Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

uranfänglich, adj. adv.

uranfänglich, adj. adv.,
anfänglich durch ur- C 4 c gesteigert. seit anfang des 18. jhs. bezeugt, aber erst in der letzten hälfte des 18. jhs. üblich geworden, z. th. verdeutschung für elementar, original, primitiv, primarius, primär, primordialis, engl. primeval (J. G. Forster 9, 322 setzt das engl. wort in klammer hinzu). für originell Campe verd. wb. (1813) 451ᵇ; für originellement Kant bei Heynatz antib. 2, 543; Campe 452ᵇ.
a)
uranfang 1 entsprechend: original ... ursprünglich, uranfänglich, z. b. die menschheit in ihrem originellen zustande Voigt hwb. für die geschäftsführung 2, 230; uranfängliche zustände Göthe 7, 183 W.; 24, 217 W.; alle sagen über die ... uranfänglichsten deutschen völkerwanderungen F. Schlegel d. museum 4, 322.
b)
wie uranfang 2, meist terminologisch: uranfängliches feuer das elementarfeuer Campe verd. wb. (1813) 282ᵇ; Krünitz 200, 340. das uranfängliche gebirge (vulkanisches; gs. tektonisches und erosionsgebirge) allg. d. bibl. 49, 143; diese sind uranfängliche ... vulkanische ... gebirgsarten A. G. Werner gebirgsarten (1787) 5; allg. d. bibl. 93, 40; 112, 333; feldspath primitif, uranfänglicher gemeiner feldspath J. H. L. Pansner frz.-dtsch. mineralog. wb. (1802) 61; granit, ... eine uranfängliche gebirgsart J. R. Zappe mineralog. hlex. (1817) 1, 400; A. v. Humboldt ansichten d. natur 1, 230; einst für u. gehaltene gebirgsart kosmos 1, 226; die quarzreichen, einst so genannten uranfänglichen gebirgsarten 4, 421; es giebt aber doch viele gebirgsarten von späterer formation ..., flözgebirge ..., die aber den uranfänglichen darin gleichen, dasz ... L. v. Buch ges. schr. 1, 5. botanisch: primigenius, primitivus und primordialis, wörtlich zuersterzeugt, ersterzeugt oder u., wird von pflanzenteilen gesagt, welche früher als die übrigen ... theile der pflanze vorhanden waren Bischoff wb. der beschr. bot. 157; Röhling-Mertens-Koch 1, 133; abgesehen von ..., musz man das cambium ... zu den uranfänglichen, primären (theilen) rechnen Ratzeburg standortgewächse 211. mystisch und philosophisch: ich nenne das gute zeitungen, wenn ich vernehme, dasz seine seele sich je länger je mehr in ihr uranfängliches wesen einversenkt madame Guion christl. u. geistreiche br. (1728) 279; gott ist der uranfängliche Göthe 22, 315 W.; uranfängliche (primeval) bramen J. G. Forster 9, 322; so auch:
ist dies die seele, die ...
dich uranfänglichholde wahrheit
... erschaut?
allg. d. bibl. 89, 78;
uranfängliche schönheit! königin der welt! (Venus Urania)
Göthe 16, 144 W.;
allerlieblichste gestalt
hehren jünglings, den des gottes
uranfänglich schönes denken
aus dem ewgen busen schuf
3, 10 W.;
die uranfängliche nacht (d. göttin Neith) W. v. Humboldt 5, 140. für ein uranfängliches (wesentliches) merkmal eines begriffs ansehen, was nur ein abgeleitetes ist Kant 1, 73 H.; adv.: vorstellungen, sie mögen u. a priori in uns selbst oder nur empirisch gegeben sein 3, 77 ak. ausg.; indem unsre absicht u. mit der seinigen (des Aristoteles) zwar einerlei, ob sie sich gleich davon in der ausführung gar sehr entfernt 2, 110 H. primordia rerum:
doch nun da die verflechtung der uranfänglichen theile
selber verschieden ist ...
