tyrann m.
Fundstelle: Lfg. 13 (1952), Bd. XI,I,II (1952), Sp. 1967, Z. 18

Unterbegriffe in diesem Artikel

allein-, gewaltherrscher, über lat. tyrannus auf griech. τύραννος zurückgehend, das seinerseits aus dem tyrrhenischen entlehnt worden ist (der wortstamm ist in dem etrusk. appellativum turan 'herr, herrin' enthalten, s. Lenschau in: Pauly-Wissowa realencycl. d. class. altertumswiss. 7 A, 2 [1948] 1822 und über abweichende etymologien der älteren forschung bei Boisacq dict. étym. de la langue grecque [⁴1950] 992). durch lat. bzw. frz. vermittlung drang tyrann in die germ. u. slav. sprachen (engl. tyrant, ndl. tiran, dän.-norw. tyran, schwed. tyrann; tschech.-poln. tyran, slowen. tiran, serb. tir(j)anin, bulgar. tiraninъ, russ. tiran), ins dt. etwa zur zeit des frühhumanismus (erstbeleg Heinrich v. Mügeln s. u.B 2 b, im nd. [ca. 1360] Johann v. Brakel übers. v. Aegidius Romanus, de regimine principum 7 Mante: tyranne nom. pl.), wobei es die endungen der schwachen deklination annahm, s. Paul dt. gr. 2, 135 u. über vereinzelte stark flektierte formen ebda 136 anm. 2 u. 3. ältere sprache zeigt mitunter die regelmäszige nominativform der schwachen flexion tyranne ([1480 Lübeck] städtechron. 31, 1, 234; Wigand Gerstenberg chron. 74 Diemar; H. Sachs 1, 225 lit. ver.; Petri d. Teutschen weiszh. [1605] F 4ᵃ; Gryphius trauersp. 19 Palm; Joh. El. Schlegel w. 1 [1761] 11; s. auch Paul a. a. o. 136 anm. 1), daneben jedoch schon früh die kurzform tyrann ([1432] meister Ingold gold. spiel 6 Schröder; H. Sachs 1, 223 lit. ver.; Luther br. 8, 574 W.; mit den orthogr. var.: tyran Luther 9, 135 W.; Petri d. Teutschen weiszh. [1605] Cc 1ᵃ; Heinse s. w. 7, 90 Schüddekopf; Brentano ges. schr. [1852] 2, 159; thyran H. Sachs 1, 225 lit. ver.; tiran Murner kl. schr. 1, 120 Pfeiffer-Belli; thirann H. Sachs 22, 114 lit. ver.; [1531] tirann Knebel chron. v. Kaisheim 223 lit. ver.; Zimm. chron. ²4, 300 Barack; Schiller 7, 10 G.), die sich in neuerem sprachgebrauch allgemein durchsetzt. die ursprüngliche, neutrale bedeutung '(allein-)herrscher' (A) findet sich gelegentlich als ausdruck der antike in historischer darstellung. üblich wird tyrann im dt. jedoch allein in der schon im lat. vorherrschenden pejorativen bedeutung 'gewaltherrscher, despot' (über den begriffswandel der tyrannis im denken der antike s. Pauly-Wissowa a. a. o.; über tyrann als literarische figur, insbesondere des altertums, des lat. mittelalters und der italien. renaissance, s. Walser d. gestalt des tragischen u. d. komischen tyrannen in mittelalter und renaissance in: kultur- u. universalgesch., festschr. f. W. Goetz [1927] 125 -144), anfangs vor allem auf despotische herrscher des altertums, insbesondere der bibel bezogen, deren gestalten im zeitalter des humanismus und religiöser auseinandersetzungen deutlicher in den gesichtskreis traten und begriff und bezeichnung des 'tyrannen' in die literatur des frühen nhd. (zunächst in die übersetzungslit.) trugen. beflügelt wird dieser gebrauch (B 1) durch die haupt- und staatsaktionen, sowie das literarische trauerspiel des barock (s. Dora Schulz d. bild d. herrschers i. d. dt. tragödie v. barock bis z. zt. d. irrationalismus, diss. München 1931, 21 ff); durch das freiheitsstreben der aufklärung, des sturm und drang (s. D. Schulz a. a. o. 54 ff. u. 84ff.), der dichter der befreiungskriege (s. u.B 1 b), sowie des jungen Deutschland (zur geschichte von 'tyrann' als literarisches motiv vgl. auch J. Wiegand gesch. d. dt. dichtg. [1922] 126, 128, 155, 189 u. 243) erlebt er einen letzten groszen auftrieb und trittnach dem untergang der absoluten dynastien endgültig auf histor. erzählung beschränktimmer mehr gegenüber der anwendung im weiteren sinne für einen despotisch auftretenden schlechthin (B 2) sowie dem metaphorischen gebrauch (B 4) zurück. neuere ornithologische fachsprache verwendet tyrann in anschlusz an lat. tyrannus als bezeichnung für eine würgerartige vogelart (C).
