Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

vöglein, vögelein, n.

vöglein, vögelein, n.,
dim. zu vogel, mit oberd. suffix, aber in der schriftsprache allgemein verbreitet; es klingt dem Mittel- u. Norddeutschen gewählter oder auch gezierter als vögelchen. mhd. vogellîn, vogelîn mhd. wb. 3, 358ᵇ; Lexer 3, 427; avicula, fogelin, fogelein, voglein Diefenbach gloss. 61ᵃ; voͤgelin, avicula Maaler 471ᵃ; junge, nackende vögelein Stieler 530; vögellein, avicula Steinbach 2, 900; vögelein Frisch 2, 404ᶜ; schweiz. idiot. (vögeli) 1, 690; Fischer (vögele, vogele) 2, 1598.
1)
der gebrauch von vöglein in der nhd. schriftsprache beruht durchaus auf literarischer überlieferung; die vogellîn sind das typische belebende element in der frühlings- und sommerlandschaft der mhd. lyrik, ebenso dann im volkslied; es ist zu beobachten, dasz in der dichtung des 18. und 19. jh. die befestigung des gebrauchs durch den einflusz der alten poesie gefördert wird; in dichterischer sprache herrscht durchaus vöglein (oder vögelein nach dem bedürfnis des verses), vögelchen im walde würde man als einen miszklang empfinden. für alles, was unter vogel angeführt ist, lieszen sich, so weit die kleineren wald und aue belebenden vögel gemeint sind, auch belege mit vöglein bringen, einige beispiele mögen genügen.belebung der natur durch singen, fliegen und flattern: die vögelein ... in dem grünen walde haben angehaben zu singen Arigo decamer. 54 lit. ver.; aus dem baume aber schwang sich ein zwitschernd vöglein in die luft Storm w. 3, 215;
ich ritt durch einen grünen walt,
da sungen die vöglein wol gestalt
Uhland volksl. nr. 39, 4;
Zephyrus weht die schwangern äst,
dasz es den stimmen zuͦfall gab,
die vöglin furen auff und ab
Scheit d. frölich heimfart b 1ᵇ;
doch süszer noch erklinget
ein sonders vögelein
Spee trutznacht. (1649) 2;
wie die vögelein schwärmen!
S. Mereau ged. 1, 24;
und alle vöglein singen jubellieder
Mörike ged. 174 (1876);
die vöglein im walde
sie sangen so wunderschön;
in der heimat, da giebts ein wiedersehn
soldatenlied im weltkriege.
im bilde:
duͦ recht und losz all vöglin singen
(lasz die leute reden),
gott loszt dir entlich nit miszlingen
Brant narrensch. s. 43 var. Z.
sie verkünden den morgen:
und wer bei seim feinsliebchen leit,
der steh jetzt auf, es ist schon zeit,
die vöglein han gesungen
Mittler d. volkslieder 155 (nr. 171).
sie loben gott: ein yedes vögelin ..., mit allem seinen thuͦn und lon, seinen schöpffer eert und lobt Heuslin vogelbuch (1557) a a 3ᵃ;
wie der vöglein süsze stimm
ihren schöpffer ehret
P. Gerhardt kirchenlied 3, 409ᵃ (Fischer-Tümpel);
all blumlein und voglein haben das evangelium am hals geschrieben Luther 29, 551 W. sie verstummen am abend:
die silberne sterne
... leuchten von ferne,
es höret schon auf
der vögelein singen
Neumarck fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 232;
die vögelein schweigen im walde
Göthe 1, 98 W.
ebenso zur mittagszeit:
und ist der tag so schwüle,
sind all' verstummt die vögelein
Mörike ged. 12 (1876).
der liebende beneidet das leicht bewegliche vöglein und wünscht sich an seine stelle (Uhland volksl. nr. 6, 5):
wolt gott, ich wer ein vögelein,
so könt ich öffter bey dir sein
Ayrer dramen 1, 129 lit. ver.;
wenn ich ein vöglein wär,
und auch zwei flüglein hätt'.
flög' ich zu dir
Herder 25, 163 Suphan;
es war herr Gui, ein ritter fein,
der fieng wohl an zu singen:
'ich wollt' ich wär' ein vögelein,
wollt' mich zu liebchen schwingen'
Uhland ged. 1, 271 (1898).
im volkslied ist es liebesbote (Uhland volksl. nr. 15, 12; 29, 2) oder bild des liebenden, der um einlasz bittet (nr. 83 A). bild der genügsamkeit, der unbekümmertheit, des sorglosen glücks: stellt euch ein vöglein, auf einem grünen ästelein in allen seinen freuden für, so leb ich Göthe briefe 1, 14 W.; daher: mir ist vögelewohl, ich bin frei und glücklich Fischer schwäb. 2, 1604; Seiler Basl. 118ᵇ; Hunziker Aarg. 89;
wenn die schwartze wolcken blitzen
vor dem donner in der luft,