Knebel Lukrez 12.
für die Fortuna primigenia wählt Ed. Gerhard ak. abh. 1, 110 die umschreibung: einer u. waltenden F. insbes. primitiv: man machte ihnen (Stolbergs) begreiflich, sie weseten nicht in der uranfänglichen natur Göthe 29, 135 W.; es äuszert sich jenes ... u., tropisch 42, 2, 180 W.; götze H. Meyer gesch. d. bild. künste 1, 14, wildnis Fichte 4, 385; indessen hatte ich glück, vor einer kneipe wurde gerade so eine uranfängliche (ganz primitive) burleske von possenreiszern gespielt Ed. Devrient an s. frau 134; sehr uranfängliche verzierungen Vischer auch einer 1, 262, natürlichkeit W. H. Riehl naturgesch. d. volkes 1, 43; ein land von uranfänglichster cultur freie vorträge 1, 113; uranfängliche körnerwirtschaft Hoops waldbäume u. kulturpflanzen 487.
c)
uranfang 3 entsprechend: proben jenes uranfänglichen tanzes Wieland Lucian 4, 381; uranfängliche, uneigennützige weisheit (der götter) Göthe 39, 201 W.; tabelle der uranfänglichen bildung griechischer wörter III 7, 135 W.; die uranfängliche natur der kleinsten theile II 3, 33 W.; wir fanden einen uranfänglichen ungeheuren gegensatz von licht und finsternisz II 1, 298 W.; bedürfnisse I 35, 101 W.; uranfängliche glückliche eilande (der urzeit) IV 13, 37 W. (vgl.a); handlung der synthesis F. H. Jacobi 3, 124; heroen Schleiermacher Platon 6, 137, eingeborne J. G. Forster 5, 363, absonderung Novalis 2, 200 M., elemente Hegel 13, 174, hader Droysen Äschylus 462, wollen Herbart 9, 20 H., kampf Ranke s. w. 4, 293, ordnung Treitschke d. gesch. 3, 718;
ein höheres
gefühl, das alle beide lind vereint,
ein uranfänglich-allumfassendes,
zog, wie auf wogen, tief und tiefer mich
hinunter in die nacht, wo man vergiszt
Hebbel I 1, 190 W.
als beiwort des chaos: Bücher arbeit u. rhythmus 417⁴; die uranfängliche leere, das uranfängliche dunkel Scherer kl. schr. 1, 198. etwa Faust oder das uranfängliche, längst von allen literatoren gewünschte manuscript des Gottfried von Berlichingen (den Urgötz) kanzler v. Müller an Böttiger in Geigers Göthejb. 1, 357. adv.: stellen wir uns vor, ... dieses felsgestein habe u. basaltähnlich auf dem glimmerschiefer aufgesessen Göthe II 9, 89 W.; das schwarze entspringt uns nicht so u. wie das weisze II 1, 204 W.; II 5, 1, 261 W.; IV 25, 165 W.; Börne 11, 1; Ritter erdk. 8, 41;
wer aber blind und taub zugleich ist uranfänglich
Rückert 8, 349;
im comparativ: dies konnte nicht uranfänglicher geschehen, als durch ... Görres br. 2, 21. ungut: von u. Immermann 13, 238 B.; vgl. in uranfänglicher weise Ritter erdk. 1, 15. substantiviert: wachsen ist das gefühl, dasz das uranfänglichste zu seinem ursprung ... dringt Bettine Göthes briefw. m. e. kinde 3, 143; was uranfängliches Platen 2, 87 R.; Rückert 8, 126; etwas uranfängliches E. M. Arndt (1845 ff.) 4, 32; Gutzkow (1872 ff.) 1, 107. dazu uranfänglichkeit, f.: eine vermuthung, die dem alten granit einen theil der bedrohten rechte und den ruhm der u. wiedergibt (vgl. uranfänglich b) A. v. Humboldt kosmos 1, 300;
uranfänglichkeit, hoch überm wechsel thronend (vgl. c)
Rückert 8, 576.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1933), Bd. XI,III (1936), Sp. 2368, Z. 43.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
unwürdigen urgewalt
Zitationshilfe
„uranfänglich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/uranf%C3%A4nglich>, abgerufen am 28.11.2020.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)