Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

trugschlusz, m.

trugschlusz m
I.
in der sprache der logik: falscher, nur scheinbar richtiger und daher irreführender schlusz, paralogismus, sophisma, fallacia.
1)
entstehung. das wort kommt im zweiten viertel des 18. jhs. auf (erster beleg 1743) und ist von etwa 1760 an reichlich bezeugt. es setzt sich durch auszerhalb und gegen die terminologie der eigentlichen schulphilosophie, die es nur zögernd aufnimmt. Chr. Wolff hatte zwar durch seine autorität endgültig das ältere, im 16. und 17. jh. für 'conclusio' übliche schluszrede (s. teil 9, 873) durch das einfache schlusz verdrängt (vgl. Piur zur sprachl. würdigung Chr. Wolffs [1903] 72 f.), für 'paralogismus' jedoch kein compositum von schlusz in umlauf gesetzt. infolgedessen bleiben solche schlusz composita, soweit sie in verdeutschungsversuchen des 17. jhs. schon vorlagen, lange ohne nachfolge, obwohl sie ganz in die richtung gingen, die späterhin endgültig eingeschlagen wurde: betrugsschlusz steht schon in der aus dem kreise Wolfg. Ratkes oder von ihm selbst stammenden sogen. Cöthener logik von 1621 (kurtzer begriff der verstandtlehr) s. 75 und 80 (das werk wie auch das wort selbst von Thomasius einl. zu d. vernunfftlehre [²1699] vorr. 19 zu unrecht verspottet), wahnschlusz bei Stieler stammb. (1691) 1843. Wolff selbst half sich mit dem blassen, zum terminus wenig geeigneten sophistereyen (ausführl. nachricht von s. eigenen schriften [1726] 431), das vorher schon Jac. Fr. Reimmann critisierender geschichtskalender von d. logica (1699) 17 für 'sophismata' gebraucht hatte, desgleichen Thomasius ausübung zu der vernunfftlehre (1699) 276 neben sophistische schluszreden 271. sophistereyen, dem griech.-lat. vorbild mit falscher wörtlichkeit nachgebildet, genügt denn auch den nachfahren Wolffs, die seine termini sonst übernehmen, allein nicht, sie setzen daneben scheinschlüsse (Hanow erfindungskunst [1739] 394), logische betrügereyen (Walch philos. lexicon [1740] 2, 2400), wörteleyen 's Gravesandes einl. in die weltweisheit (deutsch 1755) 233 u. ä. so schafft in diesem falle die offenbare unzulänglichkeit des von Wolff gewählten wortes für längere zeit unsicherheit und schwanken in der terminologie, deren festigung sonst gerade Wolffs verdienst ist. auf die dauer liesz sich der alte, in Ratkes schule geprägte betrugsschlusz (vgl. aus dem 15. jh. sophisma (be)trügnusz Diefenbach gloss. 542ᶜ, oben sp. 1311) doch nicht zurückdrängen; er taucht ebenso wie die umständlichere betriegliche schluszrede, die die Cöthener logik von 1621 für das betrugsschlusz ihres textes auf der zugehörigen tabelle anführt, trotz Thomasius und Wolff immer wieder auf: betrügliche schluszrede Jablonski allgem. lexikon d. künste (1721) 677; dann, nach der Wolffschen einführung von schlusz für schluszrede, trügliche schlüsse J. J. Syrbius nexus doctrinae philosophicae (1724) 109; betrügliche schlüsse Ahlwardt von den kräfften d. menschl. verstandes (1741) 485; 's. Gravesande einl. (deutsch 1755) 233; betrugsschlüsse Syrbius nex. doctr. (1724) 111; betrugschlusz, ohne das fugen-s, neben dem streng Wolffschen sophisterey G. F. Meier vernunftlehre (1752) 598. zu der zeit gab es schon das einfache trugschlusz: Gottsched führt es 1743 beiläufig als übersetzung eines französischen 'un grand sophisme' an, mit deutlicher abneigung gegen die neue, gesuchte, allzu 'metaphorische redensart' (s. unter 2 den ersten beleg). voraussetzung für die einführung des kurzen, schlagkräftigen wortes, das alle seine vorgänger restlos verdrängen sollte, war die bedeutungsentwicklung von trug in dieser zeit: statt 'beabsichtigter betrug' heiszt trug mehr und mehr 'unbeabsichtigte täuschung' (s. oben sp. 1253). 1743 noch ein neuartiger fremdling, hat sich trugschlusz dann schnell durchgesetzt. 1761 steht es zum ersten mal in einem handbuch der logik: sophisma (captio, fallacia) trugschlusz setzt neben paralogismus fehlschlusz der Wolffianer A. G. Baumgarten acroasis logica (1761) § 385. 1781 ist es für Kant das einzig mögliche wort (s. unten 3).
