unterschieben v.
Fundstelle: Lfg. 11,12 (1927,1928), Bd. XI,III (1936), Sp. 1758, Z. 60
mhd. underschieben; nl. onderschuiven (in uneigentlicher verwendung als germanismus betrachtet; nl. wb. 10, 1463). vgl.unterschoppen (J. v. Watt d. schr. 1, 67; Staub - Tobler 8, 1024; schoppen th. 9, 1565), einschieben, unterlegen, dän. underskyde, -stikke, schwed. understikka (Falk-Torp (1333 f.). in behandlung der trennbarkeit ist nicht ganz einheitlich verfahren; zwar überwiegt deutlich die trennbarkeit, wie sie mhd. bezeugt und heute bei bed. A I wie im nl. die regel ist. doch kommen fälle der untrennbarkeit schon mhd. vor (allerdings ist das part. praet. ohne ge in ä. spr. nicht beweisend) und sind später in bed. A II, III bis zum 19. jahrh. nicht selten (meist im part. praet., z. b. Nigrinus v. zäuberern [1592] 183; Kramer [1702] 2, 515ᶜ; Gottsched beyträge [1732] 1, 249; Schwabe belustigungen 5, 99; Lichtwer äsop. fabeln [1748] 123; Herder 10, 241 S.; 16, 486 S.; Hippel 11, 335; Göthe III 3, 388 W.; Schiller 12, 128 G.; H. v. Kleist 2, 386 Schm.; Grillparzer 3, 181 S.; doch auch in andern formen, z. b. ihre ... hirngeburten zu u. Wieland über d. kath. kirche 3, 1 nat. lit.; du unterschiebst Blumauer gedichte [1782] 222; A. ... unterschob Heinse 2, 111 Sch.).
A.
mit ¹unter III A 1 (sub); vgl. III A 1 a, α, γ, δ.
I.
eigentlich.
1)
räumlich; underschieben, under etwas thuͤn, legen oder stellen Maaler 457ᵈ; vgl.unterlegen A I 1: futter unter ein kleidungsstück legen Lexer 2, 1778; ähnlich J. v. Watt 1, 67 (underschopt); polster, fuszkissen u. H. Fabricius auszug bewerter hist. (1599) 117; Storm (1899) 3, 301; bildlich: dergleichen harmlose liebhabereyen sind wie weiche pfühle, die man sich auf einem harten lager unterschiebt Göthe IV 24, 104 W.; einem kind eine windel, eine walze u. Kramer (1702) 2, 215ᶜ; die folie für einen diamanten u. Göthe 43, 268 W.; dem vogel die weggenommenen eier wieder u. Hebel 1, 141 B.; dasz man dahin sehe, wie man alle wagen daselbst (ins wagenhaus) unterschiebe L. Chr. Sturm vollständige anweisung (1718) 49; Adelung; Campe; indem er ihr einen sessel unterschiebt sammlung v. schauspielen (1764 ff.) 10, 13; durch unterschobene steine das rad festigen Immermann 1, 123 H.; mit kapitellen, welche man dem gesimse unterschiebt Schopenhauer 2, 481 Gr.; er schob seinen arm unter Spielhagen platt land (1878) 1, 82; in einem untergeschobenen trog Muspratt chemie (1868) 2, 140;
schlaflos lag ich; statt des pfühles diente mir ein leichter sattel,
dem ich unterschob den beutel mit der dürren frucht der dattel
Freiligrath dichtungen (1870) 1, 153;
vgl. unterschiebebrett Sachs-Villatte. substantiviert: durch u. der füsze Brehm thierleben (1890) 1, 222; im bilde: Hugo v. Trimberg renner 4481 E.; denn, wenn das gebäu eines reiches einfallen wolte, muste der erste der beste seine achsel u. Lohenstein Arm. 1, 28ᵇ; 368ᵇ; vgl. L. Jud bei Staub-Tobler 8, 70 und unterlegen A II 1 b; dasz ihr dadurch in dem vorsatz, ihr heil zu schaffen, wie sie sagte, marmorne stufen untergeschoben worden Zinzendorf in d. zs. f. brüdergesch. 6, 103; Hauff (1890) 2, 177; die alten grundsäulen zu zertrümmern und neue unterzuschieben Moltke 2, 113.
