Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

urfahr, n., (f.)

urfahr, n. (f.),

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zu g. *usfaran; vgl. ³fahr (th. 3, 1244) und ur- C 1, das ausfahren und aussteigen (die begriffe des anfangs und des endes mischen sich; th. 3, 990), fähre zum überfahren, überfahrtsstelle, landungsplatz, überfahrtsrecht und -gebühr. das n. ist die regel; aus dem mhd. var, st. f., und aus mhd. vart, nhd. fahrt dringt das f. ein (Lexer 2, 201ᵇ; Scherz-Oberlin 1902; Lori bergr. 145; niederöst. weist. 3, 346, 24). ahd. urfar (vgl. g. usfarþô, ahd. urfart); mhd. urvar neben urvuor. das wort ist oberdeutsch, in heutiger schriftspr. nur noch durch ortsnamen erhalten, die im bair. nicht selten (Urfar, Urfarn Schmeller-Fr. 1, 737), im schweiz. und schwäb. kaum mehr im gebrauch (Staub-Tobler 1, 887; Fischer schwäb. wb. 6, 294; Buck flurnamenb. 286), in Österreich noch lebendig sind (Egger gl. 941ᵇ; Unger-Khull 611ᵇ; 'u. heiszt im österr. die überfahrt über einen flusz' Voigt geschäftsführung [1807] 2, 528; stadt Urfahr bei Linz). von formen seien erwähnt: mhd. urfär (Lexer 2, 2016), urfer urk. z. gesch. Max I. 285 Chmel; niederösterr. weist. 3, 649, 20; Schmeller-Fr. 1, 737; urfer, urfel Unger-Khull 611ᵇ; urfart Fischer schwäb. wb. 6, 294; urfahrt Unger-Khull a. a. o.; vgl. Urwerf Staub-Tobler 1, 887. dem mhd. urvuor entspricht nhd. urfuer österr. weist. 1, 82, 9; 114, 10. vgl. ein-, überfahr.
1)
als nomen actionis, überfahr 2 entsprechend (vgl. ahd. urfart transmigratio Graff 3, 583), trajectio; trajectus urfar, uberfarn Aventin 1, 406, 24; die überfahrt über einen flusz Adelung, Campe.
2)
fähre zur überfahrt. 'überfuhrplätte, die meist aus zwei gekoppelten kähnen besteht und auf einem über den flusz gespannten seile läuft' Unger-Khull 611ᵇ.
3)
in der hauptbed. ort der überfahrt und landung, mit einschlusz der an ort und stelle erforderlichen einrichtungen. ahd. urfar portus, Urfar, Niunurfar ortsnamen Graff 3, 574; mhd. urvar, -vuor Lexer 2, 2016; 2017; urfare aquagium Diefenbach gl. 43ᶜ; urfar oder gestat des wassers litus, portus maris vocab. (1482) m m 4ᵃ; portus = lend, urfar, da man zuefert, absizt, uberfert uber wasser Aventin 1, 406, 22 L.; 458, 26 L.: auch haben die Türken ein urfar auf dem mer gegen Constantinopel, das hayszet Schutor, da varen die Türken über mere Schiltberger reiseb. 46, 17 lit. ver.; haben sie all basz und urfar vernicht urk. z. gesch. Max I. 285 Chmel; die urfar zuͦ Zell (1509) Lori bergr. 145; sollen den straszenräubern nacheilen, die straszen, brücken, urfar, hölzer und ungewöndlich wege besetzen landpot in Ober- u. Niederbaiern (1516) 10ᵇ; 12ᵃ; dasz ... dann die knecht ... an den wasserstraszen die brunnen und urfar besuechen mueszen (1536) polit. correspondenz d. st. Straszburg 2, 331; bair. landtsordnung (1553) 187ᵃ; W. Lazius des khunigreichs Hungern beschreibung (1556) g 5ᵃ; an der Faal bei der Traa ist ain ordenlichs urfar mit sambt ainem clainen und groszen schiff, in welchen der ferg meniglich mit allerlei sachen hin und her fiert (1638) österr. weist. 10, 228, 43 ff.; 244, 13 ff.
4)
überfahrsrecht, einnahme davon, überfahrsgebühr: demnach im das urfar und marcht zu Mathawsen verpfendt sy urk. z. g. des k. Max I. 255 Chmel; wann der landtsfürst einem ein wochen- oder jahrmärkt und uhrfar bewilligte A. Wagner decretum (1599) 85ᵇ; maut oder neue urfar sollen kein meil wegs weit von dem andern zugelassen werden Besold thes. (1697) 1, 1029ᵇ; mautertragung, u., vogtdienst und trachtgeld zu 5 cento Hohberg georg. 1, 31; 56ᵃ. länderecht, fischfang mit der fähre Fischer schwäb. wb. 6, 294.
5)
zweifelhaft ist urfer, eine münze Staub-Tobler 1, 445 urfer II, vielleicht als fährgeld bezahlt. vgl. urfor d. habsburgische urbar 2, 1, 449.
6)
verallgemeinert als zugangsstelle überhaupt: wan ich (schreibt der feldhauptmann Lienhart Rauber an den kaiser) euer k. mt. ungned nicht pesorgt hett, ich wolt ettbo ein urfer umb si (die Italiener, die pässe und urfahr zerstört und die schiffe an ihr ufer gezogen hatten) erzogen (erreicht, gefunden) und sy mit den knechten on alle sorg pesucht haben (1507) urk. z. g. des k. Max I. 285 Chmel.
7)
ableitungen und zusammensetzungen:
urfahrer m.,
fährmann, der für geld über den flusz fährt Schmeller-Fr. 1, 737; österr. weist. 11, 723ᵇ. —
urfahrgeld n.:
uhrfahrgelt und mäuten einzunehmen A. Wagner decretum (1599) 84ᵃ; österr. weist. 10, 229, 18; urfahrtgeld Unger-Khull 611ᵇ. —
urfahrhafer
urfahrroggen
Unger-Khull a. a. o.
urfahrherr m.,
grundherr eines urfahres Adelung; für obrigkeit überhaupt derselbe; Krünitz 202, 143; Schrader d.-franz. wb. 2, 1474; 'obrigkeiten, mauthleute' Nicolai österr. id. 140. —
urfahrklause f.
österr. weist. 10, 228, 34, dazu 375ᵇ,
urfahrlohn
österr. weist. 1, 334, 36; 11, 723ᵇ,
urfahrschiff
11, 723ᵇ,
urfahrzülle
ebda.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1935), Bd. XI,III (1936), Sp. 2407, Z. 22.

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unwürdigen urgewalt
Zitationshilfe
„urfahrzülle“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/urfahrz%C3%BClle>, abgerufen am 28.11.2020.

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