegleitung: die immer trocknen recitative, ohne alle begleitung, ermüden Heinse 5, 79 Schüdd.; gedachte stellen (des singspiels) bleiben immer recitativ, der componist mag sie nachher trocken oder begleitet ausführen Göthe IV 7, 48 W.; ähnlich: (ein schlechter meister,) der bei einem adagio, dessen gesang trocken, das ist ohne auszierungen geschrieben ist, nicht, so wie es der gesang und die harmonie erfordert, die willkürlichen manieren zuzusetzen ... fähig ist Quantz anweis. d. flöte zu spielen 8. vergleichbar eine schon frühe eigendeutsche anwendung: (bei der ankunft der eidgenöss. vermittlung) schluogend si uf mit drochnen sümpperen (trommeln ohne pfeifenbegleitung?) und zugend algmeinlich gar in guoter ordnung in ein wite wisen (aus einer quelle a. d. j. 1489) schweiz. id. 7, 987; wenn es sich begäb, daz man in der statt sturm oder geschray horte oder daz man sunst mit trucknem sumer umb die statt schlüeg, es wer tags oder nachts, so sölt alsdenn jedermann gerüscht (gerüstet) mit sim harnasch und waffen uff den hof ziehen und da wyter beschaids warten (nach einer handschr. quelle a. d. j. 1499) ebda.
D.
in der sprache der wissenschaften und der technik wird trocken häufig im sinne seiner verschiedenen bedeutungen terminologisch verwandt.
1)
bergmännisch und bautechnisch: wür haben ihn auch die berg ... ingeantwortet mit guten trucken sinckhwerichen (abgeteuften gruben) v. Lori samml. d. bair. bergrechts 25ᵇ (Salzburg 1423); trockenes gestein, 'diejenigen gebirgsarten, welche nichts von gängen und mineralien in sich enthalten' Richter berg- u. hüttenlex. (1805) 2, 535; dieselben werden ... edle klüfte genannt, sobald sie mit erz gefüllt sind; ... die leeren aber dürre, offene oder trockene Mothes baulex. (1874) 3, 167ᵃ; trockne fäule als nicht nässende, pulverige vermoderung, vgl.trockenfäule, -moder u. ä.: wenn das holz (beim schiff- und schleusenbau) öfter von dem sogenannten trockenen feuer und rothulm angegriffen wird staats- u. gelehrte ztg. 1824 nr. 150; zu unterscheiden sind nasse und trockene fäulnis, vermoderung, trockenmoder Dannenberg-Frantz bergmänn. wb. (1882) 414; trockne stockung Mothes allg. dt. bauwb. (1858) 564ᵇ; speciell: trockne mauer, vielleicht im sinne von C 2, mauer ohne mörtel und bindemittel, durch blosze fügung der steine (vgl. der dürren muren für maceriae Trierer ps. 61, 3 Graff gegenüber steinwente Windberger ps.): die Armiacken triben sie in ainen weingarten, der was umbmaurt mit ainem trucken meurlin chron. d. dt. städte 5, 174 (Augsburg 15. jh.); trochne maur, von trochnen steinen auf einanderen gelegt, one pflaster und kalch gemacht Maaler 285ᵃ; trocken mauern, 'eine arbeit in der grube, welche im marggraftum Meiszen in diesem jahrhundert eingeführet worden ... murare absque caemento' Chemnitzer bergm. wb. (1778) 561.
2)
in der hüttenkunde und chemie zur bezeichnung eines verfahrens, das ohne zuhilfenahme von flüssigkeiten, meist auf dem wege der erhitzung vor sich geht: trockner weg, 'im goldscheiden ..., dadurch gold und silber ohne scharfe wasser durch schmelzung ... voneinander geschieden werden' Chemnitzer bergm. wb. (1778) 562ᵃ; zur zerlegung eines körpers hat die chemie zwei wege, deren einen sie den trockenen ..., den andern aber den nassen ... heiszt Zappe mineral. handlex. (1817) 1, 44; ähnlich: die trockene destillation ... ist das erhitzen an und für sich nicht flüchtiger körper Karmarsch-Heeren 2, 607; specieller: trockenes pochwerk, wo ... sehr leichte erzarten gepocht werden, ohne wasser hinzuflieszen zu lassen, welches letztere mit sich fortschwämmen würde encykl. wb. (1793 ff.) 9, 258; trocken pochen geschieht durch ein stampfwerk, ohne dasz wasser zugegossen wird Richter berg- u. hüttenlex. (1805) 2, 536.