2)
bedeutung. den von Baumgarten und auch später noch, z. b. von Adelung (s. 4), konstituierten unterschied hat der sprachgebrauch in wirklichkeit niemals recht anerkannt, trugschlusz meint sowohl die beabsichtigte irreführung im beweise wie den unbeabsichtigten selbstbetrug (Kant logik § 90, werke 1 [1838] 471). gegen ende des 18. jhs. steht das wort im trivialen gebrauch oft einfach für 'irrtum'. bei allen sorgfältigen schriftstellern dagegen ist die herkunft des wortes aus der logik deutlich, sie gebrauchen es, auch in der metapher, wirklich nur für absichtliche oder unabsichtliche irrtümer des schluszverfahrens, s. unten Lessing, Wieland, Herder, Schiller (3), Jean Paul (5); demgegenüber auffällig verallgemeinert bei Göthe (5). das 19. und 20. jh. hat für die bedeutungsentwicklung nichts hinzugetan, doch ist, aufs ganze gesehen, eine fortschreitende trivialisierung nicht zu verkennen (s. unten 5).
3)
gebrauch im 18. jh.: être la proye d'un grand sophisme sagt Bayle: einem trugschlusse zum raube werden, wenn er sagen will: in einen falschen schlusz verfallen Gottsched beyträge z. crit. historie d. dtsch. sprache 8 (1743) 457 anm.; ich will meinen Israeliten nicht weiter reden lassen; es sey nur eine probe, wie leicht er die trugschlüsse des Cardans widerlegen könnte (1754) Lessing 5, 325 L.-M. (rettung des Cardans); die vernunftlehre ... lehret uns, die kräfte unsers verstandes in untersuchung der wahrheit recht gebrauchen, uns nicht durch scheingründe verblenden zu lassen und trugschlüsse für wahrheiten anzunehmen (1757) D. H. v. Runckel bei L. A. V. Gottschedin br. 3 (1772) 79; hat nicht der berühmte Montesquieu einen groszen theil seines beruffenen buches mit diesen trugschlüssen angefüllet und unzählige anhänger gefunden neueste a. d. anmuth. gelehrs. 8 (1758) 849 Gottsched; dasz die trugschlüsse eines Epikurs für die seele eines Marcus Aurelius (Friedrich d. gr.) viel zu seichte sind briefe d. neueste literatur betr. 6 (1760) 270; wir werden alle angespornet durch die nämlichen bewegungsgründe, alle betrogen durch die nämlichen trugschlüsse ebda 13 (1762) 54; so hoffen wir doch ... keinen zweifel übrig gelassen zu haben, dasz wir den Hippias für einen schlimmen und gefährlichen mann und sein system ... für ein gewebe von trugschlüssen ansehen Wieland Agathon 1 (1766) vorbericht * 6ᵇ; durch die tröstlichen trugschlüsse ... wieder beruhigt ebda 304; nun könnte man ... ohne trugschlüsse ... folgern allg. dt. bibl. 2, 2 (1766) 185; (es) sollte ein jeder gottesgelehrte so schreiben, dasz der ungläubige keinen trugschlusz darinn findet ebda 3, 1 (1766) 218; wir haben also abermals einen beweis von der seichtigkeit ..., die aus der abwesenheit eines gutes voreilig auf die unmöglichkeit desselben ihre trugschlüsse baute (1766) Gerstenberg schlesw. literaturbr. 167 lit. denkm.; trugschlüsse werden nach eben den regeln gemacht wie alle andre schlüsse (1769) ders. rezensionen i. d. hamburg. n. zeitg. 