Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

unabläszlich, frühnhd. adj. adv.

unabläszlich, frühnhd. adj. adv.,
heute durch unablässig verdrängt; in älterer schreibung auch unablesslich, unablässlig; s wird mundartlich vereinfacht; epenthetisches d erscheint bei Xylander in vndablesslich Weinhold mhd. gramm. § 186; Wilmanns gramm. 1, § 153; unabloͤszlich einmal bei Gryphius und der Gottschedin. unumgelautete formen bei Eberlin von Günzburg und Kant. 'unabläszlich eine fehlerhafte form' Heynatz antibarb. 2, 510; mnd. unaflâtlik 'unvertilgbar' Schiller-Lübben 5, 15ᵃ; Lübben-Walther 427ᵃ. gegentheil von ableszlich 'venialis, venialiter' Diefenbach-Wülcker 11. adjectivum.
1)
wie unablässig in passivischer bedeutung 'nicht zu erlassen, unterlassen', also 'nothwendig, auch erbarmungslos, nicht zu vergeben, unerläszlich': zehen gulden one ableszlich quelle des 15. jhs. bei Diefenbach-Wülcker 11; zu solchen wichtigen, teglichen, unableszlichen sachen ist kein trunkenbolt nütze noch geschickt Luther Hans Worst 56;
mich bring zu ewigem verdammen,
ins unablesslich hellisch fewer
Hans Sachs 8, 130, 17 Keller;
es ist fürwar solches (die leibesfrucht abtreiben) ein vnabläszlich sünd, die gott .. hie zeitlich vnd dort ewigklich hefftig straffen wirdt Höniger narrensch. (1574) 352ᵇ; wirdt er ein vnablessliche straff leiden müssen Xylander Polybius (1574) 59; ein grosse vndablessliche straff 346; ja der weltlych potestat solt sie vmb sollich vnablaͤslig offentliche gottis lesterung gar erwurgen Eberlin von Günzburg 3, 12 neudruck; mit unablässlicher straff Dannhawer catechismusmilch 3, 174; die unablaszliche forderung der vernunft Kant 7, 279; eine unabläszliche pflicht Hippel 6, 3.
2)
activisch 'nicht ablassend, unaufhörlich': und dagegen der unglaube ein ferlicher, teglicher unableslicher tiuffel ist Luther 30, 2, 617 Weim.; wolt ich im sogar nit anhangen, das er auch solt ain vnablaslich widersprecher haben an mir Eberlin von Günzburg 2, 144 neudr.; mit vnabläszlichem anhalten, begern geplagt werden Fischart Bodin 294ᵃ; derwegen solchen mut nicht vnder der aschen erstoͤcket ligen zulassen, sondern mit dem bloszbalg strenger anmanung vnd vnablaͤszlicher uͤbung mehr auffzublasen Garg. 273 neudr.; der erwachsenen jugend lasterstuck aber mehrertheyls zu haͤftig, schaͤdlich vnd schricklich seien, als da sind vnmaͤsiger vnd vnablaͤslicher schlamp vnd fras ehzuchtbüchlein 308, 19 Hauffen; anfang eines vnablaͤszlichen hader Wickram 2, 126, 10 Bolte; als aber ... ihre kilchgnossen begert habend inen ein ... person zu einem pfarrer ze verordnen ... hat iren unablaͤsslich begaͤren ... verwilligung bewegt Tschudi chron. 1, 92; mocht aber wegen dess vnablässlichen strengen türckischen stürmens ... nit erhalten werden Stumpf Schwytzerchronik (1606) 15ᵇ; er hat mein hertz, gleich den rincken an meiner thür, mit unabläszlichen anklopffen in verwirrung gesetzet Olearius persian. baumgarten 2, 3; höret doch wie sie die schlaffende rache mit unabläszlichem ruffen erweck Gryphius 249 Palm; die ausg. von 1663 hat unablöszlichem; das kalte und warme, das truckne vnd feuchte ... sind in vnablässlicher kriegsverfassung Harsdörffer frauenzimmergesprechspiele 1, B VIIIᵃ; diese mit unablaͤszlichen geilheiten schwanger gehende Julia zuͤndete .. neue liebesflammen in dem