3)
weiterhin in bezeichnungen wie: trockner eisenstein ..., welcher wenig oder gar keinen kohlensauren kalk enthält Wenckenbach bergm. wb. (1864) 110; trockner kalk (gipskalk, der zwecks entziehung des wassers gebrannt wird) Mothes baulex. (1882) 4, 375; dampf, welcher kein wasser enthält, ... (wird) trockener dampf genannt Karmarsch-Heeren 2, 506; früh schon im sinne von C 1 b α zur bezeichnung von ölen u. dergl., die nicht in flüssigem, sondern in festem zustand sich befinden: ein trucken salb oder hart plaster, die gegen dem fewer schmilzt Erasm. Alberus n. dict. genus (1540) d 1ᵇ; harz, die ölacht füchtigkeit von den böumen: ist zweierlei, das ein feucht wie honig, das ander dick und trucken Frisius 1152ᵇ; feste, trockne fette oder talge Schedel waarenlex. (1863) 80ᵇ; trockne farben 'sind solche, welche ohne flüssigkeit gebraucht werden' Voigt hwb. d. geschäftsführung 2, 515; pastellmalerei mit trocknen farben Kinderling reinigkeit 142; (obgleich beimischung von weisz) bei trocknen pigmenten ohngefähr eben das wäre, was das zugieszen des wassers bei farbigen liquoren ist Göthe II 5, 1, 97 W.
4)
in der sprache des badergewerbes: setze oft messin laszköpf (schröpfköpfe) ... trucken (so dasz sie kein blut abziehen, vgl.treugekopf 'ventose' teil 11, 1, 2, 351) auf den bauch ...; hierher ist auch alles, was bläst und wind treibt, nützlich Wirsung artzneybuch (1588) 305ᵇ; fomentum aridum truckner uberschlag Frischlin nomencl. (1586) 122ᵇ; frictio sicca truckne abreibung ebda 138ᵇ; übertragen: o mänlin, mänlin, du hast uns recht das häu zwischen das horn gelegt, du hast uns trocken ausgeriben (übers ohr gehauen, s. auchtrocken scheren u. 5 a); obscön: darauf hat mich des meiers sun im holzhaus also trucken ausgeriben J. Frey gartenges. 79 lit. ver.; trucken schweiszbadstub (im gegensatz zum wasserbad als dampfbad) Erasm. Alberus n. dict. gen. 25ᵃ; trockenes schweiszbad (in den aufsteigenden dämpfen warmer quellen) allg. haush.-lex. 3, 546ᵇ; redensartlich trocken ausbaden als 'büszen':
ihm will der wirt nit lenger borgen.
schaw, desz trawer ich in groszen sorgen,
er werd also trucken ausbaden
Hans Sachs 11, 230 K.-G.
5)
die wendung jemandem trocken scheren, also eigentlich ihm mit dem rasiermesser ohne beihilfe von wasser und seife zusetzen (einen trucken schären, radere uno à secco cìoè senz acqua e senza sapone, met. cappellarlo Kramer dict. 2 (1702) 1156ᵃ), nahm sehr früh übertragene bedeutung an, vgl. auchungenetzt scheren teil 8, 2575 und 11, 3, 784. 'jem. übel mitspielen, das fell über die ohren ziehen, das geld rauben oder entziehen':
ir (ritter) hiezt schersere vil baz.
ir schert trucken unde naz,
ir schert mangen ungebeit ('unaufgefordert')
buch d. rügen (13. jh.) 1138 i. zs. f. dt. alt. 2, 78;
sein vater sei sein innen worn
und hab im (dem sohn) trucken ausgeschorn,
wann es ist warlich ie sein alter
ein filzig und karger haushalter
Hans Sachs 11, 215 K.-G.;
in harmloserem sinne, etwa 'angeführt, verulkt': bruder, wirst trucken balbiert maler Müller w. 3, 36; mundartlich: trocken gerasiert werden 'um sein vermögen kommen oder sein geld loswerden, ohne dasz man irgend eine entschädigung dafür hat' Martin-Lienhart 2, 284ᵃ. im älteren volkslied in der bedeutung 'henken', vgl. trockenscherer:
si haben die schanz verloren,
man hat in trucken gschoren, ...
durch ir falsch sinn und arglist
erhangen und auch gespist
L. Uhland volksl. s. 514 (16. jh.);
auch 48 ward man vahen,
auf ainen öden hof da ward mans füeren,
man ward in allen zwahen
und tet in trucken balwiren
ebda 462 (a. d. j. 1504).
