Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

unterfahren, v.;

unterfahren v.
ahd. untarfaran; mhd. undervarn; mnd. undervaren. von dem erheblichen bedeutungsumfang der älteren zeit hat die n. spr. viel eingebüszt.
A.
nach ¹unter III A 1 (sub).
I.
trennbar (¹unter III A 1 a α, γ). 1) -transitiv: auf einer tenne ... wo die ankommenden kisten und ballen sogleich untergefahren werden Göthe 25, 87 W.; in einen untergefahrenen trog Muspratt chemie (1888) 2, 140. 'unterpflügen, bes. kartoffeln' els. wb. 1, 127ᵇ; vgl. undere faren Staub-Tobler 1, 895; der wasen ist frisch untergefahren ebda; substantivierter inf.: zum unterfahren der ausgewachsenen wicken Schwerz praktischer ackerbau (1882) 344. 2) intransitiv: ahd. untarfaran subintroire; mit dem wagen unterfahren, bis der regen vorüber ist Campe; bildlich: mein M. plätschert und fährt (taucht) unter in allen 4 flüssen des paradieses Jean Paul sämtl. w. 3 (1826), 163 R. übertragen: mit den klagen unterfaren d. i. sie an die muttergerichte bringen (1543) quelle bei Staub-Tobler 1, 895, 1.
II.
untrennbar (¹unter III A 1 b).
1)
nach ¹unter III A 1 b α, β, 'unter etwas darüber befindliches oder darüber befindlichem fahren': darnach sol man sy (die ader) underfarn mit ainem clainen holtz Mynsinger v. d. falken 68 lit. ver.; auch werden weisze ähren von den würmen, welche den acker unterfahren und die wurtzeln von denen kornstöcken losarbeiten allg. haushalt. lex. (1749) 2, 730ᵇ; die Arlbergbahn ... unterfährt diesen pasz v. Alten handb. f. heer u. flotte 1, 466; terminologisch in d. spr. des bergbaus: 'mit den stollörtern unter etwas gelangen' Campe; erze u. Adelung; unterfahren, 'mit einem grubenbau unter einem anderen einbauen' Scheuchenstuel österr. berg- u. hüttenspr. (1856) 248; man sagt ... mit diesem ... schachte unterfährt man die grube N. N. um n. klafter ebda; Veith bergwb. 515; allgemein 'unterminieren': die felsen wurden unterfahren Zinzendorf teutsche gedichte (1766) 273. in der spr. des bauwesens 'untermauern' Staub-Tobler 1, 895, 2; Fischer 6, 230, 1; 'unterfahren nennt man die arbeit, mittelst welcher man einem ganzen gebäude ... ein neues ... fundament giebt' Helfft wb. d. landbaukunst (1836) 381; Schönermark - Stüber hochbaulex. (1902) 855; Hoyer-Kreuter technolog. wb. 1, 793: die hülczen seul mit quaderstain untterfarn A. Tucher haushaltb. 94 lit. ver.; Alemannia 18, 43; es wurden dachstühle hergestellt, mauern unterfahren Göthe 25, 76 W.; substantivierter inf.: unterfahren des fundaments Hoyer kriegsbaukunst 3, 214.
2)
nach ¹unter III A 1 b γ sich u. = unterfangen: ist nichts so unseglichs oder grausams, desz sie sich nicht underfahren Xylander Polybius (1574) 61; sich des partirens u. stadtrecht v. Eisenach 100. vgl. die mhd. bedd. 'erfassen, bewältigen'. veraltet.
B.
nach ¹unter III A 2 (dis, inter). ahd. untarfaran intercipere, intercludere. das neuere sprachgefühl mischt unsicher A und B durcheinander: haben sie (royalisten) nicht immer gezettelt und angehetzt, gegraben und minirt, und mit ihrer höhnischen moral jedes vorhaben unterfahren! Görres ges. schr. 3, 135.
1)
trennbar. ¹unter III A 2 a β entsprechend: Heintz Knol feret undter (zwischen die streitenden) und spricht H. Sachs 14, 230, 23 G.; unterbrechend dazwischenfahren: auch als es mit ihme zum abscheiden ausz dieser welt gelangt, hat er seinen freunden, welche seine herrliche thaten am todtbett lobten, untergefahren und gesagt Negelein vom bürgerlichen stand (1607) 143. veraltet. ¹unter III A 2 a γ entsprechend: die anspielung ... fuhr mir nur so mit unter Hopfen verfehlte liebe (1876) 1, 220; vgl. die mhd. bed. 'untermischen' Lexer 2, 1809; nachtrag 384.
2)
in untrennbarer verbindung.
a)
abgrenzen, einschlieszen (¹unter III A 2 b α, veraltet):
(die feste) het ein vorhof von weytn,
der war zu beyden seytn
mit mawren undterfarn
H. Sachs 3, 191, 13 K.
b)
nach ¹unter III A 2 b β: einen beim ringkampf packen, indem man zwischen seinen armen durchfährt, um ihn vom boden zu heben; einem gegner mit dem nacken zwischen die schenkel fahren Staub - Tobler 1, 895, 2 b; vgl. mhd. dich mag der tôt nit undervarn Lexer 2, 1809. wie allgemein mhd. 'hindern' (mhd. wb. 3, 248ᵇ; Lexer 2, 1808):
ob es müg yemant underfaren,
mein leib und guͦt sült ir nit sparen
Hätzlerin 244, 43;
damit ich von niemandt verhindert werd, damit sy mein abscheyden nit underfarend Chr. Wirsung Calixtus (1520) G g 2; Fischer schwäb. wb. 6, 230, 2; veraltet. einem die rede u. ihn unterbrechen (vgl. sp. 1486): und zuͦ einem andern wortzeichen hat Zwingli mir die rede underfaren, es dörft des kuͤnzlens ... nichts Faber bei Zwingli d. schr. 1, 164; mit wechselnder construction: andern in der rede unterfahren Harsdörfer gesprechspiele 1, 5ᵃ; nachdem A. lang zugehöret, hat er dieses gespräch unterfahren und sie stillschweigen heiszen 5, 464; aber (so unterfuhr ich plötzlich selber meine zufuhr) setzt dieses stummeninstitut nicht eine ... gröszte sprechfreiheit voraus? Jean Paul sämtl. w. 39 (1827), 89 R.; mit dat. d. person: laszt uns (unterfuhre ich ihnen) dieses einstellen v. Birken ostl. lorbeerhayn (1657) 80; ich verursache (unterfuhre ihr der verzweifelte Tyridates), dasz so edle threnen vergoszen werden A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 190; Flamin unterfuhr ihn Jean Paul 7/10, 455 Hempel u. ö.; unüblich.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1926), Bd. XI,III (1936), Sp. 1544, Z. 62.

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