unser
Fundstelle: Lfg. 9 (1923), Bd. XI,III (1936), Sp. 1367, Z. 56
gen. plur. des ungeschlechtigen pronomens der 1. person. vgl.ich, ↗wir, ↗uns und im besonderen die gen. mein, dein, sein, euer, ihr(er). g. unsara; an. vár; ags. úser, ússer, úre; mengl. oure, nengl. our; afries. ûser; as. ûsero; mnd. u(n)ser; mnl. onser, ons, nl. ons, onzer. ahd. unsêr; mhd. unser. das ursprüngliche verhältnis von ¹unser zu ²unser ist nicht festgestellt; vermutungen bei Wilmanns gramm. 3, 410.
1)
formen. a) mittelfränk. unsere Weinhold mhd. gr. 513; unserist Lexer handwb. 2, 1929; unner obers. wb. 2, 600ᵇ (vgl. ²unser); vor unser = uns Abrah. a St. Clara Judas 1, 1ᵇ bei Kehrein gramm. d. 15.—17. jhs. 1, 211; uns keinem (= unser k.; vgl.uns) P. Fleming (1642) 37 ebda; zwischen in und unser (= uns) Wilmanns gramm. 3, 709; mir warn ihrer (= unser) achte obers. wb. 1, 556ᵇ. alles veraltet oder mundartlich. b) die erweiterte form uns(e)rer (Paul gramm. 2, 171; vgl. euerer th. 3, 1191), seit dem 16. jh. erscheinend (unserer viel H. Bock kreuterbuch 426ᵃ; unserer sind fünff Witzenbürger 1, 269; Homerus ... der vater unsrer allen Opitz 1, 443; Kramer [1702] 2, 1200ᶜ), wird trotz reichlichen gebrauchs (Gellert 4, 260; Gotter 3, 96; Göthe IV 12, 346, 7 W.; 31, 141, 9 W.; 21, 80, 1 W. u. ö.; spotten unserer [1869] selbst Gutzkow ritter vom geiste 1, 45 [unser 1850]; und so noch allgemein) als grammatisch falsch (Heyse²⁸ 241) bekämpft. c) umgelautete formen: mhd. ünser, üns Weinhold mhd. gr. 513; mit vielen varianten in mundarten (Staub - Tobler 1, 347; Fischer 6, 219; els. wb. 1, 56ᵃ; Schmeller 1, 113; Crecelius oberhess. wb. 848). d) die grenze zwischen ¹unser und ²unser ist nicht immer sicher (Scherer zur gesch. d. d. spr.² 377; vgl. das an., ags., engl.; Franck altfränk. gr. 221 f.; J. Grimm gr. 4, 426; th. 13, 3092, 3101 f.; unserseits J. Grimm gr. 2, 938; unserhalb Notker ps. 77, 53 und unsernhalben). die n. spr. ist geneigt, fälle von ¹unser nach ²unser hinüberzuziehen; z. b. an unser stat Luther 28, 349, 10 W. (s. th. 10, 2, 996), wo wir heute an unsrer statt vorziehen; statt unser Deutschen (s. unten II 3) findet sich unsrer D. J. Grob versuchg. 31; Göthe 1, 297, 11 W., statt von uns Deutschen: von unsern D. Lohenstein Arm. 1, b 4ᵇ; Adelung führt 4, 424 von unserm selbst vermögen als oberdeutsch an.
2)
gebrauch. a) als objectscasus bei verben: Graff 1, 388; mhd. wb. 3, 190ᵃ; derbarm dich unser erste d. bibel 1, 34, 32; Matth. 9, 27; wer jemahls geliebt hat, wird sich unserer erbarmen Gotter 3, 96; der du dich unser .. annembst H. Sachs 1, 66, 27 K.; wenn er sich unserer annehmen wollte Göthe 31, 141, 9 W.; 21, 80, 1 W.; leben sie wohl und gedenken unserer IV 12, 346, 7 W.; eine .. vorstellung hatte sich unsrer bemächtigt 28, 141, 8 W.; der ... unser wartet 2, 54, 39 W.; Arnim 2, 43 (unsrer); jetzt müssen wir die weltlichen bischoff unser spotten lassen Mathesius Sarepta 47ᵇ; Gutzkow ritter vom geiste 1, 45 (s. 1 b); sobald sie unsrer nicht mehr bedürfen Knigge umgang 1, 152; ebenso bei innewerden, gewahrwerden, gewahren, vergessen, sich schämen u. dgl. b) von einem adj. abhängig: ags. úre gemyndig memor nostri; seid unser eingedenk; mnd. ons ghedechtich; und ist der sabath unser underwürfflich, wir aber nit des sabats Zwingli freiheit d. sp. viii ndr.; unserer selbst überdrüssig Lohenstein Arm. 2, 734; dasz die natur unsrer müde worden Lessing 1, 136 M.; wir wurden nach und nach unsrer mächtig Gellert 4, 285; unser würdig, unwürdig; als sie unser ansichtig ward G. Keller 1, 52. c) abhängend von einem subst., meist begleitet von appositiven bestimmungen (Wilmanns gr. 3, 411, 606; th. 3, 1191, 1; 10, 1, 344, 5 a): an unser (unserer) statt s. 1 d; unsrer Deutschen redligkeit Grob versuchg. 31, 76; das wohl ... unserer Deutschen Göthe 1, 297, 11 W., ins possessivum hinübergleitend; in verbindung mit aller und selbst: ags. úre ealra; an. vár allera; mnl. ons (onser) aller; in unser aller namen H. R. Manuel weinspiel 1546; Göthe 24, 167, 18 W.; zu unser aller bestem 25, 257, 23 W.; zu unser aller befriedigung u. ä.; unser aller vater P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 341ᵇ; die feinde unser aller Paul wb.³ 479ᵃ; es ist unser selbs schuld, und nit der welt oder der leut, dasz wir uns mit inen nit vertragen können klugreden (1548) 133ᵇ; in dem bezirke unsrer selbst Gellert bei Adelung 4, 424; die vervollkommnung unser selbst Wieland (1853) 9, 252; der schatten unserer selbst Gutzkow ritter vom geiste 5, 85; zum schutze unser selbst; unser selbst wegen; um unser selbst willen (Wilmanns d. gramm. 