6)
in der heilkunde.
a)
von wunden, die nicht nässen oder schwären: das dasselb pulver das bös flaisch hinwegetzt und die wunden wol trucken und hail macht Mynsinger v. d. falken, pferden u. hunden 77 lit. ver.; der trockne und nit triefende augen hat, siccoculus Maaler 409ᵃ; trockenes geschwür, welches nicht eitert, sondern ohne eiter wieder abtrocknet Krünitz encykl. 188, 528; nasse und trockene flechte allgemein, auch mundartlich, s. z. b. Friedli Bärndütsch 1, 445 und ähnlich; z. b.: das dise krankheit zweierlei ist, die feuchte keelsucht und die truckne, also sihe wol zu, welliche recept trucknen, die brauch zue der feuchten keelsucht Seutter hippiatria (1588) 29; von der natur der krankheiten, im sinne der alten naturlehre (vgl.E 5), also etwa 'den körper austrocknend': mir halt die gewönglichen haiszen und trucknen flüsz einen tag mehr dann den andern zusetzen Paumgartner briefw. 271 lit. ver.; hab meinen trucknen flusz nit hinwegbaden können ders. 251.
b)
vom husten ohne auswurf, vgl. ags. drîge hwôsta dry cough Bosworth-Toller suppl. 584ᵃ: (fichtensamen ist) ain guot nütz essen den, ... die trucken huostent und pluot rächsent Konrad v. Megenberg buch d. natur 339 Pfeiffer; ein trochner huͦsten, der nüt auswirft Frisius 1339ᵇ; einige klagten zugleich stechen um die brust und musten sich mit stetem trockenen gekölster plagen Breslauer samml. v. natur- u. medicingesch. (1718) 3, 779; ähnlich: trockener schnupfen, wobei man wenig feuchtigkeit aus der nase verliert Krünitz encykl. 188, 528; im volksglauben: trockener husten ist des todes trompeter Binder sprichwörterschatz 99. anders: der älteste gewann den mut, seine bedenken mit einem trockenen hüsteln verziert zu äuszern G. Keller ges. w. 2, 97.
c)
vom fieber, bei dem der kranke nicht in schweisz gerät: so mögen es (das lammfleisch) wohl essen, die da haben truckne feber, wann Hyppokrates spricht, das die feucht narung guͦt sei allen febern Dryander gantze arzeney 28ᵇ;
drünge so gar der schmerz der schafe bis tief in die knochen,
tobte er dort und verzehrte die glieder ein trockenes fieber
Jung-Stilling georgicon 121;
ähnlich: kan der krank schwitzen, so tu ers, doch nur trucken Gäbelkover artzneybuch 1, 303; vom fieberheiszen atem:
die trüben augen stieren
sich halbgebrochen an, von trockner hitze glüht
des hauchs beschwingtes wehn
E. Schulze Cäcilie (1818) 1, 141.
E.
besondere bedeutung gewann trocken innerhalb der mittelalterlichen, die ansichten der antiken naturphilosophie fortsetzenden naturlehre, wo es zunächst eines der vier grundelemente, dann aber auch die den dingen entsprechend ihrer zusammensetzung innewohnenden naturen und kräfte bezeichnet.
1)
trocken als bestimmung der festen, nichtflüssigen unter den vier 'qualitäten' oder 'naturen', auf denen die gesamte schöpfung in allen ihren teilen beruht: mit den vier naturen als kalt, warm, nasz und trocken, ohn welche eigenschaften kein mensch, tier noch gewächs der erden iren ursprung ... haben kann Ruff hebammenbuch (1580) 13; als die vier complexion geordiniert seind von got in der geschöpf, heisz, kalt, trucken und nasz kuchenmeisteri (1519) b 5ᵇ; diese qualitäten eignen paarweise den vier elementen:
diu erde ist trucken unde kalt.
daz wazzer in sînem gewalt
kelte und ouch nezze hât.
der luft ouch des niht verlât
ern sî heiz unde ouch naz.
sô ist daz viuwer ave baz
heiz unde trucken ouch
Thomasin v. Zirclaria wälsche gast 2287 ff. Rückert;
da jedoch innerhalb der vier elemente je eine qualität überwiegt, so gilt trocken gemeinhin für die qualität der erde: das fewr fürnemblich hitzig, der luft ... feucht, das wasser ... kalt, die erden ... trucken Guarinonius grewel d. verwüst. 530; mit andrer auffassung dagegen vereinzelt als die qualität der luft: die erden (ist) allein kalt, weder trocken noch feucht ..., der luft allein trocken und weder heisz noch kalt Paracelsus opera (1616) 2, 9ᶜ; welche (elemente) in ihrem urstande nur ein element sind, und das weder heisz noch kalt, weder trucken noch nasz ist Jacob Böhme weeg zu Christo (Amsterdam 1682) 113.
