Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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treug

treug,
s.treuge.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1935), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 347, Z. 28.

treuge, adj.

treuge, adj.,

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siccus, weitverbreitete dialektische nebenform zu trocken (s. d.), die im ostmitteldeutschen, d. h. im erzgeb.-böhmischen (vgl. das vb. treugen bei Jelinek mhd. wb. 723), obersächsischen (Müller-Fraureuth 1, 248ᵇ), schlesischen u. hochpreuszischen neben trucken, trocken bis ins 18. jh. verwendung in der schriftsprache fand (z. b. noch bei Lessing), doch immer eine gewisse mundartliche färbung behielt und deshalb von den meisten ostmd. dichtern gemieden wurde (z. b. von Gryphius). zuweilen (wie bei Luther, Carlstadt) nur als variation neben trocken (s. u. 1 b). im ostmd. seit dem 13. jh. belegt, während die räumlich weniger verbreiteten westmd. formen (vgl. z. b. druge bei Lacomblet urkundenb. f. d. gesch. d. Niederrheins 3, nr. 315 [1337]; druyge nr. 670 [Cöln 1366]; druge chron. d. dt. städte 13, 93 [Cöln 15. jh.]; druges voisses ebda 126 sowie rhein. drüge als grundlage von formen wie drüch, dreich, drei u. s. w., s. rhein. wb. 1, 1516) bis auf die Leidener hs. des Williram zurückreichen (s. u. 1 c). im laufe des 18. jhs. verschwindet treuge auch im osten immer mehr aus der schriftsprache, bleibt dagegen in der mundart lebendig. am längsten hält es sich in sprichwörtern (s. unten 1 b ende) und componiert in fachsprachlichen ausdrücken, s. unten 5. entrundete formen sind weit verbreitet, vgl. mundartliches treiche trocken J. Blumer nordwestböhmische ma. 31ᵇ; dreiche Pasch Altenburger bauerndeutsch (1878) 91 sowie oben dreich, drei. im ostmd. auch schriftsprachlich: treige Mengering kriegsbelial (Dresden 1633) 185; Amaranthes frauenz.-lex. (Leipzig 1715) 1040; 2040. apocopiert, gern vor guttural und vocal des folgenden wortes: ob es treug worden Leipz. stadtrechn. (1517/18 hs.) fol. 57; das ... treug gemacht wird L. Ercker mineral. (1598) 24ᵃ; so wohl auch: dreuch gemacht Carlstadt was sundt sei (1523) b 4ᵃ; das treug ertz Ph. Bech Agricola bergw. (1621) 239; das treug element Tobias Hübner siebentageszeit (1661) 123, sonst: dreug siccus Schottel haubtsprach (1663) 1304; treug droog Kramer hochniderteutsch (1719) 2, 215ᶜ; treug trocken Weitenauer orthogr. wb. (1764) 146. mundartlich z. b. treug, treich Müller-Fraureuth obersächs.-erzgeb. 1, 248ᵇ, sowie oben rhein. dreich, drüch. die umlautsbezeichnung ist in älterer zeit nach md. schreibgebrauch oft unterblieben, ohne dasz aus formen wie truge (s. u. 1 a, 1 b u. ö.) sprachliche schlüsse zu ziehen wären. treuge ist aus dem mittelfränk. durch kolonisation nach Ostmitteldeutschland verpflanzt worden, vgl. Th. Frings sprache u. siedl. i. md. osten, ber. d. sächs. ak. d. wiss. 84, 6. mfränk. dreug(e), undiphthongiert drüg(e) weist auf eine germanische vorstufe *drûgi zurück, die als ja-ableitung zu einer germanischen wurzel *dreug-, *draug-, *drug- gehört, s. Fick-Torp 213; für diese hat sich eine überzeugende auszergermanische entsprechung nicht nachweisen lassen; dasz sie durch gramm. wechsel aus einer älteren wurzel mit auslautendem h entstanden sei, wie R. Kögel Paul u. Braunes beitr. 14, 105 anm. annimmt, läszt sich aus ags. druh 'pulvis' dréahnian 'seihen' (vgl. nordfries. drūgen 'seihen') und ahd. ortsnamen wie Druhireod nicht zwingend folgern, vgl. im übrigen trocken. die aus älterem *drûgi hervorgegangenen dt. formen finden ihre genaue entsprechung in ags. drŷge, drîge, ne. dry Bosworth-Toller 213ᵃ; als nächstverwandte form gehört dazu mnd. droge (vgl. Schiller-Lübben 1, 579ᵇ), nd. drög(e), nl. droog Franck-v. Wijk 137ᵃ, das auf eine germ. vorform *draugi zurückgeht, aus der auch die formen der verschiedenen nd. dreuge-gebiete um Soest, Osnabrück, Hameln und Hamburg sowie im östlichen Pommern erwachsen sind; diese hat man also ihrem ursprunge nach von den md. treuge-gebieten fernzuhalten.
bedeutung und gebrauch. im wesentlichen mit dem von trocken übereinstimmend, mundartlich mit diesem in verstärkender verbindung und zusammensetzung wie: trucken un dreiche Pasch Altenburger bauerndeutsch 91; drugndreich 'trocken' Gerbet ma. d. Vogtl. 66; trocketreuge 'ganz und gar trocken' Stauf v. d. March nordmähr. ma. 93.
1)
trocken im eigentlichen sinne, ohne feuchtigkeitsgehalt, allgemein im gegensatz zu begriffen wie nasz, feucht, durchnäszt u. ähnl. gern von dingen, deren natürlicher zustand gleicherweise trocken wie feucht sein kann; inaquosus truge vel durre voc. rer. (15. jh.) Diefenbach 290ᶜ.
a)
von wetter und jahreszeiten:
du sicht wol wie daz wetter tut,
daz ist truge sunder regen
passional 43, 1 Köpke;
es ist so treuge wetter N. Volckmar viertzig dial. (Thorn 1625) 325; in dem selven jar was der mei also heis ind druge chron. d. dt. städte 13, 93 (Cöln 15. jh.); ist er (der storch) weisz unter dem bauch, so wil ein treuger sommer werden, darinn es nicht sehr regnet J. Prätorius winterflucht (1678) 143; ein treuger oder dörrer sommer W. H. v. Hohberg georgica curiosa (1715) 3, 258ᵇ; sonderlichen in treugen jahren treget es (das land) viel gersten C. Hennenberger erkler. d. preuss. landtaffel (1595) 412.
b)
vom erdboden: arena bibula treuger oder trockener sand, der viel wasser an sich zeucht A. Corvinus fons latin. (1671) 192;
do gienc er im vil ebene,
als an eime trugen pfade,
uber daz wazzer zu dem stade
passional 175, 73 Köpke;
ein treuger weg via sicca Steinbach 2, 868; eine treuge gegend regio exsiccata ebda; (es ist in den niederungen) sehr nasz gewest, und ist noch nicht recht trucken (treuge) N. Volckmar 40 dialogi (Elbing 1663) 311; besonders häufig gebraucht in verbindung mit land oder element als gegensatz zum meer:
wartet, wie einem menschen si,
daz uf truger erden gat
und nicht hindernisse hat,
sus gienc si uf des wazzers vlut
passional 477, 93 Köpke;
und gebot deme walevische, daz ern uz vorliez an daz truge lant altdt. pred. 98, 8 Schönbach;
diese brieff hat hieher gesandt
uber wasser, meer und treug landt
mein herr und aller liebst gemahl
G. Thym Thedel v. Wallmoden v. 960 ndr.;
gantz weiszlich haben nun geordnet gotteshänd
hier das feucht element, dort das treug element
T. Hübner siebentageszeit (1661) 123;
der graben was abgestochen und hat treuge geschenen; do sie auf den mot sein geloffen, do sein sie eingesonken und so versoffen Chr. Falk Elbing.-preusz. chron. 1, 65 Töppen; eynen kleynen wijer ..., der zo somer tzijt gantz druych wyrt Arnold v. Harff pilgerfahrt 7 Groote; der das meer schilt und treuge macht und alle wasser vertrockent Nahum 1, 4; vgl. Jes. 19, 6, darnach: als wollten sie den strom treuge machen Schubart vaterlandschronik (1789) 771; er hat ... das groisz mhere drucken oder dreuch gemacht Carlstadt was sundt sei (1523) b 4ᵃ. substantiviertes treuge bezeichnet dann einfach das trockene, vor der flut gesicherte land; beliebt vor allem im sprichwort: collocare in tuto auf einen guten und sicheren ort bringen, aufs treuge bringen B. Faber thesaurus (1587) 458ᵃ;
wer das erlangt, hat wol gewacht
und seine schaf aufs treug gebracht
Barth. Ringwalt treue Eckardt (1602) d 1ᵃ;
jawohl, sie haben ihre schäfchen ins treuge gebracht
sammlung von schauspielen (Wien 1764) 2, c 5ᵃ;
theater d. Deutschen (1768) 14, 306; schlesisch: a hot sene schafel schun ins treige gebrucht Bomolcke sprichw. (1734) a 4ᵃ; Robinson sprichw. (1726) 20; meine schäfchen sind im treugen Lessing 2, 152 Lachmann-Mnucker.
c)
von sonstigen, meist leblosen dingen: eine hand voll treuge salz J. Walther pferde- u. viehzucht (1658) 91; geben ihnen (den ochsen) nur etliche treug gersten, hexel und heu viehebüchlein (1690) 7; (das heu) fein treuge eingebracht schles. wirtschaftsbuch (1712) 193; lege sie (die küchlein) darnach auf die brett, dass sie treuge werden fischbüchlein 35; hernach weichet gute semmel in milch: wenn solche weich, so drücket sie ganz treuge wieder aus Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 462;
ez regente und wart gar naz
umme in in einer buge (umkreis),
der brief bleib genzlich truge
passional 409, 24 Köpke.
hierher wohl auch, entgegen zs. 59, 14, von einem dach, das gegen nässe schützt:
sie (die arche) habet inuuether half đruge thac
unde uuas also gethihte,
thaz thar nechein wazzer in chomen nemahte
(12. jh.) mittelfrk. legendar v. 11 Schatz (zs. f. d. altert. 59, 2);
gib mir was von treuger kleidung, bis meine trocken wird Steinbach 2, 868; sprichwörtlich: ein dreuger wetzstein schleift nichts guts G. Henisch teutsche sprach u. weisheit (1616) 751; im sinne von getrocknet, trocken geworden:
