Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

umreiszen, vb.

umreiszen vb
1)
trennbar.
a)
zu boden reiszen; umbreiszen, darnider werffen abbattre, mettre parterre quelque chose Hulsius-Ravellus (1616) 366ᵃ; arbor tempestatibus prostrata ein baum, der vom winde umbgerissen ist nomenclator lat.-germ. (1634) 439; hie reiszt der grosze Christoffel von Zürch eitel bewme umb Luther 26, 374 W.;
die griffens (das schiff) an mit hackn und krewln
und rissen umb dess mastbaums seuln
und theten ihn all ruder schellen
H. Sachs 15, 517 G.;
da fuel der thurn um und risz ain grosz fach an der maur mit im um Knebel chron. v. Kaisheim 354 lit. ver.; wo er mer keme, so müste er den galgen umbreissen oder daran erwürgen Wickram 3, 39 Bolte; dasz mancher schwere tölpel (beim unbeholfenen aufsitzen) schier das pferd umbreist J. Walther pferdezucht (1658) 20; die so in hohen ehren sitzen ..., sie können grosze und kleine bäum umbreiszen Lehman floril. polit. (1662) 1, 180; (die hunde) mit den vorderpfoten in die grosze schüssel griffen und sie augenblicklich mit solcher gewalt umrissen, dasz sie zerbrach Langbein s. schr. 31, 126; der vogel umflog den altar, risz die leuchter um Gutzkow zauberer v. Rom 3, 147; er reiszt den baum net um, wird den wald net umreiszen er ist nicht so stark Fischer schwäb. 6, 100; er reisst keine baͤume um gewöhnlich im sinne von 'er überarbeitet sich nicht' Heyne 3, 1127; mi reissts um ich habe viel zu tun, ich erkranke Jakob Wien. 201ᵇ; obscön: (es ist nötig, dasz der hausvater bei seinen dienstleuten) ungebührliche zotten und umreiszen abstelle und straffe Hohberg georg. cur. (1682) 1, 145; vgl.: umreiszen ernsthaft oder scherzhaft raufen, so auch von liebenden Fischer schwäb. 6, 100; s. auch Seiler Basel 296ᵇ; e fröw umrise sie notzüchtigen Martin-Lienhart elsäss. 2, 961ᵇ.
b)
meist im weiteren sinn von 'abreiszen, abtragen, beseitigen', schlieszlich auch 'zerstören, vernichten'; diripere aras umbreyssen, zerschleitzen, zeboden werffen Frisius (1556) 422ᵃ; die mauren, thürn etc. umreissen atterrare, abbattere ... le mura Kramer 2 (1702) 322ᵇ: so wil ich dis gotteshaus schleifen und den altar umbreissen 2. Macc. 14, 33; all domos in civitate umbreiszen Luther 34, 2, 82 W.; ein kunst ..., damit man auch die welle und bollwerck umbreiszet Agricola 750 teutscher sprichw. (1534) N 2ᵇ; Italien und andere mehr länder wurden durch die Hunen umbgerissen Sleidanus reden 13 Böhmer; die heiligen stätt zuͦ vertilgen und umbzuͦreissen J. Nas antipap. eins und hundert (1567) 5, 91ᵇ; wenn der teuffel ein fingerbreit einreisset, so reisset er alles gantz und gar umb Petri der Teutschen weiszheit (1604) 1, F 8ᵃ; keinen stein würden sie auff dem andern liegen lassen, sondern die erde, worauf ihr stehet, gar umbreissen schauspiele engl. comöd. 28 Creizenach; ergreiff er (Simson) darauff die zwo grundseulen, reisst sie umb sampt dem hauss Dannhawer catechismusmilch (1657) 2, 140; wenn einer dem andern den rath giebt, dasz er am Sylvestertage solle die maulwurffshügel umreissen J. G. Schmidt rockenphilos. (1706) 2, 75; in ruinen von tempeln, die Hannibal mit seinen elephanten umriss Gleim briefw. 2, 320 Körte; ein erzbischof liesz es (das standbild des ehernen pferdes) umreiszen und eine glocke daraus gieszen grafen zu Stolberg ges. w. 8, 9; bildlich, übertragen: die wunden unsers herren werden umgerissen von disem jamer Tauler sermones (1508) 190ᵃ, wohl im sinne von 'noch mehr einreiszen, vergröszern'; der teuffel ... braucht alle seine kunst ..., das er ihn (Christus) umbreisse odder zurrütte Luther 28, 91 W.;
das in nicht mit der zeyt umbreisz
die wassergüss als ungemachs
H. Sachs 5, 320 K.;
setzen unser zuversicht auff einen unbeweglichen und stetten grund, den alle pforten der hellen nicht vermögen umbzureyszen Mathesius ausgew. w. 4, 227 Lösche; ihr mütter ... offtmals umbreisset, was der vater bauet Schupp schr. (1663) 893; die ordnungen, die einmal gemacht sind, nach seinem eigensinne umreiszen zu wollen J. E. Schlegel w. (1761) 5, 32; deine allzu grosze nachgiebigkeit ... reiszt in einem augenblicke die entschlieszungen wieder um J. M. Miller briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 229; dasz die nationalversammlung also eiligst umreiszen muszte, ehe sie noch zeit gehabt hatte, vorher schon aufzubauen Cramer Neseggab (1791) 3, 47; wenn er (durchlaucht) alles alte umreiszt W. Hauff s. w. (1890) 1, 281.