A.
'(allein-)herrscher': tyrann war vor zeyten ein ehrlicher nam, heyst ein könig, fürst, regent Simon Rot teutscher dict. (Augsb. 1571) Q 4ᵇ; ehmals bedeutete das wort tyrann auch nur lediglich einen einzelherren und man zaͤhlte darunter auch sehr weise und gerechte maͤnner Haller staatswiss. (1816) 1, 484; die gröszeren städte Syriens ... versuchten sich bald als freie gemeinden, bald unter sogenannten tyrannen auf eigene hand zu behaupten Mommsen röm. gesch. 3 (⁴1866) 46. gelegentlichmit betonung der illegitimitätim sinne von 'usurpator': der letzte koͤnig, oder vielemehr der tyrann Gilimer, der wider recht das wandalische reich in Africa koͤnig Hilderichen entzogen vnd auff sich gebracht haͤtte Micraelius altes Pommerland (1639) 1, 63; nach einer reihe von so genannten tyrannen, das ist, von beherrschern, welche sich der einzelnen und willkührlichen gewalt über den staat bemächtigt hatten, ohne auf einen beruf von den bürgern zu warten Wieland Agathon (1766) 2, 85; tyrann hiesz bei den alten derjenige, der sich in einem freyen oder republikanischen staat eigenmaͤchtig zum oberherrn aufwarf, wenn er gleich übrigens nachher noch so glimpflich und gelind regierte frauenz.-lex. 2 (1773) 3674; ähnlich in historischer erzählung bei W. Bergengruen der großtyrann und das gericht (1935) titel.
B.
'gewaltherrscher'.
1)
im eigentlichen sinne.
a)
'despotischer landesfürst': aber wer da suͦcht nun sein nutz und nit den gemainen, der hayszt von recht nit ein küng, aber ein tyrann und ain wuͦthrich. das ander da die gemain regnierend ... und suͦchend den gemainen nutz, das hayszt aristocratia (1432) meister Ingold gold. spiel 6 Edw. Schröder; hat diser Cicero an andern enden kaiser Julium nit allain nit gelobet, sunder sine werck geschulten vnd jnn nit gütig, sunder ainen tyrannen genennet Niclas v. Wyle transl. 341 Keller;
könig Antiochus, der zwölfft tyrann (überschrift)
... Antiochus, der zwölfft wütrich,
ein küng Syrie grausamlich
H. Sachs 1, 227 lit. ver.;
als er (Herodes) inne wird ...
erwürget der tyrann die kinder grosz und klein
Opitz dt. poem. 187 ndr.;
blutdürstigster tyrann! hat wohl die grosze welt
ein dir (Leo Arminius) gleich tiegerthier? hat das verbrennte feld
des wüsten Lybiens so ungeheure leuen?
kan uns die hölle selbst mit mehrer mordlust dräuen?
verfluchter fürst! ich irr; kann der ein fürste seyn ...
Gryphius trauersp. 88 Palm;
tyrannen haben wohl oft voͤlker aufgerieben:
nur gute fuͤrsten nicht!
