Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

urbild, n.

urbild, n.,
aus bild und ur- C 4 zusammengesetzt, im 17. jh. für archetypus, im ersten drittel des 18. jhs. für original, dann auch für ideal, idee aufgekommen und bald aus blosz terminologischem gebrauche in die gemeinspr. übergegangen. Singer zschr. f. d. wortf. 4, 131. die entlehnung in die modernen german. sprachen (nl. oorbeeld neben grondbeeld; dän. urbillede; schwed. urbild) sowie die bereicherung der wortsippe durch ableitungen und zusammensetzungen beweisen wichtigkeit und unentbehrlichkeit des wortes, das Adelung noch nicht recht gelten lassen wollte, Heynatz antibarb. 2, 543; 1, 6 theilweise in schutz nahm. ein u. archetypus, exemplar authenticum, vulgo originale Stieler (1691) 150; urbild figura originale, prototipo Kramer (1700) 1, 108ᵇ 'ein ding, das keinem andern nachgebildet ist' Maasz-Eberhard syn. (1818 ff.) 6, 34. beispiel, muster, modell, u., vorbild Weigand syn. 1, 189 ff.
1)
archetypus, prototyp, typus, muster, musterbild, mustergültiges beispiel, höchstes, letztes. von bed. 2 unterscheidet sich diese durch das vorwalten des normativen, typischen.
a)
als t. t.: weszwegen sie es (das weltmuster) auch mundum archetypum, das urbild der welt zu nennen pflegen E. Francisci lusthaus (1676) 45; prototyp und u. des weltanfangs Herder 13, 63 S.; auch die platonischen ideen werden als urbilder betrachtet: die ideen sind bei ihm (Plato) urbilder der dinge selbst und nicht blosz schlüssel zu möglichen erfahrungen, wie die kategorien Kant 3, 246 ak. ausg.; aus diesem grunde schreitet Malebranche zu der annahme einer idealen körperwelt in gott, welche das u. der wirklichen körperwelt ausmacht und nach welcher die wirklichen körper erst von der gottheit geschaffen sind Windelband gesch. d. n. philosophie 1⁴, 241; eine treffliche vollendung ... hat begriff und ausdruck (idee, ideal, bild) gefunden in urbild, worin auch Platos begriff erst wie ganz zu sich selber kommt R. Hildebrand sprachunterricht (1925¹⁷) 186.
b)
das ursprüngliche sein im philosophischen sinne: darum ist uns der seele reines gefühl u. des seyns F. H. Jacobi 1, 232; diese (d. natur) ist darum (weil sie das bild des seins, der ruhenden kraft des lebens darstellt) ebenso unveränderlich wie ihr u. (das sein) Fichte 2, 631; es giebt einen letzten und absoluten grund, ein letztes, dessen erscheinung das u. wäre, das bild überhaupt 4, 380; vgl.(Thorwaldsen, der)
das ungeschaffen urbild alles seins
erlöste aus dem spröden schoosz des steins
Hebbel I 7, 111 W.