dô siz gescreib und uberlas
und der brief truge was
Heinrich von Veldeke Eneit 286, 38 Ettmüller var.;
es (das geschriebene) ist nicht nasz, es ist schon treuge N. Volckmar 40 dialogi (1663) 44; von körperteilen, wenn sie äuszerlich trocken sind: daz er (Christus) ... uber mere mit drugon fuozen gienk Williram 93, 12 Seemüller (Leidener hs.);
dîn (gotes) gewalt dâ ein wunder treib
an dînem volke, daz hindurch
wanderte die wazzers vurch
mit trugem vuze sunder not
passional 2, 83 Köpke;
anno domino 1125 do was der Rin also clein, dat men druges voisses darover geink chron. d. dt. städte 13, 126 (Cöln 15. jh.); vgl. druichs vuis ebda 13, 18. hierher auch:
die treuge zunge leckt geliefert (geronnenes) blut
Lohenstein Ibrahim bassa (1689) 3.
mit enallage des adjectivs: du hast uns gegeben das lebendige wasser, damit wir den treugen dorst (durst, der die kehle trocken macht) on underlasz können leschen Bynwalth bei Clemen reform. flugschr. 4, 145; item in austmond obirgesand in Claus Worm 16 truge pypen, dorinne 100 corben veigen (a. d. j. 1425) bei Sattler handelsrechn. d. dt. ordens 481 (die pype ist für gewöhnlich ein masz für flüssigkeiten wie öl, bier u. s. w., s. Sattler xliv). bergtechnisch: durchlasse werden gebraucht bey denen treugen pochwerken A. v. Schönberg berginformation (1693) 2, 20, vgl. trockenpochwerk.
2)
in speciellerem gebrauch von nahrungsmitteln oder organischen gebilden, denen der natürliche feuchtigkeitsgehalt entzogen ist. es deckt sich hier vielfach mit dem part. prät. getreugt, vgl. teil 4, 1, 3, 4521, und nähert sich der bedeutung von dürr, ausgedörrt.
a)
von getrocknetem fleisch, obst, pflanzen und dergl.: fleisch, das man in den rauch hengen will, dasz es treuge und dürre werden soll Coler hausbuch (1645) 317ᵃ; caro arida dürr oder treuge fleisch A. Corvinus fons latin. (1671) 271; vil kornvrucht, druig visch ind salz Wierstraat belag. van Nuis in d. chron. d. dt. städte 20, 613; (handel) mit saltzfischen, mit treugen fischen N. Volckmar viertzig dial. (1663) 335; ein schog trügen hechtes handelsrechn. d. dt. ordens (für 1399) 4 Sattler; treuge Stephansbirnen Chr. Fr. Henrici ernst-scherzh. ged. (1727) 1, 461; lasset sie (die gedämpften limonen) treuge werden W. H. v. Hohberg georgica curiosa 3 (1715) 155ᵃ; kernsack ist ein von treigen oder dürren kirsch- oder pflaumenkernen ausgestopftes küssen oder säcklein Amaranthes frauenz.-lex. (1714) 1040; backe (armeritler) in smaltze nicht zu trüge (14. jh.) buch von guter speise 18 lit. ver.; treuges brot 'trocken, hart gewordenes brot': darvon kams (weil sein vorgesetzter am notwendigen sparte), dasz ich den treugen pumpernickel gewaltig beiszen und mich mit wasser oder ... dinnbier behelfen muste ... massen mir meine keel von dem schwartzen truckenen brod gantz rauch ... wurde Grimmelshausen 1, 341 Keller. in anderem sinne, der hier mit hineinspielt, s. u. 3. ähnlich von pflanzen und holz: kan man das kraut nit grün haben, so nimb es treuge viehebüchlein (1690) 41; ein stetigs fewer von eichenem treugen holtze M. C. Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 1, 3ᵇ.
b)
die verbindung treuge und dürr leitet über zu der bedeutung 'eingeschrumpft, hart, knochig', vgl. eingetreugt teil 3, 330 sowie ausdrücke wie knochentrocken D. Sanders 2, 1382ᶜ neben knochenhart; die gerste klagt:
unterdes musz ich armes weib,
darzu all meiner kinder leib
liegen hier auf bloser erdt,
bisz dasz ich hart und treuge werd
(1609) A. Tharäus erberml. klage 48ᵇ Bolte;
wie 'ne treuge zährt ein hageres mädchen A. Schemionek Elbing. ma. 40.
3)
mehr oder minder übertragen in festen verbindungen: treuges brot für brotschnitten ohne aufstrich oder belag, weiterhin für karge kost: darvon sie nehrlich das treuge brot haben möchten zu essen Luther tischreden 5, 202 W.; (die bettler) wollen demnach viel lieber treuge brod essen und wasser trincken A. Pape bettel- u. garteteuffel (1586) g 2; sie haben mir kaum das liebe treuge brodt gegeben N. Volckmar viertzig dial. (1663) 52; ähnlich: sicca tussis ... ein treuger husten, so nicht erhebt und auswirft B. Faber thes. (1587) 515ᵇ. treuge stösze sind schläge, auf die kein blut flieszt: er hatte ihn nicht wund geschlagen, dannhero auch der patiens ... muste die treuge stösze so hin nehmen J. Prätorius Katzenveit (1665) k 4ᵃ; pugna ... a pugno dicta est ein kampf, da man einander mit treugen feusten (d. h. ohne scharfe waffen) bleuet B. Faber thes. 660ᵃ. treuger scherz, der durch die ernsthafte miene, mit der er vorgetragen wird, wirkt:
herr Robert, unser herz,
bringt weise tischgespräch, herr Fauljoch treugen scherz
S. Dach 717 Österley;
treuger ton, treuge rede ohne humor, ungefällig: der ton, treuge gesprochen, würde beleidigen v. Nachersberg giftkocher (1798) 157. sprichwörtlich treuge werden hinter den ohren heiszt 'reif und vernünftig werden', noch nicht treuge sein hinter den ohren, 'unklug oder vorlaut sein': junge minderjerige gehlschnäbel, die kaum hinder den ohren treige worden Mengering kriegsbelial (1633) 185; vgl. Bomolcke sprichw. (1734) a 6ᵃ; Pasch Altenburger bauerndeutsch (1878) 108.
4)
fest gewordene redensarten:
a)
treuge legen von kleinen kindern: treige legen das kind, ist ein den ammen ... bekannter terminus und heisset so viel, als dem kleinen kinde, so sich unreine gemacht, frische ... windeln unterbreiten Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 2040; das kind treuge legen Ettner v. Eiteritz hebammenbuch (1715) 816.
b)
treuge stehen: saget man von denen kühen, wenn sie bei herannahung ihrer kalbezeit keine milch mehr geben allgem. ökon. lex. (1731) 2464.
c)
rein und treuge tatsächlich, fürwahr: ren un dreiche Pasch Altenb. bauerndeutsch (1878) 91; nun ist er reine und treuge ein rechter staudente (student) worden Schoch stud. leben (1657) j 8ʳ.
5)
in zusammensetzungen erscheint treuge- seit dem 16. jh. mit substantiven, hauptsächlich technisch für den ort, an dem etwas getrocknet wird, oder für gegenstände, die zum trocknen benutzt oder selbst getrocknet werden:
treugeboden
trockenboden Kramer-Moerbeck (1768) 346ᵃ; stricklein, so die wäscherinnen auf denen treigeplätzen oder -böden aufzuziehen pflegen Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 1148;
treugefleisch
oben 2 a: welche (schiffer) allerlei victualien roggen ... speck, treigefleisch, stockfisch u. dgl. innen hatten J. Hoppe gesch. d. ersten schwed.-poln. krieges 293 Töppen; die welcken oder getreugten rüben setzet man zum geräucherten oder treugefleische zuweilen auf Amaranthes 1667;
treugekopf
schröpfkopf: die ventosen, treuge- oder ziehköpfe (aus einer schles. medizin. schrift um 1700), s. zs. f. dt. phil. 26, 252;
treugeplatz
wäsche ... auf dem treigeplatz ... hangen, damit selbige treiget Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 139;
treugerübe
bezeichnung für die Teltower rübchen, eine specialart der trockenrüben: der historiker Beckmann erzählt von ihnen 1769: zu Teltow werden die kleinen oder sog. steck- oder treugerüben gebaut Greifswalder ztg. 1904, nr. 160;
treugestollen
terminus der älteren bergmannssprache, ein stollen, der lediglich zur abführung des wassers dient Veith bergw.-buch 466: die stollen aber seindt zweyfältig, die eine seindt treugstollen, die zur besitzung kein gerechtigkeit habendt, die andere erbstollen Ph. Bech Agricolas bergwerckbuch (1621) 64. cuniculus, cui nullum ius possessionis treugstoll Frischlin nomencl. (1586) 144ᵇ;
treugetuch
seit dem 15. jh.: gausapium trewg tuch (a. d. j. 1470) Diefenbach mlt.-hd.-böhm. wb. 137; involucre ... linteum tonsorum quod humeris involvunt, ne capilli in vestem decidant ein treugetuch Faber thes. (1587) 964ᵇ; treugetuch involucre Steinbach 2, 878; das becken setze darbey wie auch das treugetuch N. Volckmar 40 dialogi (1663) 105; in älterer zeit gerne für das haar der Maria Magdalena: ihre haare (waren) ein treugetuch für ihres heilandes füsse H. Müller tränen- u. trostquelle (1675) 523; N. Herman sonntagsev. 208 bibl. dt. schr. a. Böhmen. übertragen: da wider lestern die Juden ... Maria ist eine bademagd, sie ist ein sterquilinium, ein treugetuch, sie hat Christum den kilkrapff (miszgeburt, teufelskind s. kielkropf teil 5, 680) entpfangen W. Bütner epitome historiarum (1596) 470ᵇ;
treugewerk n.,
volksetymol. entstellung aus tragewerk, vgl. teil 11, 1, 1169; Veith bergw.-buch 498 u. 501.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1935), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 347, Z. 35.

