ur m.
Fundstelle: Lfg. 15 (1933), Bd. XI,III (1936), Sp. 2353, Z. 67
bos primigenius. ahd. ûr, ûro; mhd. ûr, ûre; mnd. in ûrosse; mnl. in ooros, nl. in oeros; ags. ûr, engl. veraltet owre; an. ûrr; schwed. dialectisch ure stösziger stier. aus dem germanischen stammen lat. urus, byzant. οὖρος. zu grunde liegt wahrscheinlich eine idg. wurzel uer 'feucht'; „in den idg. sprachen werden namen männlicher thiere verschiedentlich mittels einer wz. 'befeuchten, besprengen' gebildetKluge-Götze etym. wb.¹¹ 27ᵇ. vgl.auer, ↗auerochs, urochs, urstier. auszer den vorwaltenden starken formen erscheinen schwache (auch im mhd.); z. b. nom. plur. die uren Tschudi, Stumpf, H. v. Kleist; gen. plur. der uren H. v. Kleist 2, 445 Schm.; acc. sing. den uren H. v. Kleist 2, 422 Schm. (Hermannsschlacht 2029). ur schwindet im 17. jh. aus der literatursprache und wird erst von Klopstock als kennzeichen altgermanischen jagdlebens und wilder kraft erneuert, zunächst vorwiegend poetisches wort. Gotthelf ersetzt das (1850) in den erzählungen und bildern 1, 12 gebrauchte ur 1856 1, 270 durch stier. Staub-Tobler 1, 419; Fischer schwäb. wb. 6, 289. im 19. jh. wird das wort allgemein üblich: es sind ouch die wilden uren nit glych gemäsz der gestalt des wappens des lands Uren, so eines stierkopfs form hat Tschudi bei Staub-Tobler a. a. o.; es werden noch diser zeyt im Sibental ... die stier uren genent Stumpf Schweizerchron. 508ᵇ (nach Tschudi bei Staub-Tobler a. a. o.).
leer war sein köcher, er jagte nach unseren rehen herauf
den pfeilevollen uhr!
Klopstock Hermannsschlacht (1769) werke 8, 201;
um mitternacht halten wir mahl und rath!
und die barden singen uns siegsgesang!
die krieger singen ihn nach, dann wandelt
das horn des uhrs umher
8, 204;
den waldtyrannen, den uhr!
9, 194; 9, 318; 333;
tief im hain erscholl
das kampfgeschrei der männer und des uhrs
Herder 28, 201 S.;
ich sah ... den Altpreuszen mit seinem elenn, den Altdeutschen mit seinem uhr 24, 55 S.; Stolberg 5, 243;
und als das bild vollendet war,
erwähl ich mir ein dockenpaar,
gewaltig, schnell, von flinken läufen,
gewohnt den wilden uhr zu greifen
Schiller 11, 277 (kampf m. d. drachen);
J. H. Vosz ged. 6, 81; Fouqué held d. nordens 1, 194; in Klopstocks spuren wandelt H. v. Kleist, wenn er häufig den u. in der Hermannsschlacht verwendet; z. b.
dem kühnen sieger des gehörnten urs
H. v. Kleist 2, 326 Schm.;
2, 328; 330; 422; 445 Schm.; der brummende uhr maler Müller 1, 24; Fr. Kind ged. 3, 210; ich möchte ... die noth und angst schildern, in der diese jammerbilder sich die saure last aufgeladen haben, ure, einhörner ... zu weiden Görres br. 2, 593;
wenn auf verwachsnem pfad
... des sees gewohntem bad
ein uhr mit wilder lust entgegenbrauste
Matthison 1, 79;
Droysen Äschylus 428; Rückert 11, 491; 1, 239;
als wie ein eber und ein ur, wenn sie
zum kampf in unsern wäldern sich begegnen
9, 349;
einst ... verfolgte er (Karl d. grosze) einen trupp ure G. Freytag 17, 344; Peschel völkerk. 12; schwerlich war ... der riesenhafte ur ein so gefährlicher feind ... wie dieses ... wilde geschöpf (d. wisent) Vischer auch einer 1, 237; Hebbel I 1, 249 W.; K. E. v. Bär reden u. aufs. 1, 215; Schwerz prakt. ackerbau 689; Schwappach forst- u. jagdgeschichte 1, 32; Allmers marschenb. 1, 2, 97; dazu (zu den ausgestorbenen thieren) gehören vor allem zwei wildstiere, der ur und das wisent Wimmer gesch. d. d. bodens 318; Brehm thierl. (1890 ff.) 3, 258. übertragen:
manchen ur
belegt ein heilger mit dem sanften joch
des glaubens
Herder in Wackernagels leseb. 4, 947;
die deutschen uren! H. v. Kleist 2, 365 Schm. (Hermannsschlacht 937); der fürst der uren 2, 445 Schm. (Hermannsschlacht 2473); den edlen ur (Varus) G. Kinkel ged. 65. zusammensetzungen: uresblut, -horn, -kopf Fouqué alts. bildersaal 1, 318; 2, 15; 1, 319.
ur m.
Fundstelle: Lfg. 15 (1933), Bd. XI,III (1936), Sp. 2354, Z. 72
ferrum caespitosum, mit zahlreichen bezeichnungen wie raseneisenstein, eisensandstein, brauneisenstein, ohrsand, ortstein, lesestein, fuchserde, wiesen-, sumpf-, morast-, see-, quellerz, limonit. nd. uur, ôr, f., n.; nl. oer; engl. ore; vgl. an. aurr, norweg. aur, dän. ør, schwed. ör (Falk-Torp 36; 1420). Schütze Holstein 4, 322; brem. wb. 5, 154; Stürenburg 303; Frischbier 2, 425ᵃ; nl. wb. 10, 52. wort und sache fehlen im gebiet des oberdeutschen. Campe hat es als landschaftlich verzeichnet: es (das trockenwerden junger bäume) rührt her von dem in geringer tiefe unter der bodenoberfläche liegenden sogenannten ur, einem humushaltigen sande, dessen körner durch eisenoxydhydrat zu einem harten, aber zerreiblichen gestein verkittet sind Focke abh. des naturwiss. vereins zu Bremen 3, 2, 263. will man in unserer gegend die haide bewalden, so musz der boden ... erst durchurt, d. h. es musz die urschicht gewaltsam durchbrochen werden ebenda.
Zitationshilfe
„ur“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/ur>, abgerufen am 26.06.2019.

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