Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

völligkeit, volligkeit, f.

völligkeit, volligkeit, f.,
zum adj. völlig gebildet: mhd. vollekeit Lexer 3, 447; mnd. vullicheit Schiller-Lübben 5, 556ᵇ; copia, vullicheyt Diefenbach glossar 149ᶜ; plenitudo, fullekeit 442ᵃ; völligkeit (die) völle, hubertas, abundantia Maaler 471ᵇ; völligkeit, die, et die völle, plenitudo, obesitas, farctura Stieler 2390; völle, völligkeit, vollheit, f., pienezza Kramer teutsch-it. 2 (1702), 1211ᶜ; völligkeit, perfectio Frisch 2, 406ᵇ; Steinbach 2, 903. schon Adelung bemerkt, dasz das wort selten sei und nur noch zuweilen für leibesfülle gebraucht werde. es ist eigentlich kein grund ersichtlich, warum völligkeit, entsprechend dem eingeschränkten gebrauch von völlig nicht im sinne von ganzheit, vollständigkeit verwendbar sein sollte. doch scheint das wort nur ganz vereinzelt vorzukommen. wenn in älterer sprache völligkeit und die umlautlose form volligkeit sich durchaus an voll anzulehnen scheint, so ist zu beachten, dasz die beiden adj. im gebrauch sich nicht wesentlich unterschieden. in der neueren umgangssprache wird volligkeit mit deutlicher anlehnung an voll gebraucht: es ist eine volligkeit im saal zum ersticken, vgl. Albrecht Leipziger ma. 232ᵃ; auch nd.: so'n fullîgheid up't marked heb'k mîn dage noch nêt sên ten Doornkaat Koolman 1, 570ᵇ.
1)
in allgemeiner anwendung, das vollsein, fülle in eigentlichem sinne und mannigfacher übertragung: das glasz läuft über für völligkeit Kramer 2 (1702), 1211ᶜ; die völligkeit der deutschen sprache ist so gros, das auch fast nichts kan gefunden werden, welches man in dieser sprache nicht nennen könte Gueintz deutscher sprachlehre entwurf 11; so dasz immer die harmonie ihre völligkeit behauptet Mattheson d. vollkommene capellmeister (1739) 316; da hat man bey der heilsamen lehre zu sehen auf die lauterkeit, völligkeit und ordnung Bengel brüdergemeine (1751) 91; bei dem scheine des mondes, der seiner völligkeit nahete J. G. Herrmann die feste von Hellas 1, 65; schon im naturvorbilde musz daher der bildner haare vorziehen, die sich in gruppen von einiger völligkeit sammeln Vischer ästhetik 3, 2, 420; (die absolute gewalt bei Ludwig XIV.) sprang, ihm eigen und nothwendig, aus seiner persönlichen völligkeit (aus der fülle seines wesens) hervor Laube ges. schr. (1875 ff.) 5, 237; (die regierungen werden) schwerlich geneigt sein, die verantwortlichkeit für die entziehung dieser völligkeit, dieser plenitude des schutzes, welche in der todesstrafe liegt, zu übernehmen Bismarck polit. reden 4, 329;
von der vollekeit des herzengrunt,
ir herren, seht sô sprichet der munt
Brun von Schonebeck 3167;
wie vollkommenheit:
sie (die farbe) zeigt die reiffung an, die völligkeit im lieben
Henrici ged. (1727 ff.) 1, 278.
plur.: zu der pfandschaft, lehen oder manschaft und derselben folligkeiten (dem vollen zubehör) quelle bei Jelinek mhd. wb. 881.
2)
völligkeit in eingeschränktem sinne bezeichnet in der umgangssprache beleibtheit, leibesfülle, s.völlig 4; nd. vülligkeit Mi meckl.-vorpomm. ma. 104ᵃ; wie das adj. wird aber auch völligkeit in der schriftsprache in edlerem oder doch nicht ungünstigem sinne verwendet: die zarte völligkeit ihrer bildung, die geistige natur in ihrem ganzen wesen verkündigen einen ebenso schönen geist Herder 1, 48 S.; es war ein glück für die alten Griechen und für ihre künstler, dasz ihre körper eine gewisse jugendliche völligkeit hatten Winckelmann w. (1825 ff.) 1, 139; wozu der Grieche eine stattliche länge und wohlgewachsene völligkeit verlangte Vosz krit. blätter (1828) 1, 33; von jener völligkeit des italienischen körpers Laube ges. schr. (1875 ff.) 5, 13. beleibtheit, corpulenz, auch vollblütigkeit: darumb Galenus etliche verspottet, welche einem ieden gebrechen der völligkeit ein dreitägige abstinentz gebotten Ryff spiegel u. regiment d. gesundheit (1544) 82ᵇ; (damit) die volligkeit des geblüts zum theil auszgelassen werde Rivius Vitruv (1575) 523; (die leibesübung ist) aller völligkeit, die sich in den leib eindringen will, eine verhinderung v. Hohberg georg. cur. (1682) 1, 168. als krankhafter zustand: brustvölligkeit, emphysema pulmonum, das gefühl des gefülltseins, der völle auf der brust Höfler krankheitsnamenb. 767ᵇ.
3)
im gegensatz zur enge von kleidern, ringen u. ä., s.völlig 6.
4)
sattheit, üppigkeit, üppiges leben, völlerei, s. Schiller-Lübben 5, 556ᵇ; heut hab ich in meiner herberg soviel köstlicher speisz von allerley völligkeit halber stehen lassen Kirchhof wendunmuth 1, 76; berauschtheit: wolt sich ausstiffeln und doch nit kunte von folligheit Grunau preusz. chron. 1, 644 P.
5)
im technischen sinne im schiffsbau; der völligkeitsgrad ist das verhältnis zwischen dem rauminhalt des eingetauchten schiffskörpers und dem eines rechteckraumes von gleicher länge, breite und höhe; natürlich kommen, namentlich bei kleineren schiffen ... geringere ..., aber auch noch höhere völligkeiten vor Karmarsch-Heeren 7, 630; völligkeitsgrad in anderem technischen sinn bei Lueger 7, 983.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1933), Bd. XII,II (1951), Sp. 676, Z. 47.

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vorörterung
Zitationshilfe
„völligkeit“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/v%C3%B6lligkeit>, abgerufen am 04.03.2021.

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