unfall m.
Fundstelle: Lfg. 4 (1915), Bd. XI,III (1936), Sp. 521, Z. 60

Unterbegriffe in diesem Artikel

hört man in der rede der arbeitenden bevölkerung die unfall, so ist die staatliche unfallversicherung gemeint; das (im schwed. noch vorhandene) neutrum scheint nicht entwickelt. wie ein ahd. val neben gival, steht spätmhd. unval neben ungeval; altfries. unfall, onfal Richthofen 1104ᵃ; anord. úfall, n.; ags. onfeall a swelling Bosworth-Toller 750ᵃ; Höfler 885ᵃ. das mnd. kennt unvallich, unvellich, das mnl. onvallich; nl. onval veraltet, wb. 10, 2080; schwed. ofall, ofälle. Schmeller 1, 705; Staub-Tobler 1, 739; lux. 314ᵇ Frischbier 2, 422ᵃ. vgl.ungefall, ungefälle u. s. w. ohnfall th. 7, 1202; onfellen (dat. plur.) Münster cosmogr. 192; vnnfall Schaidenreiszer Odyssea 1ᵇ; Clemen flugschr. 2, 67; onfall Frischbier a. a. o. mundarten haben wie in fāl (Staub-Tobler 1, 734; Fischer 2, 922) oft lange stammsilbe, was in der schriftsprache bis ins 17. jh. nachwirkt; so unfahl Sachs 14, 235, 6. 15, 207, 6. 16, 39, 23 Keller u. o.; Kirchhof wendunmuth 1, 88; Calepinus; Ayrer 173, 12. 351, 9 Keller; Hoeck blumenfeld 18, 7 neudr.; Agricola-Bech (1621) 18; unfalh Wickram 2, 61, 24; unfaal Boltz Terenz 25ᵃ; Frisius 43ᵃ. 135ᵇ. auch das unterbleiben der verdoppelung im dativ unfale (Fries Würzb. chron. 323ʳ) deutet auf diese länge. Schmidt-Petersen 148ᵇ setzt ein fries. unfāl an. im luxemb. onfal̰ ist der den vocal etwas dehnende schwebelaut bezeugt (wb. 1906 a. a. o.). bei der schweizer. form uffall wird im idiotikon 1, 737 an ungeschickte schreibung für uⁿfal gedacht. plural unfehl ebd. 739; unfäl Maaler 460ᶜ; unfäll Fischart ehzuchtb. 142, 19; unumgelauteter gen. plur. unfal (aller dieser unrat und unfal .. schuldig) Eberlin v. Günzburg 2, 33 neudr.; dat. unfallen Garg. 322 neudr.; Fischart Stauffenb. 298. concurrenzbildungen wie miszfall; mnl. misval; mhd. nôtval; ahd. urval interitus, corruptio, vorago; nhd. ohrfall, urfall, vor allem ungefall, ungefälle (s. d.); mnd. vorval; nhd. zwischenfall (alles andere sind zwischenfälle, die man wie andere unfälle erdulden musz Göthe IV 28, 120 Weim.), und mundartliche bildungen wie fürfall, infall, uffall u. a. nähern sich unserem begriff theilweise. ganz abstract nichtfall: im nichtfall (wenn das nicht der fall, das papier nicht schön ist) ist's freilich anders Meusebach an J. Grimm 191 Wendeler. für adversität, missewende empfiehlt Campe verd. wb. 89ᵇ unfall. ferner steht umfall Weigand syn. 3, 855; Höfler 885ᵃ. 120ᵇ. seine ältere hauptbedeutung II 1 a hat unfall nach dem 17. jh. an unglück (s. d.) abgetreten. das verhältnis zu dem grundwort fall ist nicht eindeutig: fall kann selbst schon pejorativ oder sozusagen negativ (Adelung 2, 25; Staub-Tobler 1, 735) sein, neben gefall, fall stehen ungefälle, unfal buszen, zu unfall bringen (Reinicke Fuchs 1650, 103) neben zu fall bringen, fälle und unfälle (in allen fällen und unfällen Herder 13, 54, 69. vgl. oben sp. 26, 3 und heur et malheur) sind keine gegensätze. die bedeutung des präfixes ist wesentlich improbativ (oben sp. 24), den gegensatz giebt Alberus (1540) durch glückfall, Frisius sagt das unstaͤt glück verendert schnäll guͦten fal in unfal 1375ᵇ; wie glück ist dann fall vox media. th. 3, 1273; Nyrop-Vogt 69. ob es ein etwa zwischen unfall und unsälde stehendes unfäld (Steinhöwel Äsop 160; Keisersberg bilg. [1512] 173ᵇ) gegeben habe, musz hier zunächst dahingestellt bleiben. jedenfalls ist die ansetzung eines mhd. st. f. unvalte (Lexer 2, 1948) irrig; die angezogene stelle aus dem spiel von frau Jutten des Dietrich Schernberg (halten: unfalden 1390 Schröder) ist zunächst wie balde: unfalle 1128, solden: wollen 673 und andere md. reime (Weinhold mhd. gr. § 212) zu beurtheilen (vgl. mundartlich folder = voller, kelder, seldery = keller, sellerie u. s. w.); jhren unfalden braucht nicht plur. zu sein.