c)
in erweitertem sinne, indem meist versucht wird, die vorstellung des bildes auszuschöpfen: die werke der natur sind ihre (der künstler) urbilder Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 15; Nietzsche 1, 26; die bühne ist ein bild des lebens und der leidenschaften, deren u. in unserm herzen liegt Gottsched d. neueste 9, 832;
stirb und verlasz die welt, das urbild solcher spiele,
wo ich pein ohne schuld und lust mit eckel fühle
Lessing 1, 239 M.;
mitten in dieser versammlung der sonnen erhebt sich der himmel,
rund, unermeszlich, das urbild der welten
Klopstock Messias 1, 230;
die ehre, die ... der widerschein der tugend ist, von ihrem urbilde absondern, kann ich ... unmöglich billigen Iselin verm. schr. 1, 211; nur wenn beyde an herz und seele eins sind ..., glänzet in ihnen das u. des menschen (der echte m.) Herder 26, 320 S.; das schiff ist das u. (treffendstes beispiel) einer besondern und sehr strengen regierungsform, ein kleiner staat 4, 354 S.; Kürnberger siegelringe 461;
so wandelst du, dein ebenbild zu schauen,
das majestätisch uns von oben blickt,
der mütter urbild, königin der frauen,
ein wunderpinsel hat sie ausgedrückt (Raphaels sixtin. madonna)
Göthe 2, 152 W.;
eine solche dudelei ... erinnert an das höchste, was in uns liegt, und reiszt mich ... über alle mangelhaftigkeit in ihr seliges u. hinaus Fouqué gefühle 1, 153; jeder davon (von Bellinis madonnenköpfen) zeigt uns ein idealisches u. göttlicher weiblichkeit, anmuth und würde Matthisson 5, 199; dieser morgen ist mir nun, als wenn es der wahre, das u. des sonnenaufgangs wäre, für mein ganzes leben im gedächtnisz geblieben Steffens was ich erlebte 1, 327; dasz die Incaperuaner ... in der unsichtbaren welt für alle seelen irgend einer art ein u. oder ein mutterwesen vorhanden sein lassen Peschel völkerk. 271;
flücht in diese stille bucht,
wer die sehnsucht, wer die liebe,
wer der schönheit urbild sucht
Geibel (1888) 3, 178;
diese eingebildete welt (der schaubühne) muszte ... ihr u. ... den erscheinungen der wirklichen welt entnehmen R. Wagner 4, 41. unklar, wie sinnbild:
drum wohl mir, deutscher vaterstrom (Donau),
dasz ich dich preisen kann!
und wer ein Deutscher ist, der komm
und seh sein urbild an
Blumauer ged. (1782) 161.
als gs. erscheint nachbild (s. d.) Lessing 6, 510 L., schattenbild Kant 3, 77 H., abbild A. v. Haller ged. (1882) 83; Raupach dram. w. ernster gattung 6, 153.
d)
typisches schema, norm, modell, typisches vorbild u. dgl.: ich will denselben (nutzen gelehrter glückwunschschreiben) ... so beschreiben ..., dasz man mir gestehen wird, gegenwärtige schrift sey ... als ein u. aller gelehrten ... glückwunschschreiben anzusehen J. J. Schwabe belustigungen (1740) 1, 207; meine ganze arbeit wird viel lebhafter seyn, wann ich ein u. vor mir sehe Rabener 2, 29; so ist nicht abzusehen, warum man nicht auch andere wörter, die älterer aufnahme sind ..., nach ihrer ursprache als dem wahren urbilde in der rechtschreibung einrichten solle Gottsched d. neueste 1, 184; man nehme einen jungen Spartaner ..., man stelle ihn neben einen jungen sybariten unserer zeit: und alsdann urtheile man, welchen von beiden der künstler zu einem urbilde eines jungen Theseus, eines Achilles ... nehmen würde Winckelmann s. w. 1, 10; 1, 16; es kann also die wahre und völlige kenntnisz des schönen in der kunst nicht anders als durch betrachtung der urbilder selbst, und vornehmlich in Rom erlanget werden 1, 255; Wieland Agathon 1, 130; die ideale der propheten über eine künftige salomonische regierung gingen von ihnen wie von urbildern aus Herder 12, 277 S.; Griechenland! u. und vorbild aller schöne, grazie und einfalt 5, 498 S.; (die schlange des paradieses) ward erstes u. des weibes vorm nachtisch und der verbotnen frucht 7, 75 S.; was ich also oft gebeten habe, das bitte ich ... wiederholentlich, meine vorlesungen nehmlich nicht als ein u. des urtheils anzusehen Hippel über d. ehe (1774) 41;
alle glieder (der natur) bilden sich aus nach ewgen gesetzen,
und die seltenste form bewahrt im geheimen das urbild
Göthe 3, 89 W.; II 8, 59 W.;
vgl.urpflanze, urthier; Pandora 294; sittliche geselligkeit und häusliche thätigkeit ... sind die beyden urbilder ..., welche hier ... aufgestellt werden Fr. Schlegel Athenäum 1, 2, 175; stoff und urbilder fanden die stifter der tragischen kunst im epos s. w. 5, 176; das evangelium u. für alle spätern legenden 1, 175; Creuzer symbolik 2, 178; Schleiermacher I 3, 78; es ist schön, dasz es fürsten ... gibt, menschen, die zu urbildern erwachsen, unverbogen Auerbach 1, 142; Scherer kl. schr. 1, 12; Cannä ..., das u. einer schlacht des altertums v. Alten hdb. f. heer u. flotte 2, 674.