treuge1, f.

¹treuge, f.,
in gleicher dialektischer verbreitung wie das zu grunde liegende adj. treuge (s. d.), mit dem es auch die verschiedenen mundartlichen varianten wie treich(e), dreich(e), drüge, drüch u. ä. teilt. es entspricht in seiner bildung sonstigem hd. trockene, tröckene, trückene (s. d.), auch tröcke, trücke (vgl. Hertel Thür. 247) sowie nd. drög(e), vgl. Mensing schlesw.-holstein. 1, 872.
1)
als adjectivabstractum in der bedeutung 'trockenheit' wie trockene: (das bad) ist auch nicht schedlich den truckenen leiben, wo nur die treug nicht kömmet von groszer hitz M. Sommer kaiser Carls warmbad (Leipzig 1592) eᵃ; da doch solchs (wasser) entweder von wegen des leibs schwachheit und unvermügen oder der hitz und treug halben keineswegs zu rathen ist ebda e 4ᵇ. als abstractum im ostmitteldeutschen offenbar frühzeitig durch danebenstehende bildungen wie treug(e)heit, treugete (s. d.) verdrängt, während diese bedeutung sich in der mittelfränk. ma. bis heute lebendig erhalten hat, vgl. drüge, drüch u. ä. als trockenheit, dürre neben drügte in gleicher bedeutung rhein. wb. 1, 1520.
2)
in der konkreten bedeutung als trockene stelle in bruch oder niederung nur einmal belegt:
diz was in eime brûche,
dâ ein trûge enbinnen lac
passional 455, 11 Köpke.
vgl. dazu hd. trockene, nd. drög(e) als untiefe im gewässer, sandbank.
3)
konkret als bezeichnung für einen ort oder einen gegenstand, der zum trocknen benötigt wird. so in den ostmitteldeutschen mundarten lebendig und gebräuchlich: treiche trockenplatz, holzgestell zum trocknen der wäsche, auch stangen über dem ofen Müller-Fraureuth obersächs.-erzgeb. wb. 1, 248ᵇ; wäsche auf die dreich legen zum trocknen ausbreiten E. Göpfert ma. d. sächs. Erzgeb. (1878) 31; treuge trockenboden Karmarsch-Heeren techn. wb. 9, 629. dementsprechend mittelfränk. drüge trockenplatz für die wäsche, drū trockenofen rhein. wb. 1, 1520. vgl.trücke, tröcke, trockene gang im zweiten oder dritten stockwerk des hauses, wo die wäsche zum trocknen aufgehängt wird B. Spiess Henneberg. id. (1881) 260.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1935), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 351, Z. 59.

treuge2, f.

²treuge, f.,
wams, jacke: triplois treuge (1417) Diefenbach nov. gloss. 371ᵇ, vgl. ⁴treue u. ¹treie, f.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1935), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 352, Z. 25.

truchter, m.?

truchter, m.?,
'stange, latte'; unklarer herkunft. vgl. truͦhter, druͦhter, truͦder Ch. Schmidt elsäss. 362ᵃ, sowie Fischer schwäb. 2, 428 f., der herleitung aus einem lat. tra(duc)torium zur frage stellt. doch vgl. in gleicher bedeutung unten trudel, truder und druder, drudel, truter teil 2, 1456: item alles eichin buholz, truhtern, stecken, pfosten und pfele ..., do git man von 4 β oder von 5 β 1 D (v. j. 1442) bei Eheberg verfassungsgesch. d. st. Straszburg 1, 121; so man wegholder truchter darzu nimpt, so darff solches nicht öffter geschehen, dann inn zehen jaren eynmal, innsonderheyt, wann man die truchter oder stangen auff halb gebrannte eychenpfäle schlagen laszt Sebiz feldbau (1580) 168; bei Schmeller-Fr. bair. 1, 646 mit beleg v. j. 1690.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1939), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1233, Z. 21.

trug, m.