bedeutung und gebrauch.
I.
reste sinnlicher grundanschauung werden meist von der abstracten vorstellung infortunium durchwuchert.
1)
unfall entspricht dem einfachen fall 1 a (th. 3, 1271), ruina, dessen übles ergebnis betonend: die andern schreiben dise zerstoͤrung (von Straszburg) Attile zuͦ, doch melt hie Nauclerus auch den unfal dieser statt Franck chron. Germ. 88ᵇ; das so seim baw ein unfall widerfuhr Sebiz 33. unglücklicher fall, sturz Höfler 120ᵇ.
2)
fall 1 f (th. 3, 1272) entsprechend gilt es von der entehrung oder schwangerschaft einer jungfrau:
eines tags die jung wainend anfing
und ir muter den unfal klagt
H. Sachs 2, 239, 39 Keller;
die andere ursach desz unfals der jungfrawen ist die grosse freyheit Albertinus hirnschleiffer 235;
miss Ignorantia ward schwanger ...
ihr unfall freute sie
Pfeffel poet. versuche 8, 31;
se ös tô onfall gekaͦme sie ist schwanger Frischbier 2, 422ᵃ. von der ehefrau: kommt sie sonsten zu unfall und wird geschimpfet, so muss ihr mann .. billig vor sie sprechen Reinicke Fuchs (1650) 233. wenn heute von unfall (defloratio) der jungfrau und unfall (abortus) der frau die rede ist (sie hat einen unfall gehabt), wird das gern nach bedeutung II 2 wesentlich euphemistisch aufgefaszt. mnl. misval van kinde miskraam. nl. die doogter heeft eenen misval gehad das mädchen ist zu falle gekommen; die vrouw h. e. m. geh. die frau hat ein unglückliches kindbette gehabt, es ist ihr unrichtig gegangen Kramer-Moerbeek 1, 276ᶜ; schwed. missfall Nemnich nosol. 1ᵃ. vgl. ungefällig.
3)
dasz aber unfall abortus wie miszfall fehlgeburt (th. 6, 1283) ursprünglich sinnlich gemeint war, lehren umfallen niederkommen (Staub-Tobler 1, 753) und fallen, gefallen prolabi ex utero (th. 3, 1279 A 3; th. 4, 1, 1, 2103, 2): damit sie (die schwangeren frauen) nicht zu frühe noch zu spat genesen, auch jnen nicht miszlinge und kein unfall begegne Ruoff hebammenbuch 44; beifusz, der frau an den rechten schenkel gebunden, hilfft der natur zu rechter wehe, wehret unfall, fürdert das nachwesen Gäbelkover artzneybuch 2, 49. noch heute heiszt miszfall fehlgeburt, wobei die frucht sozusagen schlecht herausfällt aus dem leibe Höfler 120ᵃ.
