unabänderlich adj. adv.
Fundstelle: Lfg. 1 (1912), Bd. XI,III (1936), Sp. 34, Z. 57
wie die meisten zusammensetzungen mit ander, andern, ändern, endern (Lexer 1, 56. 552; Dietz 1, 73ᵃ; zeitschr. f. d. wortf. 4, 125; Mauthner wb. d. phil. 2, 516) erst in neuerer sprache gebildet Heynatz antibarb. 1, 3; gegensatz zu dem selteneren abänderlich; von dem litterarisch nicht belegten unabänderbar (Sanders wb. 1, 32ᵇ) ein wenig unterschieden Wilmanns gr. 2, 499, 2, insofern bei unabänderbar mehr das activum, bei unabänderlich mehr das medium vorausgesetzt wird; jünger, abstracter und mehr litterarisch als unveränderlich (s. u.), mit dem es gelegentlich zusammenfällt Adelung 4, 941, ohne sich damit zu decken. vgl.unänderlich, unänderbar, veränderbar; nl. onveranderlijk; dän. uforanderlig; schwed. oföränderlig, oombeytlig. in der betonung hat sich der kräftigere nebenton der zweiten stammsilbe dem geringeren der dritten untergeordnet. s. un- V A 2 d. 'abänderlich, ein, so viel ich weisz, noch nicht gebrauchtes, aber allerdings brauchbares wort' Heynatz antibarb. 1, 2; 'unabänderlich ist gut für indeclinabel; hingegen gehört es für unveränderlich, unverändert zur schleppenden geschäftssprache' 2, 509. begriffsentlehnung ist wahrscheinlich und liegt in der 2. 3. 4. bedeutung zu tage. der verbale charakter des comp. ist noch in dativischer verbindung deutlich: den sinnen ... ward ... der rohe stoff der begriffe ... von der natur in einem uns unabänderlichen, dem sinn durchaus verständlichen maas zugemessen, zugewogen Herder 22, 100; beides war ihren vereinten bemühungen unabänderlich Arnim 7, 152. gebraucht wird es
1)
in überwiegend sinnlicher bedeutung bei concreten gegenständen, wobei ein transitives abändern vorausgesetzt ist: obschon sie (die eintheilung) alle länder der erde mit einem unabänderlichen netze von wasserscheiden ... überzieht Ritter erdkunde (1822) 1, 68; die sprache geht ihren unabänderlichen gang J. Grimm klein. schriften 8, 31; das geschick darf nicht als ein unabänderliches uhrwerk dastehen Ludwig 5, 412; ähnlich in prädicativen verbindungen: die drei männer schwiegen; wie wir schweigen, wenn wir vernehmen, was unabänderlich bleibt und uns tief betrübt Holtei erzähl. schriften 2, 149; ich lasse auftragen, da es einmal unabänderlich ist, dasz Sie bei mir speisen Bauernfeld 2, 204.
2)
wie unwandelbar von Schottel 1463, wird von Gottsched unabänderlich für indeclinabilis gesetzt; Reichel Gottschedwb. 1, 6; kleines Gottschedwb. 62; Kinderling reinigk. d. deutsch. spr. 281. 308 u. ö.; empfohlen von Heynatz antibarb. 2, 509; Moritz - Vollbeding 4, 189; im 19. jh. nicht durchgedrungen und veraltet. nl. onverbuigbaar nl. wb. 10, 2090; fr. invariable Sachs - Villatte 2, 1819ᵇ: eine kleinigkeit nur zu erinnern, so hätten wir gewünschet, dasz er (der verfasser) die unabänderlichen, orientalischen namen, ..., nicht allemal ohne das geschlechtswort, welches die stelle der endung vertritt, gesetzet hätte Gottsched das neueste aus der anmuthigen gelehrsamkeit (1751) 1, 552.