trug, m.,
betrug, täuschung, falscher schein. das zum vb. trügen (s. d.) nach verbreiteten mustern (flug, zug u. s. w.) gebildete nomen tritt vereinzelt im späteren mhd. auf: Tauler pred. 197, 16 Vetter, s. unten I 5; Frauenlob 169, 14 Ettm. (dagegen wird mit truge Rudolf v. Ems weltchron. 15565 das fem. trüge sein, vgl. mit manegir truge ebda 20644). trug ersetzt im nhd. das mhd. trüge, f., ahd. trugî, f., das wie lüge gebildet ist. auch das ntr. mhd. troc, mnd. droch, wird von trug abgelöst. lug ist jünger als trug und vielleicht ihm nachgebildet (s.lug und trug I 3 d). im gegensatz zu dem frei verwendungsfähigen betrug, das nicht älter ist als trug, lebt trug vorwiegend in oft formelhafter verbindung mit synonymen, meist im gehobenen stil; der umgangssprache ist es, vielleicht mit ausnahme des 16. jh., wo trug gleich betrug ganz lebendig ist (s. I 1), niemals recht eigen gewesen. dementsprechend kennen es auch die mundarten mit ausnahme des niederdeutschen nicht oder nur in aus der schriftsprache abgesunkenen formeln (schwäb. lug und trug Fischer 2, 420). nd. drog, drogg, droch, m. ('mit unorganischem o' Woeste 58), setzt das mnd. droch, n., fort, z. t. nur in der wendung 'n droom is ēn drog' (s. II 5), Frischbier 151; Mensing 1, 866; Danneil 40; Mi 17; Woeste 58; vgl. ²trog, m., sp. 791. trug begegnet so gut wie ausnahmslos im sing. ganz vereinzelte pluralformen (durch eines nekromanten trüge Freiligrath s. dicht. 4, 169) wirken in jüngerer zeit einfach sprachfremd; im älteren sprichwort träume sind trüge (s. II 5) lebt vielleicht das alte fem. trüge nach.
I.
trug meint jede art betrügerischer handlung, absicht, gesinnung.
1)
trug als handlung. in älterer zeit gleichberechtigt neben dem gleichbedeutenden betrug; späterhin immer mehr nur in einer irgendwie gehobenen stilsphäre, während betrug das gewöhnliche und gebräuchliche wort bleibt: da besorgte (befürchtete) der abt ain trug und im würde dasz original (eines wichtigen briefes) verloren; wolt dasz dem herzog nit geben Knebel chron. v. Kaisheim 221 lit. ver.; in diser scena wirdt die erzürnte Bacchis versünt vom Syro, damit der trug des Syri hindennach von statt gang Boltz Terenz (1539) 78ᵇ, vgl. ebda 14ᵇ; 21ᵇ; 150ᵇ; er ... vergass der brugken die er zum trug hett gemacht Seb. Münster cosmographey (1550) 252; das 16. jh. gebraucht gerne die gröbliche formel beschisz und trug: Dion hat ... in verklagt umb etlichs beschisz und trugs willen de dolo malo et de fraude Frisius dict. (1556) 31ᵇ; ein beschiszner listiger trug astutior fallacia ebda 131ᵇ; vil beschiss und trug wirt mit dem bein von dem hertz dess thiers begangen Herold-Forer Gesners thierbuch (1563) 83; das dieser Merlinus ... von einem geist empfangen seye ... ist nur ein beschiesz und trug sol auch von niemandts geglaubet werden J. Ruoff hebammenbuch (1580) 146;
es seindt on das hie schälck genug,
so wucher treiben, bschisz und trug
und anderer leut gelt und gut ...
an sich ziehen durch den finantz
Fischart Eulenspiegel 9873 Hauffen;
thet ir den schönen trug verschweigen,
auff dasz sie auch wie er anlieff
ebda 3407;
derselbig hett nach kurtzer zeit
sich auff ein trug mit fleisz verkleidt
ebda 10952;
ergriff man in die nechst mess wider
mit dergleich trug auff oder nider,
so haut man im noch ein glied ab
Hans Sachs 17, 423 K.-G.;
es ist ein trug, einnemen das du nit magst widergeben Seb. Franck sprüchwörter (1545) 1, 68ᵃ; da ist er so listig, dasz er sich ... in einen engel desz liechts darff verwandelen, damit ihr seinen trug nicht mercken soltet Moscherosch insomnis cura parentum 107 ndr.; durch teufels trug und seines weibes glatte wort Joh. Mathesius Sarepta (1571) 7ᵃ;
(Adam,) welchen theils des teufels trug,
theils das schmeicheln eines weibes in des elends abgrund schlug
Triller poet. betracht. (1750) 591;
ordnung ... wie one trug undt forcht oder erkouffung ein pabst gewelt soll werden Tschudi chron. Helv. 2 (1736) 82; truchsäss, ... der guot acht hat dass kein trug in dem ässen beschäch Stumpf Schweizerchron. (1606) 314ᵃ;
die eine hand hielt er (der hirt) für diesem engen loche,
und alles vieh und uns betastet und beroche,
roch er dann den gestanck, und fühlte woll und haar,
so liesz er uns und ward des truges nicht gewahr
Dietrich v. d. Werder rasend. Roland (1636) 17, 48;
und als er in Burgund flohe, ward er da gefangen und der grävin Johannae umb 400 marck silber verkaufft, die zwang ihn, dasz er bekennen must seinen trug und boszheit J. H. Schill teutsch. sprach ehrenkranz (1644) 72;
bey manchem kauff ist trug und fahr
Petri d. Teutschen weiszh. (1604/05) 2, l 1ᵃ;
wo trug und wucher handelt,
ist hasz und zwitracht nahe
Dusch verm. w. (1754) 117;
(an den schlaf)
o breite dein gefieder
auch über mich!
verlasz dafür den wuchrer, ...
den trug ergetzt
Hagedorn poet. w. (1769) 3, 78;
der weg zu jeder ehre, ... sey jetzt und immer von mir verflucht, wenn er durch krumme pfade des trugs uns leitet A. G. Meiszner skizzen (1778) 1, 137; Christus war wirklich gestorben, so wie er ohne allen trug und unterschleif der menschen wirklich begraben ward Herder 19, 130 S.; es gehört ein auge dazu, den trug zu entdecken Hippel lebensläufe n. aufst. linie (1778 ff.) 2, 239;
es wird der trug entdeckt, die ordnung kehrt zurück,
es folgt gedeihn und festes irdsches glück
Göthe 2, 147 W. (Ilmenau);
doch die erfahrung lehrt uns leider, dasz der böse ohne reue verschlingt, was er durch trug erwirbt Fr. M. Klinger w. (1809 ff.) 7, 8;
ach vater, täusche nicht dein armes kind mit truge
Kretschmann s. w. (1784) 1, 140;
ward ja ... Thusnelda entführt durch ihres schlimmen vaters trug Fouqué altsächs. bildersaal (1818 ff.) 4, 79;
(geist zu könig Richard:)
schwer mög ich morgen deine seele lasten!
ich, todt gebadet einst in ekelm wein,
der arme Clarence, den dein trug verrieth
Shakespeare (1797 ff.) 9, 196;
um eurer ehre ... willen werde ich euren schnöden trug verschweigen Pfeffel pros. vers. (1810) 1, 137; da hatte uns der alte Adamaster einen trug gespielt Chamisso w. (1836) 1, 406;
schnell zettelt sie den trug mit ihrem lieben
Gries Ariosts ras. Roland (1804 ff.) 2, 87;
die dritte und vierte partei kommen darin überein, dasz sie von allem dem ganz und gar nichts glauben, sondern alles für trug und täuschung erklären Jung-Stilling s. schr. (1835 ff.) 6, 367; die lüge von der verschwörung des bären und wolfs, ... der trug ist so glücklich angelegt, dasz er eine schlagende wirkung hervorbringt Jacob Grimm Reinhart fuchs (1834) vorrede clii; wird in einem andern gedichte ... bei der prüfung (des gottesurteils) selbst offenbarer trug geübt dtsche rechtsaltert.⁴ 2, 574;
nie gilt ein recht, was man durch trug erwirbt
Raupach dram. w. ernster gattung (1835 ff.) 11, 148;
aber nur Lessing und Winckelmann ahnten damals die ganze grösze des trugs Justi Winckelmann (1866) 1, 372; niemand in Deutschland hat sie (die schenkung Constantins) ernstlich zu bestreiten gewagt, so handgreiflich der trug war v. Döllinger akadem. vortr. (1888) 1, 76.
2)
in der bedeutung 'betrug' steht trug gern in verbalen wendungen, die zugleich die absicht hervorheben.
a)
(auf) trug sinnen, denken:
wie Eulenspiegel nun genug
sich het bedacht auff einen trug
Fischart Eulenspiegel 416 Hauffen;
gleich wie die juden in der artzney sind, ... auff gerahtwol, und auff den trug gericht Paracelsus opera (1616) 2, 387 Huser;
wenn sie sich freundlich nahn, dann denken sie
auf trug
J. v. Collin Regulus (1802) 48;
so unbefangen und ehrlich lauteten seine worte, während er innerlich schon auf neuen trug sann Raumer gesch. d. Hohenstaufen (1823 ff.) 2, 163; der einen trug ersann Rückert w. (1867 ff.) 11, 203; wenn die gottheit trug sinnet, wo bleibt da den menschen die rettung? H. Brunn kl. schr. (1898 ff.) 3, 63;