2)
jedes ding kann entsprechend seiner natur und der von ihm ausgehenden wirkung als trocken bezeichnet werden: 'käusch lamp' daz ist ain paum ..., der ist an kraft haiz und trucken, alsô daz er hitzet und trükent Konrad v. Megenberg buch d. natur 311 Pfeiffer; salbeien ... seind alle sampt warmer druckener art Bock kreutterbuch (1539) 13ᵃ; spatzenfleisch stopfet den bauch, denn es ist hitziger, truckener natur Heyden Plinius (1565) 464; nichts truckners ist, denn die haar, sintemal sie truckner sind denn die beine proplemata Arestotilis (1585) 3ᵇ; Fischart ironisiert die widersprüche der verschiedenen systeme: der Araber und Galenisten zank, ob gepratens oder gesottens feuchter und trockener sei Gargantua 77 ndr.; häufig in abstufung der qualitäten nach vier intensitätsgraden: daz daz honig warm sein in dem êrsten grâd der wirmen und trucken in dem andern grâd der trücken Konrad v. Megenberg buch d. natur 293 Pfeiffer; pfeffir ist heiz unde trocken an den virden gradu unde ist den gut, di kaldin unde vuchtin magin han Breslauer arzneib. 13 Külz; linsen sin kalt an deme andirn gradu unde sin trucken an deme dritten, da von machent si melancoliam in deme lîbe ebda 10; aus dieser naturauffassung erklärt sich der beiname der trukkene bei G. Neumark palmbaum (1668) 236 für ein mitglied der gesellschaft, dem das symbol der maur- oder steinraute mit dem wahlspruch 'nicht zu durchnetzen' verliehen war, denn: Galenus schreibt, dasz diese kräuter (nämlich venushaar oder mauerraute) ... ein kraft zu trucknen haben Tabernämontanus kräuterbuch (1687) 1185ᵃ.
3)
selbst flüssige stoffe können innerhalb dieser naturlehre als trocken bestimmt werden, sofern ihr aggregatzustand als die nur accidentielle existenzform einer an sich trocknen natur angesehen wird (vgl. z. b. Guarinonius grewel d. verwüst. 530 ff. an dem beispiel des weins); vor allem gelten säurehaltige, herbe, zusammenziehende flüssigkeiten als trocken, denn was sawr, spör, härt, härb, ist alles trucken ders. 536; daher: halt ich den essig erstmals kalt und drucken, dann er löschet aus die hitz und drucknet die geschwär Bock kreutterbuch (1587) 425ᵇ; hierher auch die in glossaren des 14. und 15. jh. häufige bezeichnung eines umgeschlagenen, kahmigen weins, der einen hohen gehalt an essigsäure besitzt, als trocken: vappa trucken, drocken win Diefenbach 606ᶜ; vappa est vinum marcidum trucken wein voc. ex quo (Reutlingen vor 1489) x 1ᵃ; dann aber auch zur bezeichnung eines durchgegorenen weines, in dem sich der zucker in alkohol umgesetzt hat, der einen herben, säuerlichen geschmack besitzt: so er (der wein) verjären ist, so ist er im anfang des ersten grads trucken, und je älter er würt, je mehr er trucken würt und heisz Dryander gantze artzenei (1542) 36ᵃ; der edle vergörner (vergorene wein) von solcher weiche und geilheit ledig und von natur etwas truckner und spörer und deshalber ... vil edler und ausbündiger (ist), wie dann alle truckne naturn edler als die feuchten Guarinonius grewel d. verwüst. 637; die bezeichnung blieb auch dann bestehen, als das verständnis für die dahinterstehende naturanschauung nicht mehr lebendig war: trockene weine, in welchen der zucker vollkommen vergohren ist A. dal Piaz universallex. (1897) 126ᵃ; trockene dessertweine ... sind arm an extract (festen rückständen beim eindampfen) und zucker Karmarsch-Heeren 10, 601; Frankenwein ... in der jugend süsz, im alter ... trocken, reich an bouquet H. v. Zobeltitz der wein 52ᵃ; je besser (und je herber, trockener) der champagner, desto (kühler ist er zu halten) ders. 119ᵃ; von hier aus gelangte trocken, nach dem vorbild des ähnlich entwickelten engl. dry, zugleich aber auch mit wortspielerischem anklang an sekt = vino secco (vgl.B 3 ende), zur markenbezeichnung deutscher schaumweine wie Henkelltrocken u. ä.: 1000 flaschen Feist-sekt trocken dt. warte v. 14. august 1900 s. 2ᵇ; bisweilen aber auch in einschränkendem sinne: (der wein) hat ein zu trockenes feuer Heinse 7, 332 Schüddekopf; trinkbare mittelweine ..., nicht grade markig, nicht grade bouquetreich, oft etwas trocken, aber ... süffig, frisch und weingärig H. v. Zobeltitz der wein 37ᵃ; redensartlich: trockner brantewein 'verdrusz' s. teil 2, 305.
