unverträglich adj. adv.
Fundstelle: Lfg. 14 (1931), Bd. XI,III (1936), Sp. 2109, Z. 23
nicht verträglich (s. d.). ahd. unfartraganlih, unfertragenlich; mhd. unvertragelich, -tregelich; mnd. unvordrachlik, -drechlik; mnl. onverdrachlijc, nl. onverdraaglijk; dän. ufordragelik. ohne umlaut: unvertraglich J. v. Watt 1, 273; Anzengruber 6, 255. unvertragenlich Erh. Grosz Grisardis (zs. f. d. altert. 29) 380; unverträgenlich zimmer. chron. 2², 434 B. vgl. uner-, ↗unzuträglich, ↗unträglich. a) passiv. α) eine unverträgliche speise, die man nicht vertragen kann; etwas anders unzuträgliche. β) verträglich 2 entsprechend, wie mhd., mnd., mnl., nl. unerträglich, insupportabilis, intolerabilis: unvertregelichen schaden ackermann a. B. 21, 18 var. B., bezwang, ding, forderungen Goltwurm wunderzeichen (1567) 5ᵇ; Schoch studentenleben (1657) C 4ᵇ; Göthe 29, 63 W.; dieser freund ist ... oft der unverträglichste, unleidlichste aller sterblichen Göthe gespr. 5, 62 B.; S. habe für ihn etwas unverträgliches 1, 136 B.; er spricht von der unverträglichen dummdreistigkeit, die diesem literarischen ungeziefer (theaterkritikern) angeboren ist Börne 1, 172. dabi war diser C. ... allen denen, die er mit hasz fasset, ufsätzig und in alweg unvertraglich J. v. Watt 1, 273; wiewol solches hinlaufen ... an einer frawen ... unvortreglicher ist, denn so der man von dem weib dermaszen hinlaufet Sarcerius ehestand (1553) 201ᵇ; enger etwa 'unausstehlich': unverträgliche und aufgeplasene zatzenbälg, bubenstück Fischart ehzuchtb. 287, 14 H.; Dreszer isagoge historica (1600) 34;
säet die gerst in das feld, bis die unverträgliche wende
mit dem spätesten regen droht
C. G. Bock Virgils lehrged. v. landbau (1790) 21
nach brumae intractabilis georg. 1, 211. diese bed. ist von b ganz zurückgedrängt; auch Göthe unterscheidet: ich bin unverträglich und unerträglich IV 2, 201 W. γ) nicht zu schlichten (vertragen III 2); vgl. mhd. unvertragelîche sünde: einen unverträglichen oder unversünlichen krieg Xylander Polybius (1574) 50; ein stettiger, unverträglicher zwitracht Calvin institutio (1572) 325; undeutlich wird diese bed. in ausdrücken wie: iracundia implacabilis, unvertreglich B. Faber (1587) 623ᵇ; sich gegen einem hart und unvertreglich erzeigen ebda; unverträglicher hasz, zorn nomenclator hamburg. (1634) 231. b) activ. α) gs. zu verträglich 3. u., so nicht mit den leuten einig bleiben kan Hulsius-Ravellus (1616) 384ᵇ; unschiedlich, u., unversünlich Sattler phraseologey (1631) 381; insociabel, ungesellig, u. Kinderling (1795) 284; für incompatibel und insociabel Campe. Pansner schimpfwb. 74ᵇ:
ich bin stechende und hessig,
unlidig und unverdregelich
pilgerf. d. tr. mönches 8875 B.;
die vollen zapfen sind u. Ambach vom zusaufen C 1ᵇ;
bey wem du auch teglichen wonst,
des gmüt magst wild und unvertreglich
H. Sachs 3, 144, 32 K.;
mein diener ist gar unvertreglich,
fengt vil haders an und teglich
J. Ayrer dramen 4, 2508, 22 K.;
das ist ja wohl das klügste, was man thun kann, um sich ruhe zu verschaffen, dasz man gegen die andern ein wenig u. ist Göthe 47, 138 W. (vgl. 'unausstehlich'); diejenigen menschen sind die unverträglichsten, welche die tugend üben, ohne sie zu lieben Hebbel br. 2, 81 W.; von thieren Naumann vögel (1822 ff.) 2, 2, 834. von pflanzen: mit sich selbst unverträgliche pflanzen (die pflanze hasset sich) Schwerz ackerbau (1882) 889; 886; unverträglichkeit zwischen pflanzen verschiedener art 887. eim unverträglichen weib Fischart ehzuchtb. 259, 11 H.; ein böser, unvertreglicher, zanksichtiger geist J. Ayrer processus juris (1600) 561; eheleute wohlgeplagter priester (1695) 150; böcke Lessing 13, 25 M.; mann, mensch, leute Feszler Aristides u. Themistocles 1, 27; Petrasch lustsp. (1765) 2, 572; G. Keller 5, 103 betragen Ranke s. w. 40/41, 465. adv.: u. zanken, sich benehmen u. dgl.; u. verargen Gervinus gesch. d. d. dicht. 1, 348. in ä. spr. ist die bed. vielfach stärker (vgl. importunus, immitis mnl. wb. 5, 1447 I 3, II 3), etwa störrisch, eigensinnig, hartherzig u. dgl.:
die alten leut sind unverträglich
H. Sachs 17, 57, 11 G.;
ewr tochter ist heftig überausz,
muncket, mit wortn trutzig und frech,
so bin ich unvertreglich, gech,
dardurch reist gar vil haders ein
17, 154, 27 G.;
ein grimmer, unverträglicher fürst Stumpf Schweizerchron. 235ᵃ. β) gs. zu verträglich 4, nicht zusammenstimmend: es wäre ja etwas unverträgliches, dasz man einem mit der einen hand feuer auf den halsz würfe, mit der andern ihm wasser zum leschen zulangte Lohenstein Arm. 2, 1147ᵃ; unsere sprache ist mit der musik ganz u. Gottsched d. neueste 3, 739; der dichter hat das talent, die eigentlichen unverträglichen, wahrhaft tragischen motive zu finden, die auf keine weise zu versöhnen sind Göthe III 13, 9 W.; unverträgliche, unmögliche eigenschaften 41, 2, 131 W.; Antonius und Kleopatra spricht mit tausend zungen, dasz genusz und that u. sei 41, 1, 57 W.; wegen der unverträglichen ungleichartigkeit der Gothen und Slaven J. G. Forster 6, 231; nichts mit dem wohl des staates unverträgliches Schleiermacher I 5, 507;
es scheint, das unverträgliche
vermählt sich gegen uns
Platen 2, 424 R.;
oft stifteten sie schutz- und trutzbündnisse, in welchen sich das unverträglichste verband Chrysander Händel 2, 7. c) im wortwitz: das ist unserm vertrage nicht gemäsz — das ist eben das unverträgliche in diesem vertrage Brentano 7, 70. dazu unverträglichkeit, f., mangel an verträglichkeit (s. d.) und ihr gs.; nl. onverdraaglijkheid; dän. ufordragelighed. vgl. die ältern bildungen mhd. unvertrac, mnl. onverdrach, nl. onverdrag. zu verträglichkeit 2: die closterlüt, die in einer gemein by einander wonen, so derselben eins ist geneygt zuͦ graszheit und unvertreglicheit gegen einen andern ... Keisersberg bilgerschaft 90ᵇ; das man uns nur auch kein halszstarrigkeit und unverträgligkeit möge fürwerfen Achatius chron. Sleidani 153ᵃ; von fürsprechern, zungentröschern und ärtzten pflegte er (Keisersberg) zu sagen: jene ernehren sich von der menschen u., diese von ihrer unmäszigkeit Zinkgref apophthegmata (1628) 224; u. der feldgrillen Frisch insecten 1, 7; die gröszte u. der menschen unter einander Kant 5, 369 ak. ausg.; geist der u. J. G. Forster 3, 179; hang zur u. Schubart leben 1, 146; Rückert 8, 249; der F. ... war ein kleinhäusler, der mit einem alten keifenden weibe in trautsamer u. lebte Rosegger II 13, 378. concret unverträglichkeiten C. M. Grothuizen Tacitus (1657) 38. von pflanzen Schwerz ackerbau 887. zu verträgligkeit 3: daher hat jene (liebe) auch keine u. mit dieser Lohenstein Arm. 2, 194ᵃ; woraus allein schon die u. dieser vereinbarung unserer juristischen professuren mit den richterstellen ... hervorgeht Fr. K. Jul. Schütz rasierspiegel 145; der u. der schwesterlichen künste, poesie und rhetorik Hamann 1, 404 R.-W.; die u. der menschlichen natur mit der göttlichen Hegel 15, 531; u. der beiden gegensätze Ruge briefw. 2, 193 N.; der interessen Bismarck gedanken u. erinn. 1, 284 volksausg.; ungewöhnlich u. zu statt mit J. v. Müller 1, 454. —
Zitationshilfe
„unverträglich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/unvertr%C3%A4glich>, abgerufen am 09.12.2019.

Weitere Informationen …