sieh mir ins auge,
sinne nicht trug!
Richard Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 34.
b)
noch deutlicher in der wendung es ist ein trug dahinter o. ä.:
disz falsch weib macht ein gedicht
mit eynem wolgeferbtem schein,
samb künd kein trug darinnen sein
Hans Sachs 1, 244 K.;
Eurilochus besorgt es möcht ain falsch und trug darhinder verborgen ligen Schaidenreiszer Odyssea (1537) 42ᵇ; sie besorgten immer zuͦ, es were ein trug darhinder Seb. Franck Germ. chron. (1538) 115ᵃ;
verstund nit, warumb solch geschah
und dasz ein trug darhinder steck
Fischart Eulenspiegel 8698 Hauffen;
(ein abenteurer gibt sich für einen vornehmen herrn aus und sucht geld zu leihen) wir ... marckten wol, das ein drug darhinder Felix Platter 257 Boos.
3)
als handlung wie als absicht rückt trug in die nähe der lüge.
a)
Luthers bibel wirkt mit einigen einprägsamen stellen lange nach: sein mund ist vol fluchens, falsches und trugs (dolus) Luther bibel 3, 74 Bindseil (ps. 10, 7); wilcher keyne sund than hat, ist auch keyn trug ynn seynem munde erfunden 12, 339 W.; 23, 711 W. (1. Petri 2, 21);
in seim mund war kein trug nie funden
Hans Sachs 18, 88 K.-G.;
wer sich gerechter lehr befleist, ...
und hat kein trug in seinem mund ...
wer das thut ist ein frommer christ
Ringwaldt handbüchlin (1598) a 5ᵃ;
trug war auf deinem mund, in deinem herzen mord!
Wieland w. (1795) 10, 341;
jedes wort aus seinem munde war trug und verleumdung Marie v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 5, 33.
b)
oft in verbindung mit anderen ausdrücken für unehrlichkeit:
deiner freundtschafft mag ich gar nicht,
sie ist falsch und durch trug erticht
Hans Sachs 9, 166 K.;
ich lasz mich auf trug und verstellung nicht ein
Gottlieb Stephanie s. singspiele (1792) 258;
so, wie du gott gedient, hast du mit uns gehandelt,
aufrichtig, sonder trug und sonder heucheley
J. v. Besser schr. (1732) 1, 71;
statt der ehr und treu und tugend
ists nur trug und heuchelei
Mittler dtsche volkslieder 663;
wer ... treulos wird und im truge und gleisznerei der erdeschatten verweilet Herder 9, 92 S.;
siehe, stolz und hader ist vernichtet,
trug ist nun und blinde lüge stumm
Hölderlin ges. dicht. 1, 108 Litsmann;
liebe und lieble dorten nur, dorten!
alles erlogen, alles ist trug
Göthe 11, 303 W.;
fort den trug, und fort die lüge
Rückert w. (1867) 1, 132;
er ... haszt trug und schmeicheley J. J. Schwabe belustig. (1741) 1, 198;
durch schmeicheleien und durch trug gewann
sie bald des offnen mädchens herz
Schubart s. ged. (1825) 2, 110;
weil darin das fältlein der schälkelei oder des trugs sich nicht offenbarte Musäus volksmärchen 1, 27 Hempel; die geschichte ist treu erzählt und ist nicht trug und fabel D. Fr. Strausz ges. schr. (1877) 3, 15; ich hoffe, auch im himmel gilt der vater mehr als der sohn, und was uns die pfaffen von der gleichen würde des sohnes vorreden, ist trug G. Freytag ges. w. (1886 ff.) 10, 191; eifrige bekehrer hatten einem germanischen häuptling unwiderleglich bewiesen, dasz die heidnischen götter eitel trug und erfindung seien A. Meschendörfer Büffelbrunnen (1935) 51.
c)
trug wird der wahrheit gegenübergestellt:
und zwischen trug und wahrheit schwebet
noch zweifelnd jede brust und bebet
Schiller 11, 245 G.;
der Pallas berührung, die uns das auge hell macht, von wahrheit trug zu unterscheiden Herder 22, 157 S.; ein beständig abwechselndes wetterleuchten und dunkel von trug und wahrheit Lavater physiognom. fragmente (1775 ff.) 3, 156; (ich) habe trug und wahrheit scheiden gelernt Kotzebue s. dram. w. (1827) 3, 56; wahrheit und trug zu unterscheiden Pückler briefw. u. tageb. (1873 ff.) 5, 374; von wahrheit trug zu trennen Annette v. Droste-Hülshoff w. 2 (1878) 256;
sucht auch der trug die wahrheit zu ersticken,
sie tritt hervor
Martin Greif ged.⁵ 392;
das bulletin war nach langem truge der erste schimmer von wahrheit L. Häusser dtsche gesch. (1854 ff.) 3, 676.
d)
in dieser bedeutung am verbreitetsten in der formel lug und trug. sie kommt mit dem 16. jh. auf, ist aber in dieser zeit viel seltener als das ältere, schon spätmhd. verbenpaar liegen und triegen. so fehlt lug und trug z. b. bei Luther, für den liegen und triegen eine lieblingswendung ist. er hat statt lug und trug das nominale paar lügen und trug, das auch sonst im 16. jh., später nur vereinzelt begegnet: so es doch eitel teufels trug und lügen ist Luther 34, 2, 133 W.; das ir grund und boden auff lugen und trug gefundiert seye J. Nas Nasenesel (1571) 4ᵇ;
gottslesterer ...,
die nur auff trug und luͤgen dichten
Fischart nachtrab 3530 Kurz;
luͤgen und trug ...
ist der leut wagen und pflug.
alle staͤnd seynd verstrickt,
mit luͤg und trug durchspickt
Lehman floril. polit. (1662) 1, 508;
später unformelhaft, und dadurch sinnschwerer als das zu der zeit abgegriffene lug und trug:
der bediente vom platz sinnet auf lügen und trug
Göthe 1, 308 W.;
vgl.trug neben lüge unter 3 b. lug und trug im 16. jh.:
dann gar offt finden wir geschriben,
wie das der bös geist hab getriben
vil lug und trug in gutem schin,
damit sin raub genommen hin
Gengenbach 399 Göd.;
lug und trug gehet entpor S. Franck Germ. chron. (1538) 123; wie er vol lug und trug steckt, also verdenckt der böfel ander auch also ders. sprüchw. (1545) 1, 35ᵇ; wie die Phariseer und lügenkrämer ir lug und trug für gold und warheyt verkauffen schöne weise klugreden (1548) 108ᵇ; er ist überal nüt dann ein lötiger lug und trug ex fraude, fallaciis, mendaciis constare totus videtur Frisius dict. (1556) 315ᵃ; eyn bider from man ..., dem man ... keyn lug noch trug als eym schelmen wider die nasen stose Fischart 3, 248 Hauffen (ehzuchtb.). im 17. jh. tritt lug und trug ganz hinter dem häufigen trug und list zurück. es wird erst im laufe des 18. jh. wieder häufiger, um allmählich, gegen ende des 18. und im 19. jh., das heute verschollene trug und list völlig zu verdrängen (sieh unten e):
denn, was du sagst, ist doch nur lug und trug
Drollinger ged. (1743) 131;
sie war ein alter aff an bosheit, trotzig, herrisch,
ein nickel, dummes ding, voll lug und trug, faul, närrisch
samml. v. schauspiel. (Wien 1764) 1, 84;
die welt gefällt mir täglich besser,
seit um den lug und trug darin ...
ich nicht wie sonst bekümmert bin
Gökingk ged. (1780) 1, 253;
überall ist nichts als lug und trug Miller Siegwart (1777) 3, 859;
ein kaufmann, welchen lug und trug
und gutes glück zum ritter schlug
H. Chr. Boie bei Weinhold 323;
er ist auf lug und trug erpicht
Hölty ged. 187 Halm;
am end ists lug und trug von schandmäulern Göthe 38, 145 W. (Claudine);
die kunst ist redlich, doch dies falsche herz
bringt lug und trug in den wahrhaftgen himmel
Schiller 12, 288 G. (Wallensteins tod 3, 9);
ihr tut sehr wohl, die sünder zu erschrecken,
sie haltens doch für lug und trug und traum
Göthe 15, 319 W. (Faust 11654);
wie selbst despotische staaten die nothwendigkeit zu überzeugen fühlen und drum lug und trug in den volksunterricht bringen J. G. Fichte s. w. (1845 ff.) 7, 577; so sind unwissenheit und dünkel und lug und trug die grundfesten der Creuzerischen methode Voss antisymbol. (1824) 1, 65;
lug, sagt man, kompensiert den trug
Müllner dram. w. (1828) 5, 208;
er ist ein Deutscher.
in einem hämmling ist, der an der Tiber graset,
mehr lug und trug, musz ich dir sagen,
als in dem ganzen volk, dem er gehört
H. v. Kleist 2, 381 E. Schmidt (Hermannsschl. 3, 6);
nu? hübsch gelogen? brav dich was vermessen?
dem feinde vorgespiegelt dies und das?
mit lug und trug verkehrt?
Grillparzer 8, 98 Sauer;
wenn ein empörer sich
erhübe, und, auf lug und trug gestützt,
im pöbel anhang fände
Hebbel w. 3, 69 Werner;