e)
von personen, der typische vertreter, repräsentant, typ; seit dem 17. jh. bis in die mitte des 18. gebrauchte man dafür original; Schulz-Basler 2, 271, 3: ich zweifle nicht, man könnte diese richterinn als ein u. verdammlicher lüste in die bildergallerie ... stellen allg. d. bibl. 1 (1765), 2, 234; Alcäus und Sappho ... können uns also für urbilder der ode in ihren beiden hauptgattungen, der kühnen und zarten ode, gelten Herder poet. w. 3, 183 S.; das u. des fleiszes, Lessing J. T. Hermes manch hermäon 2, 50; Nero, dieses u. der grausamkeit Bode Montaigne 3, 4;
er selbst war das urbild des weisen
Schubart ged. 2, 278;
Bürger ..., das rechte u. des genies Gervinus gesch. d. d. dicht. 5, 28; das u. einer bäuerin der Leipziger flur Roszmäszler leben (1874) 390; Laube 1, 123; der freiherr von der Marwitz ..., das u. des brandenburgischen junkers Treitschke d. gesch. 1, 372.
f)
von thieren und sachen der älteste vertreter des typus: als u. dieser gruppe (krallenaffen) gilt das löwenäffchen Brehm thierl. (1890) 1, 260; Nehring tundren u. steppen 28; (die wurfmaschinen) sind aber nicht als urbilder des späteren geschützes aufzufassen v. Alten hdb. f. heer u. flotte 4, 389.
g)
mit vorliebe von gott und göttlich gedachtem (vgl.a, b): das ewige wort gottes, in welchem alle weisheit, alles licht, ja das u. aller wesen und der ursprung aller wahrheit Leibnitz d. schr. 1, 410; die dinge (sind) das abbild des urbildes, welches in dem göttlichen verstande existiret Lessing 10, 189 M.; Wieland Agathon 1, 289;
viel edler ist der trieb, der uns für andre rühret ...
von seinem ebenbild, das gott den menschen gab,
drückt deutlicher kein zug sein hohes urbild ab
A. v. Haller ged. (1882) 130; 83;
nun wagt die erstaunte seele wieder einen blick nach dem urbilde Wieland I 2, 346 ak. ausg.; Lavater physiognom. fragm. 1, 4 vorr.; verm. schr. 2, 225;
mir schwindet zu nichts das bild vor dem urbild
Klopstock Messias 17, 536;
Herder 20, 242 S.; Schiller 1, 64 G.; Novalis 1, 53 M.; die vorstellung, dasz gott das u. sei und die welt das abbild, ist nur insofern gültig, als nicht gesezt ist, das u. könne auch ohne abbild sein Schleiermacher III 4, 2, 166;
du bilde deinem geist das urbild selber ein
Rückert 8, 276.
2)
für original. bei Stieler (s. o. 1) ist mit u. die urschrift, exemplar, authenticum, gemeint, wofür u. nicht gebräuchlich geworden ist (Schulz-Basler d. fremdwb. 2, 270ᵇ ff.), ebensowenig wie Campes verdeutschung urstück (verd. wb. (1813) 451ᵃ). wir kamen unter andern darauf, ob migratio gentium durch wanderung der völker und original durch u. recht übersetzet würde Gottsched crit. historie (1732 ff.) 2, 232.
a)
in der bildenden kunst:
Marino kennet kaum in Welschland seinesgleichen.