3)
hauptsächlich ist es zur bezeichnung von abstracten begriffen, zuständen, umständen, sitten, eigenschaften, gewohnheiten, bedingungen, verhältnissen, gesetzen, schicksalen und willensbethätigungen üblich. die bedeutung entwickelt sich aus der sinnlichen ersten, im zusammenhang mit den gleichzeitigen begriffen der westlichen cultursprachen 'unchangeable, unalterable, invariable, immutable, irrevocable, irreversible' Muret-Sanders 4, 2058ᵃ; 'invariable' Sachs-Villatte 2, 1819ᵇ: immer dauernde unabänderliche glückseligkeiten und tugenden Laroche gesch. d. frl. von Sternheim 1, 193; die prinzen glaubten, ein unabänderliches recht auf die ihnen angewiesenen provinzen bekommen zu haben Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 443; zu einer zeit, da .. noch .. keine synode an eine unabänderliche festsetzung ... einer lehrform gedachte allg. deutsche bibliothek 109, 226; die gute dame speiste nachher, der unabänderlichen gewohnheit des landes gemäsz, in einiger entfernung Forster 2, 59; aus dem einfalls- den absprungswinkel zu machen, da unabänderlichen gesetzen nach beide in ihrem verhältniss einander gleich sind Herder 17, 27; je weniger nur irgend jemand dasjenige auszusprechen im fall war, was ... eine unabänderliche nothwendigkeit unwiderruflich zu fordern schien; desto mehr begünstigte das schöne herz seine einseitigkeit Göthe 20, 329 Weim. (wahlverwandtschaften); ein solcher vertrag ist seiner form nach völlig rechtskräftig; seinem inhalte nach durch seine fürchterliche ausdehnung schrecklich, und wird er dabei als unabänderlich gedacht, wie er bei dem an das landeigenthum geknüpften landbauer gedacht werden soll, so wird durch ihn der mensch völlig zum thiere herabgesetzt. auch ohne an diese schon an sich rechtskräftige unabänderlichkeit zu denken, thut der bevortheilte auf jede anforderung besserer bedingungen .. verzicht Fichte üb. d. franz. revolution (1793) 235; ich leide alle qualen, die ich diesen verursacht habe, im fegefeuer, das die reue eben gebiert und das stete gedächtnisz der unabänderlichen vergangenheit sämmtl. werke 8, 444; wer annimmt, dasz er die absolute, ewige und für die zukunft unabänderliche gestalt der philosophie getroffen habe, musz sich selbst gestehen, dasz er keine eigene habe Solger vorlesungen üb. ästhetik 360;
graf:   ihr wunsch ist ein befehl für mich;
doch nur in diesem einzigen falle
mein wille unabänderlich
Kotzebue 30, 146 (die neue frauenschule 1, 5);
dieser bund bleibt unabänderlich Ayrenhoff 2, 28, 20; mein entschluss ist unabänderlich Pfeffel pros. vers. 1, 150; dasz seine bemühungen, seine unabänderliche liebe endlich ihr herz gerührt hätten Tieck 14, 246; die unabänderliche gleichheit der bürger zog die gleichheit der gemeinden nach Zschokke (1824) 6, 17; bei der erbfolge kraft blutsfreundschaft sollte ... das kaiserrecht unabänderlich seyn Eichhorn deutsche staats- u. rechtsgesch. (1822) 3, 395; mit den metallen vereinigt sich der schwefel in .. unabänderlichen verhältnissen Sprengel chemie für landwirthe 1, 342; es .. war .. eine unerhörte sache, aber nun auch eine unabänderliche, der pfarrer hatte es einmal gesagt, und somit hatte sie ihren weg Gotthelf (1855) 1, 151; ohne aufschub setzte er seinen brotherrn in kenntnis von diesem unabänderlichen vorhaben Holtei erz. schrift. 