4)
in der bezeichnung von krankheit und seuche als unfall (mnl. misval ziekte, lichaamsgebrek; s. auchanfall, zufall) mischen sich sinnlich-unsinnliche und persönlich-mythologische beziehungen. vgl. III. wie fall prolapsus und das durch fall verursachte übel (th. 3, 1272, 1 g) bedeutet, kann unfall eine plötzliche störung des bis dahin gesunden zustandes innerer organe sein. innerlicher unfall Höfler 120ᵇ, der ags. innanonfealle hierher zieht: S. Johannsöl ... heilet die masen und heilt auch den brand, und wann eins im leib ettwan ein unfall hat, soll man jhm ein wenig zu trincken geben Gäbelkover artzneybuch 2, 404. Luther übersetzt 1 Mos. 42, 38 μαλακία (Zedler 49, 1284) durch unfall; allerdings hat die vulg. einfach si quid adversi. verstopfung: darumb ich auch selbs vil personen gesehen hab, welche bei gantzer sechs tage keyne offenung des leibs haben mögen bekommen ... solchem unfall nun auch zu begegnen, soltu Sebiz 236; vor unfallen vor schwächezufällen (?) Garg. 322 neudr.; th. 8, 1886. vgl. unfällig 4, 5. böser fall krankheitsfall Staub-Tobler 1, 735; ungefäll ansteckung 1, 746. unfall viehseuche Schmeller 1, 705. vgl. viehfall, viehumfall; anthrax-epizootie Höfler 120ᵇ; bald aber miszgewäsz in die frücht kummen, unfal under das vieh Wickram 2, 307, 26; von der pestilentz, so man den schelm nennet oder den unfall Hohberg 2, 225; nie hat ein unfall unsre bäume verderbt S. Gessner schr. 1, 66; unfall oder uffall des weines Staub-Tobler 1, 737. s. auch infall 1, 738. nachklingend in unfall pollution Zimmermann einsamkeit 2, 287; unfälle und krankheiten seines klima Herder 13, 236; alle unfälle der witterung Schiller 9, 149. wie pestis übertragen: den unfal der falschen leer schmucken sie Luther 17, 1, 37, 4 Weim.
5)
gerichtsbuszen heiszen felle (th. 4, 1, 1, 2106 γ) und unfelle. vgl.gefälle und ungefälle, geld und ungeld: item unfelle von wetten, freveln, eynungen und was andere sachen das weren .., des maht haben zu verteidingen (einzuklagen), mymm herren yne zu bringen und ein getruwe rechenunge darumb zuͤ tuͤn im schultheiszeneid zu Bruchsal 1452, Mones zeitschr. f. gesch. d. Oberrheins 7, 293. auf rechtliche bedeutung (s.gefallen th. 4, 1, 1, 2105, 4 c) spielt die verbindung an:
sunder auff sein nachkummen erbet ...
dieser unfal sam ein erb-recht
Sachs 1, 50, 17 Keller.
dagegen dürften die unfälle (Kinderling 266) fatalia (Du Cange 4, 420ᶜ) eine nothfrist begründende ereignisse, natürliche hinderungsgründe sein. unfall casus fatalis Dentzler 324ᵃ (sonst ist zu fatale tempus der gegensatz tempus vivit Zedler 9, 300).
6)
vieles steht auf der grenze sinnlicher und unsinnlicher anschauungsweise; z. b. und ewr unfal (interitus) (kompt) als eyn wetter sprüche Sal. 1, 27. 1, 565 Weim.; unfall und verstossung der teufel Faust volksbuch 38, 59 neudr.; Adams unfall (fall) Treuer Dädalus 1, 284; untergang und unfall Triller betrachtungen 1, 555; sturz und unfall Göthe Faust 9719;
der donner schlägt der thürme spitze,
und unfall wohnt tyrannen bei
Haller gedichte 14.
vielleicht auch aller spiler unfal Sachs 14, 179, 12 Götze;
des spielens ich gar kein glück nit han,
der unfal thut mir zoren
Forster teutsche liedlein (1539) nr. 89; Gengenbach 385 Gödeke.
gegensatz guoter val th. 4, 1, 1, 2103, 3 b.
II.
bei der übertragung und entsinnlichung des begriffes, wie sie schon in den spätmhd. beispielen vorliegt, sondert sich ziemlich deutlich eine ältere entwicklung von der jüngeren; diese betont im unglück den zufall und verengt sich immer mehr zu dem technischen unfall-begriff unserer tage, jene beherrscht, auf allgemeineren grundlagen beruhend, ein viel weiteres gebiet.