3, 606) u. ä. vgl.selb, ↗selbst, ↗unsertwegen, -willen. unser beyder schmerzen Cronegk 2, 5. d) im prädicat: bistu unser oder der widerwertigen? erste d. bibel 4, 265, 20; die schuld ist unser und nit gottes Keisersberg bilgersch. 84ᵇ; es ist alles anderer, alleyn die zeit und gegenwertig augenplick ist unser klugreden (1548) 149ᵃ; unser sein siehe ²unser. e) bei zahl- und mengenangaben, ursprünglich partitiv, mit voranstellung des pronomens: unser einer, in ä. spr. einer von uns J. Grimm kl. schr. 3, 243; mnl. onser eynghen wb. 5, 891; heute hat unser einer allgemein die unten bei f entwickelte sonderbedeutung angenommen, ist also für die bezeichnung der rein partitiven bed. ungeeignet; auch unser zwei, drei u. s. w. heiszt nicht zwei, drei von uns, sondern ich und noch ein anderer, ich und noch zwei u. s. w. (Wilmanns gr. 3, 598, 8): Iwein 5259; Th. Platter oben th. 5, 769; Chr. Reuter ehrl. frau 38 ndr.; drei waren unser Klopstock oden 2, 275 M.-P.; Gellert 4, 260; unser drei Göthe 25, 218, 24 W.; unserer 4 gegen einen Lichtenberg briefe (1901) 1, 5; Gutzkow ritter vom geiste 4, 166; Bauer-Collitz 3ᵃ; mir sin er unser viere, wir warn ihre(r) achte u. dgl. obers. wb. 1, 556ᵇ. partitiv bleibt die bed. bei unbestimmten pronomina wie jeder, keiner und unbestimmten mengenangaben wie viel, wenig: unser ieder H. Sachs 1, 23, 19 K.; P. Fleming (1642) 378; unser keiner las im feilen mit brangen weisheit 2, 9; H. Sachs 2, 46, 9 K.; P. Gerhardt bei Fischer - Tümpel 3, 323; unser keiner (dat. sing. f.) Schwartzenberg Cicero 108, 2; unser keins oben th. 3, 256, 7 c; unsrer keins P. Fleming 37; heute nur jeder, keiner von uns; unser seint vil erste d. bibel 1, 136, 52; unser sind viele, die; soviel unserer auf dem verdeck waren G. Forster reise um die welt (1778) 1, 169; unser wenige entkamen; veraltet: unser ein michel teil schweiz. schausp. 3, 22, 177 B. f) unser einer, unser tausend 'einer, tausend wie wir'. unter unser sind diejenigen begriffen, die in gleicher lage wie der redende sind (Paul wb.³ 123ᵃ; J. Grimm kl. schr. 3, 243; Wilmanns gr. 3, 598, 9; oben th. 3, 118 C 1 a; 3, 256, 7 c): unsrer liegen noch tausend im hinterhalt Göthe 5, 1, 240 W. unsereiner, -eins wird in n. spr. oft als worteinheit zusammengeschrieben. wie alt die vergleichende bed. ist, lehrt ags. úre sum 1. Mos. 3, 22; uuanda er unser einer ist uuorden Notker ps. 34, 25; mhd. wb. 3, 190ᵃ; mnl. wb. 5, 891; P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 352ᵃ; so ist er doch auch manchmal nicht mehr, ja wohl gar weniger als unsereiner Bürger 183ᵃ B.; 55ᵇ B.; Hölderlin 2, 118, 40 L.; Ebner - Eschenbach 1, 140; zu, bei unsereinem Immermann 5, 24; Gutzkow ritter v. geiste 4, 138;
dasz doch den burschen das glück soll scheinen,
und so was kommt nie an unser einen!
Schiller 12, 23 (Wallensteins lager 6);
unser einiu eine unsers gleichen J. Grimm kl. schr. 3, 243; mit unser einer Lessing ebda; Wieland (1853) 12, 36; unser eins zunächst für personen verschiedenen geschlechts, selten unsereines Göthe gespräche 4, 218 B.; Müllner 5, 305. gern in volksmäsziger redeweise: unser eins ist auch keine katz Göthe s. oben th. 5, 284; Bürger 25ᵃ B.; Jean Paul 1, 369 H.; Tieck 4, 61; Immermann 2, 85; sie wisse doch immer mehr als unserahns Niebergall 162; O. Ludwig 2, 566; Fontane I 6, 56; G. Hauptmann weber 16; einsame menschen 25. für ich, wir, man (zum übergange th. 3, 118): bis suntag soln unsereins oder 16 naus zum Friderig Magdalena Balthasar Paumgarttnerin (1594) in Paumgartners briefwechsel 231; unser einer machts lieber Mozart bei O. Jahn 3, 498; glaub unser einem (mir) Göthe Faust 1780; 42, 2, 250, 6 W.; in ein gelump hineinkommen ... müszte unsereinen (mich, wie ich nun einmal bin) desperat machen M. Meyr a. dem Ries 1, 96; er war eben gescheidter als unsereiner (wir) Laube 14, 7; bei unsereinem (uns) geht jahrein jahraus null von null auf zs. f. d. mundarten 6 (1911), 58; sterben kann unsereiner (man) nur einmal A. v. Arnim 16, 266; Hebel 2, 208, 9 B.; Mörike 3, 106; G. Hauptmann Rose Bernd 28; o du lieber unseräner (ach ich arme!), 's kimmt heit wieder käner, singt das mädchen in Arnsfeld, obers. wb. 2, 600ᵇ; für die casus obliqui von man (obers. wb. 1, 281ᵇ, 4):
und nun würd' unser einem hinterbracht,
diesz mädchen sey des juden tochter nicht
Lessing 3, 115 M. (Nathan 4, 2, 122).
