Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

unzucht, f.

unzucht, f.,

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mangel an zucht (s. d. III, th. 16, 260 ff.) und ihr gs. (un IV A und B). ein m. (unzüchtiger mensch) s. u. 2 g. e. ahd. unzuht, ungazuht; mhd. unzuht; mnd. untucht; mnl. nl. ontucht; dän. utugt; mschwed u. schwed. otukt. undzucht Alsfelder passionssp. 1079. umgelautete formen (vgl.zucht III 10): unzüht Nürnberger polizeiordnungen 13 Baader; weisth. 6, 118; S. Brant narrenschiff 110ᵃ, 73 Z.; plur. unzuchten (bed. 3) österr. weisth. 6, 95, 20; Stumpf Schweizerchron. 128ᵇ; Brendicke Berliner wortschatz 187; oft umgelautet: onzüchten Hedio Cuspinian (1541) 5; Sarcerius ehestand (1553) 117ᵇ; rotweilische hofgerichtsordnung (1564) 5ᵇ; J. B. Grasz schöne historie (1570) 53ᵃ; Höniger sarrazenische gesch. (1580) 57; Prätorius anthropodemus plut. 1 (1666), 37; einer in unzucht ò unzüchten begehren Kramer (1702) 2, 1479ᶜ; nur noch alterthümelnd und spottend: H. Heine bei Sanders 2, 1782ᵇ; dasz zwei in züchten oder in unzüchten zusammen kommen d. literaturzeitung 32, 2874. inzichten Haltaus 1974; Fischart ritter v. Staufenberg 1236 H. unsicher ein sing. unzühte, f. Haltaus 1974. vgl. mhd. ungezühte, n.
1)
zucht III 1 entspricht die ahd. glossierung unzuht ineruditio Graff 5, 616, auch für ungazuht ebda.
2)
zucht III 5, 6, 7, 9 entsprechend, mangel an zucht, verstosz gegen sitte, lebensart, feine bildung, anstand, selbstbeherschung, zucht. mhd. wb. 3, 940ᵃ; Lexer 2, 1996; Fischer schwäb. wb. 6, 285; Schmidt els. wb. 384 f., ungezogenheit, unartigkeit Schöpf 828. immodestia u. (unschicklichkeit), immodestiae est, suam ipsius praedicare modestiam Alberus (1540) d d 4ᵇ; Frisius 652ᵇ; immoderatio ebda; ich hab ihn (den schüler) angezeichnet ... wegen u., immodestiae Orsäus (1623) 308. mit dem durchdringen der bed. 4 im wesentlichen veraltet und fast nur noch in historischer darstellung: in der kindererziehung Rud. v. Ems Barlaam 380, 1 Pf.; auch die elteren, die da kinder haben, sollen lehrnen, dasz sie dieselben auf guͦtes ziehen und nit auf schalkheit oder u. V. Schumann nachtb. 244 B.; die kinder lernen nichts bey ihnen (dem gesinde) als ... u. in worten und werken Moscherosch insomnis cura 17 ndr. mein histori on u. ist Arigo decam. 486, 26 K.; von disches u. S. Brant narrenschiff 110ᵃ;
dasz ist eyn boͤser maszgenosz
und würt geheiszen wol eyn frosz,
der sich nit solcher unzücht mosz
110ᵃ, 73 Z.;