2)
schon im grundworte (s. schieben 1 g, h) bildet sich der begriff des heimlichen, ungesetzlichen, unredlichen u. dgl. aus, der bei u. vorherscht: eʒ sol niemen cheinen rindespûch mit cheime strô underschieben stadtrecht v. Augsburg 200 M., Staub-Tobler 8, 70 b; H. v. Wittenweiler ring 2ᵈ, 5; einem ein bein u. supplantarlo Kramer (1702) 2, 515ᶜ; auch ihm (dem pelikan) hatte der kalte guckguck seine eyer untergeschoben Lessing 1, 205 M.; W. Raabe Horacker 18.
II.
halbsinnlich, fast nie ohne den nebenbegriff der schädigung.
1)
von der kindsunterschiebung: subditus partus, undergeschoben, ein wächselbalg Frisius 1252ᵇ; th. 13, 2706; unterlegen A II 2 l; einer frauen einen bastart oder wechselbalg oder fremdes kind u. Kramer (1702) 2, 515ᶜ; ὺπόβλητος, ein untergeschobener sohn allg. d. bibl. 1, 1, 197: es warf mir eines tages einer, der sehr berauscht war, bei der tafel vor, dasz ich untergeschoben wäre Steinbryckel Ödipus (1760) 60: Blumauer ged. (1782) 222;
es soll sich keiner unterschieben, mich betriegen
Göthe 11, 33 W.;
23, 111 W.; III 1, 304 W.; H. v. Kleist 2, 386 Schm.; ein unächtes, untergeschobenes kind Tieck (1828) 9, 109; Jac. Grimm myth. 1⁴, 387; demnach scheint unser verbuttetes kind ein vertauschtes, untergeschobenes zu sein Laistner nebelsagen 335. bildlich: Liscow 304, th. 13, 2707, 6 β;
ihm (dem zweifel) ist ein wechselbalg, der tiefsinn lüget,
jetzo untergeschoben, der gedanken
spinnwebt
Klopstock oden 2, 121 M.-P.;
gramm. gespräche (1794) 127.
2)
von personen, thieren, gegenständen, regelmäszig mit der absicht des betrugs: zeugen u. subornare Stieler 1784; unterschobene grenadiers Eggers 2, 464 ein zur empfangnahme des schmuckes untergeschobener kammerdiener Dahlmann franz. revolution 99; sich u. einschleichen Staub-Tobler 8, 70; statt der kinder junge hunde u. br. Grimm sagen (1891) 2, 156; supponere et subjicere testamenta, falsche gemächt underschieben Frisius 1307ᵇ;
so ist der gantze letzte wille
ein unterschobnes ding
Lichtwer fabeln (1748) 123;
namen, briefe, documente, falsche waren, zettel, waffen, steine münzen, zaubermittel, wechsel u. Frisius 734ᵇ; Kramer (1702) 2 515ᶜ; Marperger küchen- u. kellerdict. (1716) 1310ᵃ; Gottsched d. neueste 4, 24; Göthe 48, 36 W.; Lessing 10, 290 M.; Justi Winckelmann 2, 1, 281; H. Brunn kl. schr. 3, 180; Fichte 3, 297; auf jede art von untergeschobener oder falscher handschrift ... steht todesstrafe G. Forster 5, 40;
das ist mein becher;
dieser hier ein unterschobner
Grillparzer 3, 181 S.
III.
uneigentlich.
1)
heimlich mittheilen Staub-Tobler 8, 70 (1566). veraltet.