mundartlich: üser eim als nominativ bei Gotthelf, Staub - Tobler 1, 272; unsereins theil einige von uns Fischer schwäb. wb. 6, 220; vgl. noch els. wb. 1, 55ᵇ; onserên luxemb. 319ᵃ; onsereine Tonnar-Evers Eupen 134ᵇ; userient Leihener 129ᵃ.
unser
Fundstelle: Lfg. 9 (1923), Bd. XI,III (1936), Sp. 1369, Z. 75
pronomen possessivum der 1. person. germ. *unsara und *usa; g. unsar; an. várr und órr, dän. vor, schwed. vaͦr; ags. (úser), úre, mengl. oure, engl. our; afries. ûse; as. ûsa, mnd. nd. u(n)se; mnl. onse, nl. onze, ons; ahd. unsêr; mhd. unser. vgl. ¹unser, uns, mein, dein, sein, euer, ihr.
A.
form (I) und flexion (II).
I.
abweichungen von der nhd. normalform unser können nicht als schriftsprachlich gelten; so der seit ende des 13. jhs. besonders im oberd. nachweisbare umlaut (Weinhold mhd. gr. 513; mhd. wb. 3, 190; Lexer 2, 1935; Staub-Tobler 1, 347; els. wb. 1, 56ᵃ; Fischer schwäb. wb. 6, 219; Schmeller 1, 113; Schöpf 783; Lexer Kärnten 447; vgl. nd. öse, üse), uns für unser (mhd. wb. 3, 190ᵃ; Lexer 2, 1936; Weinhold al. gr. 459; mnd. wb. 5, 76ᵇ; Doornkaat-Koolman 3, 473ᵃ; C. F. Müller Reuterlex. 145ᵃ; Hönig Köln 158ᵇ; luxemb. 319ᵃ; mnl. wb. 5, 918; nl. wb. 10, 1780; vgl. ¹unser, uns), die formen unner, under (Lexer 2, 1936; Strauch zu Adelheid Langmann xxxv; Bernt einl. z. ackermann 93 anm.; aus der judenspr. J. Grimm gr. 4, 785; Hertel Thüring. 52; obers. wb. 2, 600; Ruckert 188; Schmeller 1, 113; Weinhold b. gr. 151, 374) und reich entwickelte mundartliche erscheinungen (z. b. Staub-Tobler 1, 347; els. wb. 1, 56ᵃ; Fischer schwäb. wb. 3, 4; 6, 219); insbesondere gilt im mnd., nd., md. unse (mnd. wb. 5, 76; Bauer - Collitz 108ᵇ; fürs f. und n. Liesenberg 66; Hönig Köln 158ᵇ; Lexer 2, 1936; Weinhold mhd. gr. 525 f.; al. gr. 459; Logau 191 E.; Drechsler Scherffer 15, 64; obers. wb. 2, 600; Hertel Thüring. 33 u. o.).
II.
flexion. i. a. s. Paul gramm 2, 181, § 136.
1)
neben dem zweisilbigen stamme wird mundartlich und in ä. spr. auch der einsilbige zum ausgangspunkte der flexion genommen; Wilmanns gr. 3, 428. vgl. jeder th. 4², 2285; Staub-Tobler 95. beide arten der flexion sind im schweizer. (Staub-Tobler 1, 347) erhalten, während bei entsprechenden fällen der nhd. schriftspr. in der regel nicht sicher zu entscheiden ist, wie weit zusammenhang mit einsilbigem stamme, flexionslosigkeit oder verkürzung vorliegt. unser für heutiges uns(e)rer als gen. plur. m. f. (den hauffen unser feind H. Sachs 1, 215, 33 K.; Staub - Tobler 1, 347; unser künftigen entschlüssungen Lohenstein Arm. 1, 7ᵃ), besonders aber als gen. und dat. sing. f. (unser tochter H. Sachs 2, 33, 5 K.; in unser deutschen sprachen Rollenhagen froschmeuseler a 7ᵇ; Staub-Tobler a. a. o.; Schottel haubtspr. 541 stellt es im paradigma voran, Stieler 883 schreibt vor nach unser manier; und so verfahren z. b. Bellin rechtschreibung 8, Butschky Pathmos 628, 631, 853, 854, Hoffmannswaldau - Neukirch 2, 21, schriftsteller des 18. jhs. bei Paul 2, 169 und alterthümelnd noch spätere z. b. unser stadt insiegel W. Alexis; fest haftet unser lieben frauen bis heute in zahlreichen bezeichnungen von pflanzen, kirchen u. s. f.; s.B I 2 d). unflectiert erscheinen, wie z. th. in ä. spr. (Weinhold mhd. gr. 525), der nom. sing. f. (unser stat Arigo decamerone 5, 4 K.; unser fraw H. Sachs 2, 36, 30 K.; Logau [1654] 1, 1, 63), acc. sing. f. (unser schult erste d. bibel 1, 22, 14; Butschky kanzelley 327), acc. sing. m. (unser bösen mut B. Ringwalt lauter warheit 68), nom. plur. (unser dinst urk. z. gesch. Max. I. 1, 1; Keisersberg bilgersch. b 1ᵇ; H. Sachs 1, 216, 12 K.; Gengenbach 12 G.), acc. pl. (in unser hend H. Sachs 1, 218, 8 K.; A. Olearius pers. rosenthal [1657] 7, 18), vereinzelt dat. plur. n. (in unser ehrlichsten grebern 1. Mos. 23, 6).