und da fallen ihnen denn alle die schlechten sachen ein, die hernachmals in liederlichkeit, lug und trug ausbrechen Immermann 1, 148 Boxb.; sich so durch lug und trug in ein fremdes haus hineinzustehlen O. Ludwig ges. schr. 2, 361 E. Schm.; (die lehrer,) deren bemeisterung ich durch lug und trug zu entgehen suchte Just. Kerner bilderbuch (1849) 115; da erheben sich denn nicht selten die klugen ... und nennen das ganze wesen (des formalismus) lug und trug R. v. Jhering geist d. röm. rechts (1852) 2, 2, 549; Paris ... hat manchen verleitet, überall in Frankreich raffiniertheit, lug und trug zu sehen H. Laube ges. schr. (1875) 4, 184; (der könig) erklärte seinen vertrauten rund heraus, der ... vertrag sei nicht bindend, sei durch lug und trug erschlichen Treitschke dtsche gesch. (1894) 1, 229; du hast gesehen, dasz lug und trug ... sich in wahrheit, ehrlichkeit ... unauflöslich verweben Spielhagen s. w. 2, 49; so wird man ... in lug und trug verstrickt beim besten willen P. Dörfler Apollonias sommer (1932) 185; der jude ist der grosze meister im lügen, und lug und trug sind seine waffen im kampfe Ad. Hitler mein kampf (1933) 386.
e)
mit lug und trug konkurriert in älterer zeit (s. oben) die verbindung trug und list (überwiegend in dieser reihenfolge); sie ist in neuerer zeit ganz abgekommen:
darfür hilfft weder list noch trug
H. Sachs 1, 285 K.;
trug und list 19, 32 K.-G.; 22, 548; mit schalckheit, trug und listen 18, 188;
durch list und trug gar mannigfalt
Fischart sämtl. dicht. 1, 124 Kurz;
als Paris ...
di schön Helenam geraibt hat
auss Griechenlandt mit trug und list
J. v. Schwarzenberg d. teutsch Cicero (1535) 116ᵇ;
durch teufels lügen, trug und list
B. Krüger anfang u. ende d. welt (1580) b 3ᵃ;
dein antwort, an ihr selbst, gut ist:
wann nicht drunter steck trug und list
W. Spangenberg ausgew. dicht. 138 Martin;
da oft die falschheit, trug und list
verzukkert und vergöldet ist
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 403;
bey dir ist frewd die fülle,
welt ist voll trug und list
B. Förtsch bei Fischer-Tümpel 1, 25;
wo mein hertz mit trug und list
gegen dich verfälschet ist
S. Dach 749 Österley;
vom teufel, der einen gefallen hat an list und trug Butschky Pathmos (1677) 292;
last ander immerhin hie schmieden trug und list
Morhof ged. (1682) 304;
so das ganze 18. jh. hindurch:
bis endlich der gewinn, den trug und list erzielet,
durch geiz und übermut auch wieder ward verspielet
Amthor (1720) bei Weichmann poesie d. Niedersachsen 1, 62;
die handlung und das predigtamt,
weil beydes list und trug verdammt,
vergleichen sich in vielen dingen
Stoppe Parnass (1735) 346;
euer pharisäisch herz
ist vor ihm (gott) doch aufgedecket,
ob es gleich mit trug und list
äuszerlich umhüllet ist
Triller poet. betracht. (1750) 5, 485;
ein ehmann ohne treu, ein freund voll trug und list,
ein herr voll zorn und geiz — und doch ein moralist
v. Cronegk schr. (1766) 2, 80;
nächtlich geschöpf voll trug und list
maler Müller w. (1811) 1, 214;
aber gott bewahre mich in gnaden vor dem trug und list des argen Schiller 2, 174 G. (räuber 5, 1); die römischen und deutschen rechte sprechen von aller verbindlichkeit los, wenn list und trug im spiele waren Langbein s. schr. (1835) 31, 145; gab mir nicht diese, auf list und trug auslaufende manier ... das recht, ... zu machen was ich wollte? Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 2, 168;
durch schmeichelei gewann sie mir das herz:
nun widerstch ich der, so sucht sie sich
den weg durch trug und list, und meine güte
scheint ihr ein alt verjährtes eigentum
Göthe 10, 78 W. (Iphigenie 5, 2);
list und trug werden im sohn der Maja zur ... grazie der jugend G. Forster s. schr. (1843) 5, 240;
grosz ist der männer trug und list
Eichendorff s. w. (1864) 1, 647;
elend, qual und noth und frevel,
trug und list, und hohn und lüge
Brentano ges. schr. (1852 ff.) 2, 55;
im weiteren verlauf des 19. jh. verschwindet das wortpaar völlig. im archaisierenden vers:
die welt jetzt ist
voll trug und list
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 3, 213 (der von Frundsberg).
4)
trug tritt als begleitendes oder vorbereitendes moment neben gewalt, macht und ihre äuszerungen wie mord, wut u. s. w.:
niemand kundt sich schützen noch hüten ...
vor irem gwalt, listigen trug
Hans Sachs 17, 234 K.-G.;
was ... wurde die kirch sein, wann die vorsteher ... allerley in der kirchen ordneten, unangesehen was Christus ... anders befohlen hette: und wolten die einfaltige Joseph der kirchen mit trug und mord nötigen, an ihren zu huren zu werden? Fischart binenkorb (1588) 7ᵃ;
list, grimm, verrätherey, trug, meineyd, trotz und gifft
A. Gryphius trauerspiele 173 Palm;
und (Ruggiero wird) rächen es an dem, durch dessen arge list,
und mörderischen trug, sein vater umbbracht ist
Dietrich v. d. Werder rasend. Roland (1636) 3, 24;
wo gott hinbawt sein kirch und wort,
da wil der teuffel mit trug und mord
Petri d. Teutschen weiszh. (1604) 1, h 2ᵃ;
denn kans die vorsicht selbst nicht tausend neidern wehren,
die sich auf eines fall mit trug und macht verschweren
Heräus ged. u. lat. inschr. (1721) 199;
das beste recht giebt nach, wo trug und wuth sich paaren
Gottsched ged. (1751) 1, 18;
zwar marterst du (teufel) die armen menschenseelen
mit list, gewalt und trug nicht mehr wie vor
Blumauer ged. (1782) 223;
gott, du schufst so herrlich schön die erde,
nicht zum sitz für tyranney und trug
Seume ged. (1804) 90;
o volksgebieter, ...
du trägst, ...
des volks gewalt ...
zu schüzen recht ...
zu wehren frevel, raub und trug
J. H. Voss s. ged. (1802) 5, 236;
wie? da er uns mit schwert und trug bekämpft,
soll unschuld sich um seine gunst bewerben?
Göthe 9, 279 W.;
wol dem, dem die geburt den bruder gab,
ihn kann das glück nicht geben! anerschaffen
ist ihm der freund, und gegen eine welt
voll kriegs und truges steht er zweifach da!
Schiller 14, 29 G.;
Hiro beschützt auch trug, mord und wollust Ratzel völkerkde (1885 ff.) 2, 299.
5)
trug bezeichnet unehrliche gesinnung. so schon seit dem mhd.: triegent sie die lúte, sie triegent aller meist sich selber, wan sie sint die die in dem truge ... belibent Tauler pred. 197, 16 Vetter; er wird ihre seele aus dem trug und frevel erlösen ps. 72, 14. diese umfassende bedeutung erscheint besonders
a)
in festen wendungen wie trug im herzen, voll trugs: (der) voller teuffelischen trugs ist im herzen Moscherosch gesichte (1650) 1, 196;
so sind die Deutschen nichts als knechte voller trug
Gottsched dtsche schaubühne (1748) 4, 51;
ich nahm mir einen mann, voll trug und schelmenstücken
sammlung v. schauspielen (Wien 1764) 1, 83;
ob er (der zeuge) voll trug uns falsch belehrt
Kästner verm. schr. 1 (1755) 86;
sein (des weltlings) herz ist voll trug Zimmermann über die einsamkeit 3, 112; und sie, die süsze gattin, treu und hold sonst, sie konnte, höllschen trugs voll, den verachten, der oft, an ihrem busen eingewiegt, in süszen liebesträumen selig schwelgte? E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 182 Grisebach; ärmlich und ehrlich ist besser als voll trug und herrlich Düringsfeld sprichwörter (1875) 1, 91ᵇ.
b)
in verbindung mit synonymen.
α)
trug und tücke:
gott behüt ihn vor ungelück
und vor seines feindtz trug und tück
Jacob Ayrer dramen 593 Keller;
sich müsse tück und trug, herr, euch zun füszen bücken!
Logau sinnged. 569 Eitner;
dein gespinst von trug und tücken
ist zu grob
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 323; vgl. ebda 74;
er wars, der mir meinen vater
tödtete durch trug und tücke
Freiligrath ges. dicht. (1870) 6, 71.
β)
besonders häufig trug und falsch:
zu viel des falsches und der list,
der schelmerey und truges ist,
wie bald sie etwas funden han