1)
die ältere entwicklung erfaszt unfall als thatsache, ereignis und zustand; gewollte, planmäszige bethätigung ist nicht ausgeschlossen.
a)
unglück, unheil, miszgeschick, miszerfolg, gern collectiv im sing.:
man vint auch noch derselben wunder gleichen,
die got verhengt den armen und den reichen,
päbst, fürsten, herren, den ir list
vor unval nicht möcht trösten
Oswald v. Wolkenstein 97, 38 Schatz;
ich mag nicht laufen perg noch tal,
das ist mein gröster unfal
fastnachtspiele 1, 469, 26 Keller;
möcht ein unfall komen, dasz man des und merers notturftig wurd städtechron. 3, 144; ich sage ... daz Chilpertus meins manns bruͦder .. geschlagen und bald darnach inn gleichem unfal auch mein mann erwürgt ware Stainhöwel ber. frauen 320; so ain unfal auff den menschen fellet zuͦ recht oder zuͦ unrecht Tauler serm. (1508) ciiiiᵃ; ich habe mir lengest furgenomen ... zu schreiben ... trost widder den unfal, so euch der satan zugefugt hat, durch den mord ... an dem ... magister Georgen Luther 23, 402 Weim.; weyl der unfal (unheil des wuchers) so weyt eyngerissen 15, 293; sunde, laster und unfal 10, 2, 457; zufellig teglich jamer, unfal und fahr 32, 472, 17; da Moses in Egypten zeuhet, begegnet im ein unfall oder todesfall, das er geschwind und plötzlich kranck wird 16, 62, 23; es möcht mich ein unfal ankomen, das ich stürbe 1 Mos. 19, 19; so vil unfals und hertzenleyds richt die sunde an 19, 211, 28 Weim.; all ding zuͦ unfal schicken Murner schelmenzunft 19, 34 neudr.; die histori meiner gefenknus, arbeitseligkeyt und unfals Franck chron. d. Turckey A 4ᵇ; in unfall Sachs 19, 16, 13 Götze; im unfall 7, 165, 34 Keller; noch bei Gellert von Heynatz antib. 2, 518 getadelt;
allem unfal wil er weren
Sachs 22, 165, 8 Götze;
ist dir was unfals zugestanden?
14, 161, 29;
sol ich nit sagen von unfal?
14, 295, 10;
unfals an leib und seel Ambach vom zusauffen A 2ᵇ; Clitus ... der Macedonier furcht und zagheit für ein unfall und widerwertig glück rechnet Kirchhof wendunmuth 2, 14; unfal haben, unglückhafftig seyn Maaler 460ᵈ; noch (nach) unfall Carbach Liv. 58ᵛ;
si hatten zwar im uͦnfal meiner not
mich uberfaln
Schede psalmen 61, 19 neudr.;
wo unser ein ... ein unfal sol bekomen Ringwaldt evang. F 1ᵃ; mit grossem unfall beladen buch d. liebe 184ᶜ;
wie kompt euch doch an der unfall,
ir christlich nationen all,
das jr so onauffhörlich heut
wider eynander selber streit?
Fischart L. Schwendi 296, 1 Kurz;
musz man doch nicht ausz dem unfal
ein sach urtheilen jedesmal
Stauffenberg 619;
ausz unfall unglücklicherweise binenkorb 95ᵃ; zu unfall gebracht werden Fronsperger kriegsbuch 3, 177ᵇ; er gedachte auff mittel, wie er mir den stein stossen und durch meinen unfall dem seinigen vorkommen mögte Simpl. 79 Kögel;
welch unfall zwinget sie, bey nacht sich so zu wagen?