163 lit. denkm.; durch einen eines weisen eben nicht allzuwürdigen trugschlusz Iselin verm. schr. (1770) 2, 16; wie viele irrthümer des verstandes, wie viele trugschlüsse des herzens werden hier abgewiesen und zu boden geschlagen Lavater verm. schr. (1774) 1, 28 (denkmal auf Felix Hess † 1768); dasz es nur würklich dieser verdeckte trugschlusz sey, der Rousseau verführet, zeigt offenbar sein eigner plan (1772) Herder 5, 20 S. (urspr. d. spr.); einen vernunft- oder trugschlusz zu verfolgen (1776) 6, 266 S. (ält. urk.); ich weisz es, dasz er viel trugschlüsse gemacht hat Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 124; leicht trugschlüsse machen ders. reise durch Deutschl. (1783) 2, 521; wie die wunderlichsten trugschlüsse entstehen Sulzer theorie d. schön. künste 3 (1774) 157; der offenbare trugschlusz (1774) A. v. Haller tagebuch (1787) 2, 27; gesetzt, es gäbe eine grosze nützliche mathematische wahrheit, auf die der erfinder durch einen offenbaren trugschlusz gekommen wäre (1777) Lessing 13, 8 L.-M.; einer kühnen wahrsagerin gleich auf zweideutige kenzeichen trugschlüsse bauen H. P. Sturz schr. 1 (1779) 203; der logische schein, der in der bloszen nachahmung der vernunftform besteht, der schein der trugschlüsse, entspringt lediglich aus einem mangel der achtsamkeit auf die logische regel (1781) Kant 3, 236 akad. (krit. d. rein. vern.); es ist trugschlusz, wenn man sich durch das wort chöre blenden läszt. ein ebräischer und griechischer chor sind garnicht einerlei sache (1783) Herder 12, 209 S.; wer im ernst etwas erweisen will, thut wohl, wenn er dergleichen trugschlüsse wegläszt (1783) K. F. Kretschmann s. w. 1 (1784) 34; ich kann mich nicht genug wundern, wie vernünftige männer einen solchen trugschlusz so oft wiederhohlen können Adelung magazin f. d. dt. sprache 2, 4 (1784) 155; ein ausgelernter menschenkenner, den höchstens nur seine eigne bescheidenheit ... zuweilen zu einem trugschlusse verleitete J. G. Müller kom. romane 2 (1786) 151; wie leicht also konnten sie zu dem trugschlusse verleitet werden (1785/6) J. J. Engel schr. 8 (1804) 85; seine durch so wenig gründliche kenntnisse unterstützte vernunft konnte ohne fremde beihülfe die feinen trugschlüsse nicht lösen, womit man sie hier verstrickt hatte (1787) Schiller 4, 268 G. (geisterseher); 4, 98 G.; vielleicht auch, dasz ihn die trugschlüsse der sophisten ... irreführen Klinger neues theater (1790) 2, 144.
4)
aufnahme in die wörterbücher. während trugschlusz in der zweiten hälfte des 18. jhs. schon ganz selbstverständlich gebraucht wird, verhalten sich die wörterbücher ihm gegenüber noch lange spröde. ohne vorbehalt gebucht wird es erst im letzten jahrzent des jhs.: trugschlusz ein fehlerhafter schlusz Voigtel (1795) 3, 430ᵃ; sophisma trugschlusz Kinderling reinigkeit d. dt. spr. (1795) 206; fallacia trugschlusz, scheinbeweis ebda 265. 1780 (ein jahr vor Kants krit. d. rein. vernunft, s. oben 1 schlusz und 3) hatte es Adelung, der das wort selbst 1783 gebraucht (s. oben 3), mit geringer hellhörigkeit gegenüber dem beim grundwort trug eingetretenen bedeutungswandel (s. oben 1) noch abgelehnt: trugschlusz 'ein von einigen eingeführtes wort, einen irrigen, fehlerhaften schlusz zu bezeichnen. da trug allemal im harten verstande von einer böslichen hintergehung gebraucht wird, so ist der ausdruck nicht glücklich gewählet u. s. w.' 4 (1780) 1089. Adelung tritt vielmehr für fehlschlusz ein. er hat auch 1801 seine meinung nicht geändert (4, 707). Campe 4 (1811) 900 erkennt Adelungs gründe wegen der bedeutung von trug mit recht nicht an und grenzt die bedeutung von fehlschlusz gegen die von trugschlusz ab.