2)
während sonst nom. und acc. sing. m. und n. unflectiert bleiben, flectieren mundarten und ä. spr. auch wohl in diesen fällen (unserer könig Opitz 2, 130; 195; unserer beweis 4 [1746], 341; an unseres ufer Arg. 2, 96; unseres jahrhundert A. v. Haller bei Staub-Tobler 1, 347; ünseren vater, nom., ünsers chind ebda).
3)
bezieht sich das possessivum auf ein vorangegangenes, nicht wiederholtes subst., so steht regelmäszig das poss. ohne artikel in st. form oder der, die, das unsere (unserige) in schw. flexion; J. Grimm gramm. 4, 406 f. (Notker ps. 43, 19; ander leut häuser sind besser als unsers, ander leut küh geben immer mehr milch als die unsere Lehmann florileg. 2, 807), ausnahmsweise der oder das unser flexionslos (dasz demselbigen, gottes willen, der unser sich underwürfig machen solle Kirchhof wendunmut 1, 210; Schupp schriften 440; wir wollen das unser thun O. Ludwig 2, 65) oder substantiviertes die unsere st. flectiert (Notker ps. 77, 53; Stieler 883; Kramer [1702] 2, 1201ᵃ).
4)
das zwischen flexionslosem unser und dem subst. stehende adj. erscheint bisweilen auch schwach flectiert (unser innere mensch, unser theure Lutherus Ph. J. Spener der innere u. geistl. friede 200; beispiele des 18. und 19. jhs. bei Paul gr. 3, 101 und Sanders 2, 1413ᵃ), sonst regelmäszig stark (unser lieber Lutherus Spener a. a. o. 221).
5)
nachstellung des pronomens (Laurentius Albertus gramm. 137 ndr.) ist nur in vater unser geblieben (s.B II 2).
6)
veraltet sind die verbindungen mit bestimmtem artikel (th. 2, 991 ff.; der unser schneider H. Sachs 2, 158, 84 Tittmann; die unsere kirche Truber 372; den unsern berg lied v. hürn. Seyfried 49 ndr.), mit unbest. artikel (th. 3, 136 f.; J. Grimm gr. 4, 536; in unserm einem closter Luther 6, 590, 20 W.; durch einen unsern herold 1, 459ᵃ Jen.; heute 'einem unsrer klöster' u. s. w.), mit ander (andere unsere hoffdiener B. Krüger Clawerts hist. 11 ndr.), verbindungen wie mit kleinen unsern eren, 'mit wenig ehre für uns' Arigo decamerone 11, 31 K.; Sebiz feldbau 36 (J. Grimm gr. 4, 406), oder durch gedachten unsern schlesischen cammerpräsident acta publ. 2, 62 P., mit obvermeldeten unsern freunden (J. Grimm a. a. o.); dagegen blieb uns die verbindung mit dieser (th. 2, 1138; dises unser kraut Sebiz feldbau 225; dieser unser sohn u. dgl.).
7)
bei unser aller ratschlag entscheidet die stellung für ¹unser, bei aller unser rahtschlag ghat hinder sich Seb. Münster cosmogr. a 2ᵃ für ²unser.
8)
in volksmäsziger spr. tritt oft das possess. für den dativ ein, äuszerlicher betrachtung als ergebnis der mischung zweier ausdrücke erscheinend, th. 4, 1, 2, 2509 als echt und recht angesprochen (du gehörst nich mehr unser! Klinger neues theater 2, 21; Auerbach auf d. höhe 1, 198). nur volksmäsziger rede gehören auch die verbindungen unserm herrn seine pferde zs. f. d. wortf. 11, 233, unsera müeter ihra vater els. wb. 1, 56ᵃ an (J. Grimm gr. 4, 421; Paul gr. 3, 326; Wunderlich beihefte der zschr. d. sprachvereins 12, 51).
9)
über mischung von ¹unser u. ²unser in ausdrücken wie unsrer Deutschen redlichkeit s. ¹unser 1 d.
B.
gebrauch.
I.
attributiv.