Gryphius trauersp. 311, 41 Palm;
denk aber nach,
wie allgemach
im unfall du wirst stehen
Neumark fortgepfl. lustw. (1657) 1, 390;
trüber unfall Morhof unterricht 2, 51;
Lisettens auge will nur lauter unfall dräuen
Hoffmannswaldau-Neukirch 2, 50;
ich sehe
des unfalls grösze noch nicht ein
Ramler fabellese 1, 179;
einen theil des über sie schwebenden unfalls Nicolai Nothanker 1, 43. archaisierend:
wie wol mich jetzt unfall anficht
Arnim 14, 111;
unfall hat ihm sein freud gewendt
21, 19;
dasz sie ... mehrerm unfall möchten unterworfen sein Grimm deutsche sagen 2, 120. bildlich: denn zumal setzte sich das unglück auff den ersten staffel jres unfalls Amadis 1, 26 Keller; alles unfalls zornig meer Logau 70, 61. tautologisch: unfall und (oder) unglück, unglück und unfall Luther 28, 384, 24 Weim.; Alberus diction. 33ᵃ; Prätorius anthropodemus plut. 1, 108. unfal und jamer Maaler 460ᵈ. unfall dicitur et ungefäll infortunium Stieler 419. im 18. jh. erlöschend. 'zu unfall kommen Sirach 31, 6 ist nur noch in den gemeinen sprecharten üblich, so wie der biblische gebrauch, wo dieses wort mehrmahls als ein abstractum von einem unglücklichen zustande für unglück gebraucht wird, im hochdeutschen gröszten theils veraltet ist, daher auch das ehemahlige bey- und nebenwort unfällig für unglücklich daselbst nicht mehr gehöret wird' Adelung.
b)
beeinträchtigung, schädigung, schaden, subjectiv wie objectiv; verderben, niederlage: der durch unfal (iniquitas) oder misshandel in erzürnung der oberkeit .. entsetzt wird Riederer rhetoric a 5ᵇ; da mit nicht unfall (verb. schade) entstehe Esra 4, 22 (Zerbster handschrift 1523 1, 346 Weim.); zu letst wurt aller unfall ussgon wider die schander Eberlin v. Günzburg 1, 198 neudr.; die ding alle sind vorzyten durch unfal (inique) in unseren landen verborgen gesin 1, 3 neudr.; uns zu unfal Sachs 2, 424, 23 Keller; aber es ist ausz unfall der zeit (iniquitate temporum) nicht an tag kommen Franck weltbuch 47ᵇ; Aventin 1, 331, 19; unfal oder schaden Maaler 460ᵈ; verderbnusz, ein bösz end eines yetlichen dings Frisius 502ᵃ;
teutsch landt wer kummen in unfal,
so das nit wer geschehen
Soltau volkslieder 316;
erblick' ich, dasz nur je den bürgern unfall blüht,
an guten glückes stat, so kan ich nichts verhälen
Opitz opera 1, 170. ἄτη Sophokles Ant. 185;
clades Frisius 230ᵃ; verlust und schaden im krieg erlitten Maaler 460ᵈ: die unserige .. den platz .. zum zeugnus ihres unfalls mit todten .. überstreut verliessen Grimmelshausen 4, 677, 7 Keller. auch mnl. misval nederlaag;
dich nicht verlass auf schöne gestalt,
dasz du nicht kömmst in unfall bald
Erlach volkslieder 3, 79 (1615).
noch früher als bedeutung a veraltet. seltener auch mit einseitiger beziehung auf das gefühl für entrüstung, trübsal, betrübnis: Hiob 3, 26 ist von Luther 1, 396 (Weimar 1906) unfall durch toben ersetzt (indignatio, unruhe);
wie offt denck ich an mein gemahl,
graff Ulrich selig mit unfahl,
so in einr schlacht umbkommen ist
Frischlin dicht. 18.
mnl. misval beleediging, krenking, smaad, hoon.
c)
vereinzelt unangenehmer fall, übelstand, fehler:
disem unfal (lange aufbleiben zu müssen) kompstu am rechtsten,
so du jn (den gästen) gibst den aller schlechtsten (wein)
Scheit Grobianus 1988;
es stellte sich heraus, dasz man viel zu weit von der festung mit der anlage (des grabens) geblieben sei; man beschlosz daher sogleich die dritte parallele näher zu rücken und dadurch aus jenem unfall entschiedenen vortheil zu ziehen Göthe 33, 289 Weim. mnl. misval auch onangenaame gevolgen van iets, dwaling, fout.