Gottsched deutsche schaubühne 6 (1745) 49;
das gesez hat noch keinen groszen mann gebildet, aber die freyheit brütet kolosze und extremitäten aus. sie (d. untertanen) verpallisadiren sich im bauchfell eines tyrannen, hofiren der laune seines magens und lassen sich klemmen von seinen winden Schiller 2, 30 G. (d. räuber);
du (Frischlin) sprachst den stolzen purpurnen tyrannen
ins antlitz hohn
Schubart s. ged. 2 (1825) 309;
als gott die tyrannen erschuf, diese folterknechte der welt, hätte er wenigstens die völker sollen sterblich machen Börne ges. schr. (1862) ...; Friedrich d. Gr. z. b. ist von zwei Engländern ... dargestellt worden, bei Macaulay ein harter, perfider tyrann, bei Carlyle ein heros (6. 9. 1890) G. Freytag br. a. s. gattin 543 Strakosch-Freytag u. Walter-v. d. Bleek. schon früh in sprichwörtlichen wendungen, die wesen und geschick des tyrannen charakterisieren: dem tyrannen ist die zal seyner iar verborgen Hiob 15, 20; wenn gott ein landt straffen vnd plagen will, so gibt er ihm einen tyrannen vnd wuettrich, der es alles on raht mit der faust wil auszrichten Latendorf sprichw. (1532) 229; muthwil ist der tyrannen rath vnd lehr Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Pp 5ᵇ;
ein freye statt vnd freyen mann
stets feindlich neidet ein tyran
ebda T 8ᵃ;
vnschuldig blut ertruͤckt alle tyrrannen vnnd die jhnen helffen ebda Vv 4ᵇ; es taug nit das ein tyrann eines rechten tods sterbe Eyering prov. cop. (1601) 2, 590 (ähnlich bei: Graf-Dietherr dt. rechtssprichw. [1864] 524);
gar wenig man tyrannen findt,
die rechten tods gestorben sind
Seybold lustgarten (1677) 8;
der tyrann musz einen pfaffen haben und der pfaff einen tyrannen Kirchhofer schweiz. sprichw. (1824) 352. in epigrammatischer wendung der neueren literatursprache: der macht sich zum gespötte, der einen tyrannen durch beredsamkeit zu gewinnen gedenkt Lessing 8, 57 L.-M.; sklaven weinen nicht, wenn sie einen tyrannen verlieren Th. Abbt verm. w. 2 (1770) 44; heute ist ein land frei und morgen liegt's einem tyrannen zu füszen Hippel s. w. 1 (1827) 9; unter tyrannen denkt der buͤrger nur an sich F. M. Klinger neues theater (1790) 1, 8 (Aristodymos, 1. akt);
pfaff samt tyrann
ankerketten sind's an gewicht
Platen ges. w. 2 (1843) 255;
die welt erträgt weit eher den tyrannen
als halbheit, schwäche, wankelmuth
Geibel ged. a. d. nachlasz (1896) 238;
als wortspiel findet sich: ein tyranne kan unter dem volcke nicht so tyrannisiren, als ihm die tyrannische furcht das joch der grausamsten tyranney auf den hals gewaͤltzet hat Chr. Weise polit. redner (1679) 64.
b)
'gewalttätiger, despotisch unterjochender eroberer':
wo denn ausz frevel und hochmut
der Türck oder ander tyrannen
wider dich auff-würff sein streytfannen
H. Sachs 1, 218 lit. ver.; vgl. auch ebda 211 u. 221 sowie städtechron. 31, 1, 234;
daz jung wildt bluͦt (Ludouicus) überhuͦb sich desz glücks, verherget alles vnderwegen mit mord vnd raub bisz ghen Rom; da kam alle geistlicheyt disem tyrannen zuͦ ehr entgegen Seb. Franck Germ. chron. (1538) 81ᵇ; ich ziehe meine truppen zusammen, gott behüte uns für den tirannen (der feindlichen macht) (23. 3. 1657) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedr. Wilh. v. Brandenb. 5, 893 Erdmannsdörffer;
ja, eroberer, ja, — du wirst unsterblich seyn.
...
schau gen himmel, tyrann — wo du der sämann warst,
dort vom blutgefild stieg todeshauch himmelan
Schiller 1, 42 G.;
ihr (der preusz. jäger) bestes wild ist ein tyrann,
drauf zielen alle mann für mann
Schenkendorf ged. (1815) 44;
laszt jeden von uns ... es feierlich erklären, dasz wir ihn (Napoleon) niemals kaiser nennen wollen, möge auch kriegsgefangenschaft oder irgend ein ganz unvorherzusehender unfall den einzelnen in die gewalt des tyrannen führen Fouqué gefühle, bilder 1 (1819) 100; dasz ... das undankbarste aller völker einen guten könig geschlachtet habe, um sich vor den triumphwagen eines freiheitsmörderischen tyrannen (Bonaparte) zu spannen Fontane ges. w. I 1 (1905) 32.