Brocks trifft nicht nur mit ihm an geist und wesen ein;
hier musz das urbild selbst dem schönen abdruck weichen
Richey bei Weichmann poesie d. Niedersachsen 1 (1721), 230;
und dennoch würde man aus allen zügen lesen,
ein beszrer pinsel sei des urbilds werth gewesen
Chr. G. Stöckel ged. (1740) zuschrift;
Triller wurmsamen 2, 11; J. N. Götz ged. (1785) 1, 125; die Antinous haben freilich einen düstern zug, wie sie auch ihrem urbilde nach haben sollten Herder 17, 347 S.; die ähnlichkeit zwischen diesen ... kopien und den urbildern ist auszerordentlich Archenholz England u. Italien 2, 223;
gauklerin! da ersah ich in dir zu den bübchen das urbild,
wie sie Johannes Bellin reizend mit flügeln gemahlt
Göthe 1, 316 W.;
das u. dieses stiers ist aus der besten zeit der kunst IV 21, 350 W.; genau mit dem urbilde verglichen, lieszen sie (d. gemälde) vieles zu wünschen I 47, 129 W.;
wer nur ihr konterfey
erblickt ...,
fühlt sich bewegt von solcher zaubermacht,
dasz er sich blind dem tod entgegen stürzt,
das göttergleiche urbild zu besitzen
Schiller 13, 353 G. (Turandot 1, 1);
Fr. Schlegel s. w. 6, 184; Matthisson 4, 178; Welcker denkmäler 1, 225; Stifter 2, 70; G. Keller 2, 171. 'das abbild und nachbild übrigens können wieder ebensowohl ein vorbild genannt werden, wie das urbild, wenn sie wiederum zur nachbildung dienen. so ist die berühmte gruppe des Laokoon, insofern sie nicht, wie einige wollen, Virgilen in der Äneide nachgebildet ist, ein urbild; die nachbilder davon aber, die gypsabdrücke dieser gruppe, sind wieder für künstler ebensowohl vorbilder als das urbild selbst, um darnach neue werke zu bilden' Weigand syn. 1, 191.
b)
in werken der literatur und musik (in dieser freilich seltener, weil hier die vorstellung des bildes versagt): wenn ... der componist die leidenschaften annimmt, in welchen sich alle ... personen befinden, die er schildern soll, so wird er ... sie so ähnlich vorstellen, als wenn es die urbilder selbst wären Scheibe crit. musicus (1745) 102; ich will mich hier dabey nicht aufhalten, dasz ich die veranlassung und das wahre u. des Reinike, als den haupthelden dieses lustigen buches, aus den geschichten zeige Gottsched crit. dichtkunst (1751) 458; das urbild des Tartüffe (Molières, der präsident La Roquette), lustspiel Gutzkow s (1844); Treitschke d. gesch. 5, 391; es wäre doch wunderbar, wenn dieser Montaigne das u. des Hamlet wäre O. Ludwig 5, 165; Theodebert, Wolfdietrichs u. Scherer literaturgesch. 132. ursprachliche vorlage der übersetzung: Gottsched das neueste 6, 54; Herder 5, 323 S. auf der bahn des Spinoza ..., von dem sie womöglich noch weiter entfernt waren als jene dichterlinge von ihrem urbild (Novalis) Schleiermacher reden über d. religion (1879) 135. man darf also von diesen gereimten nachahmungen wohl ohne verlegenheit schlieszen, dasz ihre urbilder, die bardiete, ebenfalls aus gereimten versen bestanden Kretschmann 1, 21; schade, dasz in der französischen kopie (bearbeitung des Philoktet) ... sich kaum noch die leichteste spur der erhabenen einfachheit des griechischen urbildes offenbart Matthisson 2, 300; Gervinus gesch. d. d. dicht. 5, 485. von nachahmung überhaupt:
nachahmung, der das urbild
spottet
Klopstock oden 2, 17 M.-P.;
2, 43 M.-P.; gelehrtenrepublik 128; 204; die nachahmung der natur ist noch keine dichtkunst, weil die kopie nicht mehr enthalten kann als das u. Jean Paul 3, 175 H.