4)
trocken als qualität von himmelskörpern und -erscheinungen:
der dritt ist Mars, der zaller vrist
heiz und ouch trucken ist.
sô ist der vierde stern diu sunne,
heisz und trucken ist ir wunne
Thomasin v. Zirclaria wälsche gast 2384 Rückert;
die êrsten (arten von donner und blitz) ... prennent, und die sint trucken an in selber. die andern dönr sint fäuht, die prennent niht Konrad v. Megenberg buch d. natur 95 Pfeiffer; das heisz und trocken zu himmeln und firmamenten ..., das heisz und feucht zum luft verordnet ist Paracelsus opera (1616) 2, 5ᴮ; trockne zeichen heiszen der stier, die jungfrau und der steinbock Chr. Wolff math. lex. (1747) 1342; ausschlaggebend für die bezeichnung ist wieder die den dingen zugeschriebene kraft und wirkung:
dâ von heizet (ein stern) heiz, trucken, naz,
daz er ofter machet daz,
daz der luft ist trucken hart,
heiz oder naz nâch siner vart
Thomasin v. Zirclaria wälsche gast 2387 Rückert;
die trocknen sternen geben ein trocknen wind Paracelsus opera (1616) 2, 124 c; diese kraft erstreckt sich auch auf die physis und das temperament des menschen (vgl. u. 5): dar umb daz sein (des Mars) kraft haiz ist und truken, so zeuht er auz der erden und dem menschen vil behender feuhten und inhitzt den menschen, daz er leiht zürnt Konrad v. Megenberg dt. sphaera 5 Matthäi; Saturnus ... machet kalte, trockne und melancholische gemüter Ingeber chiromantia (1692) anhang § 1.
5)
die qualitäten bilden die grundlage der vier hauptfluida oder -flüsse (temperamente): melancolia, der natur ist trocken unde kalt, ... colera ... ist trocken unde heiz; ... fleuma (phlegma) ... ist kalt unde naz; ... blut ... is warm unde naz Breslauer arzneibuch 2 Külz; doch überwiegt auch hier innerhalb eines jeden temperamentes je eine qualität, die trockne bezeichnet dann die melancholie; daher in glossaren d. 15. jhs. erläutert als ein complex, in der do herscht das ertrich, als erdisch, als trocken bei Diefenbach 354ᵃ; diese fluida bestimmen die complexion der lebewesen, vor allem des menschen, sowie ihre geistigen und körperlichen dispositionen: sô nu der mensch trucken ist und hitzig (cholerisch), sô ist er zornig und vicht gern, als wir sehen an haizen läuten Konrad v. Megenberg buch d. natur 76 Pfeiffer; daz die vâhenden vogel haizer nâtûr sein und trückner: diu nâtûr haizt ze latein colerica ders. 165; der leib sei hinfallend ..., darin warm und kalt, trucken und feucht gegenainander streben Albrecht v. Eybe spiegel d. sitten (1511) m 4ᵇ; nun sein aber ... die weiber kalter und trockener natur Prätorius Blocksberges verricht. (1668) 135; ist ... ein junger mensch, scharf vom verstand, warm und trucken von temperament und feuchtem gehirne, des nachts im vollmond aus seinem bette gesprungen Chr. Lehmann hist. schaupl. (1699) 846; zu dem dienet es (das bad) auch nur trucknen und hitzigen leuten, denn solche feuchtet es an allgem. haush.-lex. (1749) 1, 160ᵃ; alle bienen sind von natur eines warmen und trocknen temperaments, darum hassen sie das kalte und feuchte als ihren tod Overbeck gloss. melitt. (1765) 127; spöttisch: (die messe) ist von mancherlei naturen, specien und qualitäten zusammen geplezt, izt warm, dann kalt, feucht und trucken Schade sat. u. pasqu. 2, 257; im wortspiel mit dem eigentlichen sinn: o Heraclite! du hast wol gesagt, der trokkne geist der klugste geist, doch sollen wir uns mit häufigen zehren benetzen Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 5, 210.
F.
die temperamentenlehre bildet den wesentlichen ausgangspunkt für die reich entfaltete übertragene bedeutung von trocken, das zunächst eine passive, zurückhaltende wesensart des menschen in ihren verschiedenen ausdrucksformen bezeichnet. nach dem absterben der älteren naturauffassung wuszte man nichts mehr von dem ursprung dieser übertragung und suchte deshalb nach anknüpfungsmöglichkeiten an die eigentlichen bedeutungen von trocken, vgl. z. b.: 'es scheint, dasz diese ganze figur von trocknen speisen hergenommen ist, die einer schmackhaften brühe beraubt sind' Adelung 4, 686; leer und armselig (waren die abschiedsworte Savignys), trocken wie zwieback Varnhagen v. Ense tageb. 2, 33.