2)
die jüngere entwicklung beschränkt unfall im wesentlichen auf den begriff des unglücklichen zufalls, accidens, casus, und schlieszt ebensowohl das zuständliche wie alles planmäszige handeln aus. er ist meist äuszerlicher art: man sol nach solchen reichthumb trachten, das einer stetigs bey sich tragen und jhm durch kein eusserlich gewalt oder unfall benommen werden könne Zinkgref apophthegmata (1628) 51; Lehman floril. 3, 204; eine innerliche unruhe, so dem äuszerlichen unfall thür und thor öffnet Leibniz d. schr. 1, 166; D. F. Strausz 6, 13. nicht gewollt: unfall war das, nicht böser sinn Grabbe 4, 92. oft plötzlich und überraschend: pulvertonnen sind so zu verwahren, das es, wo unfall sich zu druͤg, allein uber sich moͤg schlahen Dürer befestigung der stett (1527) E 2ᵇ; unter den acht unfällen ... als erdbidem, wassergüss, thier, krieg ... Sebiz 4; ein plötzlicher unfal Zesen rosen-mând 40. leichter als unglück (s. d.): es ist wohl ein rächtes unglük oder vilmehr ein .. unfal Zesen adr. Rosemund 37 neudr.; inconveniens, ein ungereimt ding, die ungelegenheit, ein unfall Spanutius 288; doch das ist eine verwechselung, ein kleiner unfall Schleiermacher I 5, 409; da der dragoman krank ist, konnte ich ihn nicht senden. dieser unfall wird für sie ein grund sein, bald das türkische zu erlernen Moltke ges. schr. 1, 142. nl. rampje.
a)
mit der gröszten folgerichtigkeit und notwendigen einseitigkeit ist der begriff im technischen sinne des heutigen versicherungswesens ausgebildet (Manes versicherungslexikon 1240; Hoyer-Kreuter technolog. wb. 1, 791). unfall ist im versicherungsrecht ein ereignis, welches infolge einer plötzlichen, vom betroffenen nicht gewollten einwirkung körperverletzung oder tötung eines menschen herbeiführt. möglich ist diese bedeutung schon im 16. jh., meist wird sie erweitert, beziehung auf sachen und selbstverschuldetes nicht ausgeschlossen: unfaͤl desz meers Maaler 460ᶜ;
darumb vermeid den harten trunck,
das du nicht thust ein narrensprung ..
oder durch unfall mancherley
brechst schenkel oder arm entzwey
Ringwaldt lauter wahrheit 54;
wenn wir die betrübten felle, die sich unter unsern vorfahren bey solchen jren grossen reisen und unfellen zugetragen haben, lesen Rätel chron. v. Schlesien 25; die finsternis gab zugleich mit anlasz zu einem unfall polit. maulaffe 282; von der aufnahme in ein invalidenhaus werden ausgeschlossen, welche nicht in commando oder diensten, sondern durch ihre eigene schuld solchen unfall bekommen v. Fleming teutsche soldat 321, 17; man sah, dasz sie ihn (den kleinen finger) durch einen unfall muszte verlohren haben Schwabe belustigungen 1, 555; ohne den geringsten unfall Schnabel insel Felsenburg 76, 16; dem unfall meiner schwiegertochter beim reiten Göthe IV 41, 53 Weim.; ich habe zwar den unfall erlitten, dasz alle meine sachen ... gestrandet ... sind Forster 7, 123; ein unfall eben wie hundert andre auch Mörike 3, 48; kaum ein turnier mag ohne mehre schwere unfälle vergangen sein Freytag 18, 33; unfällen auf der eisenbahn Moltke ges. schr. 7, 39; von tag zu tag sind in das tagebuch einzutragen: alle unfälle, die dem schiffe oder der ladung zustoszen, und eine beschreibung dieser unfälle handelsgesetzbuch § 520. vgl. die zahlreichen zusammensetzungen V. natürlich auch von den im versicherungsgesetz ausgeschlossenen krankheiten und von thieren (Göthe IV 8, 322 Weim.).