c)
allgemein in weiterer ausdehnung des gebrauchs: etwas aus dem kopf zeichnen, d. i. ohne ein genommenes u. (modell, vgl. 1) Gottsched beobachtungen 111; ich nenne es eine grillenhafte schilderung, weil sie kein u. (gegenbild) in der natur hat Lessing 10, 175 M.; er druckte ... ein neues sigel darauf, das von dem urbilde nicht zu unterscheiden war Wieland Lucian 3, 189;
auf jenem teiche schwimmt der sonne funkelnd bild,
gleich einem diamantnen schild,
da dort das urbild selbst ...
sein flammend haupt versteckt
A. v. Haller ged. 120 H.;
zwar ist er (d. knabe August Göthe) zu einer solchen funktion (als Amor im maskenzuge) fast zu grosz, doch wächst ja auch das u. über nacht, so dasz man sich vor ihm kaum erwehren kann Göthe IV 16, 9 W.; I 44, 322 W.; wenn ich nicht so zerstreut würde durch das theater, das als ein repräsentant der welt, die rechte seines urbildes behauptet IV 19, 455 W.; das stück (d. bürgergeneral) ward wiederholt, aber die urbilder dieser lustigen gespenster waren ... zu furchtbar, als dasz nicht selbst die scheinbilder hätten beängstigen sollen I 35, 24 W.; mythologische erzählungen ... sind ... eine fata morgana, deren u. uns unsichtbar ist Niebuhr röm. gesch. 1, 148; 2, 8; Armida, oder ihr u., die ewig lächelnde Venus Lenz 3, 291 T.; als gs. des nachbildes im auge (s. nachbild 2) Sömmerring bau des m. körpers 6, 736 anm. 1; in den kohlenminen von Cumberland (gräbt man) abdrücke von farrenkräutern aus, deren urbilder Commerson auf Madagaskar antraf Matthisson 2, 124; wenn herr Y. die inschrift nr. 58 genau nach dem urbilde gegeben hat ... W. v. Humboldt ges. schr. 5, 78; weil dies (d. heiraten) ... das einzige war, worin er aufgeben muszte, sein stetes original, ur- und vorbild zu kopiren Holtei erz. schr. 8, 176; so ging er jetzt als vollkommenstes bild eines philisters neben seinem philisterhaften urbilde einher 11, 348; war das u. dieser sagenhaften städte ... einst vorhanden gewesen? R. Wagner 2, 138; statt der tradition soll die quelle, statt der copie das u., statt der nachahmung das original ... gelten Kuno Fischer Lessing 1, 47.
d)
eine einzigartige persönlichkeit: wie die vorzüglichsten schüler des Sokrates ihren meister von so verschiedenen seiten nachbildeten, dasz jeder selbst ein u. wurde Wieland 3, 345 Gr.; schach Hussein, ein u. ohne nachbild neue schauspiele (1771 ff.) 7, 2, 125; ich will ein u. sein Gellert 2, 15;
des vaterlandes freund
verachtet frei des auslands sitte
und ist sich selbst ein urbild
Schubart s. ged. 2, 16. unüblich.