1)
ursprünglich und bis in den anfang des 18. jhs. fast ausschlieszlich in enger beziehung auf das wesen des menschen, seine art zu reden und sich zu geben. trocken bezeichnet, entsprechend seiner function innerhalb der temperamentenlehre (s.E 5), zunächst die eigenschaften des melancholikers. vgl.: wann einer under dem Saturno geboren ist, so macht er ihn, weil er (der Saturn) kalter und zugleich truckener natur, deswegen tiefsinnig, veracht, traurig, unansehnlich, einsamb, forchtsamb, argwönig, neidig und unfruchtbar Grimmelshausen Simplicissimi ewigwähr. calender (1670) 11ᵇ; daher tritt trocken häufig in verbindung mit kalt auf, vgl. besonders u. b ende; es löst sich jedoch allmählich mehr und mehr von der person des melancholikers und gewinnt, von den einzeleigenschaften wie verschlossenheit, unlust u. dergl. ausgehend und dieselben fortführend, bisweilen bedeutungen, die den eigenschaften des melancholikers geradezu widersprechen, vgl. z. b. c mitte.
a)
trocken bezeichnet das unvermögen oder die abneigung des menschen, seine inneren empfindungen durch worte auszudrücken, darüber hinaus überhaupt eine wortkarge wesensart:
mit beiden armen si in umbvie
mit so jæ̂merlîcher klage,
swie truckenlîche ichz dô sage,
dâ von ir herze dürkel wart
Wirnt v. Gravenberg Wigalois 7740 Kapteyn;
sicce dicere ... trockenlich reden, das ist wenig und kaum oder ungern, nit gnugsamlich Frisius 1210ᵇ; der churfürst ... hat das, dasz er unleidlich drucken und kalt ist in seinen reden oder redt garnicht Elisabeth-Charlotte br. (a. d. j. 1676/1706) 273 Holland; ähnlich: ohne winkelzug antworten, mit nichts als einem trockenen ja oder nein Lessing 2, 204 L.-M.; als ich nur die ersten worte trocken hervorbrachte und dann plötzlich verstummte und nicht weiter konnte G. Keller ges. w. 1, 44; richtige trockene Niedersachsen, die keine zwanzig worte am tage sprechen Ernst Jünger wäldchen (1928) 29; weiterentwickelt in dem sinne, dasz man das unumgängliche kurz und bündig oder, sofern es sich um etwas unerfreuliches handelt, unverblümt, rücksichtslos heraussagt: alsdann geschichts, dasz er ... der gottlosen welt drucken unter die augen sagt Saubert currus Simeonis (1627) 506; wann ich schon rund und trucken heraus sage theatr. amoris (1626) 1, 32; Rudolph fertigte die gesandten ganz kurz und trocken ab I. Schmidt gesch. d. Deutschen 3, 387; schrieb aber meine meinung dem alten minister Beckers so trocken deutsch, dasz ihm gewisz sein eigen herz gesagt haben musz: Beckers, du hasts verdient Fr. v. d. Trenck merkw. lebensgesch. (1787) 2, 305; hierher die trockene wahrheit sagen, eigentlich: jem. die wahrheit trocken ins gesicht sagen: ward ich genötigt, ihr die trockene wahrheit zu entdecken Lohenstein Arminius 2, 847ᵃ; wird sich auch ein jeder scheuen, mir die trockene wahrheit zu sagen v. Petrasch sämtl. lustsp. 1, 592; ähnlich: da hastu ... warhaften und trucknen bescheid Guarinonius grewel d. verwüst. 833; mit deutlicherem anklang an die temperamentenlehre, nach der das trockne dem süszen entgegengesetzt ist (vgl.E 3): besser ist dem menschen, die truckne wahrheit anzuhören als die süszen lügen Chr. Lehman florileg. polit. (1662) 3, 347.
b)
ähnlich als kennzeichnung einer den mitmenschen gegenüber zurückhaltenden, zugeknöpften, selbst unfreundlichen wesensart: wenn man von natur ein wenig trucken zu sein gewohnt ist, kompt einem das freundlichsein ohne freundschaft sawer an Elisabeth-Charlotte br. (a. d. j. 1676/1706) 423 Holland; unser neuer könig hat, dasz er ist trucken und misztreuisch dies. br. (a. d. j. 1707/15) 441; sie (anrede) haben mir doch meinen trockenen empfang verziehen? Schiller 14, 206 G.; mich aber sah er mehr von der seite an und behandelte mich abgemessen und trocken, weil er ... alles, was ich tat, miszbilligte G. Keller ges. w. 2, 128; hier besonders häufig in verbindung mit kalt, dessen übertragene bedeutung gleichfalls auf die alte naturlehre zurückgeht (vgl. teil 5, 81 ff.): sein betragen ... war ruhig, bestimmt, man durfte es wohl manchmal trocken und kalt nennen, aber sein herz voll güte und liebe Göthe I 27, 27 W.; mir war der kalte trockene gesell längst zuwider Langbein sämtl. schr. 31, 54; mit einem so gewissen kalten und trockenen gesicht, auf dem weder scherz noch ernst zu lesen stand Höfer a. d. weiten welt (1861) 1, 124; ähnlich: die art trokne kälte, die in ihr (der herzogin) erscheint, ist nichts weniger als verachtung ... sondern wahre edle gehaltenheit Lavater in schr. d. Götheges. 16, 356; im haine ... redete ich sie ganz trokken an. meine kälte betrog sie, dasz sie nicht floh und mit sich reden liesz Göthe I 37, 21 W.; milder im sinne von 'schüchtern, spröde':
wenn er bei der liebeswerbung gleichwohl noch so trocken tut
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. 1, 440;
doch auf der welt ist nichts betrübter
als seine trockne zärtlichkeit
Hagedorn poet. w. 3, 27.