b)
wegen seiner milde eignet sich unfall nun, ähnlich wie das fremdwort malheur, in gebildeter sprache zur euphemistischen bezeichnung von unheil, widrigem aller art. das wort unglück vermeidet man dabei oft abergläubisch oder aus höfischen rücksichten (s. Herder unten); für Göthes eulogismus vgl. Boucke 203 ff.: fange nicht an, mir meine unfälle (geldverluste) vorzuzählen Lessing 2, 85, 29;
nichts ist, was itzt die kühnen Neronen nicht
vermögen! alles! alles! da Zeus sie selbst
in unfall (per acuta belli Horaz 4, 4, 76) birgt
Herder 26, 223;
unfalls genug, wenn mein kahn leicht und brüchig ist 23, 138; bei Göthe vom tod Eugeniens (nat. tochter 1463), von überfall, einbruch, mangelndem erfolg Wilhelms auf dem theater u. s. w. Bohner 73; bürgerliche unfälle Göthe 25, 288 Weim.; im wirthshause ... wurde sie betrogen, und das war ein unfall! Lichtenberg erklärung 2, 316; wenn ihm ein unfall — wie wird mir? Schiller 3, 438 (kabale u. liebe 3, 5);
zeit ist's, die unfälle zu beweinen,
wenn sie nahen und wirklich erscheinen
braut von Messina 978;
so unaussprechlich harte unfälle C. Schlegel briefe 1, 138 Waitz; die eroberung von Cypern erschien als ein allgemeiner unfall Ranke 35, 138; bankerott, wie fall (Staub-Tobler 1, 735) Krünitz 195, 597. man sieht, wie die bedeutungsentwicklung zu II 1 a zurückzukehren scheint. selten abenteuerliche erlebnisse: er ... dichtet seine unfälle Brentano 6, 4; Gervinus gesch. d. d. dichtung 2, 202. im witz des bratens unfall Heine 2, 271.
c)
Göthe versittlicht den begriff: sehen wir nicht in der geschichte, dasz menschen, die wegen groszer sittlicher unfälle (moralischen schiffbruchs) sich in die wüsten zurückzogen, dort keineswegs .. verborgen .. waren? 20, 377, 8 Weim.; heilung eines ethischen unfalls IV 28, 118; unfall mit Gretchen 27, 88 Weim. allgemein so vermag der ... gesunde sinn sich gegen inneren und äuszeren unfall geschwind und leicht wieder herzustellen 24, 2 Weim.
III.
personificiert (vgl.unglück und mhd. misselinge Tristan 13496. Galle die personifikation in d. mhd. dicht. 79). Meusebach an J. Grimm 196 ff. 384. Wendeler:
unfall hat uns her getragn
Sterzinger spiele 193;
unfahl der reyt mich gantz und gar
alhie auff diser erden
Berliner meistersingerhs. T. 9494. 12. nr. 8, 3;
mit teufel, dörrschnabel, plickars, narr, unglück wechselnd th. 11, 270. Meusebach a. a. o. th. 8, 777;
dasz ihn unfal als ungemachs
sein lebtag reitt, so spricht Hans Sachs
Sachs 17, 491, 24 Keller-Götze;
Forster teutsche liedlein 12 neudr.; Frankfurter liederbuch 92, 9; des bösen dienstmann Unfalo verleitet Teurdank zu den gefährlichsten abenteuern. Teurdank cap. 25 ff.; Unfallo der wicht Scherz-Oberlin 1827; J. Grimm (mythologie 2³, 944) suchte einen zusammenhang mit Phol herzustellen, wogegen denn das geringe alter unsers wortes spricht. s. auch feiland th. 3, 1448; unfal lag vor der thür; der unfall der wirdt klagen; das uns unfal nit riere; unfal hat jm sein freud gewendt aus dichtungen des 16. jhs. bei Meusebach; und ist zu mercken, das disser psalm .. nymer mehr wird gründlich verstanden .. es gehe denn dem menschen der unfal under augen Luther 18, 480, 35 Weim.;
kumpt der unfal für dein hausz
Murner die mülle 30, 868;
mich hat der unfal heut besessen
Sachs 21, 48, 20 Götze;
gib dich nit und sei frisch,
so fleucht der unfall wie ein fisch
sprichwörter 1548, 23ᵇ;
lasz dir kein unfall über die knie kommen ebd. vgl. th. 5, 1425; unfal ist dir vor der thür, hocket uns vor der thür Frisius 655ᵃ; der unfal hat jn ze boden geschlagen Maaler 460ᵈ; unfall will seinen willen han Wander 4, 1427, 10;
das euch das unglück nicht beschreit
und der unfall betrette
N. Herman sonntagsev. 18, 7 neudr.;
kein thier lebet uberall,
es hat seinen feind und unfall
Rollenhagen froschmeuseler D 7ᵃ;
o, wer weisz, was sonst für joch
uns der unfall unversehens sonsten wo kan schnitzen noch!