M. Hayneccius Hans Pfriem (1582) 25 ndr.;
darumb philosophia lehrnt, dasz alles ... mit einander wohnet ohne zanck und krieg, falsch und trug Paracelsus opera (1616) 2, 7 Huser;
sein lughaft maul ist stets mit verfluͦchuͦng,
mit falsch uͦnd truͦg geschopt vol angestekt
Schede-Melissus psalmen 40 ndr.;
unser antritt in die zeit, unsre thür ins erste jahr
setzt in eiss, schnee, frost uns auss: unter falschheit, trug, gefahr
Logau sinnged. 398 Eitner;
ich weisz jetzt auch, dasz trug und falsch und tückische arglist menschenantlitze tragen maler Müller w. (1811) 3, 184;
ja richte mich, gott, führe aus mein recht!
von einem unbarmherzgen volk,
von einem mann voll trug und bosheit rette mich!
Herder 12, 242 S.;
gott will ... trug und bosheit niederblitzen E. M. Arndt s. w. 4, 8 R.-M.;
Amors glühende fackel streut
mit schwarzem rauch unreine funken,
trug und begier in die zarte flamme
Herder 27, 36 S.;
Luther ... hatte sich von der meinung, dasz hinter allen diesen anschlägen trug und verrath lauere, nicht losmachen können Ranke s. w. 4, 157.
c)
diese formeln besonders geprägt in der verneinung:
und damit (mit gaben) dienend jung und alt
ohn allen trug und hinterhalt
Ringwaldt d. lauter warheit (1597) 140;
bin ohne falschheit, trug und neid
Voigtländer oden u. lieder (1642) 101;
es (das herz) ist rein, ohne falsch und trug Schiller briefe 1, 2 Jonas; sie (die taube) ist ohne falsch, ohne trug und verstellung, rein von arglist, ungekünstelt und ohne ziererei Christoph v. Schmid ges. schr. (1858 ff.) 2, 65;
das ist der deutsche Stein,
von trug und falsch entblöszt
Rückert w. (1867) 1, 101;
und bleibt der dame, die ihr euch erwählt,
treu und ergeben — ohne falsch und trug
Bauernfeld ges. schr. 5, 69;
wies der seher Loxias
gebot, der stets noch ohne trug erfundene
Droysen Äschylus (1841) 135;
treu sind wir
und ohne trug
dem freier, der uns umfängt
Richard Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 5, 208;
die fata morgana eines reinen treuen ehrlichen Deutschtums ohne schlechtigkeit und trug kriegsbriefe gefallener studenten (1928) Witkop. in älterer zeit ohne trug bisweilen ganz erstarrt im sinne des mhd. ze wâre:
ist dabey gewesen Merckhlin, Menlin jud,
redt ich für wahr ohn allen trug,
auch Leoman und Hessman, die juden
Endinger judenspiel 57 ndr.;
wann ich vernämme, dass jemand sölchs ... tun wölt, so will ich ... dem herrn keiser ... on allen trug dass zuwüssen tun Tschudi chron. Helv. (1734) 1, 90;
so wird jr one trug
erlangen einen reichen zug (fischzug)
Ringwaldt evangelia (1581) d 8ᵃ.
d)
man spricht seit alters von fremdem, römischem, welschem trug: und so die keiser nitt umb all ir fantasei und umb ein ieden roͤmischen trug die sättel aufflegen, so verbannen sis als meineidig, trewlosz S. Franck chronica, zeytbuch (1531) 515ᵇ; wir sehen den Hermann der geschichte, den staatsmännischen barbaren, der um des vaterlandes willen keine der argen künste römischen truges verschmäht Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 105;
man glaubt nicht mehr dem fremden truge
Schenkendorf ged. (1815) 60;
schandeketten zu zerbrechen
und den welschen trug zu rächen
E. M. Arndt lob teutscher helden (1814) 25;
dagegen (vgl. c):
denn ohne trug
und deutsch bin ich wie du
J. M. Miller ged. (1783) 42.
6)
trug personifiziert als das falsche schlechthin: und (es) ist vielmehr zum geiz und zur bauchfülle des trugs gedichtet Jacob Böhme s. w. 3, 235 Schiebler; wir sind allzumal kinder des trugs und falschheit ders. 3, 179; alle heimliche schlupfwinkel ..., wohin ungerechtigkeit und trug sich so gerne verbirgt maler Müller w. (1811) 1, 283; der geist des truges ist in dich gefahren E. T. A. Hoffmann s. w. 2, 37 Grisebach; der trug ist herr geworden E. M. Arndt s. w. 4, 12 R.-M.; aber der trug bleibt. er ist nicht urheber der lüge, aber der verbreiter; nicht der dieb, aber der hehler Göthe gespräche 2, 89 W. v. Biedermann; leichter:
es schleicht mit leisen schritten
die list in deinen schatten;
sie suchet ihren gatten,
den trug
Göthe 5, 5 W.;
ach, dasz der trug so holde bildung stiehlt,
und bosheit mit der tugend larve denkt
Shakespeare (1797 ff.) 9, 74;
im dunkeln schlich der scheele trug;
jetzt prunkt am offnen tag ihr (der feinde) lüsten
R. A. Schröder heilig vaterland (1914) 21.
II.
die bedeutung beabsichtigter 'betrug' tritt zurück. trug meint die unbeabsichtigte täuschung, den irreführenden schein. im gegensatz zu I ist das subjekt, von dem der trug ausgeht oder ausgehend gedacht wird, in der regel keine person (mit ausnahme von 2). in diesem sinne bedeutet trug
1)
täuschung, wahn, schein: er siehet, dasz es nichts als trug und täuschung ist Bode Mich. Montaigne (1793 ff.) 2, 276; mancher trug würde dann vernichtet werden, manche täuschung zerrinnen E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 279 Grisebach; der ganze mensch wirklich sey ein gewebe ohne anfang und ende, aus lauter trug und täuschung, aus wahngesichten, aus traum Hegel w. (1832) 1, 86;
o trügerin von anfang, du o leben!
ein reiner jüngling trat ich ein bei dir,
rein war mein herz, und rein war all mein streben,
du aber zahltest trug und täuschung mir dafür
Grillparzer 1, 227 Sauer;
an diese eine unleugbare und nicht mehr in trug zerrinnende thatsache hielt sich denn auch Dankmar Gutzkow ritter v. geiste (1850 f.) 2, 260;
o sag: war alles trug auf deinen wegen?
R. M. Rilke ges. w. (1927) 6, 179;
es (das glück) bleibe aufgespart der stillen stund,
die keinen trug mehr hat: der stund des sterbens,
als ihrer bitternis ein sinn und grund
Josef Weinheber adel u. untergang (1934) 57;
so tief bin ich ... gesunken, dasz ich die wirklichkeit mit trug und wahn ... verwechsle deutsches museum (1812) 1, 244 Schlegel;
wenn wir zum guten dieser welt gelangen,
dann heiszt das bessre trug und wahn
Göthe 14, 38 W.;
in den köpfen eurer lehrer
laszt gespenst und wahn und trug
ebda 3, 356;
die welt, getäuscht durch trug und wahn,
betet ihren gott nicht an
J. A. Cramer s. ged. (1781 f.) 2, 4;
o hört, o hört! welch seltsam begehren!
befängt ihn trug? bethört ihn wahn?
Geibel ges. w. (1893) 6, 141;
was um mich her zu lachen scheint, ist trug
J. G. Jacobi s. w. (1807 ff.) 5, 54;
der ... das göttliche durch schein und trug ersezt Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 96; hält man jetzt alles für trug und schein, so gibt er sich einen augenblick später offen und unverhohlen R. Schumann ges. schr. (1854) 1, 156;
licht soll das wesen aller dinge sein,
und alles andre ist euch trug und schein
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890 f.) 4, 38;
von wandlung zur verwandlung der gebärden
jagt ihr, verraten an den trug des scheins,
in heimatlosem todgeweihtem werden
Gerh. Schumann fahne u. stern (1934) 25;
ich kann wohl sagen, dasz ich der eitelkeit und dem trug ... abgesagt habe Solger nachgel. schr. u. briefw. (1826) 1, 420 Tieck-v. Raumer; wund und ermüdet von den schlägen des schicksals, dem tand und truge der welt Klinger w. (1809 ff.) 6, 22; einen gewaltigen kampf wird es veranlassen, ... aber den heiligen und geistigen kampf des guten gegen das böse, der wahrheit gegen tand und trug K. L. v. Haller restaur. d. staatswiss. (1816 ff.) 1, lxi;
dass zittre trug und tand
E. M. Arndt s. w. 4, 12 R.-M.
2)
insbesondere jede art der selbsttäuschung: aber das ist der narren thorheyt, das es eytel trug mit yhn ist Luther dtsche bibel 1, 583 W.; wir müssten ... alle ... gefühle ... in unsrer brust für trug halten, wenn wir die nothwendigkeit tugendhaft zu leben ... von der erwartung eines zukünftigen lebens trennen wollten F. H. Jacobi w. (1812) 1, 303;
sandt eine gottheit uns der begeisterung
heilvollen anhauch? oder ...