c)
in anderer färbung trocken und ernst: ein trucken ernsthaftiger man Geiler v. Keisersberg granatapfel 4; die trockne, ernsthafte gemütsart des jungen herrn Bode Thomas Jones 2, 24; ein mann, der, den hut tief in die augen gedrückt, ... trocken und ernst einherschritt M. A. v. Thümmel reise i. d. mittägl. prov. 5, 338; in diesem sinne:
ich bin des trocknen tons nun satt,
musz wieder recht den teufel spielen
Göthe I 14, 94 (Faust) W.;
dem bibelfesten protestanten ist es schwerer, trockener ernst mit seinem glauben H. v. Treitschke hist. u. pol. aufs. 1, 38. andrerseits kann trocken auch die nur zur schau getragene, innere fröhlichkeit nicht ausschlieszende, ernsthafte miene bezeichnen: eine gewisse trockne art zu scherzen, die nicht nachzuahmen ist Gottsched schaubühne 1 vorrede s. 35; hätte ich doch in dem trocknen vogel die schelmerei nicht gesucht ebda 5, 120; seine einfälle taten desto gröszre wirkung, weil er sie mit trockner stimm und miene, ohne selbst zu lachen, vorbrachte Miller ged. (1783) 457; mundartlich: trocke musz 'einer, der nie lacht, ein ernsthafter mensch, oder einer, der lächerliche sachen ernst vorbringt' Wegeler Coblenz 87; im wortspiel mit dem eigentlichen sinn:
wo man die gläser füllt, dasz man sie wieder leeret,
und stets den trocknen witz in nasse becher taucht
Triller poet. betracht. 4, 332.
pejorativ gewandt: truckenes lachen Kramer dict. 2 (1702) 1155ᶜ für ein lachen, das nicht von herzen kommt.
d)
gesenkt zur bedeutung 'ohne rechtes temperament, langweilig, pedantisch, gleichgültig': ein unaussprechlich ordentlicher, trockener, verständiger mann Lavater physiogn. fragm. 1, 190; mit einem trocknen amtsgesicht Nicolai Seb. Nothanker 1, 161; ihre (der Maintenon) briefe sind ... denkmale des feinsten geistes und eines trocknen herzens Herder 23, 47 Suphan;
dasz diese fülle der gesichte
der trockne schleicher stören musz!
Göthe I 14, 33 (Faust) W.;
ein trockner, unteilnehmender, in äuszerlichkeiten befangener mensch ders. I 24, 194; der trockne alltagsmensch, der kalte, hölzerne Franz Schiller 2, 19 G.; ein ziemlich starker mann mit einer trocken freundlichen miene Tieck schr. 14, 180; ein regelmäsziger trockner geschäftsmann O. v. Bismarck br. a. s. braut u. gattin 275; im wortspiel mit der temperamentenlehre: Malherbe wär ein mann von vielen feuchtigkeiten (denn er war den flüssen sehr unterworfen), aber ein sehr truckner poet Morhof unterricht v. d. dt. spr. 1, 722; abgewandelt im sinne von 'sachlich, vernunftmäszig': mit gleichnissen reden, wenn ... die trocknen schlüsse zu mühsam sind Schwabe belustigungen 1, 215;
nun der bescheidenheit genug!
denn sie nur immerdar zu hören, wo
man trockene vernunft erwartet, ekelt
Lessing 3, 87 L.-M.