1)
allgemein. die gebrauchsentwicklung verläuft wie die der entsprechenden pron. possess. mein, dein, sein, euer, ihr (s. diese), so dasz belege für die allen gemeinsamen verbindungen hier nicht mehr nöthig sind. die entwicklung führt von der bezeichnung eines besitzverhältnisses im eigentlichen sinne bis zur andeutung von feinsten gemütlich-geistigen beziehungen. a) unser leichtes fuhrwerk Göthe 33, 5 W. ist das fuhrwerk, auf dem wir gerade saszen, es lebe unsre braut Chr. Reuter Harl. hochzeit 68 ndr. die hier gefeierte, unser sonntag Göthe 24, 124, 2 W. der sonntag, wie wir ihn feiern oder verwenden, unser verhältnis IV 8, 10 W. unser gegenseitiges, unsre nacht Körner 1, 109 Hempel, die bei uns herrschende nacht, unser Elbestrom v. König gedichte 2 der heimische E., unser Franckreich Sebiz feldbau 119 das Fr. unsrer tage, zuͦ unsern tagen Eberlin v. Günzburg 1, 22 ndr., heute, dem ungarischen adel unserer tage Moltke 1, 110 dem heutigen, in unseren abendländischen nationen Ranke 1, 4 den zeitgenössischen, unsere rechtschreibung M. J. Bellin rechtschr. i i jᵃ die heute bei uns maszgebende, von unserm und des feindes fechten Canitz oben th. 5, 465 vom fechten der unsrigen und dem des feindes, unsers hochberühmten spielenden Rist friedewünsch. Teutschland 26 des mitglieds der gesellschaft (vgl. unser bei den philosophi chymici Zedler 49, 1996), hier haben wir unsern fall G. Keller 4, 49 der mich betrifft, wir kriegen unser recht, theil, fett das uns gebührende, wir treiben unsern mutwillen mit jemand oder etwas uns beliebenden, wir stehen unsern mann (vgl. th. 2, 912 dein 7, th. 6, 1917 mein 7 ende), finden unsre rechnung, sehen unser blaues wunder (J. Grimm gr. 4, 405). b) das pron. vertritt casusbestimmungen; den nominativ: gott hilfft unserm fleisz, wenn wir fleiszig sind, klugreden (1548) 142ᵃ; unser beispiel Klinger neues theater 1, 2, unsere übungen Göthe IV 27, 4 W., unsre weise Lenau 500 B. u. s. w.; einen casus obliquus: unsere frühlingsherolde Prätorius winterflucht a 2ᵃ; veraltet: unsere miszgünstige A. Olearius pers. rosenthal 4, 1, durch unser liebe aus liebe zu uns mystiker 1, 359, 14 Pf.; allgemein: unser bestes Schiller 14, 17, unsere todfeinde Scheit Grobian. 9 ndr., zu unserm andenken Göthe 22, 5, 21 W., schaden Bismarck gedanken u. erin. 2, 19 volksausg., unser lohn und dank Spreng Ilias (1610) 4ᵇ, unser heil P. Gerhardt bei Fischer - Tümpel 3, 379ᵃ, unsre bande ebenda 3, 327ᵃ u. s. w., mit subst. actionis u. nomina agentis: unsre ermordung J. H. Voss Odyssee 29 B., vertreibung u. s. w., unser schöpfer, erlöser, seligmacher, heiland, erhalter, schützer, verteidiger, ankläger, verleumder u. s. w. c) werth- und gefühlsbetont (vgl. th. 10, 1, 357 unten): unser Opitzius ... hat es gesagt Opitz t. poemata 2 ndr.; unser Friedrich B. Neukirch gedichte (1744) 5; unsers auferstandnen (vgl.B 2) Lessing 3, 9, 125 M.; mit unserm seligen doctor Luther Lenz 1, 64 Tieck; unseres wackern Rehbein (des leibarztes) Göthe IV 28, 61 W.; unser theurer meister, Hans Sachs (zugleich mit bezug auf den holzschnitt) 16, 123 W.; unseren Schiller kannten wir wohl Storm 8, 39; anders, wenn das pron. nur die zugehörigkeit zur volksgemeinschaft bezeichnet: unsere Keppler und Leibnitz Fr. Schlegel 1, 3; Treitschke hist. u. polit. aufsätze 1, 49; oder im gegensatz: unser Ossian, im gs. zum englischen Herder 5, 161. auch in miszbilligenden wendungen: von den spiegeleien unsrer physiker Göthe 3, 101 W.; unsere neuphilosophischen (ärzte) Brentano 5, 337. von nichtpersönlichem:
die unsrigkeit.
unsere akademie ist, rufen sie, fürstin Europas.
ich, denkt jeder, bin fürst unserer akademie
J. H. Voss sämtl. ged. 6, 298;
unser Deutschland, Weimar, Bayreuth u. s. w. dieser gefühlsbetonte gebrauch ist von dem pluralgebrauch der autoren (s.B 3) zu scheiden; besonders mündliche rede verwendet das pron. schmeichelnd, kosend, scherzend, spottend, ironisch, tadelnd, immer so, dasz neben dem urtheil eine persönliche beziehung zum ausdruck kommt: unser schlauer dackel, unser kerl, mann, unser guter müller J. Grimm kl. schr. 3, 266 ff.; in der sprache der schule, der seelsorge, der predigt, des arztes u. s. w., bisweilen geradezu das pron. der 2. person ersetzend: wo haben wir unsere präparation? wir haben gesoffen unsere sünde wie wasser hinein ebda 258 ff. (als spuren eines 2 personen verknüpfenden dualis), wie ist heute unser befinden? ebenso kommt durch das äuszere mittel der wiederholung und des gegensatzes gefühlsbetontheit zum ausdruck: unsre, unsre grosze schulden P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 302; 299; unser rauch ist liechter dann eins andern feur klugreden (1548) 146ᵇ; verstärkt durch eigen (Göthe 1, 294, 45 W.); auch ohne ausdrückliche nennung des gs.: unser kohl schmeckt wohl Lehmann florileg. 3, 443; das ist unsre sache, geht euch nichts an. vgl. II.
2)
in meist festen verbindungen.