2)
in erweiterung des anwendungsbereichs als bezeichnung für jedenin kleinerem oder gröszerem kreisedespotisch auftretenden machthaber.
a)
für geistliche würdenträger, die ihre gewalt miszbrauchen; dieser gebrauch lebt in der sprache der reformation auf: lass uns frey, Emsser, und gib nach, wie dich deynn gewissenn dringt, das der bapst eyn tyrann sey, keynn recht habe gesetz zu machen Luther 7, 669 W. (vgl. auch ebda 8, 502 u. 26, 577 sowie die komposita beicht-tyrannen u. seel - tyrannen unter D 2); wie wol die geystlichen tyrannen ein weltlich uberkeyt aus der Christenheit gemacht haben ebda 11, 410 (ebenso 12, 35); ebenderselbige bischof und tyrann ist darnach von groszen mäusen gefressen worden ders., tischr. 3, 644 W.; aber die tyrannen, pebst ... vervolgen die selbigen (die rechte lehre) (1539) Melanchthon in: Luther br. 8, 529 W.;
ich sehe schon den Tyberstrom
die herrschaft geistlicher tyrannen
mit muth und kraft aus dem gedruͤckten Rom verbannen
Gottsched ged. 1 (1751) 301;
(der pöbel) nennt seine landsleut' affen,
den pabst tyrann und seine geistlichen — pfaffen
Blumauer ged. (1782) 133;
vgl. auch: im orient ... ward der wahrsager der tyrann und der gehuͤlfe der herrscher, immer fesselte er das volk Niebuhr röm. gesch. 1 (1811) 93.
b)
für alle, welche im gesellschaftlichen leben ihre durch soziale stellung bzw. besitz oder amt erlangte macht willkürlich und miszbräuchlich ausüben:
die rîchen und tyrannen sint gerecht den armen selden
Heinrich v. Mügeln fabeln 16 Müller;
dise ding (jagen der herren auf den äckern der bauern) seint hert für die puren, aber gunstlich für die tyrannen, die semliche ding inen zuͦeignen Keisersberg narrensch. (1498) 146ᵈ; solts nu dahin kommen, dasz die herrschaften tyrannen wolten sein (wie der graf v. Mansfeld) vnd mit den leuten, als wehren sie hunde vnd sawe, vmbgehen, wie sich etzliche anlaszen, so wehre es ein schrecklich zeichen göttliches zorns vber den adel Luther br. 10, 8 W.;
... leute, die das volk geplagter bürger flieht, ...
aus furcht es mehre sich die anzahl der tyrannen,
die stets ein härter joch um ihre hälse spannen
Gottsched ged. (1751) 1, 397;
sein (Karl Moors) dolch schröckte die kleinere tyrannen und authorisirten beutelschneider, aber sein beutel war der nothdurft geöffnet Schiller 2, 355 G.; von kleinen tyrannen hat das volk am meisten zu befürchten J. M. Sailer vorl. a. d. pastoraltheologie 1 (1788) 302; Richard Frei gehörte zu den menschen, ... die ... sich gar zu gern demokraten schelten lassen, — dabei denn doch, was ihre person, ihr ganzes wesen, ihre bedürfnisse, ihre ansprüche, ihr benehmen gegen diener oder sonst von ihnen abhängige personen betrifft, voll von recht übeln, hochmüthigen, hyperaristokratischen prätensionen stecken ...; nach oben hinauf fordern sie gleichheit, nach unten hin sind sie tyrannen, recht stolze despoten Holtei erz. schr. 23 (1861) 21; vielleicht sah ein alter vernünftiger gesetzgeber zu Tahiti voraus, dasz, wenn jene classe kleiner tyrannen allzu zahlreich wuͤrde, der gemeine mann unter dem joche derselben bald wuͤrde erliegen muͤssen J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 100; (der gendarm) war ein furchtloser und heftiger mann, tyrann der strasze und in polizeisachen die rechte hand des bürgermeisters G. Freytag ges. w. 1 (1887) 39; (der fabrikant Dreisziger:) bin ich ... ein tyrann? bin ich denn ein menschenschinder? Gerhart Hauptmann weber (1892) 85; hier drauszen herrscht das junkerregiment ... es musz daher alles aufgeboten werden, um ihre macht zu stürzen ... im grunde haben sie nämlich angst vor uns; die tyrannen zittern! Wilh. v. Polenz Grabenhäger 2 (1898) 313; wir dienen dem groszen ganzen, wenn wir jedem unserer freunde vorwärtshelfen. denn die freunde einer volkspartei sind alle, auszer den tyrannen Heinr. Mann untertan (1950) 118. vereinzelt auch für die revolutionäre menge, diezuchtlos und politisch unreifdas gemeinwesen tyrannisiert: nu ists besser von einem tyrannen, das ist von der oͤberkeit, unrecht leyden, denn von unzelichen tyrannen, das ist vom pöfel unrecht leyden Luther 19, 635 W. (s. auch Herder 17, 88 -91 S.);
... wer beschützte die menge
gegen die menge? da (im Frankreich von 1789) war menge der menge tyrann
Göthe I 1, 320 W. (vgl. auch ebda I 3, 253).