2)
zuschieben, beigeben, zukommen lassen; vgl.unterlegen II 2 c: lassen sie einmal wieder von sich hören und erlauben, dasz ich ihnen manchmal ein büchelchen oder sonst etwas unterschiebe Göthe IV 20, 216 W.; 21, 77 W.; hier könnte das beyliegende gedicht untergeschoben werden 36, 86 W.; hätte mein lehrer ... mir werke zur lektüre untergeschoben, ich hätte auszerordentlich viel gelernt L. v. Baczko gesch. m. lebens (1824) 1, 131; einschieben Schleiermacher 5, 202. ungewöhnlich.
3)
an die stelle setzen (subrogieren u. Campe verd. wb. [1813] 573ᵃ), zum ersatz geben: bedacht, das, so bald ich ainen anfalle, ich im alsbald zugleich auch aus den innersten vorrhatskästlin ... der rhetorum ... kräftige materi víler entschuldigungen und beschönung unterzuschiben und vollauf darzuraichen wais Fischart podagr. trostb. 91 H.; eine hinne, hindin, einen stellvertreter u. Nigrinus v. zäuberern (1592) 183; Heinse 2, 111 Sch.; D. Fr. Strausz 4, 325;
meiner sehnsucht schiebt ein böser geist
statt freud und glück verwandte schmerzen unter
Göthe Tasso 1895;
IV 12, 143 W.; I 17, 83 W.; Schiller 12, 10 G.;
auch zuweilen geschiehts, dasz dem einen bild sich ein andres
unterschiebet von anderer art
Knebel Lukrez 180;
die sachen waren dieselben geblieben, nur den menschen hatten sich unmerklich andere untergeschoben Storm (1899) 5, 91; Nietzsche 4, 178; die philosophische abstraktion hat sich der dichterischen untergeschoben O. Ludwig 5, 52.
4)
mit besondrer betonung der vorstellung des betrugs, der list, fälschung, entstellung u. dgl.: weil wir zu wünderlichen neuen reden und leren nicht lust haben, noch zugeben können, dasz dieselben in unsere kirchen eingebracht und untergeschoben (eingeschmuggelt) werden H. Rothe catechismi predigt (1573) 1 a 2ᵇ; er ... hat ... den geschmack seines landes ... untergeschoben Hirschfeld gartenkunst (1779) 1, 22; G. Forster 3, 453; damit wir ... nicht in verdacht gerathen, als wollten wir mit allgemeinen phrasen dasjenige, was wir nicht vorzeigen können, gläubigen lesern nur u. Göthe 24, 366 W.; die untergeschobene lesart A. W. Schlegel Athenäum 3, 332; diese untergeschobene stelle Savigny gesch. d. r. rechts 2, 145; u. interpoler Sachs-Villatte; der ganze kontex athmet unterschobenheit J. v. Müller 7, 292 (unüblich); nit gemietet noch underschoben ... schryben quelle (1528) bei Staub-Tobler 4, 567 (veraltet); wohl nach dem lat. einem autori ein werck, so nicht sein ist, u. Kramer (1702) 2, 515ᶜ; Arnold ketzerhist. (1699) 37ᵃ; ein untergeschobenes werk discourse d. mahlern (1721 ff.) 4, 33; viel unterschobenes Gottsched beyträge (1732) 1, 249; syn. unecht, gefälscht d. neueste 3, 85; Cramer nord. aufseher 1, 282; wer Locken diese anmerkungen unterschob, war kein Locke Lessing 18, 288 M.; die dem A. unterschobene schrift Göthe III 3, 388 W.; jene ... erklärten das original für untergeschoben I 45, 223 W.; die fabeleien des untergeschobenen Berosus R. v. Raumer gesch. d. g. phil. 21; substantiviert; willkührliches u. J. H. Vosz krit. blätter 1, 248. texte den melodien unterlegen (vgl.unterlegen A I 1 c ν): er (der gesang der gondoliere) paszt vollkommen für einen müszigen einsamen schiffer, der ... vor langer weile sich etwas vormodulirt und gedichte, die er auswendig weisz, diesem gesang unterschiebt Göthe 32, 347 W.; Gervinus gesch. d. d. dicht. 