a)
hausdeutsch. in der familie ist der unser der hausherr (Fischer schwäb. wb. 6, 219), onsen sagen luxemb. frauen von ihren männern (Gangler 318), unser vater sagt auch die gattin von ihrem manne, dieser unsere mutter von der gattin, die nd. bäuerin nennt ihren mann ûse Crischan, ûse vader, unsere frau ist im munde der dienstboten die hausfrau, die bäuerin, unsere sind die eltern, die familie (els. wb. 1, 56ᵃ; Staub-Tobler 1, 347), eusere, unsere, unser, der unser unser sohn oder der pfarrer (a. a. o. J. H. Voss ged. 2, 282, 89; Gotthelf geld u. geist 284; vgl.Melboe, unsre liebvolle, tochter maler Müller 1, 12), das kind sagt zu fremden leuten nicht mein (bruder) Jakob, sondern unser J. (Fischer 6, 219), eusers, ouses ist unser haus, besitzthum (Staub-Tobler a. a. o.; Tonnar-Evers Eupen 132ᵃ; an onses zu hause, bei uns ebda; te onzent nl. wb. 10, 2238), unsere leute, ûse (Schambach 250; vgl. mit sonderbedeutung onze volk, onsvolk Molema Groningen. 304 f., onslieden mnl. wb. 5, 891, onslu Molema 304ᵇ) unsre dienstboten, arbeiter, unsere perle, donna unser dienstmädchen, unsre köchin (zs. f. d. wortf. 11, 235). anderseits sagt der dienstbote in der spr. treuherziger anhänglichkeit (ebda 231, 233 ff., 226): unser hut vom hute des herrn, Franziska in Lessings Minna v. Barnhelm 2, 2: unsern major, 2, 1 von unserer schokolate, Daja im Nathan 1, 1 unsrer bitte; so übersetzt J. H. Voss in Virgils eclogen 1, 8 unsere hürden, 9, 11 unsere gesänge für die hürden, gesänge des herrn. wenn ein knecht sagt 'unserm herrn seine pferde', dann taugt er nicht, man lohne ihn ab; wenn er aber sagt 'unsere pferde', so kann man ihn behalten; sagt er gar 'meine pferde', dann ist er nicht mit geld zu bezahlen zs. f. d. wortf. 11, 233. familiär heiszt es bei juden einer von unsere leut, ein jude (J. Grimm gr. 1, 707; Fischer 6, 219); ener vo unnera leut Ruckert 188; damit alles hübsch unter 'unsere leut' bleibt Auerbach romane 2 (1871) 51; th. 6, 839, 6. an das hausdeutsch rührt auch die bed. der ra. unser mann (J. Grimm gr. 4, 405): Moritz, du bist unser mann ... du weeszts, wies um de weberei bestellt is G. Hauptmann weber 39.
b)
unser herr u. dgl. von gott, auf der spr. der kirche beruhend und in den sprachen aller christlichen völker wiederkehrend (th. 4, 2, 1134 f.): in unserem liben herren Jesu Christo privatbriefe 1, 3 St.; unsers hern marter Arigo decamerone 70, 27 K.; unser herrgott ist im begegnet (er hat glück gehabt) klugreden (1548) 138ᵃ; unser herrgottstag fronleichnam Fischer schwäb. wb. 6, 219. unser könig P. Gerhardt bei Fischer - Tümpel 3, 304, unser gott R. Manuel todtentanz 4 B., unserm lieben gott K. Fr. Bahrdt gesch. s. lebens 1, 6, unsers himmlischen vaters Göthe 3, 270 W. u. dgl. m. holz unsers herrn lignum rhodium, unsers herrn kron scirpus lacustris, näglein sedum acre, unser herrgotts strompf ond schüali lotus corniculatus, unsers herrgotts wundenkraut hypericum perforatum Pritzel-Jessen 213, 366, 369, 221, 187; onze-lieve-heersbeestje nl. wb. 10, 2232.
c)
im gebet des herrn hat Luther gegenüber dem hergebrachten vater unser (th. 12, 40; erste d. bibel 1, 22, 11) unser vater übersetzt (Matth. 6, 9; Lucas 11, 2), was dann Calvinisten beibehalten (nl. onzevader neben katholischem vaderons; Kramer [1702] 2, 1201ᵃ; our father Murray 7¹, 238ᵇ, 3): wann du eigentlich weist, dasz du an einem calvinischen ort bist, so fang das vatter unser auch auf calvinisch an und sag unser vatter etc. und nicht vatter unser Grimmelshausen 2, 347, 32 Keller; Cramer an Bürger bei Strodtmann 1, 145; Göthe 2, 215 W. th. 12, 40; das gebet selbst: der prediger kniete .. zum vaterunser; ich dächte anbei, unservater wäre dem jahrhundert mehr angemessen Hermes manch Hermäon 2, 288; Gutzkow 5, 19; ich betete mein unservater G. Keller 1, 84; als zaubermittel unter die schwelle vergraben Gotthelf 1, 341. Staub-Tobler 1, 1127; 347.
d)
unsere (liebe) frau die gottesmutter, die h. jungfrau. mhd. unser vrouwe, mnd. unse (lêve) vrouwe, mnl. onse (lieve) vrouwe, nl. onze lieve vrouw, dän. vor frue, schwed. vaͦr kära fru, engl. our lady; th. 4, 1, 1, 73; Staub-Tobler 1, 1242 d; Fischer 6, 219: fünff gebetlin, welche gemacht sint von den fünff buͦchstaben desz namens unser (zur form s. oben A II 1) lieben frawen Marie der ew. wiszheit betbüchlin (1518) c 2ᵇ; bhuͤt mich gott und unser frow! H. R. Manuel weinspiel 1625; Endinger judenspiel 21 ndr.; ihr feldgeschrei sollte sein 'unsre frau'! Ranke 1, 142; unser vrouwen messe fest Mariä himmelfahrt R. v. Ems Willehalm 6934; uf unser frauwen tag lichtmesse Marienb. treszlerbuch 143, 35 J.; Stolle chron. 15; unserfrauenabend vortag vor einem der groszen frauentage Unger - Khull 611ᵃ; mnd. unsenavent; Grotefend zeitrechnung 1, 196ᵇ; unser frauen bruder carmeliter Diefenbach gl. 102ᵃ; Eberlin v. Günzburg 1, 64 ndr.; brüderschaft Zedler 49, 2002; ihre tracht unser frawen mantel Eberlin v. Günzburg 1, 160 ndr.; unser (lieben) frauen kirche, berg (Fischer 6, 219), kloster, wein u. s. w.; Unser frau, Unsere liebe frau im walde ortschaften in Tirol; Unser frau zum see, Unser frauen zoll Zedler 49, 2004 f.; das bildnis der gottesmutter ain unser fraw Fischer 6, 219; unsre liebe frau H. Heine 1, 70 Elster; unser frawen kühlein coccinella septempunctata Hulsius - Ravellus (1616) 382ᵃ; Nemnich wb. der naturgesch. 