c)
für autoritäten, die in despotischer weise einem kleineren kreise vorstehen; insbesondere für den vater und ehemann, vgl. haus-tyrann unter D 2, tyrannelein und tyrannin 2 a: wenn nuͦ eyn vater seyn kind zur ehe dringet, da das kind nicht lust noch liebe hyn hat, da tritt er uber und ubergehet seyne gewallt und wird aus vater eyn tyrann, der seyner gewallt braucht nicht zur besserung, ... sondern zum verderben Luther 15, 164 W.; mancher tyrann hielte sein ehrlich weib ärger als einen hund Grimmelshausen Simpl. 71 Scholte; der tyrann entzog seinem weibe alles, was zur leibes nahrung und nothdurft gehoͤrt Hippel s. w. 3 (1828) 79; 'hast du nicht ärger genug mit dem haushalt, den tollheiten der kinder und zuweilen mit deinem tyrannen, dasz du dir mehr ersehnst?' (sagte der freiherr zu seiner gattin.) 'du lieber tyrann!' rief die baronin G. Freytag ges. w. 4 (1887) 28; natürlich, nun bin ich wieder der tyrann, der ewige griesgram, der allen die freude verdirbt! Kahlenberg fam. Barchwitz (1899) 9; nach dem tode ihres mannes, der ein böser tyrann und hypochonder gewesen war, hatte sie begonnen zu leben Wassermann fall Maurizius (1928) 44; ebenso vom lehrer: wie manch edles ingenium wird durch scholastische tyrannen von den studiis abgeschreckt! Schupp schr. (1663) 50; der lehrer soll nicht beherrscher und tyrann, sondern freund der gemeinde seyn Miller pred. fürs landvolk (1776) 2, 34; so saszen wir einst, während unsre tyrannen (lehrherrn) uns im schweisze unsers angesichts glaubten, ganz gemütlich beisammen O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 426; an der thüre dieses verschlages befand sich ein rundes fensterchen, durch welches der tyrann (oberschulmeister) öfters den kopf zu stecken pflegte, wenn drauszen ein geräusch entstand Keller ges. w. (1889) 1, 37; ein schüler war ein mausgraues, unterworfenes und heimtückisches wesen, ohne anderes leben als das der klasse und immer im unterirdischen krieg gegen den tyrannen Heinr. Mann d. blaue engel (1950) 26.
d)
für diktatorisch das geistige leben bestimmende persönlichkeiten: sie werfen sich keineswegs zu eigenmaͤchtigen tyrannen der litterarischen welt auf deutscher Merkur (1773) 1, 19; ein tyrann des geschmacks ist ... die albernste figur, die je die sonne beschienen Herder 22, 105 S.; vgl. auch: ein sprach tyranne Chr. Weise überfl. ged. 171 ndr.
e)
in scherzhafter anwendung für ein seine umwelt in launischer willkür beherrschendes kind, s. auch unter tyrannin 2 c: wie die wärterin dem schreienden kinde alle möglichen spiele ... für den künftigen tag zusagt, damit es nur endlich die augen schliesze und ihr gestattet sei, ihre augen von dem lästigen kleinen tyrannen ... ab- und eigener häuslicher beschäftigung zuwenden zu dürfen; so lullte und sang er sein groszes kind ... mit süszen weisen erlogener liebe ein Holtei erz. schr. 3 (1861) 128; Heinrich (kind von Annettes bruder Werner) ist jetzt sehr hübsch und, wenn man ihn allein hat, allerliebst, zwischen den andern kindern aber ein kleiner tyrann (9. 2. 1838) Annette v. Droste-Hülshoff br. 1, 267 Schulte-K.; in der mitte seiner tyrannen (der straszenjugend) stand Moses Freudenstein W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 62; die (verwöhnten kinder) lernen schon in jungen jahren die leiden der tyrannen kennen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 32; vereinzelt für einen so auftretenden schauspieler gebraucht: in diesem augenblick erhalte ich (als theaterdirektor) das verruchte billet des unseligen tyrannen! E. T. A. Hoffmann s. w. 4, 27 Grisebach.