20, 25; er näherte sich .. den frauen und sprach mit ihnen von dem gebundenen schicksal ihrer unabänderlichen wahl Gutzkow ritter vom geiste 6, 9; welche .. kämpfe .., bis der unheilbar kranke ... sein schicksal als unabänderlich hinnimmt 1, 210; das all in unabänderlicher einheit von geist und materie Lange gesch. d. materialismus (1866) 15; und doch ist es durchaus unwillkürlich, unbesiegbar, ein unabänderlicher mangel meiner natur Pückler briefwechsel u. tageb. 4, 28; es (das chinesische) belastet das gedächtnisz mit dem festhalten einer übergroszen anzahl von wurzelgruppen, denen allein der gebrauch ihren unabänderlichen sinn verliehen hat Peschel völkerkunde (1874) 121;
ich bin erstarrt.   schien doch des fürsten liebe
so heisz, so unabänderlich zu ihr
Grillparzer 8, 222;
die römische curie ... ist eine unabhängige politische macht, zu deren unabänderlichen eigenschaften derselbe trieb zum umsichgreifen gehört, der unsern französischen nachbarn innewohnt Bismarck gedanken und erinnerungen 2, 164 volksausg.; es war unabänderliche sitte, dasz die jungen leute auf diese tage den ersten frack machen lieszen, den hemdenkragen in die höhe richteten und eine steife halsbinde darum banden, auch die erste hutröhre auf den kopf setzten Keller 1, 348; es (das glück des wissens) weiset vorwärts und nicht zurück und läszt über dem unabänderlichen leben des gesetzes die eigene zerbrechlichkeit vergessen 3, 16; 'ich sehe', rief er (Scharnhorst) seinen freunden zu, 'unsere weltereignisse als den unabänderlichen naturgang der völker an' Meinecke leben des generalf. v. Boyen 1, 164.
4)
adverbial oder formelhaft erstarrt unabänderlich in der briefunterschrift, vgl. unwandelbar u. ä. Ernst Schrader die schluszformel in Göthes briefen 7; hochachtung und zutrauen unabänderlich betheurend Göthe IV 29, 57, 19 Weim.; unabänderlich G. als unterschrift IV 37, 222 Weim.
5)
das adv. hat gewöhnlich die bedeutung 'ohne dasz etwas daran ab- oder geändert werden kann oder sich ändert'; es steht in synonymen verbindungen mit immer, nothwendig, genau, einförmig u. ä. zusammen und hat wie unabbittlich, unabbrüchig u. s. w. die neigung, recht allgemein zu werden. Heynatz tadelt als zur schleppenden geschäftssprache gehörig es musz dabei unabänderlich sein bewenden haben, noch schlimmer es musz dabei sein unabänderliches bewenden haben antibarb. 2, 509. die neuere sprache hat das wesentlich der prosa angehörende wort trotzdem recht wirkungsvoll ausgebildet: da er (der zwischenknochen) doch unabänderlich der obern kinnlade angehört Göthe II 8, 24 Weim. (zur morphologie); mit dem vorbehalt, dasz ... ihr eine ... strafe von 20 thalern unabänderlich zuerkannt werden soll IV 19, 13 Weim.; formelhaft: wo ich den herrn landgrafen als meinen vieljährigen unabänderlich gnädigsten herrn mit freuden verehrte 33, 284 Weim.;
willst du ... unabänderlich,
und wäre der verdacht auch noch so grosz,
dem vater nicht, der mutter nicht so traun
als mir?