610; Fischer a. a. o.; unser frauen eis spieszglas, lapis lunaris, selenites Corvinus fons lat. (1646) 498; Calepinus (1598) 1368ᵇ; bes. in zahlreichen pflanzennamen, z. b. unser (lieben) frauen bettstroh (mnl. onser vrouwen beddestroo; nl. onze-lieve-vrouwenbedstroo; th. 1, 1739; galium verum Pritzel-Jessen 159, hypericum perforatum 187, thymus serpyllum 401, asperula odorata 48, ascyron Gesner catalogus plantarum 10, asciro, bardthaw Hulsius [1618] 2, 40ᵇ; Unger - Khull 611ᵃ; Fischer schwäb. wb. 6, 219; Schlechtendal - Hallier 28, 69; Gackeleia ... nannte dieses .. blumenbecken .. ihr Marienklostergärtchen ... sie hatte sich eine bank darin bereitet, und neben dieser stand das kräutlein unserlieb-frauenbettstroh Brentano 5, 65), -birnlein crataegus oxyacantha Nemnich wb. der naturgesch. 610, Pritzel-Jessen 117, -blume spericum (wohl hypericum) Unger-Khull 611ᵃ, -blumenhaar cascuta epilinum Pritzel - Jessen 122, -büschel (adiantum capillus veneris?) Unger-Khull 611ᵃ, -distel chrysanthemum majus Pritzel-Jessen 95, onopordium acanthium 253, silybum marianum 378 (unser frawen distelwasser Parac. chir. 506 B), -flachs anthirrhinum linaria Pritzel-Jessen 35, briza media 67 (Wirsung artzneybuch 1588 reg.), -fötzel viola tricolor Pritzel - Jessen 442, -haar antirrhinum alpinum 34, linaria 35, cuscuta epilinum 122, polytrichum commune 300, -handschuh aquilegia vulgaris 37, baccharis Lonicerus 508, Gesner catalogus 12, Hulsius-Ravellus 382ᵃ, Corvinus fons 102, digitalis purpurea Schlechtendal-Hallier 17, 193, -heil verbascum thapsus viehbüchlein 50, Pritzel-Jessen 429, -hopfen, -hopfklee medicago lupulina 231, trifolium agrarium 407, -kräpflein anthyllis vulneraria 33, -kraut convallaria polygonatum 108, -lein (lien) caprifolium periclymenum 77, -mantel alchemilla vulgaris 15, aconcilla Diefenbach gl. 10, -milchkraut pulmonaria officinalis Pritzel-Jessen 319, -minze chrysanthemum majus 95, mentha saracenica Röslein kreuterb. 38, mentha viridis Pritzel-Jessen 236, nepeta cataria 245, -nachtmantel 15, Schlechtendal-Hallier 25, 86, -rast veronica chamaedrys Pritzel-Jessen 432, -rauch achillea clavenae 6, weiszrauch artemisia maritima 44, -schwarzrauch achillea atrata 6 (vgl. oben th. 9, 2342), -röslein lychnis (?) Wirsung arzneibuch (1588) reg., -salz anthyllis (?) Sebiz feldbau 87, -schühlein (vgl. schühlein 2 b th. 9, 1860) lamium maculatum 200, lotus corniculatus 221, cypripedium calceolus 126, melilotus officinalis 233, polygala chamaebyxus 295, archangelica Diefenbach gl. 45ᶜ, -schlüssel lotus corniculatus Pritzel-Jessen 221, -seide cuscuta europaea 123, -träne orchis mascula 254, Hulsius-Ravellus (1616) 382ᵃ. vgl. die entsprechenden zusammensetzungen mit frauen- und Marien-, sowie unser herrgotts- unter b.
3)
wie bei uns (s. d. 4) ist der gebrauch von unser im plur. der bescheidenheit, als autoren- u. herrscherplural fest geworden. J. Grimm gr. 4 (1898), 355 ff.; Murray 7, 1, 238ᵇ, 1 c d. im plur. modestiae des schriftstellers (Ehrismann zs. f. d. wortf. 2, 125 ff.): unsu smahu nidiri Otfrid ad Ludowicum 26; unsere wenigkeit Sanders 2, 1564ᵇ; vilitas, paucitas nostra. unser autor Grimmelshausen 4, 505, 25 Keller, unser dichter Göthe 7, 5 W. für ich; oft an den plur. societatis streifend: du (Zelter) siehst .., dasz ... ein meer auszutrinken sey, für unsere alte kehle nicht wohl hinabzuschlucken IV 41, 39 W. in geschäftssprachlichen formeln: unsern günstlichen grusz zuͦvor A. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) vorr. 2ᵃ; unsere freund. brüderliche dienste ... zuvore acta publ. 1, 13 Palm; unsers erachtens 1, 42 P. autorenplural: ein materi zu nemen unsern krefften gleich Scheit Grobianus 7 ndr.; der zweck unsers begerens und hoffens 6 ndr.; unser leser Wieland Agathon 1, 4; Göthe 22, 173, 28 W.; Mörike 3, 24; wie wir in unserem zweiten buche sahen Ranke 3, 4; unsere aufgabe ist Mommsen röm. gesch. 1, 4. besonders gern gebraucht der verfasser unser von personen und gegenständen, mit denen er sich und die leser beschäftigt (J. Grimm kl. schr. 3, 268; vgl. mein 8): unser tœrscher knabe Wolfram Parz. 138, 9; unser spinnerin Keisersberg geistl. sp. (1510) c 6ᵃ; unser Katzenveit J. Prätorius bericht vom Katzenveite b 2ᵇ; unser junge dichter Lessing 6, 55 M.; unser mann, der held der geschichte Wieland 3, 11 H.; Nicolai Nothanker 2, 200; unser held Wieland Agathon 1, 4; unser freund Göthe 21, 82 W.; unser evangelist Herder 19, 265, verfasser E. Th. A. Hoffmann 1, 5 Gr.; unsre gesellschaft Göthe 21, 174 W., reisenden Novalis 4, 112 M., bekannten O. Ludwig 2, 15; unser Helvetia Stumpf chron. 2ᵃ, flaschen Garg. 41 ndr., unsre sabbathstafel Herder 6, 67; doch wieder zu unserm gegenstande 15, 325; den faden unserer erzählung Raumer Hohenstaufen 4, 65. im herrscherplural (zur entstehung Ehrismann zs. f. d. wortf. 1, 117): unsre weiland schwester, jetzt unsre königin A. W. Schlegel 3, 149 (Hamlet 1, 2); euer gnaden parodierend: unsern gnaden Fischart bei J. Grimm gr. 4 (1898), 355.