f)
gelegentlich auch für ein tier, das durch seine physische überlegenheit den ganzen umkreis beherrschend in bann hält: die hechte ... seind aber eyn schaͤdlicher fisch vnd nicht anders dann eyn tyrann inn den süssen flüsswassern Sebiz feldbau (1579) 465; der tyrann des Nils, das satte krokodill, lag mit offenem rachen am ufer Kretschman s. w. (1784) 6, 189;
ein jäger ...,
welcher der wälder tyrannen (man darf ihn nicht nennen) mit pfeilen
auf dem hohen gebirg' erschossen, und nun im triumphe
dessen grauen langzottigen pelz auf der spitze der stange
durch Arkadien trägt
Joh. Nik. Götz verm. ged. (1785) 1, 74;
ironisch: ein blitzblankes bauer, drin ein grauer kakadu, der eigentliche tyrann des hauses, sein von der dienerschaft gleichmäszig gehasztes und beneidetes dasein führte Fontane ges. w. I 3 (1905) 16.
3)
für einen rohen, gewalttätig seinen willen durchsetzenden menschen schlechthin, 'wüterich', vgl. tyrannei B 3, C 4 u. D 1 sowie tyrannisch unter 2 a α: die bemelten beiden burger ausz der Altenstadt (haben) sie (Katharina Plugken) mit frevel ausz dem kloster zu schleppen understanden, und do ihr die ander jungfrawen zu hulfe gekummen, haben die beide tyrannen mit ihren feusten die armen kinder vor ihre bruste gelaufen und also unmenschlich von sich gestossen (1524/25 Magdeburg) städtechron. 27, 147; der riesz Kuperan, der ein ungläubiger heyd, Epicurer, tyrann vnd todschlaͤger ist, antwort ... er sey darumb ein ritter vnnd kriegsmann, dasz er die leut erschlagen wöll J. Ayrer hist. process. juris (1600) 362; (Zettel:) eigentlich habe ich noch das beste genie zu einem tyrannen; ich könnte einen Herkles kostbarlich spielen, oder eine rolle, wo man alles kurz und klein schlagen musz Shakespeare (1797) 1, 189; so noch in der mundartlichen komposition erztyrann 'wer auf ganz brutale weise seinen willen durchsetzt' bad. wb. 1, 712; vereinzelt auch abgeschwächt für einen gegen seine umwelt rücksichtslos auftretenden menschen: ... dasz kein polizeidiener es wage, bei nachtzeit, wenn müde leute schlafen wollen und sie (die im bierhaus nach freiheit schreienden) brüllend durch die gassen ziehen, ihnen den rachen zu stopfen, mit einem worte, dasz niemand sie in der freiheit beschränke, tyrannen anderer zu sein Holtei erz. schr. 20 (1862) 19.
4)
metaphorisch in verschiedener, an B 1 bzw. 2 anschlieszender anwendung.
a)
im vergleich, wobei besonders die eigenschaften der willkür, grausamkeit, härte und unduldsamkeit als tertium comparationis dienen:
er (gott) thutt nit wie tirannen:
so es in glicklich ghett,
alle welt wellens verpannen
mit frevel und unnrath
(um 1550) volks- u. gesellschaftslieder d. 15. u. 16. jhs. 69 Kopp;
(die prälaten) handlen wie die wüsten tyrannen Aventin s. w. 1, 209 bayer. akad.; denn ich bilde mir nicht ein, wie ein tyrann von gottes gnaden, dasz sie (die leser) meine sklaven oder sonst ein verkäufliches eigenthum sind Bode Thomas Jones (1786) 1, 133;
ich bin wie ein tyrann auf menschenjagd
Immermann w. 16, 447 Hempel;
können sie (anrede) mir die (teilnahme) versagen, ohne grausamer zu sein als der härteste tyrann? Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 430 Assing; der knabe ... war der stubenälteste ... und wegen seiner brutalität und rauflust gefürchtet, er schaltete wie ein tyrann mit den jungens Wassermann fall Maurizius (1928) 143. auch naturerscheinungen werden mit einem tyrannen verglichen:
der winter folgt ihm (dem herbst) bald, scheint hart, als ein tyrann
Giseke poet. w. (1767) 6 Gärtner;
im westen stand das nächtliche gewitter und wüthete, wie ein tyrann, und von osten her stieg die sonne herauf, ruhig und schweigend, wie ein held H. v. Kleist w. 5, 147 E. Schmidt; als prädikatsnominativ ohne vergleichspartikel:
der winter stand, ein eiserner tyrann,
nie lösend seine faust, die festgeballte,
die eisig sich um berg' und thäler krallte;
ihr leben lag erstarrt in seinem bann
Lenau ged. 2 (1858) 185.
