Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

unstern, m.

unstern m.
unheilbringender stern, unglück, miszgeschick; gth. von stern 'guter, glücklicher stern'; s.stern und un IV B. das wort scheint auf grundlage des älteren unglückstern (s. d.) von Fischart (s. unten 2 c) zunächst dem franz. désastre nachgebildet zu sein u. wurde im 17. jh. mit benutzung der stilistischen verbindungen von unglück und unheil zu beliebter verwendung entwickelt; im 18. jh. nimmt sein gebrauch so ab, dasz Heynatz antibarbarus 2, 529 es eigentlich nur noch für unglückliche constellation gelten lassen will. heute wird es meist als gewählt oder geziert empfunden; nach den zu gebote stehenden belegen ist zuerst die bed. 'unglück' gebraucht (entsprechend dem französischen wort, dessen ableitung von astrum man sogar in frage stellte), dann griff man auf die sinnliche vorstellung des sternes zurück und vertiefte sie mythologisch (J. Grimm kl. schr. 6, 282; Weigand syn. 3, 876; Borchardt - Wustmann 459). Campe verd. wb. 256ᵃ. plur. selten: die blutdräuende unsterne ... müssen erbleichen Q. Kuhlmann lehrhoff (1672) x 2ᵃ; es hatten sich nämlich drey oder vier unsterne mit einander vereinigt, meinen bau zu hintertreiben U. Bräker 1, 178; bei einem zusammentreffen solcher unsterne Jean Paul 7/10, 41.
1)
im eigentlichen sinne als unglückbringender stern. a) im gs. zum glücksgestirn: Vologeses untergehende, Rhemetalces hingegen wieder aufgehende glückssonne kurtz hierauf in einen neuen und plötzlichen u. verwandelt Lohenstein Arm. 2, 5; aber es kämpfen ... zwei sterne harten kampf, der u., der bei Jena geleuchtet, und der glücksstern, der über Leipzig und Waterloo gestanden Görres 4, 45; jeder mensch hat am himmel seinen stern, das ist sein glücks- oder unstern Rosegger (1895) 4, 64. b) der u. strahlt, scheint, schwebt, steigt auf, waltet u. dgl.; und ist es an dem, dasz die teutsche sprache von keinen mechtigern feinden überfallen, noch von einem giftigern unsterne überstralet werden kan Schottel haubtspr. 12; bellum grammaticale 67; seines unsterns strenger blick J. V. Pietsch geb. schr. 161; vom bezaubernden blick der jungfrau J. H. Voss ged. 3, 220; des unsterns trocknenden strahl Klopstock oden 2, 135, 18 M.-P.;
welch unstern aber scheint
von dem verhängnisz uns?
Lohenstein Ibrahim sult. (1680) 55, 122;
Riemer polit. stockfisch 286; und damit ihr u. ja desto heller scheinen möchte, so stürtzte der princessin pferd Ziegler Banise 516; Gottsched schaubühne 2, 70; schwebt doch immer ein u. über mir, sobald ich einmal ruhen und mir wohlthun will! Göthe 20, 106 W.; Jhering geist d. röm. rechts 1, 53; um so eher dürfte ... der u. ... bei ihm abermals aufsteigen G. Keller 6, 163. c) unglückliche constellation (vgl. Heynatz antibarbarus 2, 529): in unstern bin ich gebohren H. Lindenborn Diogenes (1742) 1, 673. d) ein meteor, komet:
so musz sich nun mein stern in einem unstern kehren,
sein vormahls süszes licht wil ein comete sein
Gressel Celanders verliebte ged. (1716) 196;
städte heiszen (in dithyramben) hochmaurigte städte und ein meteor ein lichtdämpfender unstern allg. d. bibl. 5, 47; H. Heine 1, 340 E.
2)
uneigentlich 'unglück, unheil, miszgeschick' u. dgl. a) begriffliches: unglück, unheil, u. Weigand syn. 3, 875; vgl.unglück, unheil; man saget: ich habe weder stern noch glück, oder mein u. hat es so verhänget Gottsched beobacht. (1758) 429. u. kann groszes, tiefes unglück sein (unsterbliche Roma ... welcher deiner cäsaren und imperatoren ... hat in gleichem u. auf dem monte Pincio gestanden? Waiblinger Britten in Rom 102 Zoller; des unsterns an der Beresina Häusser d. gesch. 4, 525), aber auch bloszes miszgeschick, pech (der bräutigam aber vergasz seinen ganzen u., ärgerliches erlebnis O. Ludwig 2, 525; sich bey dem kleinsten unstern schimpflich erniedrigen Adelung), miszerfolg, mangel an gedeihen (den u. seiner bühne G. Freytag 16, 334), schaden (G. Forster 2, 126), ungünstiger begleitender umstand (Robinson Crusoe [1720] 1, 87), übelstand (Gottschedin briefe 2, 92 Runkel); ein allgemeiner u., allgemeines übel Kramer (1700) 1, 505ᶜ. vereinzelt von erkrankung: der augen u. Zesen verm. Helikon (1656) 1, 218; vgl. Murray 3, 1, 406ᵇ, 2 b. b) gegensatz: und wie könte es im kriege anders seyn, als dasz des einen u. des andern glücksstern seyn würde Lohenstein Arm. 2, 831ᵃ; glück und u. einer misz Jenny Göthe 19, 29 W.;
vom stern und unstern meiner reise,
vom land Homers erzählt ich ihr
Geibel 4, 99;
