unannehmlichkeit f., subst
Fundstelle: Lfg. 1 (1912), Bd. XI,III (1936), Sp. 154, Z. 38
zum vor. adj., gegensatz vonannehmlichkeit. mhd. unannæmlichkeit, mnl. onaennemelijcheit mnl. wb. 5, 205 sind im 16. jh. abgestorben; das neuere wort unannehmlichkeit hat das aufkommen des adj. unannehmlich zur voraussetzung und wird erst nach 1750 häufiger. Kramer (1678 und 1719) verzeichnet es noch nicht; Stieler 'unannemlichkeit molestia, austeritas, severitas, difficultas' 1361; Frisch 2, 12ᶜ; Steinbach 2, 131; Adelung 4, 829; Campe 5, 121ᵃ; 'inconvenienz, beschwerlichkeit, unannehmlichkeit, ungemach, unschicklichkeit' Kinderling 280. in den mundarten scheint das wort ganz zu fehlen.
1)
das ältere st. f. unannemlicheit, das Tauler gern verwendet (vgl. Seuses unangenommen, Taulers angenommen, angenommenheit glossar zu Taulers pred. 444ᵇ) ist im gegensatz zu annemelicheit (444ᶜ) zu stellen; dieses erläutert Tauler am deutlichsten 112, 9 ff. das gegentheil, die unannemlicheit, ist ein tugendhafter zustand oder eine eigenschaft der passivität, die nichts in den wesenskern aufnimmt. synonym werden gelassenheit und lidikeit gesetzt: die bredige usser sant Paulus epistele von dem sehtzehensten sunnendage seit under vil andern tieffen sinnen, wie der mensche kummen mag in die hoͤhe der uͤberwesenlichen gotheit durch drei tugende, gelossenheit, lidikeit und unannemlicheit pred. 364, 16; (1508) register va; dise búgunge wiset uns uf einen rechten underwurf und rechte gelossenheit und uf lidikeit und uf unannemlichkeit 365, 23; dieselbe dreiheit 366, 28. 370, 33; dise bleicheit des kleides meinet einvaltikeit der wandelunge und unannemlicheit und lidige lutere gelossenheit 379, 31. nachklang bei Luther: es ist eyn frucht der unannemlichkeyt, das nur sie alleyn und sonst niemant frey und reych sey 10, 1, 1, 648 Weim. nur diese bedeutung hat sich ins mnl. fortgepflanzt mnl. wb. 5, 205.
2)
das jüngere nhd. wort verneint
a)
zunächst die eigenschaft der annehmlichkeit, 'aangenaamheit, bevalligheit, behaaglykheit' Kramer (1719) 2, 12ᵇ; Adelung 1, 344, 1; Campe 5, 121ᵃ, 1. häufigen scheint es erst nach den fortschritten der popularpsychologie des 18. jhs. geworden. s.unangenehm: am besten aber ist es, wenn der meister seinen hauch so in der gewalt hat, dasz er den tiefen tönen dadurch ihre unannehmlichkeit abringt Schubart ästhetik der tonkunst 320; denn das sehen ist gar nicht .. unmittelbar und durch seine sinnliche wirkung einer annehmlichkeit oder unannehmlichkeit der empfindung im organ fähig Schopenhauer 1, 269.
b)
concret bezeichnet es, was unannehmlich (2) oder unangenehm (2. 3) ist, in der mannigfaltigsten abstufung des inhalts:
kind wiltu englisch seyn, so kanstu es bereit:
wie dann? sie leben staͤts in unannehmlichkeit
(in rebus adflictis, der trübsal des lebens)
Angelus Silesius cherubinischer wandersm. 52, 139 neudr.
