Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

völkerschaft, f.

völkerschaft, f.:
völckerschafft, popolanza, it. colonia; völckerschafften anstellen, auf- à anrichten, führen fare, instituire, piantare ... colonie Kramer teutsch-it. dict. 2, 1207ᶜ (1702); völckerschaft, die, populatio Steinbach 2, 902. Adelung stellt als grundbedeutung auf: 'mehrere kleinere verwandte völker, als ein ganzes betrachtet, ein volk, sofern es wieder aus mehreren kleinern völkern oder stämmen besteht'; es sei vermuthlich in neuerer zeit eingeführt worden, 'dem vieldeutigen worte volk und dem demselben in den meisten fällen anklebenden verächtlichen nebenbegriffe auszuweichen'. auch Campe verbreitet sich ausführlich über das wort. indem er Adelungs begriffsbestimmung übernimmt, sagt er, es sei passender die Deutschen eine völkerschaft als ein volk zu nennen, und zwar üblich aber falsch, von deutschen völkerschaften (Bayern, Österreichern, Sachsen u. s. w.) zu sprechen. Adelungs begriffsbestimmung beruht nicht auf beobachtung des sprachgebrauchs, sondern auf construction, indem er von der pluralform des ersten bestandtheils ausgeht. das wort erscheint zuerst im 17. jh., ohne eine feste abgrenzung des sinnes gegen bevölkerung, volk; es bezeichnet eine gröszere oder geringere masse von zusammengehörenden, durch sprache, abstammung, staatliche ordnung irgend welcher art verbundenen menschen. es ist kein zufall, dasz in älterer sprache das wort häufiger im plur. als im sing. erscheint; der erste bestandtheil nimmt an der pluralform theil (s. die einleitenden bemerkungen unter 16) und haftet dann auch, wenn das wort im sing. steht, wobei ein auch schon im 17. jh. bezeugtes volkschaft verdrängt wird. auch in der bedeutungsentwicklung des wortes spielt der von Adelung aufgestellte begriff, wenn er sich auch wohl belegen läszt, keine rolle. vielmehr ist zu beachten, dasz völkerschaft sich von volk allmählig dadurch scheidet, dasz es an der vertiefung und veredlung, die volk seit dem 18. jh. erfährt, gar keinen antheil hat, es erhält weder würde, noch gefühlsklang, auch keinen staatsrechtlichen inhalt. es kann in dieser unbetontheit in gleichem sinne wie volk gebraucht werden, besonders im plur., auch unbedeutendere, weniger geschlossene, weniger organisierte gemeinschaften bezeichnen.bevölkerung, bewohnerschaft: hätte Dolabella ihr land und beynahe ihre gantze völckerschafft vertilget Lohenstein Armin. 1, 773ᵇ; umb allerhand arthen, gebräuch, völckerschafften, städt und länder lustige reiszbeschreibung 15 (Wiener neudrucke 6);
die völkerschaft des ganzen pelasgischen Argos (ὅσσοι τὸ Πελασγικὸν Ἄργος ἔναιον Il. 2, 681)
Bürger w. 203 Bohtz;
gleich angesiedelt an des hügels kraft,
den aufgewälzt kühnemsige völkerschaft
Göthe w. 15, 1, 315 W.
volksgemeinschaft, volk, nicht überall in den angeführten älteren belegen heutigem sprachgefühl entsprechend (beachte z. b. die belege aus Lessing, Brentano, Schiller): mit der sich die griechische, wie auch diese zwo völkerschaften, wohl mag vermischet haben Zesen rosenmând (1651) 213; zumahlen sie (die deutsche sprache) von dem meisten und gröszten teil der europeischen völkerschafften gebraucht worden Harsdörfer poet. trichter 3, 5; überdem behaupteten die Römer, dasz er (Äneas) der stifter ihrer völckerschaft ... sey Ramler einl. in d. schönen wiss. 2, 189; dasz es in jedem staate männer geben möchte, die über die vorurtheile der völkerschaft hinweg wären Lessing w. 13, 360 M.; die grösze aller andern ... nationen scheinet die folge einer ähnlichen art zu handeln gewesen zu sein, ehe allgemeine religionen, sittenlehren und systeme diese eignen falten jeder besondern völkerschaft ausgeglichen ... haben Möser s. w. 3, 69; dieser völkerschaft (den Serben) und ihren poetischen denkmalen bin ich schon seit vielen jahren auf der spur Göthe br. 41, 241 W.; unsere deutsche völkerschaft Brentano ges. schr. 4, 441; (Deutschland) ein völkerverein, ein völkerschaftenbund Jahn w. 2, 2, 539 Euler;
und wenn in völkerschaften
auch philosophen die welt umschwärmten
Klopstock oden (1889) 1, 17;
die natur
warf diese beiden feurgen völkerschaften (Engländer u. Schotten)
auf dieses bret im ocean
Schiller Maria Stuart 1, 7.
als theil eines gröszeren ganzen: ebenso wohl als andere hochdeutsche völkerschaften Zesen verm. Helikon 1, 97; ein volk von rohen sitten, in verschiedene lebensweisen und völkerschaften getheilt Herder w. 24, 523 S.; die Unterinnthaler ... werden überhaupt zu den heitersten völkerschaften Deutschlands gerechnet Steub drei sommer in Tirol 1, 58. kleinere gemeinschaften zusammenfassend: den vereinigten Niderländern dardurch den namen der allerunüberwindlichsten völckerschaft erwerben Grimmelshausen Simpl. 4, 674 Keller. scherzhaft: ein leiterwagen mit einer geputzen lachenden völkerschaft Jean Paul w. 42/43, 119 Hempel; gestern war diner und ball bei Hatzfeld, alle möglichen völkerschaften, nur keine Russen Bismarck br. an s. braut u. gattin 367; Pastor und Pullox, oder wie ihre beiden alten völkerschaften sonst heiszen mögen Raabe Schüdderump 2, 238. hierzu völkerschaftlich, adj. Campe; so kam es dahin, dasz kein staatsgebiet in Deutschland landschaftlich und völkerschaftlich ein natürliches ganzes bildete Döllinger akadem. vorträge 1, 12. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1932), Bd. XII,II (1951), Sp. 511, Z. 64.

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Zitationshilfe
„völkerschaft“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/v%C3%B6lkerschaft>, abgerufen am 11.05.2021.

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