wird er ohne sorgen sitzen
wie ein vöglein in der kluft
P. Gerhardt kirchenlied 3, 367ᵇ (Fischer-Tümpel).
als speise: etliche spiszlein mit kleinen gebratenen vögelin Kirchhof wendunm. 2, 257 lit. ver. trotz des dim.-suffixes wird das vöglein oft noch besonders als klein bezeichnet: ein sperling ist ein kleines vögelein Schuppius schriften 7;
schû, schû, ir kleinen vogelîn
Heinrich v. Freiberg Tristan 4678;
so macht im (dem krokodil) dann ein vöglin klein
sein mund gantz sauber, schön und rein
Scheit Grobianus 865 ndr.;
wenn menschen könnten leben
wie kleine vögelein
Novalis 1, 171 Minor.
das dim.-suffix kaum empfunden:
alle thier und vögelein seind so weisz,
sie ruhen ein stundlein auff jhre speisz
Lehmann floril. polit. (1662) 1, 328.
2)
in der groszen fülle von sprichwörtern und redensarten, in denen das volk seine beobachtungen über die vögel niedergelegt hat, wird natürlich die diminutivform in weitestem umfange verwendet, wenn es sich um die kleinere vogelwelt des waldes und feldes handelt; unter vogel ist schon auf die sammlungen solcher sprüche und formeln hingewiesen, s. auch Wander sprichw. lex. 4, 1673 unter vöglein. in einigen wendungen ist es besonders beliebt; unbekümmertheit, auch leichtsinn: die vögelein, wald-vögelein sorgen lassen, non darsi cura nè fastidio di nulla Kramer teutsch - it. dict. 2, 1206ᵃ (1702); die vöglin lassen sorgen, in diem vivere Franck sprüchw. (1541) 2, 74ᵃ; lasz vöglin sorgen, dan sie haben schmale beyn Tappius adagiorum cent. septem (1545) 110ᵇ; derhalben die fraw sich von im thete, satzt sich geen Rotweil und liesz vögelin sorgen Zimm. chron. ²1, 512, 35; mit beziehung auf diese redensart:
wiltu der erst zur schiszlen syn
und woltst nit helfen brocken yn
und meintest, vögelin würd sorgen:
die zyt kumpt, das man nym würdt borgen
Murner narrenbeschw. 199 ndr. (nr. 65);
ein frölichs vöglin sorgt für sie,
kein sorg bekrenckt ir hertz noch nie
Scheit Grobian. 2054 ndr.;
kleine vöglein, kleine nestlein Eyering proverb. copia (1601 ff.) 3, 145; jungs vöglein, weichs schnäbelein Lehmann florileg. polit. (1662) 1, 447; lassen sie sich beduncken, sie haben vögelein gefangen (es sei ihnen gelungen) und dem priester eins auff ein aug gegeben Sandrub hist. u. poet. kurzweil 19 ndr.
3)
in bildlicher und übertragener anwendung von menschen; vorstellung des vogelfangs:
sei willkommen,
schöne nachbarin! zu fangen
solch ein vöglein ich nicht hoffte
bei dem bette einer kranken
Brentano schr. (1852 ff.) 3, 262;
du wärst ein vöglein für seine käfige Freytag w. 2, 11. schmeichelnde bezeichnung: wie ich mich vor zehn jahren in ein kleines krausköpfchen verliebte, in ein irreflatterndes, verwaistes vöglein Ludwig schr. (1891) 2, 469. dagegen wie vogel 13: weil aber ein christ gar ein nidertrechtig vöglin ist Franck sprüchw. (1541) 2, 150ᵇ.
4)
vöglein in weiterem sinne (geflügeltes, s.vogel 4, Spiess henneb. idiot. 271; Vilmar 431; ericine; locusta, klein vogelein davon sich sant Johanns Baptist nerte Diefenbach gloss. 335ᵇ): die biene ist ein kleins vögelein und gibt doch die allersüszeste frucht Sirach 11, 3;
o bienchen, vöglein wohlgemuth
E. M. Arndt w. 3, 177;
zwei vöglein: eine fliege, eine fledermaus
Spitteler olymp. frühling 1, 228.
als name: ericine, gleiswurm- oder vogelein Diefenbach gloss. 207ᶜ (s. Göthe br. 1, 235 unter vögelchen).
5)
vöglein, der keimfleck des eies (cicatricula), siehe vogel 17 a.
6)
vöglein erscheint in volksthümlichen pflanzennamen und anderen bezeichnungen oft neben vogel- (vögleinkraut, -same neben vogelkraut, -same u. ä.): solche zusammensetzungen sind hier nicht angeführt; vögleinsgroschen, -thaler s. oben unter vögelchen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1926), Bd. XII,II (1951), Sp. 433, Z. 41.

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Zitationshilfe
„vögelein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/v%C3%B6gelein>, abgerufen am 11.05.2021.

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