gemuͤthe des Drusus an Lohenstein Arminius (1689) 1, 330; Wolffs schriften zeigen seinen frühen fleisz, sein unermüdetes tiefes nachforschen, seine dadurch erlangten kenntnisse, seine erhabene wissenschaften, seine unablöszlichen beschäfftigungen, die allgemeinen nutzen gestiftet haben Gottschedin briefe 2, 279; er solle der vorzüge seiner jugend genieszen; im fache junger liebhaber, junger helden müsse er lange zeit das publicum entzücken und verdienten unabläszlichen beifall sich zueignen Göthe 36, 243 Weim.; unablässliche arbeit schrift. der Göthegesellschaft 7, 288; unabläszliche mühe Seyler leben Friedrich Wilhelms 18.
3)
mnd. ἅπαξ εἰρημένον, um 'character indelebilis' zu übersetzen: (dorch de dope) wert in gedrucket des mynschen selen eyn vnafflatlych teken, dat he ewich beholt Schiller-Lübben 5, 15ᵃ. adverbium.
1)
passivisch: (wer in seinem hause glückspiele duldet) der oder dieselben sollen die yetzgemelten pene .. unableszlich ze geben verfallen sein Nürnberger polizeiordn. 89 Baader; dann wer sollichs überfüre, von dem will eyn rate die nehst obgeschriben peen unablesslich nemen 245; streng und unablaͤsslich Tschudi chron. 1, 35; die ein jeder .. vns in vnser vnnd dess reichs cammer vnablässlich zu bezahlen verfallen seyn soll Ayrer processus juris (1600) 538.
2)
activisch 'ohne unterbrechung, ohne abzulassen, unaufhörlich', heute etwas schnörkelhaft oder behaglich: da seyn boͤsze beissende thier, die sich unablaͤslich verwickelen in den leib Albrecht von Eybe spiegel der sitten (1511) N IIᵇ; so dienet es auch dazu, das die papisten mit der menge göttlicher zeugnis uberschüttet und Gott unablesslich verklagt und fur der wellt endlich zu schanden werden Luther 30, 3, 410 Weim.; nicht des minder hat sich nachgehends begeben, da sich inn ainer geplütschaft unablaͤslich vil tugendbeflissene ... herfür thaten Fischart podagr. trostbüchlin 41, 16 Hauffen;
er ist mir braͤutgam, ich jhm braut,
er hat sich mir, ich jhm vertraut:
er bleibet unzertrennlich mein
und ich bleib unablaͤszlich sein
Silesius heilige seelenlust 279 neudr.;
hörete Musai nit auff, .. dessen angehörige unablässlich zu bedienen Grimmelshausen 4, 856, 11 Keller;
sag ihr wie die abwesenheit
mein gesicht unablaͤszlich noͤtzet
und wie ihr suͤsze freundlichkeit
mich laider! ietz toͤdlich verloͤtzet
Weckherlin 1, 257, 9 Fischer;
ich bin mit der gröszten hochachtung unabläszlich dero ergebner diener Rabener 3, 186; man kann ungezweifelt voraussetzen, dasz die jesuiten unabläszlich thätig sind Nicolai reise d. Deutschland u. d. Schweiz 4, 655;
wollen wir nach deinem wink
unabläszlich streben
Göthe 1, 127 Weim.;
sie finden in mir den aufrichtigsten theilnehmenden, der unsrer unvergeszlichen seit ihren frühern blühenden jahren unabläszlich gefolgt ist IV 42, 61 Weim.; ich schematisire unabläszlich IV 13, 31 Weim.;
und meine wirthin würz' ihm unermeszlich
mit zucker sie und rahm und feinstem geist,
dasz er dran müsse denken unabläszlich
Rückert 3, 124.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 1 (1912), Bd. XI,III (1936), Sp. 71, Z. 23.

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Zitationshilfe
„unabläszlich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/unabl%C3%A4szlich>, abgerufen am 24.10.2020.

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