3, 28. gedanken, ansichten, absichten, zwecke, beweggründe u. ä. fälschlich unterlegen: sie haben ihm (d. Aristoteles) alle ihre eigene gedanken untergeschoben, ehe sie gewisz wuszten, welches seine wären Lessing 10, 113 M.; eine ursache, endzweck und plan u. Just. Möser 5, 76; Göthe 22, 90 W.; ich zweifle auch sehr, ob Euripides bei der oben angeführten stelle diesen unlautern zweck gehabt hat, den ihm viele geneigt seyn dürften, als eine schönheit unterzuschieben Schiller 6, 232 G.; die geschichte wird immer nicht rein, noch ihrem wesen gemäsz behandelt, sobald ihr ein andrer zweck, als der ganz einfache, das geschehene aufzustellen, untergeschoben wird W. v. Humboldt (1903) 2, 34; jeder glaubte, dem geheimniszvollen dichter erst nachgeholfen zu haben, wenn er ihm seine eigenen empfindungen unter- und anschob Gervinus gesch. d. d. dicht. 5, 105; 4, 515; ... ohne dasz ich mir deshalb die selbstsüchtigen motive, welche ihr correspondent anführt, u. lassen möchte Bismarck gedanken u. er. 1, 51 volksausg.; mit abhängigem satze: da wird nun der philosophie untergeschoben, sie setze zuerst einen denkenden menschen Fr. Th. Vischer ästhet. 1, 26.
B.
mit ¹unter III A 2 a, b (inter, dis). sich dazwischen schieben, unterbrechen mhd. wb. 2, 2, 167ᵃ; riegel dazwischen schieben (vgl. unterschieszen; th. 8, 923; Schmeller 2, 74), übertragen 'hindern': das widersetzet sich Othocarus, doch warden si durch undergschoben rigel also vertragen und vereint, das er dem keiser Osterreich frei wider übergeben solt S. Franck chronica 192ᵃ; ob ich schon rigel underzuschieben mich understehn wollte Friedrich d. fromme briefe 1, 409; wie denn mancher hemmet und weret mit henden und fuͤszen und scheubet rigel unter ..., damit kein frembdes huͤnlein in huͦnerkorb komme Mathesius Sarepta (1571) 152ᵇ;
doch ist das ärgste (in der ehe) noch der streit
und zanck, der niergend gar auszbleibt,
weil der oft rigel underscheubt,
der allen hasz und zweytracht stift
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch (1647) 225;
veraltet; doch hindernisse u. (vgl.unterlegen A I 2 b): um die hindernisse, welche ihnen die geistlichkeit auf jedem schritte unterschiebt, wegzuräumen Nicolai reise 2, 508. nach ¹unter III A 2 a γ, b δ, wobei oft nicht zu entscheiden bleibt, ob A oder B vorliegt: dieweil ... mancherlei menschenfünde mit untergeschoben Nigrinus papist. inquisition D 1ᵃ; ob nun wol ... die tägliche erfahrung bezeuget, dasz seider demnächst ausgefertigten patent durch die juden und wucherer allerlei sorten mitte untergeschoben worden acta publ. 5, 73 P.; der mensch scheint nur sich zu gehorchen ... und doch sind es zufälligkeiten, die sich u. Göthe 41, 1, 219 W.;
wer ein ding zu viel lobt und liebt,
gewöhnlich viel falsches mit unterschiebt
Körte sprichwörter (1837) 66. —
unterschieber, m.; nl. onderschuiver. vgl. unterleger. activ: suppostor, underschieber und verwächszler Frisius 1275ᵇ; subjector testamentorum underschieber falscher erbgemächten 1255ᵃ; Dentzler (1716) 331ᵃ; Pansner schimpfwb. (1839) 74ᵃ. passiv, was untergeschoben wird: u. für einen kranken Schrader d. franz. wb. 2, 1, 1462; Mozin. ungewöhnlich.
Zitationshilfe
„unterschieben“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/unterschieben>, abgerufen am 24.09.2019.

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