Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

unerträglich, verbaladj. adv.

unerträglich verbaladj. adv.
gegentheil von erträglich, seit dem 16. jh. älteres unträglich (s. d.) verdrängend. vgl. insuportabilis (Du Cange 4, 385ᵃ) und importabilis der vulgata (Math. 23, 4. s. auch Du Cange 4, 310ᵇ); ahd. ungitraganlîh, unfertragenlîh u. s. w. (vgl. unverträglich); mhd. untregelich; mnd. undregelik, undragelik; nd. undräglich; mnl. ondrachlijc, -cheit, -tich; nl. ondraagelijk, -heid; schwed. odräglig, -het; onerdreijlech lux. 314ᵃ. vereinzelt unertragsam Chemnitz schwed. krieg 2, 668. zur bedeutung vgl.unaushaltbar, ↗unleidlich, ↗unausstehlich (ob. sp. 237; Weigand syn. wb. 2, 300. 302); unleidlich (s. d.) kann bisweilen wegen seines gefühlsgehaltes stärker sein als unerträglich (ein unleidlicher mensch schlimmer als ein unerträglicher), aber meist ist es umgekehrt: bald stritten sie (die seiltänzer) mit dem wirthe, bald unter sich selbst; und wenn ihr zank unleidlich war, so waren die äuszerungen ihres vergnügens ganz und gar unerträglich Göthe 21, 141 Weim. zu unerträglich und unausstehlich: armuth, keuschheit und gehorsam! drei gelübde, deren jedes einzeln betrachtet der natur das unausstehlichste scheint, so unerträglich sind sie alle 8, 14 Weim.; vgl. 19, 14, 5 Weim.
1)
die sinnliche bedeutung weicht gern ins unsinnliche aus, wie denn auch im 16. jh. die vorstellung körperlicher kraftleistung zurückzutreten scheint:
ach mache mich der sünden losz,
der bürden unerträglich
Spee trutznachtigall 177, 30;
die seele ward zur erde gantz gebückt
für ihrer last, die unerträglich drückt
Dach 189;
des unerträglichen joches A. U. v. Braunschweig Octavia 1, xv; drei dinge sind der erde selbst beschwerlich und auch ein viertes ist ihr unerträglich Herder 12, 191; vom Atlas:
ich trage unerträgliches, und brechen
will mir das herz im leibe
Heine 1, 107.
2)
am häufigsten übertragen, von den mannigfachsten begriffen, sowohl auf gefühl und äuszere sinnesempfindung als auf urtheil und bewusztsein bezogen.
a)
von nichtpersönlichem: die grosse fahr und unertregliche verfolgung Luther 18, 434;
dieweil es ist gantz unerträglich,
mit den nachbarn zu zancken täglich
Sebiz 10;
hellenqual Joh. Heermann bei Fischer-Tümpel 1, 266; schade acta publ. 2, 15 Palm; macht Weckherlin 1, 52, 29; mein ohnerträglicher hunger Simpl. 19 Kögel; kälte Prätorius winterflucht 12; die dienstbarkeit sey ihm unerträglicher als der tod Lohenstein Armin. 1, 33ᵃ; der unerträglichste mislaut Scheibe critische musicus vorw. b⁵; gestank Gottsched neueste 1, 92; dieser gedanke war ihm ganz u. Wieland Agathon 2, 318; weg mit euern unerträglichen artigkeiten! S. Gessner schr. 2, 152;
unerträglich
fährt es mir durch alle glieder
Göthe 2, 28, 145 Weim.;
lebhaft bis zum unerträglichen II 1, 54 Weim.; auf ganz u. weise IV 39, 156 Weim.; fast unerträglich wurde dieser zustand Mörike 3, 55. unerträglichfrech Lavater phys. fragm. 1, 88; -freundlich Hermes Sophiens reise 4, 399; -grell O. Ludwig 1, 358 u. ä.
wie kan doch immer sich ein sterbliches gesicht
auf dieser glider form, die an glantz unerträglich ...
nur wagen
Weckherlin 2, 364, 659;
allein seine schriften waren u. Liscow vorr. 14; sylben Adelung lehrgeb. 2, 100; hohe hecken .. werden .. u., indem sie .. die luft .. erhitzen Hirschfeld gartenkunst 5, 86; die unerträglichsten skansionen Herder 5, 302; gebimmele Göthe III 2, 78 Weim.; gesichter I 1, 71; mücken 17, 19, 4; thau 22, 218, 10; da mein briefpapier u. durchschlägt IV 41, 142 Weim.; ein u. jucken Sömmerring v. bau d. menschl. körpers 8, 1, 427.