Heinrich von Kleist 1, 821 (Schroffenstein III 1);
jene regungslosigkeit lag starr und unabänderlich auf ihm fest Fouqué zauberring 1, 209; der provinzialname hingegen hält die persönlichkeit der heerhaufen unabänderlich und auf eine jedem einzelnen theuere weise fest gefühle 1, 213; unabänderlich entschlossen Fr. L. Schröder 2, 247; den unterschied ..., den die geburt zwischen ihnen beiden unabänderlich festgesetzt hatte Arnim 7, 10; bis auf den heutigen tag, sind viele völkerstämme ... hier unabänderlich in bewegung Ritter erdkunde (1822) 1, 1044; den widerstand der Amerikaner betrachtete er unabänderlich als rebellion Gentz 2, 125; die stimme, mit welcher die thierwelt für alle einzelnen geschlechter einförmig und unabänderlich ausgestattet wurde, steht demnach in unmittelbarem gegensatz zur menschlichen sprache J. Grimm klein. schriften 1, 264; wenn aus irgend einer anderen verbindung des quecksilbers, mit sauerstoff, chlor, jod, brom etc. das quecksilber ausgeschieden und ersetzt wird durch eisen, so habe ich für je 100 theile quecksilber immer und unabänderlich 27 theile eisen nöthig Liebig chemische briefe (1844) 44; in den unabänderlich fixirten namen Mommsen röm. gesch.² 1, 15; ein unabänderlich (ein für allemal, endgültig) datirtes ereignis 1, 168; das objekt ist nothwendig und unabänderlich in der verkettung der gründe und folgen bestimmt Schopenhauer 1, 374; können Sie mir nun, genau und unabänderlich, feststellen, wann und auf wie lange wir Sie erwarten dürfen, so bestelle ich meine damen vor- oder nachher Droste - Hülshoff br. an Lev. Schücking 292; wird niedergerissen, unabänderlich; die neue dampfmaschin' kommt auf den platz! Nestroy 6, 106; wer ein tier schlug oder .. eine schamlosigkeit beging, der wurde vom hausvater ganz ruhig, aber unabänderlich fortgewiesen Rosegger das sünderglöckel 21; das unabänderlich geschehene bekehrt besser als tausend bittende worte Fontane I 2, 29; da sie die vormittagsstunden unabänderlich in ihren geschäften verbrachten, lieszen sie ihre besuche auf die zeit nach tisch ansagen Keller 5, 29; wenn sich dann ein verständiger, rechtlicher und hübscher mann finden sollte, .. so soll dieser mann mit den stärksten eiden sich verpflichten, derselben (der jungfrau) so treu, aufopfernd und unabänderlich ergeben zu sein, wie es mein unglücklicher liebster gewesen ist, und dieser frau sein leben lang in in allen dingen zu willfahren 1, 296; er erlaube sich die frage, was mit dem beschlusse des hauses wegen des etats für 1862, wenn er denselben als unabänderlich feststehend betrachte, geschehen solle: ob die regimenter zu entlassen seien u. dergl. Bismarck polit. reden 2, 26.
6)
auch der superlativ ist möglich: einer der unabänderlichsten grundsätze des römischen hofes war es von jeher, dasz ein kaiser schwach seyn müsse Schmidt gesch. der Deutschen 5, 20; weil ich für ihren sohn Jakob die ausserordentlichste, unabänderlichste und unendlichste verachtung hege Fr. L. Schröder 3, 337.
7)
das unabänderliche, substantiviertes adj., kann sowohl die eigenschaft der unabänderlichkeit als das, was unabänderlich ist, bezeichnen; das erste: und wäre der plan auch von dem besten kopfe gemacht, so ist schon das unabänderliche genug, um ihn schädlich zu machen Nicolai reise durch Deutschland und die Schweiz 4, 760; sonst: indem ich der geschichte dieser entstehung nachgehe, und für jede wirkung eine hinreichende ursache entdecke, falle ich unvermerkt in eine art von philosophie, und gebe mich so über das unabänderliche zufrieden Tieck (1828) 6, 1, 110; nach einigen monaten war der hochmeister in eine so verzweifelte lage gerathen, dasz er bereits entschlossen war, sich in das unabänderliche zu fügen und den huldigungseid zu leisten Ranke 2, 329; in das unabänderliche musz sich der mensch ergeben Ludwig (1891) 1, 260; übrigens, .. empfinde ich keine neigung zu Ihnen, so wenig als zu jemand anderm, und hoffe, dasz Sie sich mit aller hingebung und artigkeit, die Sie soeben beurkundet, in das unabänderliche fügen werden, ohne mir gram zu sein! Keller 4, 56; dasz er sich in das unabänderliche ergeben ... solle 4, 245; sobald die würfel gefallen waren, begann Gagerns unsterbliche vertrauensseligkeit sich wieder über das unabänderliche zu trösten Treitschke hist. u. polit. aufsätze 1, 176; er ist kein weib, das sich über unabänderliches grämt Ebner - Eschenbach 3, 343; ruhig nahm sie die nachricht auf als etwas unabänderliches Polenz Grabenhäger 1, 336.
Zitationshilfe
„unabänderlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/unab%C3%A4nderlich>, abgerufen am 14.12.2019.

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