Scheit Grobianus 3541; 4984 ndr.; Maria nicht eylende gelaufen, sunder zcuchtig gegangen, ... one u. gegangen Luther 29, 446 W.; so gaffen die ölgötzen mer denselbigen dorfgensen zuͦ, dann dem todten auf der bar, richtend mer u. der ergernus auf dann bewarung der gottesvorcht Eberlin v. Günzburg 2, 18 ndr.; eyn u. ist es und bauernstuck, dasz ich eynen grüszen soll, der mehr were denn ich J. Agricola sprichw. (1534) y 6ᵇ;
hab wol auch zugericht
manch schimpfliches gedicht,
doch ohn alle unzucht
H. Sachs 6, 21, 20 K.;
21, 341, 19 G.; 9, 1, 2 K.; freches benehmen 9, 50, 29 K.; ich muͦsz kotzen mit u. Menius Naogeorgs kaufmann (1540) jᵃ; der breutgam ... schlug die gut braut ins angesicht ... alle umbstender ... der u. des breutgams wenig gefallens hatten Wickram 3, 115 B.; vielerley u., gezank und eifer der weiber Fronsperger kriegsb. 1, 115ᵇ; Fischart flöhhatz 1838 ndr.; die unzuchtherrn die censoren Xylander Plutarch (1580) 209ᵇ; wenn einer in eine canzley kömpt, soll er keine briefe anrüren, in keinen sehen und in andrer leute truhn, tisch oder kestlein nicht kucken, vil minder meusen, denn solches ist eine grosze schande und u. Mathesius Syrach (1586) 140ᵇ; unter den (jungfrauen) die schöneste zu ihm gieng und sprache: ich hab nie kein edelmann so unzüchtig gesehen, dasz er für einem frauwenbilde hinritte oder gienge und nicht mit ir redet. R. antwortet ir allzeit nichts. da fieng sie an und schuldiget in groszer untrew und u., dasz er nicht mit ir redte b. d. liebe (1587) 263ᵈ; ritter und Teutscher vom adel, welcher ... sich ... thurnierfähig weis, der auch ... keiner u. ... schüldig ist Schottel friedenssieg 49 ndr.; er fuhr den truchsessen seiner u. wegen (er hatte das kind geschlagen) mit harten worten an br. Grimm d. sagen (1891) 2, 90; didaktik, womit sie u. entfernen und zucht wiederbringen wollen Gervinus gesch. d. d. dicht. 2, 12; darauf trat die fürstin im hofe zu Ingo und erhob laute klage über die u. seiner mannen (sie hatten mägde geküszt u. dgl.) G. Freytag 8, 88. vereinzelt: auch daher ist unsitte und u. gekommen, dasz die menschen nichts herrliches und gewaltiges hatten, womit sie das fliegende und ätherische des gemüthes beschäftigen konnten E. M. Arndt (1845) 1, 464. personificiert:
frau Zucht und Scham die tantzten mit,
Frechheyt und Unzucht sah man nit
Scheit frölich heimfart 2772 Str.;
ein unzucht (unzüchtiger) liesz viel winde von ihm wehen W. Bütner Claus narr (1602) 459; unzuchte unartige kinder, aus Mecklenburg Sanders 2, 1782ᵇ; Mi 97ᵃ; Frischbier 2, 425ᵃ. die stärke des tadels kann erheblich sein: unehre Murner entehrung Mariä 261; u. beweisen Windecke denkwürdigkeiten 11; zuchtlosigkeit klugreden (1548) 106ᵃ; mit anklang an bed. 4: ohne philosophie (wird die religion) ausschweifend in aller u. Fr. Schlegel Athenäum 3, 31; die u. der bühne Treitschke hist. u. polit. aufsätze 1, 32.