c)
úmpflügen, gern von einem neubruch; scamnum in arando omissum ... wenn die bawren obenhin fahren und das erdreich an etlichen orten nicht umbreissen Zehner nomencl. (1645) 334; arabilis ... das sich pflügen oder umbreiszen läst Corvinus fons lat. (1646) 79: (im mai) soll man auch die grasechten gründer umbreissen M. Herr feldbau (1551) 60ᵃ; wo aber die eegarten umbgerissen ..., das dieselben nit für newbruch gehalten ... worden bair. lanndtsordnung (1553) 116ᵇ; die erste arth der arbeit nennet man brochen, wenn man den acker umbreisset M. Grosser anleit. zu der landtwirtschaft (1590) B 8ᵃ; wie ... das saamgetreidich von meusen und würmern ist auffgefressen worden in der erde, das man das feld auffs newe hab umbreissen und beseen müssen Strigenicius Jonas (1595) 91ᵃ; dasz nicht alleine geackert heist, was man mit dem pfluge umbzureissen pfleget schles. wirtschafftsbuch (1712) 74; sturtzacker heisset ein stück feld, darauf die stoppeln umgerissen ... worden Zincke öcon. lex. (1744) 2849; das frisch umgeriszne erdreich Göthe III 2, 154 W.; hierzu stellt sich vermutlich auch: wenn man bauen will, musz man zuvor die steinbrüche umreiszen und das holz in dem walde fällen Marperger kaufmannmagazin (1708) 280.
d)
seltenere verwendungen; als 'drehen':
ein gans er an dem spizze reiz
bî dem fiuwer umbe
Jans Enikel fürstenbuch 1436 Strauch;
von einer seite auf die andre reiszen: wenn ihn (den vielfusz) einer auff den rücken umbreiszen kan, so wirt er mat und kan sich schwerlich wider auffrichten Heyden Plinius (1565) 369; 'herumreiszen':
die flügel, die der wind
an einer mühl umreiszt
A. Gryphius lyr. ged. 587 Palm;
'herumzerren':
man stiesz, indem er fiel, ihn zweymahl durch die brüste.
ich hab es selbst gesehen ...,
wie man die leich umriesz, wie man durch jedes glied
die stumpffen dolchen zwang
A. Gryphius trauersp. 116 Palm;
'herumschleppen':
als in den schrancken
ein rasend tolles pferd ohn zaum und ziegel rennt ...
und seinen meister tritt und durch den sand umreiszet
A. Gryphius gedichte 589 Palm;
unsinnlich, sich damit beschäftigen: lang hep-me d'ra ummeg' risse, 's hett z'erst nieme gärn d'ribisse Seiler Basel 296ᵇ.
e)
intrans. umreiszen um sich reiszen, sich verbreiten: damit andere dergleichen bubenstücklein ... nicht weiter umbreiszen mögen (ca. 1712) in Alemannia 10, 210.