3)
an ideal reichend; die völlige gleichsetzung (u. ideal; urbildner idealist; urbildlich idealisch; urbildnerisch idealistisch wb. zur beförderung der sprachreinigung (1813) 177; urbildern für idealisiren Campe verd. wb. (1813) 362ᵃ) ist vom sprachgebrauch nicht durchgeführt; oft mischt sich bed. 1 ein: sowie die idee die regel giebt, so dient das ideal in solchem falle zum urbilde der durchgängigen bestimmung des nachbildes Kant 3, 384 ak. ausg.; die heiligkeit des willens ist eine praktische idee, welche zum urbilde dienen musz 4, 133 H.; die natur, welche das u. alles schönen und edlen ist 7, 426 H.; das höchste muster, u. des geschmacks 7, 78 H.; zum urbilde ihrer selbst Herder 1, 375 S.;
mit meinen augen hab ich es gesehn,
das urbild jeder tugend, jeder schöne
Göthe Tasso 1097;
geruhe, göttlich urbild eines weibes (divine perfection of a
von der vermeynten schuld mir zu erlauben woman),
gelegentlich bey dir mich zu befreyn
Shakespeare 9, 19 (Richard III. 1, 2);
wir sehen, dasz noch ritter lebten, welche ... dem aufgestellten urbilde ... entsprachen Fr. Schlegel d. museum 2, 458; dasz ... das u. selbst, sobald es in die wirkliche welt eintreten soll, nothwendig schon seiner urbildlichkeit beraubt sein musz Solger Erwin 1, 109; Novalis 2, 156 M.; 4, 51 M.; 4, 177 M.; Katharina, mein u.! Z. Werner Luther 1, 3; du schreiest: mein ideal! mein u.! Bauernfeld 1, 98; wo sich ... die menschheit zeigt, da wird ... schönheit möglich seyn, denn beide verhalten sich wie wirklichkeit und erscheinung, u. und abbild zu einander W. v. Humboldt ges. schr. 1, 351 ak. ausg.; der abstand zwischen dem urbilde und dem geleisteten Raumer gesch. d. Hohenstaufen 6, 533; viele ideen und urbilder und uranschauungen bringt er (d. mensch) aus dem götterlande mit hieher E. M. Arndt (1845 ff.) 2, 86; ob ich mein u. erreichen werde, so lebendig es mir auch vor augen schwebt, weisz ich nicht Fr. L. Jahn br. 1, 251 E.; Hegel 5, 238;
wenn auch natur mir weihe verlieh, und, aus
tonreicher brust urbilder ans licht zu ziehn,
mir geisteskraft gab
Platen 1, 206 R.;
die objective wirklichkeit des nur noch nicht in der ferne des reinen begriffs gedachten urbilds Vischer ästhetik 1, 35; wir zeigen uns ehrenhaft, indem wir das in uns erkannte u. unserer sittlichen persönlichkeit zum richter unserer thaten machen W. H. Riehl d. d. arbeit 16; W., der wie alle idealisten auszer dem urbild ... auch eines zerrbildes bedurfte Justi Winckelmann 2, 1, 247; D. Fr. Strausz 6, 30;
du bist das urbild meines strebens
Henckell bei Arent dichtercharaktere 285.
urbilderwelt idealwelt Zschokke 2, 206.
4)
idee, begriff: das böse hingegen ist unangenehm von seiten des gegenstandes, als u. auszer uns betrachtet M. Mendelssohn 1, 240; wie ein groszer steinbruch vor dem baumeister, der nur dann diesen namen verdient, wenn er aus diesen zufälligen naturmassen ein in seinem geiste entsprungenes urbild (eine künstlerische idee) ... zusammenstellt Göthe 22, 332 W.; so wird es dir, wenn du noch keine rose sahst, doch unmöglich sein, ein bild daraus zu schöpfen, das dem urbild entspräche J. G. Forster 3, 43; 5, 236; Schleiermacher III 7, 1; der dichter will nicht gedeutet seyn, er nimmt seine urbilder (vgl. 2) nicht aus der wirklichkeit Börne 1, xxi; Castelli 12, 135; das wiedererwachte studium der kirchenväter hatte ... die überzeugung hervorgebracht, dasz die kirche ... von ihrem urbild (ihrer ursprünglichen idee) ... weit abgewichen sei Ranke s. w. 9, 391. vgl. urbegriff a. e.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 15 (1933), Bd. XI,III (1936), Sp. 2385, Z. 42.

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Zitationshilfe
„urbild“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/urbild>, abgerufen am 29.11.2020.

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