3)
rechtssprachlich ein leichteres rechtliches vergehen, als niederer frevel gebüszt, meist unterschieden von malefiz und frevel; Lexer 2, 1996; mnd. wb. 5, 84ᵃ; mnl. wb. 5, 1324; Haltaus 1973 ff.; Fischer schwäb. wb. 6, 285 f.; Schmeller-Fr. 2, 1108. vgl.zucht III 3. totschlag wird ausgenommen Haltaus 1974; gemeine unzuchten und händl werden in den österr. weisth. 6, 95, 20 von dem unterschieden, was leib und leben anbetrifft. es handelt sich meist um polizeilich zu ahndende vergehen, prügelei, verwundung, friedensbruch, aufruhr, widersetzlichkeit, lästerung, beleidigung, störung des gerichts, ausbleiben im termin u. ä., seltener um schwerere vergehen. a) vergehen gegen weltliches recht: wer es och, daz keiner dem andern u. dette, der daz antwerk hat, ez si mit bengeln oder werfen oder mit füszen slahen Straszburger weber (1400-1436) 26 Schmoller; weisth. 6, 116; österr. weisth. 11, 355; Lori bergrecht 45 (1454): Hans H. hat u. mit uberigen worten vor gerichte geubet (1483) urkb. d. klosters Pforta 2, 278; die allweg ... für u., misshandel und schaden sicher geleit und trostung haben söllen Riederer rhetoric (1493) w 6ᵇ; wer des hoffgerichts geschworne botten ... miszhandelt mit schlahen, fahen oder mit anderen unzüchten beleidigte (1564) rotweilische hofgerichtsordnung 5ᵇ; vil tausent ... klöster ... seind ... verwüst ... worden, geschweig all unzucht, ungerechtigkeit, ... so daneben eingefallen Nas eins u. hundert 1, 18ᵃ; seltzame abentheurer, die neben dem sie allerhand unzuchten begangen, ... hingericht worden Stumpf Schweizerchron. 128ᵇ; ins unzuchtbuch wird der im termin ausbleibende beklagte geschrieben (1618) Fischer schwäb. wb. 6, 286; alles war darin bestimmt ... wie hader, schimpf und u. in der hütte zu meiden Immermann 5, 144 B.; man kennt einen baum an seiner frucht, einen schelm an seiner that und u. Düringsfeld sprichw. (1875) 1, 209ᵃ; wir haben (sagt Jakob Weidelich im Martin Salander 18) ... berathschlagt und gegrübelt, woher die buben die u. (verbrecherische anlage) geerbt haben G. Keller 8, 315. sonst veraltet. vgl.he was mi untugt (unbillige dinge) anmoden Dähnert 508ᵃ. b) vergehen gegen geistliches recht, gottes gebote, kirchliche vorschriften: R. v. Ems weltchron. 12920 E.; Daniel 8254 H.; väterb. 4723 R.; doch Melitio umb seiner unzucht willen (er war Arrianer) ist solchs nit zugelassen Hedio chron. germ. 119ᵃ; also dasz sie zuletzt dahin seind komen, dasz sie mit lestern, u. und allerley sünd got haben wölln ehren S. Franck sprichw. (1541) 2, 148ᵃ; und wer sonsten ... seine (des dekans) geistliche u. nach der weite erzehlen wolte, dem würde es gewisz fast an der zeit ermangeln wollen acta publ. 2, 186 P. veraltet. c) insbes. lärm, unfug, spectakel, unwesen, beunruhigung, aufruhr u. dgl.: den scharwechtern zu sagen, die u. und gekrische zu stauwen und after 10 uren nymant uff der gassen zu lassen (1437) Bücher Frankf. berufswb. 103ᵇ; ich sich, das J. mit groszer u. und mit groszem gerümpel gefürt wirdet zu dem bischof Caypha Keisersberg schiff d. penitenz 86ᵇ; verrer als unsers gnedigen herrn vormünder bericht seyen, dasz die fuerknecht, schaffer und scheider der laiter ain ainigkeit ... under in selbs gemacht haben, dasz ain yeder knecht, der erst ansteet, von den andern wirdet vertrunken ... und zu erst den spott aus im treiben und mit u. ausschreyen, auch ain gelt in ir zech oder zunft von ime dringen ... (1509) Lori bergr. 140; dardurch dan oft der gottsdienst geirret ist worden durch ... geschray mit ... u. Knebel chron. v. Kaisheim 297 lit. ver.; der Frankfurter druck des renners ersetzt 6308 unfur durch u. Warlies 72ᵃ; darvon (von Wiklifs schriften) doch der römischen kirchen und pfaffheit vil u. entstund Stumpf concil zu Costenz 1ᵇ; das bezeuge ich mit den göttern und der ganzen gemein der statt, die allzeit mich gesehen, und doch keinerley u. oder aufruhr sich nie begeben hat b. d. liebe (1587) 123ᶜ; unzuchten machen lärm machen Brendike Berliner wortschatz 187; hier wird u. (wildheit, roheit, aber ohne besonderen tadel) getrieben (1813) Kluge studentenspr. 132ᵃ; ungeziemender lärm Crecelius 936; Weigand syn. 3, 909; mutwille, büberei bei Adelung als schwäbisch; unordnung, unanständigkeit Fischer schwäb. wb. 6, 286. schriftsprachlich veraltet.