umwölkte jugendtroz und dunkel
uns mit des eitelen trugs verblendung?
J. H. Voss s. ged. (1802) 3, 11;
ist es nicht trug, wenn wir glauben, dasz in einer erfahrung jener allgemeine satz, diese sittliche oder politische lehre schon liege? Herder w. 16, 10 S.; es ist keine vereinigung mit ihr möglich, auszer wo wahn und aller trug der liebe hinzukommt Caroline briefe 1, 75 Waitz; aber eben er (Othello) voll erfahrung und wie leicht zu verblenden! voll äuszerer würksamkeit, und wie hart! wie unbiegsam in seinem truge! Herder 5, 241 S.; er sollte auch wissen, dasz es eitel trug ist, als ob mit den neuen erfindungen und maschinen zuletzt die namenlose handarbeit überflüssig würde W. H. Riehl die dtsche arbeit (1861) 265; wie alles in diesem manne dahin drängte, einen trug, selbst als schmerz noch einen trug, über seine seele zu spannen W. v. Scholz erzählungen (1924) 283; und nur allzu willig gönnen wir uns den trug, übersinnlichen mächten uns physisch nähern zu dürfen O. Peschel völkerkde (1874) 261; aber der trug schwindet, die wahrheit nimmt immer mehr zu, und zuletzt wird man so vernünftig, dasz man alle begeisterung als eitel mondschein über bord wirft Moltke ges. schr. u. denkw. 4, 252; diese kraft, die ich in beziehung auf uns trug oder illusion nenne Gerstenberg schlesw. lit.-briefe 222 dt. lit.-denkm.; viel trug, viele illusionen Fr. v. Gentz schr. 4, 135 Schlesier; es ist ein trug der phantasie, wenn der mann und greis sich noch zum jünglinge träumt Herder 13, 340 S.;
es ist kein trug der phantasey
Pfeffel poet. versuche (1812 ff.) 4, 3;
auch kommt man dadurch am geschwindesten von dem trug der alten beschränkung (in der farbenlehre) los Göthe IV 21, 363.
3)
im sinne von 1 und 2 wird der trug gern als schön, angenehm u. dgl. bezeichnet:
was wirket ihr in uns für angenemen trug
Drollinger ged. (1743) 74;
vergönnen sie also, dasz ich mit Lessing den ganzen traum von wachsender vollkommenheit unseres geschlechts für einen heilsamen trug annehme Herder 17, 114 S.; alles sieht sich ... an und freut sich des schönen truges ders. 6, 138;
schon sieht er einen goldnen schein
um seine scheitel ihm für eine tugend lohnen,
vor welcher, was die welt mit diesem nahmen ehrt,
in seinem wahn, wie rauch im sonnenglanz zerfährt.
in diesem süszen trug stört, wider sein verhoffen,
ihn einst ein göttlich traumgesicht
Wieland w. (1795) 18, 73;
o zaubre mir, durch milden trug,
ihr holdes bild zurück
Gotter ged. (1787) 1, 329;
wer will zu früh so süszem trug entsagen?
Mörike w.² 1, 122 Maync;
wollt ... einst, wenn schwand des glückes kurzer trug,
dem armen schuldlos schuldgen weibe fluchen?
Annette v. Droste-Hülshoff w. 2 (1878) 241;
die liebe, die ... mich hätte einhüllen sollen in selige blindheit, in glücklichen trug, sie kam nicht Marie v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 457. etwas anders, mit merklichem beiklang von I:
ich hatte nichts und doch genug,
den drang nach wahrheit und die lust am trug
Göthe 14, 14 W.;
ist nicht da drinnen lust genug,
im dichten bunten hofgedränge
gelegenheit zu spasz und trug?
ders. 15, 68 W.
voll bejaht wird trug als schöner schein auch in der naturlyrik:
es ist ein land voll träumerischem trug,
auf das die freiheit im vorüberflug
bezaubernd ihren schatten fallen läszt
Lenau s. w. 80 Barthel;
und im goldnen trug der ferne
scheint dir deine welt so grosz
Hans Carossa ged. (1912) 15;
ein gipfel graut. der volle mond versinkt,
verloren schwebt im trug der tiefen düfte
die stille stadt
ebda 40;
regen fällt in fäden. kaltes graues licht
entblöszt den trug der nacht
Ernst Stadler d. aufbruch (1914) 55.
4)
trug steht für eigentliche sinnestäuschungen: also gleisset in eusserlichem ansehen offt etwas, als were es reyn lautter goldt, aber im grunde ist es eyttel truͦg Agricola 750 teutsche sprichw. (1534) c 6;
siehe durch glases trug,
wie scheint die ferne ja lockend gnug
Herder 25, 364 S.;
da wir den eichen nahten, sah ich in der ferne meine eigne gestalt zwischen ihnen aufsteigen ... es war trug der sinne, die die hitze verwirrte Klinger w. (1809) 1, 37;
vergebens glänzt ein sternenheer,
vergebens rauchgebildet wünschenswerther trug!
du trügst mich nicht, Pandora, ...
kein andres glück verlang ich, weder wirkliches,
noch vorgespiegeltes im luftwahn
Göthe 50, 303 W.;
was kommt nun aber der regenbogen
an grauer wand herangezogen?
der mag wohl zu entbehren sein
der bunte trug! der leere schein!
ders. 3, 191;
seh ich, oder seh ich trug?
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 538;
ihr glaubt was zu sehen, und wenn ihr hingreift, ists eitel trug Alexis hosen (1846) 1, 252; umsonst in ihr umarmt ich dich, der trug verschwand, und du fehltest mir bey ihr Klinger w. (1809 ff.) 5, 270; (Kriemhild:) kennst du diese doppelspange? — (Brünhild:) wie rabenflug schwirrt es düster mir vor augen. aber nein! es ist ein trug! du entwandest sie! Geibel ges. w. (1893) 6, 64. dann bildlich, nach 2 hin reichend:
des ruhmes dunstgestalt berührte
die weisheit, da verschwand der trug
Schiller 11, 26 G.;
es ist die Maja, der schleier des truges, welcher die augen der sterblichen umhüllt Schopenhauer w. 1, 39 Grisebach;
tief sank, ihr herrn, auch euer werth,
seit ich des bildes trug erfahre,
das ich mir sonst von euch entwarf
Gotter ged. (1787) 1, 445;
nach 1 hin:
was singst du herz so bang und laut?
nach inniger vereinung?
die sehnsucht ist ja deine braut,
nur trug ist die erscheinung
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 1, 220.
5)
träume:
habt, fraw, nun guoten muot,
wann trämb das sein trüg
liederb. d. Hätzlerin 126;
er sprach: trawm das sind trüge,
do solt dich nit keren an
erzähl. aus altdt. handschr. 292 Keller;
man spricht wol, liebe seele: träume sind triege ... aber doch sind sie noch heutiges tages nicht alle zu verachten M. Möller erklärung u. betracht. d. evangelien (1729) 113ᵃ; niederdeutsch: dröæme sint dröæge (nur so, sing. drôg 'scheint ungebräuchlich zu sein') Schambach Götting.-Grubenh. 49; (de) droom is'n droog Mensing schlesw.-holst. 1, 866; Danneil altmärk. 40; Frischbier preusz. 151.
vielleicht hat er dem trug des schlaffs mich übergeben,
und machet einen traum aus meinem ganzen leben
Brockes ird. vergnügen (1721 ff.) 3, 59;
(Tasso allein:) bist du aus einem traum erwacht und hat
der schöne trug auf einmal dich verlassen?
Göthe 10, 194 W.;
und vor dem klaren klang des lebens zerstob aller trug der träume Carossa rumän. tageb. (1931) 35;
ich schau die sonne schön genug
heraufgehn über traum und trug,
und blatt und blüte, halm und klee
erdenk ich nicht, wie ich es seh
Josef Weinheber späte krone (1936) 83;
ach mädchen, was redest du traum und trug!
Geibel ges. w. (1893) 3, 145;
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1939), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1245, Z. 12.

trug2, m.

²trug, m.,
bienendreck, wachsteilchen. in der imkersprache: trug ist der abfall, so unter den immenkörben liegt Overbeck gloss. melitt. (1765) 84; grieszig oder grusz ist, was von dem werk an zäsergen und wachskrumen herunter und auf den boden fällt. einige nennen es trug ebda 37. Adelung 4 (1780) 1089.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1939), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1256, Z. 8.

trug3, f.

³trug, f.,
nebenform zu truhe, sieh dort unter 'herkunft und form' 2.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1939), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1256, Z. 14.

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Zitationshilfe
„trug“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/trug>, abgerufen am 21.09.2020.

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