Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

unerzogen, part.-adj.

unerzogen part.-adj.
nicht erzogen. mhd. unerzogen; onerzujen, onerzunn lux. 314ᵇ.
1)
selten von sachen und thieren: unerzogeneʒ reht, dem nicht hinreichende untersuchung vorangegangen ist Lexer 2, 1827; unerzogne reben Triller betrachtungen 5, 607; von spatzen Bürger 1, 198; unerzogen schwärmen sie (die geschöpfe der natur) fort nach ihrer bestimmung Göthe 3, 89 Weim.
2)
von menschlicher erziehung und bildung, und zwar
a)
non adultus (vgl. th. 3, 1093): er in mercklicher elty sampt einem unerzogenen kind ... sich ... in eelichen stand gibt Riederer rhetoric s Iᵇ; als rechtsbegriff Zedler 49, 1282; jahrhunderte lang ists (das volk) unerzogen geblieben Herder 17, 96; der lehrer spricht dort zum unerzogenen Gervinus gesch. d. d. dichtung 1, 443; je jünger und unerzogener das menschengeschlecht war, um .. so häufiger geschahen wunder Büchner kraft und stoff 34.
b)
an das stärkere ungezogen (s. d.) heranreichend. 'was sind das für unerzogene kinder (nicht ungezogene), die nämlich noch keine erziehung genossen haben, sich also roh, ungesittet betragen, ohne manieren. es wird hier in einem glimpflicheren verstande genommen als ungezogen, welches zwar eine genossene erziehung verräth, wo aber die kinder dennoch aus der art geschlagen sind, üble sitten angenommen haben und böswillige oder doch leichtfertige streiche verüben, die der genossenen erziehung entgegen sind. im weitläuftigeren verstande heiszt unerzogen, noch nicht die nöthigen kenntnisse zum eintritt in das bürgerliche leben erhalten zu haben' Krünitz 195, 593: viel der unerzogenen und ungerhatenen kinder Guarinonius grewel 3; die dratzieher .. ziehen wohl die metall ... aber bleiben zuweilen selbst unerzogen A. a St. Clara etwas für alle 1, 362;
Antonio hat roh und hämisch, wie ein unerzogner
unedler mensch, sich gegen mich betragen
Göthe Tasso 1420;
dafür aber kommen auch ... auf einen ungezogenen kavalier tausend unerzogene bengel, die nicht kavaliere sind Holtei erz. schr. 23, 162.
c)
auch allgemein von mangel an bildung, verfeinerung, ästhetischer cultur: die natur ... auf die sich der unerzogenste so gut versteht als der polirteste Lessing 10, 31; seine (Lafontaines) schriftstellerey ist recht sichtlich die unerzogene tochter der natur, und es wäre zu wünschen, dasz das dargestellte bey ihm ... eben so viel natur haben möchte A. W. Schlegel Athenäum 1, 155; ins unerzogne ohr J. Paul 20/23, 68. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1915), Bd. XI,III (1936), Sp. 516, Z. 39.

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