4)
die einengung des begriffs auf das geschlechtliche ist erst nhd. durchgedrungen. freilich ist bei bed. 2 das geschlechtliche bisweilen implicite in u. mit enthalten, z. b. im vergleich der reinen frau mit der turteltaube bei Konrad v. Megenberg b. d. natur 226, 8, 20 Pf., und im mnd. adv. untuchtliken Magdeburger schöppenchron. 18, 24; 100, 11 ist die geschlechtliche bed. schon ausgeprägt; aber Verdam (mnl. wb. 5, 1324) hat doch i. a. recht, die neuere bed. den germ. sprachen des mittelalters abzusprechen. den glossaren des mittelalters fehlt sie. auch im schwäbischen ist sie bis heute nicht populär, bei unzüchtig nicht einmal in der halbmundart (Fischer schwäb. wb. 6, 286). Adelung sah in u. einen glimpflichern ausdruck für hurerei (Herder ersetzte hurenbegriff 8, 71 S. durch unzuchtbegriff), Weigand syn. 3, 903 unterscheidet zu eng u. und hurerei, indem er diese im gs. zu u. als auszereheliche unsittliche befriedigung des geschlechtstriebes bezeichnet. vgl.unkeuschheit 3. bed. 2 und 4 werden noch mehrfach nebeneinander gestellt; z. b. u. impudentia, immodestia und u. meretricium Schönsleder (1647) q q q 5ᵇ; 6ᵃ; ähnlich bei Frisch (1730) 640. unzuchtsdelicte, sittlichkeitsverbrechen, arten der u. s. strafgb. 171 ff.; Meyers convers.-lex. 16⁵, 4ᵇ f.
a)
eigentlich: diejenigen, welche gott verachten und allein umb u. willen weiber nemen, wie das tumme vieh Tob. 6, 18; u., ehebrechen Luther 34, 1, 312 W.; die helfanten konnen der menschen u. gar nicht vertragen Heyden Plinius (1565) 93; wo sich ein tochter in offene schande odder u. begibt, dasz sie alsdann enterbet werden möge statutenb. 135ᵃ; Musculus hosenteufel 18 ndr.; sie schreiben wunder von der geilheit und u. dises alten hellischen bocks Nigrinus papist. inquisition 639; Hennenberger landtafel 160; der u. sünd ist unergründ Petri p 3ᵃ; besser mit einem bösen weibe in der ehe gelebt denn mit einer frommen hurn in u. k 6ᵃ; die augen verführen leicht zur u. q 1ᵃ. Sandrub kurzweil 23 ndr.; 37 ndr.; Chemnitz schwed. krieg 1, 79;
spiel, unzucht und der wein
läszt reich, stark, alt nicht seyn
Logau 297 E.;
es kan ... einer ... mit seinem weib auch zu viel u. treiben Lehmann florileg. (1662) 1, 159; wenn ... ein hur scham hat, so ists ihr schad, u. ist ihr nutz 2, 784;
die unzucht ward noch nicht galanterie genannt
B. Neukirch ged. (1744) 108;
