unfähig adj. adv.
Fundstelle: Lfg. 4 (1915), Bd. XI,III (1936), Sp. 518, Z. 61
gegentheil von fähig, incapax unfaͤhig Alberus (1540) Z j a. incapable Apini gloss. nov. (1728) 283; Kinderling 278; Campe verd. wb. 368ᵇ. vgl. unbefähigt.
1)
unentwickelt bleibt die sinnliche bedeutung unfangbar, gegentheil von fähig (th. 3, 1238) 1 (Staub-Tobler 1, 724, 4). die act. bedeutung (s. fähig 2) 'was nicht fassen, halten, in sich enthalten kann' wird in der ältesten lexicalischen bezeugung des wortes bei Alberus a. a. o. vorliegen: capax ... vehig, dasz etwas in sich helt; contra incapax unfaͤhig. veraltet, aber noch bis in die neueste sprache hinein möglich: als wenn das übermasz von athem, das die lunge unfähig (sie faszt es nicht) machte, erst hinweggestoszen werden müszte O. Ludwig 5, 133.
2)
übertragen.
a)
objectiv. nicht imstande, ungeeignet, unberechtigt zu empfangen (zu fassen, zu nehmen) oder zu leiden (womit befaszt zu werden); in älterer zeit mit vorliebe auf rechtsverhältnisse angewandt. zwischen unfähig und unwürdig ist rechtlich zu unterscheiden Zedler 49, 1283.
α)
mit genitiv: aus allem obbeschriben anzaigen ist lautter verstanden, das der mensch ewiklich behalten muͦs sein naturlich wesen, auch daneben guͦt und saͤlig wesen behalten mag, soverr er des verdienn Cristi nit unfaͤhig wirt B. v. Chiemsee 151; wann aber jr ainer ... das legat nit annemen wolt oder desselben unfehig worden were Nürnb. ref. (1564) 194ᵇ; wo ein fraw durch schuldt jhres hauszwirts abgehet und stirbt, so wirt jr man dadurch der nutzung des heuratguts, auch aller gerechtigkeyt an demselbigen unfehig statutenbuch 141ᵇ; diese alle seind ... des testaments unfähig J. Böhme 4, 80; weibspersonen .. deroselben (der künste und wissenschaften) fast unfähig geachtet werden Harsdörffer gesprechsp. 1, N 3ᵃ; dieses ampts u. Lehman florilegium 3, 355; der dehnung Scheibe crit. mus. 362; aller belohnungen Klopstock 12, 43; des genitives Adelung lehrgeb. 2, 122; des druckes Gerstenberg recensionen 144, 36 neudr.; der reinsten freuden S. Gessner schr. 1, 113; Vulcan .. war eines hohen ideals u. Herder 17, 360. vgl.b; die armen sind der absolutionen unfähig Klinger 3, 239; ein geschlecht ..., dessen sie in der natur u. waren J. Grimm Reinhard Fuchs VI; aller berechnung u. Lotze mikrokosmus 1, XI; erschien der diebstahl der sühne unfähig Mommsen röm. gesch. 1, 140. der umgangssprache nicht geläufig; von Schönaich im neol. wb. 119, 12 ff. bewitzelt. das heutige sprachgefühl modelt solche fälle nach b um.
β)
mit präpos. zu: zu belohnungen, zur freilassung unfähig Klopstock 12, 42. 64; wenn sich einer verehlichte, ward er unfähig zu allen kirchenämtern Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 355; einen boden, der zum anbau schlechterdings unfähig ist Forster 4, 149.
γ)
mit infinitiv: das aufruͦr ein unfaͤhigs mittel ist friden zuͦbekuͦmmen Eberlin v. Günzburg 3, 258 neudr.; sollten wir, des feineren gefühls ganz beraubt, unfähig seyn, von derselben (stimme) gerührt zu werden? Abbt verm. werke 6, 2, 7; nach Kant ist übersinnliches unfähig, von der vernunft erkannt zu werden Hegel 1, 4.
b)
subjectiv. nicht imstande, fähig, zu leisten, zu thun, zu bethätigen. undeutlich bleiben beispiele wie ein der lieb unfaͤhige persohn theatrum amoris 1, 45; der kriegszucht u. A. v. Haller Usong 128. im allgemeinen ist der subj. gebrauch jünger als der objective.
