Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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ur1, m.

¹ur, m.,
bos primigenius. ahd. ûr, ûro; mhd. ûr, ûre; mnd. in ûrosse; mnl. in ooros, nl. in oeros; ags. ûr, engl. veraltet owre; an. ûrr; schwed. dialectisch ure stösziger stier. aus dem germanischen stammen lat. urus, byzant. οὖρος. zu grunde liegt wahrscheinlich eine idg. wurzel uer 'feucht'; „in den idg. sprachen werden namen männlicher thiere verschiedentlich mittels einer wz. 'befeuchten, besprengen' gebildetKluge-Götze etym. wb.¹¹ 27ᵇ. vgl.auer, ↗auerochs, urochs, urstier. auszer den vorwaltenden starken formen erscheinen schwache (auch im mhd.); z. b. nom. plur. die uren Tschudi, Stumpf, H. v. Kleist; gen. plur. der uren H. v. Kleist 2, 445 Schm.; acc. sing. den uren H. v. Kleist 2, 422 Schm. (Hermannsschlacht 2029). ur schwindet im 17. jh. aus der literatursprache und wird erst von Klopstock als kennzeichen altgermanischen jagdlebens und wilder kraft erneuert, zunächst vorwiegend poetisches wort. Gotthelf ersetzt das (1850) in den erzählungen und bildern 1, 12 gebrauchte ur 1856 1, 270 durch stier. Staub-Tobler 1, 419; Fischer schwäb. wb. 6, 289. im 19. jh. wird das wort allgemein üblich: es sind ouch die wilden uren nit glych gemäsz der gestalt des wappens des lands Uren, so eines stierkopfs form hat Tschudi bei Staub-Tobler a. a. o.; es werden noch diser zeyt im Sibental ... die stier uren genent Stumpf Schweizerchron. 508ᵇ (nach Tschudi bei Staub-Tobler a. a. o.).
leer war sein köcher, er jagte nach unseren rehen herauf
den pfeilevollen uhr!
Klopstock Hermannsschlacht (1769) werke 8, 201;
um mitternacht halten wir mahl und rath!
und die barden singen uns siegsgesang!
die krieger singen ihn nach, dann wandelt
das horn des uhrs umher
8, 204;
den waldtyrannen, den uhr!
9, 194; 9, 318; 333;
tief im hain erscholl
das kampfgeschrei der männer und des uhrs
Herder 28, 201 S.;
ich sah ... den Altpreuszen mit seinem elenn, den Altdeutschen mit seinem uhr 24, 55 S.; Stolberg 5, 243;
und als das bild vollendet war,
erwähl ich mir ein dockenpaar,
gewaltig, schnell, von flinken läufen,
gewohnt den wilden uhr zu greifen
Schiller 11, 277 (kampf m. d. drachen);
J. H. Vosz ged. 6, 81; Fouqué held d. nordens 1, 194; in Klopstocks spuren wandelt H. v. Kleist, wenn er häufig den u. in der Hermannsschlacht verwendet; z. b.
dem kühnen sieger des gehörnten urs
H. v. Kleist 2, 326 Schm.;
2, 328; 330; 422; 445 Schm.; der brummende uhr maler Müller 1, 24; Fr. Kind ged. 3, 210; ich möchte ... die noth und angst schildern, in der diese jammerbilder sich die saure last aufgeladen haben, ure, einhörner ... zu weiden Görres br. 2, 593;
wenn auf verwachsnem pfad
... des sees gewohntem bad
ein uhr mit wilder lust entgegenbrauste
Matthison 1, 79;
Droysen Äschylus 428; Rückert 11, 491; 1, 239;
als wie ein eber und ein ur, wenn sie
zum kampf in unsern wäldern sich begegnen
9, 349;
einst ... verfolgte er (Karl d. grosze) einen trupp ure G. Freytag 17, 344; Peschel völkerk. 12; schwerlich war ... der riesenhafte ur ein so gefährlicher feind ... wie dieses ... wilde geschöpf (d. wisent) Vischer auch einer 1, 237; Hebbel I 1, 249 W.; K. E. v. Bär reden u. aufs. 1, 215; Schwerz prakt. ackerbau 689; Schwappach forst- u. jagdgeschichte 1, 32; Allmers marschenb. 1, 2, 97; dazu (zu den ausgestorbenen thieren) gehören vor allem zwei wildstiere, der ur und das wisent Wimmer gesch. d. d. bodens 318; Brehm thierl. (1890 ff.) 3, 258. übertragen:
manchen ur
belegt ein heilger mit dem sanften joch
des glaubens
Herder in Wackernagels leseb. 4, 947;
die deutschen uren! H. v. Kleist 2, 365 Schm. (Hermannsschlacht 937); der fürst der uren 2, 445 Schm. (Hermannsschlacht 2473); den edlen ur (Varus) G. Kinkel ged. 65. zusammensetzungen: uresblut, -horn, -kopf Fouqué alts. bildersaal 1, 318; 2, 15; 1, 319.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1933), Bd. XI,III (1936), Sp. 2353, Z. 67.

ur2, m.