gelegentlich wird tyrann auch in der neutralen bedeutung 'herrscher (A 1)' zum vergleich herangezogen: der berg S. Oreste oder Sorakte ist das herrlichste auf der ganzen reise; er steht da wie der tyran der weiten gegend und beherrscht alles, ewig fest auf sich selbst gegründet Heinse s. w. 7, 90 Schüddekopf.
b)
bildlich; dieser gebrauch war besonders in der sprache der barockdichtung lebendig, auf den allmächtigen, willkürlich-launisch waltenden liebesgott bezogen:
Cupido der tyrann
Opitz teutsche poem. 39 ndr.;
hebe dich weg Cupido, du tyranne!
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 420;
o Amor, du grimmiger tyrann! Grimmelshausen 2, 531 Keller; ich sehe ... dasz durch die eusserste pein, mit welcher ewer g. der tyrann Amor plagt .. Amadis 17 lit. ver.; gelegentlich auch sonst in poetischem stil: ward sie (die poesie) zu einem ... werckzeuge der drey vornehmsten lasterhaften neigungen, der wollust, der ehrsucht, und des geitzes gemachet, und muszte diesen tyrannen als eine gefangene sclavin dienen Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 104; indesz der tyrann der musik, die orgel, wie ein orkan darein rast und tiefe fluthen wälzt Heinse s. w. 4, 31 Schüddekopf; aber die königin philosophie ist doch nur allzuoft ein tyran für die musen gewesen Kretschman s. w. (1784) 1, 24;
denn des barometers walten
ist der witterung tyrann
Göthe I 3, 362 W. (s. auch ebda 29, 91).
c)
übertragen, in mannigfaltiger anwendung, vgl.tyrannin 3 b, tyrannei B 4 b und tyrannisch 2 a δ.
α)
von überindividuellen, geistigen wesenheiten, denen der mensch unterworfen ist: und nicht mit uns umbgehe wie mit Moses volck, wilchs als ein knechtisch volck nicht ynn kindlicher liebe, sondern ynn knechtlicher furcht mit drewen, schlegen, straffen und wurgen gehalten wird unter dem tyrannen, dem gesetz, als unter dem hencker und stockmeister Luther 19, 160 W.; die ehre ist unser tyrann, wir folgten ihrem winke Kotzebue s. dram. w. (1727) 1, 211; eine solche sclavische hingebung in die launen des tyrannen schicksaal ist nun freilich eines freien, denkenden menschen höchst unwürdig H. v. Kleist w. 5, 41 E. Schmidt; jeder (sittliche) wert hat — wenn er einmal macht gewonnen hat über eine person — die tendenz, sich zum alleinigen tyrannen des ganzen menschlichen ethos aufzuwerfen Nic. Hartmann ethik (²1935) 524.
β)
von menschlichen schwächen, trieben und affekten, deren willkür die individuen beherrscht: item dasz die sünde der aller gewaltigste und grausamste, schädlichste tyrann sei uber alle menschen dieser ganzen welt Luther tischr. 6, 103 W.; zu froͤnen der blinden lieb; sie ist ja ein tyrann A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 110;
sey deiner neigungen herr, so wirst du das unglück beherrschen;
der schöpfer ist liebe und huld, nur jene sind deine tyrannen
E. v. Kleist s. w. (1771) 1, 148;
deine begierden und dein geschmack sind itzt deine tyrannen Lessing 2, 285 L.-M.;
o zorn! du abgrund des verderben,
du unbarmherziger tyran,
du friszt und tödtest ohne sterben
und brennest stets von neuem an
Brentano ges. schr. (1852) 2, 179.
nur vereinzelt vom intellekt: der gedanke ist bei mir meistens tyrann, und das läszt keine schönheit aufkommen (12. 12. 1838) Hebbel br. 1, 370 Werner; ähnlich: eine fiktion (selbsttäuschung), mit der man sich entschlossen hat zu leben, ist ein tyrann, der verlernt hat zu sehen und zu hören Wassermann fall Maurizius (1928) 285.