das laster der u. Scheibe crit. musicus 808; R. führt seinen Ämil ... in ein siechenhaus, um durch die sichtbaren folgen der u. vor u. zu warnen Lavater physiogn. fragm. 1, 96; unreinigkeit und u. Herder 8, 631 S.; 12, 334 S.; die neue zucht ist u. Brentano 7, 73; 6, 152; u. mit vieh J. H. Vosz antisymb. 1, 179; im lande H. und K., wo zwar ... das gesinde noch das tischgebet sprechen musz, herrschen gerade unter diesem u. und rohheit, wie nirgends Allmers marschenb. 1, 2, 165. von verbindungen seien noch erwähnt: interpellare de adulterio ... ich beger mit u. Alberus (1540) 71ᵃ; zu u. nötigen Amadis 1, 140 K.; zu unzüchten gebrauchen Höniger sarracen. gesch. 57; in u. geraten Rhot Jesus Sirach 1, 41ᵇ; sich in u. geben J. Ayrer dramen 1, 108, 8 K.; zu u. begeren Spreng Ilias 75ᵃ; der u. nachgehen nomenclator hamburg. (1634) 249; in u. bringen Hertzog schiltwache a 5; einer jungfer u. anmuten Kramer (1702) 2, 87ᶜ; eine zur u. reizen, bereden 2, 1479ᵇ; in die u. einwilligen mit einem 1479ᶜ; in u. leben ebda; seine u. auslassen, büszen ebda; sich der u. ergeben ebda; über der u. ertappet werden ebda; ohne ainige u. bey einem wohnen ebda; die u. vollbringen ebda; u. mit sich selbsten 1480ᵃ. attribute: darumb sollen billichen die weiber zu keiner unbillichen u. nit gebraucht werden Paracelsus (1616) 2, 674 b H.; florencinische, fleischliche, gräuliche, viehische, grosze, strafbare, verbottene, ungewöhnliche, seltsame, sodomitische, stumme, unbenannte, bestialische, abscheuliche, schnöde, allerverderblichste, wildeste, feile, begehrliche, welsche, französische, celtische, ekelhafte u. s. w. Paumgartner briefw. 238; Grasz schöne historie 53ᵃ; Reuter v. Speir kriegsordnung 13; Sattler phraseologey (1631) 478; Kramer (1702) 2, 1479ᶜ; Henrici 1, 372; Lavater verm. schr. 2, 296; Sulzer theorie d. sch. künste 3, 84; Herder 18, 124 S.; Creuzer symbolik 2, 348; Immermann 16, 383 B.; Görres br. 2, 133; Dahlmann franz. revol. 7; Ranke s. w. 8, 133.
b)
bildlich und personificiert: die grosze Babilon, die mutter aller u. Matthesius 3, 188 bibl. d. schr. a. B.; der u. flamm und feuer D. v. d. Werder buszpsalmen (1632) b 1ᵇ; dasz du dich in der unfläterey der u. ... umbgewältzet Grimmelshausen 4, 690 Keller;
er hat der bösen brunst und unzucht schon geschworen
Harsdörfer gesprächspiele 2, 27;
am joch der u. ziehen Königsb. dichterkreis 142 ndr.;
die unzucht ist ein feur, aus Phlegethon gestohlen,
der seelen ärgste pest
Rachel sat. ged. 95 ndr.;
man find ... u. ... auf allen märkten, auf allen gassen feyl Lehmann florileg. (1662) 1, 285; arzeney für hurerey und u. 1, 432; der u. nester 1, 458; Pelagia war ... ein original der u. und die Venus selbst Abr. a s. Clara Judas 3, 28; schaum der u. Bodmer crit. poet. schr. 2, 119; würze von u. A. v. Haller tageb. (1787) 1, 186; kinder der u. Fr. L. Jahn 1, 364 E.; in schmutz und u. versinken Ritter erdk. 1, 289; in jeder runzel deines leibes nistet u. G. Büchner nachgel. schr. 60; dieses (des Casanova) Napoleons der u. Grabbe 1, 429 Bl.
ich sach, das ringweisz umb mich saszen ...