Logau 264, 1170;
es wird wohl kein unfall mit mir mehr wollen zechen
Rachel 141 neudr.;
dasz sich kein unfall an ihn reibt
Königsberger dichterkreis 120;
denn wird sich der unfall schämen
ebd. 200;
wenn ein unfall, mich zu tödten,
grimmig seine zähne wetzt
ebd. 82;
steht der unfall
eisern, ein kämpfender schütze vor ihm
Herder 27, 264;
der vorwitz lockt ihn in die weite,
kein fels ist ihm zu schroff, kein weg zu schmal;
der unfall lauert an der seite
und stürzt ihn in den arm der qual
Göthe 2, 146 (Ilmenau 142).
vgl. Furwittig und Unfalo im Teurdank; des unfalls tücke A. Grün 4, 106;
unfal, unfal, du wildes thier,
wie thust dich gegen mich sperren
Görres bei Schade sat. 2, 294.
in der verwünschung
unfal, das meinen buͦlen der ritt schidt!
germ. abhandlungen 25, 373, 1.
vgl.falbel th. 3, 1268. Vilmar idiot. 98. (dän. du skal faae en ufærd! fy for al u.!). als eigennamen weist J. Grimm aus Nördlinger hexenprocessen Apollonia Unfahlin nach. d. myth. 2, 944.
IV.
in sprichwörtern, sentenzen und redensarten. Wander 4, 1427: wol kumpt unfal so gar nicht allain Stainhöwel ber. frauen anhang 322, 4;
was man von unfall sagen soll,
wie bald kompt der eim zu handen
Teurdank 84, 90 Gödeke;
wer kan für unfall!
Scheit Grobianus 1822;
beulen und blae mal helffen offt für unfal Franck sprüchwörter 2, 11ᵇ; spar dem unfall (sprichw. 1548, 147ᵇ) sagte man wie dem unglück husen (Staub-Tobler 2, 622); furcht und scham hindern viel unfall Lehman florilegium 1, 251;
dem kein unfall nie stiesz für,
dieser ist ein wunderthier
Logau 584, 2846;
unfall macht den weg zur tugend Aler (1727) 2, 2078ᵇ;
wer gott liebt überall,
den stürzt kein unfall
Schellhorn (1797) 83.
wie natürlich, wirkt in III und IV die ältere bedeutung II 1 am längsten nach.
V.
zahllos sind die zusammensetzungen; z. b. berufs-, betriebs-, eisenbahn-, flieger-, kriegs- (Göthe 44, 307 Weim.), jagd-, reise-, schiffs-, see-, wagenunfall u. dgl. sowie die compos. mit unfall im wortanfang, mit wenigen ausnahmen fast alle im zusammenhange mit unserer socialgesetzgebung:
unfallanzeige
handwb. der staatsw. 2, 630. unfallanzeigepflicht 7, 186. —
unfallarzt
tägl. rundschau 1902, 11. —
unfallbegriff
handwb. d. staatsw. 7, 314. —
unfallbeschädigung
ebd. 7, 315. —
unfallcongress
handwb. 5, 743. —
unfallentschädigung
Manes versicherungslex. 1242,
unfallsgesetz
83. —
unfallereignis
handw. 7, 314. —
unfallfolge
Manes 1269. —unfallfrequenz, -häufigkeit handwb. 5, 743. 7, 263. —
unfallfürsorge
handwb. 7, 261. —
unfallgefahr
Manes 1320,
unfallgefahrenziffer
handwb. 7, 272,
unfallgefährlichkeit
Lueger lex. d. technik 7, 778,
unfallgelegenheit
Manes 1348,
unfallgenossenschaft
503,
unfallhaftpflicht
Manes 722. monatsschrift f. u. seit 1894. jahresbericht der u. hg. v. Placzek.
Zitationshilfe
„unfall“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/unfall>, abgerufen am 12.12.2019.

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