C.
ornithologische bezeichnung für einen würgerartigen, wagemutig sein nest auch gegen raubvögel und kleinere säugetiere verteidigenden vogel (s. auch unter tyrannchen): wesen und eigenart der würger und fliegenfänger vereinigen in sich die tyrannen oder königswürger (tyrannidae) Brehm tierl. 4, 545 P.-L.; der königsvogel oder tyr ann (tyrannus carolinensis ...) zählt zu den mittelgroszen arten seiner gattung (der königswürger, tyrannidae) ebda 547; tyrann (königswürger, königstyrann, tyrannus carolinensis ...) sperlingsvogel aus der artenreichen, nur in Amerika vertretenen familie der königswürger (tyrannidae), ... nährt sich von kerbtieren und verfolgt mit dem gröszten mut raubvögel, krähen und katzen ... zum schutz des eigenen nestes Meyers konv. lex. 19 (1908) 852.
D.
in der komposition. das als simplex dem dt. geläufige tyrann gewaltherrscher (B) bestimmt auch in der komposition fast ausschlieszlich das bild des sprachgebrauchs.
1)
als erstes kompositionsglied.
a)
vor adjektiven. vereinzelt als gelegenheitsbildung bei Fischart: tyrannodisciplinisch Garg. 192 ndr.; auch aus neuerem sprachgebrauch wenig bezeugt, wobei wie bei b genitivkomposition (tyrannen-) vorliegt.
tyrannenartig adj.
'wie ein tyrann geartet': der mann, wenn er, in sich selbst so schlecht verwaltet, dasz du ihn schon als einen solchen tyrannenartigen für den unseligsten erklärtest Schleiermacher Platon 3, 1 (1828) 460. —
tyrannenmörderisch adj.
zu tyrannenmörder (s. u.b) gebildet: zunächst noch fesselten ihn (Schiller) ... Höltys bald wehmutsvolle, bald harmlos heitere freundschafts- ... lyrik, die tyrannenmörderische freiheitsdichtung des gräflichen brüderpares Stolberg Berger Schiller 1 (1905) 91.
b)
vor substantiven. seit dem 16. jh. erscheint tyrann als determinativum vor abstrakten und konkreten, die dem begriffsbereich tyrann im verhältnis der zugehörigkeit (var. dieses typus sind: tyrannen-blut, -herrschaft, -knecht), wesensgleichheit (typus tyrannen-fürst, -teufel, -verhängnis, -volk) oder objektbezogenheit (typus tyrannen-feind, -hasz, -mord, -mörder) zugeordnet werden. diese zusammensetzungen folgen unten an alphabetischer stelle, s. sp. 1981ff.
2)
als zweites kompositionsglied. seit dem 16. jh. findet sich tyrann gelegentlich auch als grundwort mit vorausgehendem, die art bzw. den wirkungsbereich des tyrannen verdeutlichendem bestimmungsglied: beicht- tyrannen Luther bücher u. schr. 1 (Jena 1567) 550ᵃ; blut-tyrannen K. Beck d. fahrende poet (1838) 208; dorf-tyrannen G. Keller ges. w. (1889) 1, 72; haus-tyrann Mozin wb. 3 (1856) 857; ober-tyrannen Johanna Kinkel bei Sanders 2, 2 (1865) 1405ᵇ; schul-tyrann Körner w. 3, 267 Streckfusz; seel-tyrannen Luther 12, 158 W.; sprachtyranne Chr. Weise überfl. ged. 171 ndr.; universaltyrann Göthe I 29, 90 W.; unter-tyrannen F. Gentz bei Sanders 2, 2 (1865) 1405ᵇ; volks-tyrann ebda; welttyrannen Dannhawer catech. (1657) 5, 1269; Grabbe w. 3, 607 Bl.; vereinzelt mit verstärkendem präfix: erz-tyrann bad. wb. 1, 712.
Zitationshilfe
„tyrann“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/tyrann>, abgerufen am 26.03.2019.

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