e)
als bezeichnung eines unbefangenen, treuherzig-naiven wesens: als sich der guͦt gesell auf das freundlichst macht (sie küszt), da facht das breutlein an ... mit trucknen worten: o narr, wie tust du! ich hab gemeint, du wöllest mich brauten, so wilt du mich fressen V. Schumann nachtbüchl. 247 lit. ver.; man musz ihn mit trocknem, ungeschminktem wesen in die falle führen M. Klinger w. 1, 142; Anselm spricht diese zeitlichkeit am trockensten und unbefangensten aus Schleiermacher sämtl. w. I 3, 198; vgl.: das trocken-naive ... gehört zu jeder früheren einfacheren kunstweise Göthe in schr. d. Götheges. 21, 226; darüber hinaus zur charakteristik einer dreistigkeit, die sich mit der miene treuherziger selbstverständlichkeit gibt:
ich bin derselbig trucken knab,
der mein erb gefordert hab
von meinem vater in seim leben
(vom verlorenen sohn) Murner schelmenzunft 64 ndr.;
auf diese trockene bitte (der ehebrecherischen Parysatis) folgte ein rechter platzregen unzehlbarer tränen Lohenstein Arminius 2, 106ᵃ; der wirt, an die ungeheuersten ansprüche seines mietmannes gewöhnt, war gleichwohl durch die trockene art ein wenig beirrt A. Stifter sämtl. w. 2, 19.
f)
im sinne von 'kaltschnäuzig, sarkastisch. mit verhaltenem spott':
'nain', sprach der Eckhart druckelich,
'Brinhilt, dir ist ain tail zuo gauch'
(du bist ein wenig zu voreilig)
Herman v. Sachsenheim möhrin 1462 Martin;
der rote grosse Livian
des fürsten spotten begann
gar trukenklich mit worten
Göttweiger Trojanerkrieg 20473 Koppitz;
eine trockene antwort gegen eine platte frage Zimmermann nationalstolz (1758) 95; ich hingegen dankte ihr hohnlächelnd und trocken U. Bräker sämtl. schr. 1, 166; er bot ihm nicht das ... bier zum trinken ..., sondern antwortete trocken und ein wenig den mund verziehend M. Meyr erz. a. d. Ries 1, 122.
2)
secundär und im wesentlichen erst seit dem 18. jh. bezeugt (doch vgl. c) ist die weitergehende anwendung von trocken als negatives werturteil von allen dingen schlechthin, die den geist oder das gemüt des menschen uninteressiert lassen oder gar ablehnung hervorrufen.
a)
in künstlerischen dingen dem ästhetischen wohlgefallen entgegengesetzt, etwa 'unpoetisch, abgeschmackt, des künstlerischen reizes entbehrend': troken ... scheint überhaupt einen mangel ästhetischer annehmlichkeit eines gegenstandes auszudrücken Sulzer theorie 4, 604; die truckene erzehlung wird durch einstreuung solcher fabeln vor mattigkeit bewahret Breitinger crit. dichtkunst 1, 292; die niedre und populäre schreibart wird unter der hand eines unerfahrenen leicht gemein, matt, trocken oder gar pöbelhaft Eschenburg entw. e. theorie 219; eine trockene, ja traurige nachahmung des unbedeutenden so wie des bedeutenden Göthe I 47, 27 W.; seine farbe blieb trocken und kalt; es fehlte seinen bildern an harmonie und stimmung E. Mörike ges. schr. (1905) 3, 21.
b)
in allgemeinerer anwendung im sinne von 'langweilig, nicht anregend, ermüdend':
der müh und tugend bild schien trocken und gezwungen
A. v. Haller ged. 135 Hirzel;
praxis ist zehenmal schwerer als die ... truckene theorie Heinichen generalbasz 17; etwas höheres als ein trockenes, nichtssagendes zahlenschreiben Herder 22, 67 Suphan; in den trockenen zahlen hat die natur oft ihre bewunderungswürdigste kunst versteckt F. Th. v. Schubert verm. schr. 2, 92; eine trockene, mechanische beschäftigung Athenäum 3, 210; das trockene aktenleben Iffland theatr. w. 1, 195; so entsteht der nicht-witz, womit etwas trockenes, leeres verbunden ist Solger vorl. üb. d. ästhetik 232; hierher:
man kömmt und forscht und fragt bei diesen trocknen (langweiligen) zeiten
nach dem geheimen kern gewisser neuigkeiten
Fr. v. Hagedorn versuch 47 Sauer;
im wortspiel mit A 3 a mitte: das nach seinem elemente schnappen des aufs trockne alltagsleben geworfenen und in den maschen häuslicher sorgen zappelnden künstlers Börne ges. schr. 2, 52.
c)
vereinzelt, aber beachtlich früh im sinne von 'unverständlich, unklar': als si gsehen habend die wort, dasz trank ist min (Christi) bluͦt, gnuͦg trocken oder türr sin zuͦ etlicher verstand, wiewol si bi den alten klarlich gnuͦg sind verstanden gewesen Leo Jud von warem u. valschem glauben (1526) 176.
Zitationshilfe
„trocken“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/trocken>, abgerufen am 16.02.2019.

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