²ur, m.,
ferrum caespitosum, mit zahlreichen bezeichnungen wie raseneisenstein, eisensandstein, brauneisenstein, ohrsand, ortstein, lesestein, fuchserde, wiesen-, sumpf-, morast-, see-, quellerz, limonit. nd. uur, ôr, f., n.; nl. oer; engl. ore; vgl. an. aurr, norweg. aur, dän. ør, schwed. ör (Falk-Torp 36; 1420). Schütze Holstein 4, 322; brem. wb. 5, 154; Stürenburg 303; Frischbier 2, 425ᵃ; nl. wb. 10, 52. wort und sache fehlen im gebiet des oberdeutschen. Campe hat es als landschaftlich verzeichnet: es (das trockenwerden junger bäume) rührt her von dem in geringer tiefe unter der bodenoberfläche liegenden sogenannten ur, einem humushaltigen sande, dessen körner durch eisenoxydhydrat zu einem harten, aber zerreiblichen gestein verkittet sind Focke abh. des naturwiss. vereins zu Bremen 3, 2, 263. will man in unserer gegend die haide bewalden, so musz der boden ... erst durchurt, d. h. es musz die urschicht gewaltsam durchbrochen werden ebenda.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1933), Bd. XI,III (1936), Sp. 2354, Z. 72.

urasz, n., m.

urasz, n., m.,
verschmähte überbleibsel von speise und futter, reste und geringwerthiges überhaupt. norw. dial. orætta, schwed. oräte, dän. oret; mnl. ooraete, orete; nl. ort; mnd. ort, nd. ort, ortels, urten; engl. ort, ortels, oughts. wort wie sache haben eigentlich immer auszerhalb des bereiches der schriftspr. gelegen; bei uns sind u. und seine wortsippe heute ausgesprochene mundartenwörter geblieben, nur von schriftstellern gebraucht, die der mundart nahestehen; das engl. hat ort(s) seit dem 15. jh. in der schriftspr. bewahrt. die hauptsächlichsten formen sind uras Fischer schwäb. wb. 6, 289; Loritza idiot. viennense 137; Schacherl Böhmerwald 41; Unger-Khull 611ᵇ; ures Schiepek Egerl. 277; uris Schmeller-Fr. 1, 134; urusz Unger-Khull 611ᵇ. bei stärkster betonung des präfixes wird die 2. silbe völlig entwerthet und schwindet: urz, uirz, urze, orz Bühler Davos 1, 285; 2, 17; Schuller 68; Andreä Erfurter wörter sprachwart 1, 379; Reinwald 1, 114; Regel Ruhla 275; Hertel 176; Wegeler Coblenz 89; Schmidt Westerwald 286; Gangler Luxemburg 461; Haltrich 49ᵇ; Kramer Bistritz 137; ursch, urse, ursi Staub-Tobler 1, 469; Loritza 137; ursche Weinhold schles. 102ᵇ; diminutivbildungen urzel, ürzchen, örzchen, urresjen, urresjer Frommann 6, 20 (Eifel); Wegeler 89; Vilmar 426; Christa Trier 209. beliebt ist collectiver plur.: urasse Staub-Tobler 1, 499; urasen Fischer schwäb. wb. 6, 289; urissen Schmeller-Fr. 1, 135; uräszen Schöpf 784; Hörmann Tiroler volksleben 4; urszen, ursini Staub-Tobler 1, 469; urzen, urbsen Follmann 522ᵃ; nrhein. ourtzen weisth. 4, 771 (1383); urzen, örtzen Haltrich 49ᵇ; Gangler 461; oreser Crecelius 853; orsze Tonnar-Evers Eupen 134ᵃ; urten, ürten Woeste westf. 282ᵇ; Leihener 128ᵃ; vgl. engl. orts. man erschlieszt ein ahd. *urâzi, mhd. *uræʒe Staub-Tobler 1, 469, ags. *oræt Murray 7, 1, 211ᶜ, germ. *uzâtion Falk-Torp 1411. die bed. des zu grunde liegenden verbums g. *uzitan, ahd. ureʒʒan, mhd. ureʒʒen wird als 'herausessen, vollständig zu ende essen, ausessen, zu essen aufhören aus überdrusz daran, eszbares wählerisch übriglassen' aufzufassen sein; ur- C 5; Diefenbach got. gl. 1, 103; Weinhold dialektforschung 117; schles. wb. 102ᵇ; Staub-Tobler 1, 469. bei urasz 'vielfrasz' mag ur- C 4 a, bei uräszig ur- C 3 gefühlt worden sein, da die bed. C 5 im sprachgefühl erloschen war: vom verstreuten heu, das vom vieh wählerisch verworfen,
liechtmesztag heiter,
nims uris auf die leiter
Schmeller-Fr. 1, 134;
das vom ausgelesenen übrigbleibende schlechte, werthlöse und nicht zu benutzende: es war nur noch der urz Andreä Erfurter wörter sprachwart 1, 379; bund stroh Frommann 4, 189; schütte stroh mit ausgefressenen halmen, die in der raufe gelegen hat Weinhold schles. 102ᵇ; kerngehäuse des obstes Staub-Tobler 1, 469; ausschusz, geringe ware ebda; reste beim tuchmachen Woeste westf. 282ᵇ, beim spinnen Fischer 6, 290; abfälle von scherben, steinen, holzstücken, die beim werfen der erde durch das sieb zurückbleiben ebda; urasen machen possen, unarten treiben ebda; orz gesindel Hertel Thüringer sprachschatz 176. literarische belege sind spärlich: armer lude vey up den hoff plach zu gain ind weyden dye ourtzen (1383) weisth. 4, 771; essen ... van der ortzen, die usz den pertzstellen gewoirpen werden 4, 778; zu der th. 5, 312 angeführten stelle der fastnsp. 2, 771, 9 hat R. Hildebrand zustimmend die conjectur von Petters: urasen statt vrasen nachgetragen, das sich aber rhythmisch dem verse nicht fügt (vgl. Göttinger beitr. 2, 23); mit ... rockenurschen (1590) schles. Frommans zeitschr. 4, 189; wie es mit den uraaszten (abfall vom viehfutter) standt quelle (1591) bei Fischer 6, 290; wann der vogel sein nest, der fuchs oder dachs seine höle zurichten wil, so trägt er ... reiser, äste, urasen, haar, stro ... zusammen quelle ebda.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1933), Bd. XI,III (1936), Sp. 2371, Z. 24.