II.
im prädicat: das wasser ist unser erste d. bibel 3, 126, 57; was wir tichten fleissiglich und wir halten, das ist unser 5, 8, 23; der münch fan übern zaun, so ist die kutte doch unser Lehmann florileg. 3, 47;
die welt ist unser, weil wir sind!
Gottsched gedichte (1751) 1, 121;
unsre eigensten gedanken sind nicht mehr unser Herder 12, 124;
bringen beut mit, die rarsten sachen!
unser ist's, wenn wir's nur listig machen
Schiller 12, 14 (Wallensteins lager 1);
Schambach 250ᵃ; obers. wb. 2, 600; Staub - Tobler 1, 168. mit nachdruck vorangestellt: unser ist das land Adelung. selten von pflicht (vgl. III):
wir thaten, was das unsre war
Hölderlin 2, 92 L.
von personen: er ist gantz unser Kramer (1702) 2, 1201ᵃ, der unsere, unsrige; 'unser ist sie (Alcestis)!' sprachen alle die himmlischen, 'sie ist unser!' Herder 28, 386; du bist nun unser ... wir haben dich gekauft Göthe 21, 166, 8 W.; 17, 47, 21 W.; sei unser! unser! ich darf nicht sagen, mein 8, 289 W.;
wir fühlen, dasz du unser bist
Schiller 4, 7;
mit höchstem gefühlston (vgl. J. H. Voss unter III):
denn er war unser!
Göthe 16, 165 W. (epilog zu Schillers glocke 17);
das nicht'ge ist von ihm hinweggenommen;
nun ward er unser erst
Immermann 19, 208 (epilog zu Göthes totenfeier).
in engster bed. unser sein unsre eignen herren und unter uns sein (Staub - Tobler 1, 347; Fischer 6, 219), uns selbst gehören, in prägnantem sinne:
wir können unser sein und stundenlang
uns in die goldne zeit der dichter träumen
Göthe Tasso 22;
ich hatte mich (zur feier von Göthes geburtstag) schon versagt für einen engern kreis meiner allernächsten umgebung; wir waren unser, und statt schlechter reime ward bester wein gegeben Zelter an Göthe 4, 370.
III.
substantiviert. der unser, unser u. dgl. im hausdeutsch s. oben B I 2 a. die unsere, unsre glaubensgenossen Notker ps. 77, 53; erste d. bibel 1, 327, 19; euch als die unsern weiter zu unterrichten Luther 26, 271 W.; 30, 2, 390 W.; kampfgenossen: nostri non amplius 20 omnibus in proeliis desiderati der unsern kamen nit mehr dann 20 umb Alberus a a 4ᵃ; nachts glückte den unsern der sturm auf Weiszenau Göthe 33, 290 W.; individuell ironisch, verbunden mit kein: wir haben zwar kein vaterland, keine unsern, für die wir leben Herder 5, 551; du bist uns verfallen:
der unsre bist zur stunde,
dies ist der Venusberg
Geibel 1, 120;
das letzte kind von den unsern, unsrer generation Storm 1, 197; zuͦ iemants der unsern, von uns Boltz Terenz 6ᵃ; in höherem sinne, zu unserm kreise gehörend, als gleichstrebender, würdiger genosse u. dgl.: um dich auf immer zu dem unsern zu machen Göthe 21, 52, 12 W.; 23, 119, 22 W.; IV 32, 234, 14 W.; gefühlsbetont wie unter II:
ha! dein, Lenorens harfener, schämte sich
die Lein'-Augusta! aber Germania
nennt dich den unsern, traurt an deinem
male, du edler, und klagts der nachwelt
J. H. Voss gedichte 3, 206.
oaner von den aunseren, ein Unterländer (verspottung der unterl. vokale) Fischer schwäb. wb. 6, 219; Unser spottname schwäbischer ortsangehöriger, die uns statt wir (s.uns 3) gebrauchen, ebda. das unsere unser eigenthum: die namen uns alles das unser Aymon (1535) r 1ᵇ; H. Sachs 17, 171, 26 G.; B. Waldis Esopus 1, 117 K.; Göthe 43, 307, 4 W. mundartliche bezeichnungen für unser haus s.B I 2 a. das unsre, unsrige, unsre pflicht, schuldigkeit: wir sollen arbeiten und das unser thun und gott lassen sorgen Lehmann florileg. 2, 740; wir thun das unsre Tieck 3, 489; wir wollen das unser thun O. Ludwig 2, 65. hier giebt es kein mein und dein, sondern nur ein unser Spielhagen deutsche pioniere (1870) 276.
IV.
Unser als familienname in Pforzheim (zs. f. d. wortf. 7, 308), vielleicht aus den unter III angeführten schwäbischen spottnamen zu erklären.unsereiner s. ¹unser 2 f. —unser lieben frauenabend, -bettstroh u. s. w. s. ²unser II 2 d. —
Zitationshilfe
„unser“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/unser>, abgerufen am 22.10.2019.

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