viel leichter wiegt das wort in der literatur- und umgangssprache der classischen zeit; es wird dann zur bequemen und milden conventionellen bezeichnung von etwas unangenehmem, das man meist nicht nennt und abschwächen möchte: nach und nach gewöhnte ich mich aber an diese unannehmlichkeit, wie man sich am ende an alles gewöhnt Knigge roman meines lebens 1, 126, 14; warum wollen sie mich also der unannehmlichkeit aussetzen Stephanie 277, 26; sollte ihnen eine unannehmlichkeit zugestoszen seyn? Thümmel reise 2, 244; mein behagen gefiel, und ich hatte keine unannehmlichkeit, keinen zwist auszer ein einziges mal mit dem wirth Göthe 32, 129 Weim.; die unannehmlichkeit, die ihnen begegnet, hat doch, wie ich sehe, gute früchte getragen IV 37, 83 Weim.; da ich nun hieraus manche unannehmlichkeit und verdrusz zu befürchten habe IV 29, 72, 14; dies ist die einzige unannehmlichkeit von einigem belang, die ich hier fühle Forster 7, 340; obwol die kälte für die empfindung empfindlicher wird ..., weil damit zugleich die unannehmlichkeit der periodischen regen eintrifft Ritter erdkunde 4, 924. Raabes humor bezeichnet das äuszerste als die letzte unannehmlichkeit: seine hand hat mich mehr als einmal zu wasser und zu land vor der letzten unannehmlichkeit geschützt leute aus dem walde³ 104. plural. insbesondere sind unannehmlichkeiten das kleine ungemach des lebens, die tücke des objects, unvermeidlicher ärger, verdrusz, unliebsame vorkommnisse u. dgl., die der gebildete mit dieser bezeichnung als immerhin noch erträglich abthut. die stilistischen verbindungen sind äuszerst mannigfach; am geläufigsten: unannehmlichkeiten haben, erfahren, empfinden, sich zuziehen, fühlen lassen, ertragen, machen, bereiten, verursachen, sich oder andern ersparen, vermeiden, sich unannehmlichkeiten aussetzen, ausgesetzt sein, in unannehmlichkeiten bringen, verwickeln, es kommt zu unannehmlichkeiten, sie erwachsen, haben ein ende, unannehmlichkeiten zur folge haben. euphemistisch: jemandem unannehmlichkeiten sagen. vgl. unangenehmes, unangenehme wahrheiten sagen: so unvollkommen sind die freuden der groszen, die mit allen vorzügen oft vil unannehmlichkeiten ausgesetzt sind Gottschedin briefe 2, 165; wer solche unannehmlichkeiten voraussieht Miller gedichte vorb. 5; eine billige schadloshaltung für die unannehmlichkeiten, die sie hatte ertragen müssen Archenholz England u. Italien 1, 25; ist es daher irgend möglich, kleinere unannehmlichkeiten .. vor deiner ehefrau zu verbergen, so verschliesze lieber den kummer in deinem herzen Knigge umgang mit menschen 2, 67; die blos leidentlichen unannehmlichkeiten des scharfen, spitzigen, rauhen u. f. setzen wir dabei zum grunde Herder 22, 41 (Kalligone 1); wie ich nun auf diesem wege viel mehreres kennen als zurechte legen lernte, .. so hatte ich auch vom leben manche kleine unannehmlichkeiten Göthe 27, 55 Weim. u. o. Bohner 41 f.; und daher auch der wunsch, dasz es ihnen, zur vermeidung aller unannehmlichkeiten gefallen möge, über das erwarten einer gesammt-ausgabe ... zu schweigen Müllner 8, 70; zu grosse unannehmlichkeiten, überdies ohne allen nutzen, hatte die anwesenheit Luxemburgs für Sixtus V. zur folge gehabt Ranke 38, 158. ironisch:
ich bedaure, dasz er (Christus) einst,
ein'ge unannehmlichkeiten
zu Jerusalem erfahren
Heine 1, 472;
ich erinnere mich noch so gut, als wäre es erst gestern geschehen, dasz ich (im französischen unterricht) durch la religion viel unannehmlichkeiten erfahren 3, 153; der einsamkeit unannehmlichkeiten Rückert 11, 430; den missionären .. geschah zuweilen das widerwärtige, dasz die .. frechen sünder sie alle unannehmlichkeiten der lokalität empfinden lieszen Gutzkow ritter vom geiste 4, 116; damit ich nicht unannehmlichkeiten habe Herwegh briefe 55; wenn er nur nicht etwa aus lauter diensteifer g'schichten anfangt, die uns in unannehmlichkeiten verwickeln Nestroy 2, 34; machen sie indessen keine anstalten zur abreise .. sie ersparen sich und mir unannehmlichkeiten Bauernfeld 3, 178; sind deine papiere in ordnung, dasz du mich in keine unannehmlichkeiten bringst mit der polizei Freytag 4, 49; die unannehmlichkeiten, mit denen regen und wind das arme häuschen heimsuchten Ludwig 2, 200; denn es würde ihm leid thun, wenn es zu unannehmlichkeiten kommen sollte Keller 1, 152; der versuch einzelner mitglieder, gegen die fractionsleitung, gegen den schlagfertigen redner aufzukommen, ist mit soviel unannehmlichkeiten, mit niederlage in der abstimmung, mit störungen in dem täglichen, gewohnten privatverkehr verbunden, dasz schon ein recht selbständiger charakter dazu gehört, eine von der fractionsleitung abweichende meinung zu vertreten Bismarck gedanken u. erinnergn. 2, 186; da hat er sich schon viel unannehmlichkeiten zugezogen Hauptmann einsame menschen 39; dann kam er um alle diese unannehmlichkeiten herum Polenz Grabenhäger 1, 244.
c)
nach Sanders und Hilpert 2, 663ᶜ bedeutet unannehmlicheit auch soviel wie unannehmbarkeit; aber wenn Sanders 2, 1, 420ᶜ dafür als beispiele die unannehmlichkeit einer bedingung, eines vorschlags ausdenkt, übersieht er, dasz der sprachgebrauch wegen der möglichkeit einer verwechslung mit bedeutung 2 das meidet. vgl. aber annehmlichkeit Adelung 1, 344. zusammensetzung: verdrieszlich wegen sessionsunannehmlichkeiten Göthe III 13, 77 Weim.
Zitationshilfe
„unannehmlichkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/unannehmlichkeit>, abgerufen am 27.05.2019.

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