b)
von personen oder persönlich gedachtem.
α)
im weiteren sinne: selbe die weiber stoltz, ... unverträglich und unerträglich machte Harsdörffer gesprechssp. 2, 70; also sind sie bey gutem glücke unerträglich Lohenstein Arm. 2, 1187ᵇ; dasz dergleichen personen unerträglich seyn, wenn sie nicht allegorisch sind Bodmer v. wunderbaren 137; Sonnenfels der unerträglichste narr auf gottes erdboden Lessing 18, 31; compilator Herder 5, 244; die klugen weiber sind mir u. theater d. Deutschen 12, 160; die kinder ... wurden aus ungeduld u. Göthe 25, 194, 3 Weim.;
sag' nur wie trägst du so behäglich
der tollen jugend anmaszlich wesen?
fürwahr sie wären unerträglich,
wär' ich nicht auch unerträglich gewesen
3, 236 Weim.;
jenen vortrefflichen unerträglichen (Meyer) IV 27, 128 Weim.;
nur ich bin seinen augen unerträglich
Schiller 15, 1, 66 (Phädra 4, 5);
o du unerträglicher saufaus maler Müller 1, 170; dasz er (Heliogabalus) sich nach drei jahren den Römern unerträglich gemacht hat H. Meyer gesch. d. bild. künste 3, 248; Shakespeare würde in konzentrierter form ... u. sein O. Ludwig 5, 87; der menschen, denen ein .. göttliches ich u. ist D. F. Strausz 3, 255.
β)
im engeren sinne unerträglich heiszt jemand, der den voraussetzungen des gesellschaftlichen verkehrs nicht entspricht. ein unerträglicher mensch, dessen sitten die gesellschaftliche wohlanständigkeit im hohen grade beleidigen Adelung: wirklich, ihr seyd u. mit lachen Schwabe belustigungen 1, 107; sie sind ein unerträglicher mensch Gottsched schaubühne 1, 117; der mensch ist u.! wenn er den mund aufthut, so höret man lauter rodomontaden beob. 257; den unerträglichen (lustspiel von Christlob Mylius 1746) vermissen wir gern Lessing 8, 41, 3; ich bin heute u. Göthe IV 1, 215, 5 Weim.; ein verbissener ... unerträglicher brummkater Holtei erz. schr. 36, 185; als mensch mag er vorzüglich sein, als gesellschafter war er mir heut u. Bismarck briefe a. s. braut 60.
c)
von festen verbindungen ist u. fallen unüblich geworden: ihm aber endlich dieses verstellen unerträglich fiele A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 969 (vgl. th. 3, 1283, 3);
ich kam wol, wie es scheint, zum unglück auf die welt,
weil mir der thoren maul so unerträglich fällt
Hagedorn ged. 45, 6 neudr.;
dasz ihm das weitere (in der erzählung) ganz u. fiel Göthe 24, 212, 26 Weim.; wenn ... ein andenken so qualvoll ist, dasz es schlechterdings u. fällt Schopenhauer 1, 261. noch üblich dagegen u. vorkommen Wolff v. gott 274; klingen Gottsched crit. dichtkunst 40; finden Göthe IV 22, 49, 13; scheinen I 42, 2, 143, 10 Weim.; dünken Keller 3, 25; sich ausnehmen Pückler briefwechsel 3, 317; befunden werden Bismarck gedanken 1, 216 u. dgl.
3)
unerträglichkeit für intoleranz (Kinderling 287) hat ein unübliches unerträglich für intolerant zur voraussetzung. vgl. unverträglichkeit.
4)
an unzuträglich streift gelegentlicher und vereinzelt gebliebener gebrauch: habe ich eine reisze ... nach Paris thun müssen, welches mir wie ordinarie gar übel bekommen, den die lufft ist mir da unerträglich E. Charl. v. Orleans 1, 15; wissen wir nicht, dasz dies der gesundheit u. ist? Bettine dies buch 1, 40. bei unerträglichem wetter (Lessing 18, 145) kann immer an bed. 2 gedacht werden.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1915), Bd. XI,III (1936), Sp. 510, Z. 34.

Im ¹DWB stöbern

a ä b c d e f g h i j
k l m n o ó ö p q r s
t u ú ü v w x y z -