ein unzal der greulichen laster,
Lüg, Untreu, Unzucht und Unkeusch
H. Sachs 3, 393, 27 K.
c)
übertragen: es heiszet die keusche deutsche dichtkunst wohl recht mit gewalt zur u. genötiget Zesen verm. helikon (1656) 1, 198; seitdem Thalia und Melpomene ... mit dem nonsens u. treiben, hat sich ihr geschlecht vermehrt wie die frösche Göthe 37, 229 W.; 5, 195 W.; Schiller 3, 159 G.; diese szientifische u. (das hypothesieren) stumpft den sinn für wahrheit gänzlich ab Novalis 2, 13 M.; weichliche musikalische u. Brentano 5, 336; intellektuelle u. Lenau an M. Löwenthal 5 Castle; es giebt eine u. der geister wie der leiber E. M. Arndt (1845 ff.) 2, 143;
glaub nicht, ich sei ein weicher mondscheinheld ...,
der mit den sternen unzucht treibt
H. Heine 2, 325 E.;
Laube 14, 22; diese u. von auffassung Nietzsche 8, 269; er (der gemeine mann) zeigt es selten, wenn er seine kinder liebt, er macht nicht worte von dem, was in seinem herzen und gewissen vorgeht; aber die gebildeten, die künstler, die literaten thun dies bis zur u. mit sich selbst B. Goltz zur physiognomie des volkes (1859) 23.
d)
unzüchtiges: kein u. (notdurft) ... solle andern enden, dann an denn ortt, da es sich gebürt und die darzu verordnet, verricht ... werden hofordnungen 2, 154 Kern; Ulrich v. Liechtenstein 347, 27; damit (mit d. feigenblatt) die babylonische hur ihre u. (muliebria) und scham gedenket zu bedecken Dannhauer catechismusmilch 1, 121; i! da fällt ... gold heraus und u. (aus dem anzug derer, die von Charon übergefahren sein wollen) Wieland Lucian 2, 226.
e)
unrath: es soll die u. von den metzgern ab dem fleisch ... abgeschnitten ... werden quelle (1694) bei Fischer schwäb. wb. 6, 286.
g)
u. in zusammensetzungen. selten als 2. compositionsglied, z. b. blutu. incesto Kramer (1702) 2, 1480ᵃ; bordellu. u. dgl. häufiger als 1. compositionsglied,
α)
in der form eigentlicher composita:
unzuchtbegriff
Herder 8, 71 S.,
unzuchtbild
Kramer (1700) 1, 108ᵇ,
unzuchtdampf
Lohenstein Ibrahim sultan 3,
unzuchtfackel
Francisci traursaal 3, 679,
unzuchtflusz
Herberger magnalia dei (1607) 312,
unzuchtfreiheit
Herder 7, 164 S.,
unzuchtfreudig
Scheffel (1907) 3, 207,
unzuchtfreund
Fr. v. Heyden briefe eines flüchtlings 4, 250,
unzuchtgeist
Francisci traursaal 3, 266,
unzuchtgeld
(man waisz wol, das in allen stetten unzuchtmaister sind, die bei irn aiden all u. ziechen sollent nach der statt pen und gewonhait Fr. Reiser reformation 215 B.),
unzuchtgesetze
Jhering geist d. röm. rechts 3, 1, 250,
unzuchtglied
Guarinonius greuel (1610) 1096,
unzuchtgreuel
Kramer (1700) 1, 564ᵃ,
unzuchthaus
Fischart bibl. hist. 282 Kurz; Guarinonius 819; Franckenberg nosce te ipsum (1676) 93, Campe,
unzuchthöhle
J. Scherr hammerschläge u. historien 359,
unzuchtgötze
J. M. Dilherr tugendschaz (1659) 417,
unzuchtherze
Lohenstein Ibrahim sultan 2,
unzuchtkind