G. Keller 2, 93; vieler ... welche in ihren glücklichsten tagen es nie so gut hatten als jene in ihrem gröszten unsterne Fichte (1845 ff.) 6, 183. c) unter den attributiven verbindungen ist die mit dem pron. possess. am häufigsten: inn dissen unordentlichen und gleichwol unterschiedenen trennungen allen, welche .. unser besondern unstern bereits in ein form und ordnung gebracht, hat ein jeder sein sonder fürhaben und procesz Fischart discours (1589) b 2ᵇ; ich muszte meines unsterns selbst lachen Simpl. 107 Kögel; G. Galenus des verl. frauenzimmers schulkrankheit (1683) 169; Fr. W. Weber Dreizehnlinden 163; doch mein u. war so grosz, dasz ... Chr. Weise überfl. gedanken 196 ndr.; Stieler zeitungslust 316; haben sie denn gar keine fühlung über meinen u.? v. Petrasch lustspiele (1765) 1, 125. sonstige attribute: schlimmer u. Buchholtz Herkuliskus 956, groszer Kramer (1702) 2, 966ᵇ, boͤser Eschenburg beispielsammlung 4, 126, grimmer Fr. Schlegel 9, 16, tausenderley Kramer a. a. o., seltsamer Mörike 3, 22, düsterer Kürnberger novellen 1, 66, schleuniger J. D. Ernst denkwürdigkeiten (1700) 513, plötzlicher Schleiermacher I 5, 596, neuer G. Forster 1, 395, alter Justi Winckelmann 1, 58, lauter Hohberg georgica 2, 131, solcher Schiller 1, 300 u. s. w. oxymoron: ein glücklicher u. Lohenstein Arm. 2, 86ᵇ. ohne solche attribute: fürsten und herrn haben gemeinlich den u., dasz sie instituirt werden, als solten sie mit der zeit schulmeister, priester oder rabulisten werden Lehmann florileg. 1, 493; voller u. disastroso Kramer a. a. o.; Günther ged. 314; ohne den u. ... welche andere welt! J. v. Müller 9, 32; der u. für geistige verdienste ist, dasz ... Schopenhauer 5, 481 Gr.;
vor unstern nie ein Pfälzer bebt
Ditfurth volkslieder d. bayer. heeres (1871) 67;
zur zeit des unsterns G. Keller 5, 66. d) persönlich oder bildlich vorgestellt: hätte mir mein u. nicht einen hoffmeister zugeführet Chr. Weise erznarren 213 ndr.; J. A. Naumann naturgesch. d. vögel 8, 464; er begegnet einem A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 457, stöszt einem zu v. Petrasch lustspiele (1765) 2, 354, betrifft Zend a Zendoriis winternächte (1682) 171, verfolgt Fr. L. Jahn 2, 598 E., übt J. v. Besser 2, 738, schlägt einen nieder A. v. Arnim 6, 246, treibt Nicolai Nothanker 2, 56, regiert G. Forster ausgew. kl. schr. 87 L., begleitet, verläszt einen Herder 16, 294; man zankt mit ihm Hoffmannswaldau-Neukirch 3, 68, besteht ihn Gutzkow zauberer 6, 223, wird von ihm angegriffen discourse der mahlern (1721) 2, 28, klagt ihn an Iffland 1, 159; beliebt: sein u. wollte Liscow (1739) vorr. 7; da musz wirklich ein u. walten Caroline 1, 67 W.; ein u. waltet über etwas J. Grimm kl. schr. 3, 233.
o unstern, der auf mich so lange sich verschworen!
J. v. Besser schriften (1732) 1, 307 König;
hat mein unstern sich verschworen,
dasz ich sterbend leben soll!
Canitz bei Gottsched crit. dichtkunst 373;
die mörderin! .. sie ist mein u. maler Müller 3, 280;
Unstern, diesem guten jungen,
hat es seltsam sich geschickt
Uhland 1, 223 Schm.-H.;
vgl. ich armer stern bei Heyne d. wb. 3, 801; Hans Unstern Wander 4, 1477. e) bilder sind nicht häufig:
seit des unsterns ganzer strohm über Hilmarn sich ergossen
J. Grob dichter. versuchg. (1678) 68;
dieses unsterns quell Weichmann poesie der Niedersachsen 1, 5; des unsterns schwere schulden J. G. Seume ged. (1804) 96;
ein giftger hauch von schwarzem unstern weht
W. v. Humboldt sonnette (1853) 118.
f) mit den präpos. zu, nach, in, aus: par malheur zum u. Apinus gloss. (1728) 392; Fischer schwäb. wb. 6, 222; wenn diese erscheinung nicht zum u. ein nordlicht ist Schiller 2, 378; zu allem u. Sperander (1727) 445ᵃ; ich fande mich zu allem unstern eben bey dieser rencontre Grimmelshausen 2, 486, 21 Keller; zu unserm u. Simpl. 2, 334 Bobertag; L. Holberg dän. schaubühne 3, 122; in der post hatte ich nach meinem gewöhnlichen u. eine dame vis-à-vis Bismarck briefe an s. braut 8; gehet es doch bei kürschnern ... zu zeiten je auch im u. B. Sartorius d. schneider genug- u. sattsame widerlegung 42; der sich in seinem u. so wenig liebenswürdig gegen mich benahm G. Keller 3, 126; nicht aus eigenem verschulden, sondern aus u. 2, 129. g) im fluch und ausruf: potz u.! Simpl. 1, 360, 12 Keller; Adam und Eva ... seynd ... aus dem paradeisz verbannisiret worden ... das ist ein u.! Abr. a S. Clara etwas f. alle 2, 420; ach, welch ein u.! Holberg schaubühne 4, 156; o welch ein u! Hölty ged. 29 Halm; weh dieses unsterns Droysen Äschylus 367. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1923), Bd. XI,III (1936), Sp. 1425, Z. 46.

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