5)
gebrauch seit 1800 (vgl. oben 2 schlusz): der leser deckt sich leicht den seltsamen trugschlusz auf, welcher das philosophische auflösen aller erscheinungen in eine absolute einheit mit dem dichterischen verketten einiger zu einem vielgliedrigen ganzen vermischt (1813) Jean Paul 52/53, 135 H.; trugschlüsse der analogie A. v. Humboldt Kosmos (1845) 3, 361; entfernter von der logischen ausgangsstelle bei Göthe, der das wort erst spät gebraucht: der trugschlusz, den die leidenschaft so bequem findet, trat nun in seiner völligen incongruenz nach und nach hervor 29, 63 W.; viel zu oft liesz man sich ... zu trugschlüssen und sünden wider den geist der kunst verleiten 46, 80 W.; er wählte, durch eine reihe von trugschlüssen verführt von allen arten des fortkommens die wunderlichste 41, 2, 82 W.; warum soll sich seine eitelkeit nicht den kleinen trugschlusz erlauben II 7, 218 W.; irre mich nicht mit trugschlüssen, deren ungrund ich unfähig bin hinzustellen Iffland br. 1, 156 Geiger; trivialer auf der bühne: eine reihe von üblen planen, trugschlüssen, leichtsinnigen erwartungen haben dich dir selbst fremd gemacht Iffland theatr. werke (1827 ff.) 4, 168; wohl, junger mann, ihre trugschlüsse zugestanden Kotzebue s. dram. w. (1827) 2, 220; dasz ich keinen trugschlusz gezogen, bestätigte ihre bereitwilligkeit, den vater zu empfangen Holtei erz. schr. 8, 150; gott wird diese trugschlüsse der leidenschaft zunichte machen Immermann 4, 133 Boxb.; eine leidenschaft, die berühmt ist wegen ihrer rohheit und ihrer trugschlüsse Stifter s. w. 1 (1901) 134; alle diese trugschlüsse (betr. seinen übertritt zum katholicismus) hat Winckelmann indes weniger zu seiner eigenen beruhigung ersonnen als für seine freunde Justi Winckelmann 1 (1866) 323; in der politischen und historischen polemik: in einer advokatenrede voll übertreibungen und trugschlüssen Häusser dt. gesch. 1 (1854) 405; die verschmitzte dialektik der jesuiten, ... ihre schillernden scheingründe, ihre bestrickenden trugschlüsse W. H. Riehl kulturgeschichtl. nov. (1856) 276; die legitimistischen trugschlüsse Treitschke hist. u. polit. aufs. 1 (1886) 174; die ungeheuerlichen trugschlüsse dt. gesch. 4 (1897) 487.
II.
in der musikalischen fachsprache: täuschender ausgang, täuschendes ende, nach ital. cadenza d'inganno, erst um die mitte des 19. jhs. durchgedrungen. das 18. jh. schreibt neben erdichtete clausul (clausula ficta) Lor. Mizler Fux' gradus ad parnassum deutsch (1742) 131 und vereinzeltem scheinschlusz (1753) Fr. W. Marpurg abhandl. d. fuge 65 Dehn häufig betrügende cadenz Walther mus. lex. (1732) 125; Albrechtsberger anweis. z. compos. (1790) 183; Beethoven stud. im generalbass 173 v. Seyfried-Pierson. trugcadenz, trugschlusz Gaszner universallex. d. tonkunst (1849) 171; was ist ein trugschlusz? wenn der ganzschlusz anstatt in den tonischen dreiklang in irgend einen anderen akkord fällt J. C. Lobe katechismus d. musik (1851) 107; auch hier (in der entführung a. d. serail) wird eine wesentliche steigerung dadurch erreicht, dasz Osmin das letztemal erst die scala in d-dur und nach einem trugschlusz nach b, in d-moll herabsteigt O. Jahn Mozart (1856 ff.) 3, 116; ein sog. trugschlusz entsteht dadurch, dasz alle stimmen regelrecht den schlusz ausführen, nur der bass eine stufe steigt, statt vom dominantgrundtone zum tonikagrundtone fortzuschreiten H. Riemann musiklexikon (1919) 1054ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1940), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1313, Z. 31.
Zitationshilfe
„trugschlusz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/trugschlusz>, abgerufen am 19.02.2020.

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