(tänzerin) Butschky rosenthal 338,
unzuchtknabe
(puseron, florentzer, sodomit) Heupold (1620) 323,
unzuchtmaler
Gregorovius wanderung. in Italien 2 (1904), 282,
unzuchtmeister
Reiser reformation 215; vgl.unzuchtgeld; Guarinonius greuel (1610) 846,
unzuchtnarr
Albertinus zeitkürzer (1603) 52ᵇ,
unzuchtrede
franz. Simplicissimus (1683) 2, 230,
unzuchtreizung
Kramer (1702) 2, 330,
unzuchtscherz
H. Sachs 19, 331, 4 G.,
unzuchtschlange
Lohenstein thränen 140,
unzuchtschule
Guarinonius greuel 780,
unzuchtseuche
Campe,
unzuchtsinn
Bohemus Horaz (1656) n 2ᵃ,
unzuchtstrafe
Abele gerichtshändel 775,
unzuchtteufel
J. Heermann bei Fischer-Tümpel 1, 333; Prätorius Blockesberges verrichtung 349; Valvassor ehre d. h. Crain 4, 235; Abr. a s. Clara Judas 3, 14; Kramer (1702) 2, 1062ᵇ,
unzuchtwein
(wein der hure) Herder 9, 215 S.,
unzuchtwirtschaft
Harnisch Kaskorbi 1, 38,
unzuchtwort
Valvassor ehre d. h. Crain 1, 287,
unzuchtzunder
Guarinonius greuel (1610) 832.
β)
in der form uneigentlicher composita:
unzuchtsbestrafung
Pestalozzi 7, 372,
unzuchtsbildung
Lohenstein Arm. 1, 464ᵇ,
unzuchtsbrunst
Harsdörfer Diana 1, x x 1ᵃ,
unzuchtsbrut
Cats sinnreiche w. 1, 2 vorr. a a aᵇ,
unzuchtsbusze
Pestalozzi 7, 373,
unzuchtsdelict
hwb. d. staatswiss. 5², 410,
unzuchtsdiebin
Hebbel I 10, 277 W.,
unzuchtsfall
allg. d. bibl. anh. 53/86, 2480; Tholuck vorgesch. d. rationalismus II 2, 136,
unzuchtsfehler
Pestalozzi 7, 396,
unzuchtsfeuer
Marperger wohlgemeinter vorschl. (1717) 23; Kottwitz moral. ged. (1736) 55,
unzuchtsflamme
Männling blumengarten (1717) 124,
unzuchtsgesetz
Pestalozzi 7, 310; tägl. rundschau 1899, 36 a.ᵃ,
unzuchtsgesetzgebung
Pestalozzi 7, 355,
unzuchtsgreuel
Bahnsen antichristentumb (1660) 191; J. Scherr gröszenwahn 56,
unzuchtshandlung
Pestalozzi 7, 376,
unzuchtshaus
Ph. B. Schütz reich der eitelkeit (1732) 152; Fr. L. Jahn 1, 357 E.,
unzuchtskauf
Neumark palmbaum (1668) 29,
unzuchtprämie
K. Braun a. d. mappe eines deutschen reichsbürgers 2, 213,
unzuchtssinn
Salmano d. siebenbürgische avanturier (1750) 112,
unzuchtspiel
Cats sinnreiche w. (1711) 2, 132,
unzuchtsstifter
Prätorius Blockesberges verrichtung 59,
unzuchtsstrafe
K. Braun a. d. mappe eines d. reichsbürgers 2, 177,
unzuchtsstrafgeld
2, 186,
unzuchtssünde
Tholuck vorgesch. d. rationalismus II 1, 238,
unzuchtstarif
Pestalozzi 7, 314,
unzuchtsteufel
Dexelius lustgarten (1701) 366; Volck entdecktes geheimnis (1750) 1, 850; Zimmermann einsamkeit 1, 264; Gregorovius Athenais 279,
unzuchtsvoll
Ziegler Banise 902. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1933), Bd. XI,III (1936), Sp. 2306, Z. 35.

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Zitationshilfe
„unzuchtstarif“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/unzuchtstarif>, abgerufen am 28.11.2020.

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