urasz, m.

urasz, m.,
der vielfrasz Lexer Kärnten 10. uräsz, f., das verwerfen Schmeller-Fr. 1, 134; nd. die orthe Woeste westf. 191ᵃ. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1933), Bd. XI,III (1936), Sp. 2372, Z. 18.

uräsz, adj. adv.

uräsz, adj. adv.,
auch ohne umlaut, überdrüssig, wählerisch, mäklich, kiesätig (vgl. kiesig th. 5, 698, unäszig 2) u. dgl.; objectiv was überdrusz, ekel erregt (vgl.ekel, eklig). mhd. ureʒ (aber die rennerstelle 19724 E. ist zu streichen, da frêze zu lesen ist). das oresz hauw (1461) bei Lexer 2, 2003. Fischer 6, 290; Vilmar 425; Reuting wb. d. Höchster ma. 46; Schmidt Westerwald 129; Gerbet Vogtland 429; Ruckert 188; Neubauer Egerländer ma. 105; urasch Knothe Markersdorf 120: speisen ist man sich u.; dann 'unwirsch, schlecht aufgelegt, kinder, die nicht recht ausgeschlafen haben, sind u.' ebda. dasselbe uräszig: v. Klein 2, 208; Unger-Khull 611ᵇ; Vilmar 426 (auch oddereszig, überesk, uresk); zeitschr. f. d. phil. 20, 492; Gerbet Vogtland 429; urschig Weinhold schles. 102ᵇ; uretzig Adelung: Leocadia, red net so uraszig! Nestroy 12, 75 (vgl.urasz, n., m., unart, possen); uraszigkeit, f. Anzengruber 1, 89. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1933), Bd. XI,III (1936), Sp. 2372, Z. 20.

ure

ure
s.urle. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1933), Bd. XI,III (1936), Sp. 2399, Z. 28.

urn, ürn

urn, ürn
s.urne. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1935), Bd. XI,III (1936), Sp. 2486, Z. 42.

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Zitationshilfe
„ur“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ur>, abgerufen am 27.10.2020.

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