2)
untrennbar.
a)
kreisförmig umzeichnen, umfahren, so in zauberei und recht:
er umbreiz sich in einem kreiz
unde ruoft dem tiufel dar
Jans Enikel weltchron. 22352 Strauch;
der die selben wurz graben wil, der sol si umberîzen mit golde und mit silber und sprech darobe einen paternoster zwei deutsche arzneibücher 43 Pfeiffer; schuldiget einer den andern eins mordes ... und mag er das nit wisen mit syben unversprochenen personen ..., umbrisset man im die füesse oder erloupt inen den kampf (1411) bei Staub-Tobler schweiz. idiot. 6, 1349. in der volksmedizin: ein jedes glid mag mit disem öl hinweggeetzt werden, wann man mit einem ölbäumin holz, in dieses öl gestoszen, das ort umbreiszet (1608) Staub-Tobler schweiz. idiot. 6, 1350; sein heylung ist also, umbreiss die region (id est den kreiss) cum alumine plumoso Paracelsus chirurg. bücher (1618) 598ᵃ; das umreiszen name für eine art zauberhafter krankheitsbehandlung, bei der der behandelnde mit luchszähnen oder totenbeinen den körper an verschiedenen stellen kreisförmig bestreicht und bestreift Unger-Khull steir. 606ᵇ; dazu umreiszdoctor, umreiszer 'kurpfuscher' ebda. in der geometrie: den man umreistu mit einem zirckel, so du den ein fusz in nabel setzt und die arm auszstregts ein wenig ubersich A. Dürer von menschl. proportion I 3ᵃ; magstu die höhe des abaci oder obern platten also machen, so du die underst dicke der columnen innerhalb einer vierung auffgerissen auszerhalb wider mit einem zirckelkreisz umbreissest Rivius Vitruv (1575) 288; übertragen, etwa wie 'begrenzen': (Christus) übertritt alle schranken, er mag nit umbschrankt werden, er mag nit umbrissen werden als ein ding, das man umbreiszt oder umbschrankt Keisersberg spinnerin (1510) a 7ᵃ; ringsum beschützen:
dô er sich versan, dô greif er   nâch dem swert hin dan:
er wolt sich und die sînen   umberizzen han
Wolfdietrich B 312.
b)
ein bild, eine figur o. ä. umreiszen es mit den ringsum einfassenden linien, im umrisz zeichnen, zeigen: wie dieser grund sol sein. erstlich werden gerissen ein gerade lini zu gleychen wincklen ... also ist zu underst im grund disz fundament gar umbrissen Dürer underricht zu befest. der stett (1527) C 6ᵃ; der bildhauer richtet seine arbeit in drey theil, das erste heist er umreisen oder verzeichnen, wann er den glotz mit rötel, bleyweisz oder kreiten nach der gleichständigkeit bezeichnet Harsdörffer frauenzimmergesprächsp. (1641) 3, 243; das (mädchen) den schatten ihres liebhabers an der wand mit einer kole umrisz, um sein bild zu haben Herder 1, 15 S.; die contouren zu kartiren oder mit der feder zu umreiszen Göthe IV 8, 264 W.; diese mit fester hand keck und sauber umrissenen figuren E. Th. A. Hoffmann 6, 146 Gris.; eine solche (vogtei) umriss er, mit dem zeigefinger einen bedeutenden teil des horizontes entlang fahrend G. Keller ges. w. (1889) 8, 67; obgleich ich jedes lindenblatt scharf umrissen erkannte, vermochte ich doch nicht zu sehen, wer alle diese mädchen waren ebda 3, 112; oft uneigentlich: in der (groszen leere) dennoch alle kräfte und formen der begriffe ... umrissen und verzeichnet seyn sollten Herder 22, 110 S.; das äuszerliche dieses merkwürdigen menschen ist schon umrissen Göthe 28, 245 W.; dasz die erzählung ... mit kurzen, auf den ersten anblick hart scheinenden zügen zustände der personen umreiszt Solger nachgel. schr. (1826) 1, 182 Tieck-Raumer; ein fest umrissener grundplan O. Jahn Mozart 4, 252; dasz in dem muster, wie es Jesus in leben und lehre darstellte, neben der vollen ausgestaltung einiger seiten andere nur schwach umrissen ... sind D. Fr. Strausz ges. w. 4, 388; in ungewöhnlicher umkehrung: jedes einzelne wort ... wurde mit umrissener schärfe weitergetragen Lauff Pittje Pittjewitt (1903) 239.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1934), Bd. XI,II (1936), Sp. 1036, Z. 60.

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