α)
mit genitiv: so hielt ich euch einer solchen schwachheit unfähig Wieland Luc. 1, 407; ein guter mann, mit wenig scharfsinn, doch nicht ganz unfähig des mönchischen witzes Lavater physiogn. fragm. 1, 210; die freunde ... fanden mich im tiefsten katarrhalischen zustande, unfähig einer jeden theilnahme Göthe IV 38, 258 Weim.; der auspicien u. Niebuhr röm. gesch. 1, 238; des betruges Droste-Hülshoff 2, 335; die des schaffens unfähige masse Vischer ästhetik 3, 1, 4.
β)
mit präpositionen, meist mit zu, seltener mit für: denselben ist nicht verborgen, wie unser armes geschlecht zu schlecht und zu dem studiren unfähig geachtet ... wird Harsdörffer secret. 2. 20; am körper bis auf die augen allerdings etwas besser: aber am geiste weit unfähiger. unfähig zu allem, was die geringste anstrengung erfodert Lessing 18, 35;
veracht ihn, leyer, welcher den genius
in sich verkennet! und zu des Albion,
zu jedem edlern stolz unfähig
fern, es zu werden, noch immer nachahmt!
Klopstock od. 1, 106, 3;
zum dienst Ritter erdk. 1, 155; personen, welche zur eigenen vermögensverwaltung unfähig sind wechselordnung 2, 3; handelsgesetzb. 71, 1; unfähig zum amte des schöffen gerichtsverf. ges. 32. in meinen späteren jahren war ich für eine solche beschäftigung vollkommen unfähig Steffens was ich erlebte 2, 47; Bettine frühlingskranz 306; Varnhagen tageb. 2, 5.
γ)
mit infinitiv: weil er aber solche würde als eine schwere bürde zu tragen sich unfähig geschätzet Zesen helikon. rosentahl 16; was die armuth betrift, so waren sie noch nicht unfähig für sich etwas eigenes zu besitzen Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 334; er war unfähig, jemandem unrecht zu thun Nicolai reise 6, 405; allgemein.
c)
allein, ohne ausdrückliche nähere bestimmungen. die alte bedeutung 'nicht fassend', die ältere beispiele wahren (die alte nachtegall gewehnet jre jungen bey guͦter zeit zuͦ singen; und welche sie geleerig zuͦ sein vermeinet, die zeucht sie mit allem fleisz auff; die aber harte unfehige köpff haben, tödtet oder verschickt sie weit hinweg Heyden Plinius 453; lehr hilfft bey unfähigen wie bey Clausen sein new hosen Lehman floril. 1, 491), klingt noch bei Göthe 20, 38, 19 Weim. durch: sie steht unfähig, ja stöckisch vor einer leicht faszlichen sache. ineptus Apinus. dann allgemein: ein merkmal eines unfähigen .. fürsten Lohenstein Georg Wilhelms lobschr. D 3ᵇ; ich habe keinen unfähigeren tölpel gesehen Gottsched beob. 303; der fähige wie der unfähige Göthe ob. sp. 26, 3; dasz ich von natur der unfähigste mensch wäre F. H. Jacobi 2, 181; diesem unfähigen minister Schiller 14, 215; eine unfähige regierung Häusser d. gesch. 2, 483; unfähig regieren; er war geschäftlich unfähig Bismarck gedanken 2, 226.
d)
wie fähig zeugungsfähig heiszen kann (Fischer 2, 917, 3), so kommt auch unfähig für dessen gegentheil vor: aber sie haben nicht diesz kindliche selbstvertrauen, mit dem die unsrigen (parlamentarier) ihre unfähigen schamtheile in voller nacktheit als mustergültig an die öffentlichkeit bringen Bismarck gedanken 1, 288. so auch unfähigkeit impotenz: ehen, die wegen natürlicher oder sittlicher unfähigkeit ungültig sind Gottsched neueste 7, 544. zusammensetzungen sind häufig: z. b. beschlusz-, bildungs-, dienst-, zeugungsunfähig (ob. sp. 19 f.) u. s. w.
Zitationshilfe
„unfähig“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/unf%C3%A4hig>, abgerufen am 16.06.2019.

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